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 Heimat:Sprache

ein Projekt von Betty Kolodzy

 
 
 
 
 
 

In meiner neuen Schreibwerkstatt wollte ich Menschen verschiedener Generationen und Kulturen zusammenbringen, die zu unterschiedlichen Zeiten nach Bremen geflüchtet sind – nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in der 80er Jahren, erst kürzlich – und sie ihre Erlebnisse und Erinnerungen erzählen lassen. Die Autorinnen und Autoren stammen aus dem Iran, der DDR, aus Ost- und Westpreußen und aus Syrien.

 
 
 
 

Regine

Grenzerfahrungen

In der Dämmerung überquerten wir die Elbe. Noch einmal sahen wir unser Heimatstädtchen Bad Schandau mit der großen Kirche und das Felsenband der Schrammsteine und dachten: „Das und alles, was uns lieb und wert war, sehen wir nie wieder!“

Da war im September 1958. Mein Vater brachte meine Schwester, zwölf Jahre alt, und mich, sechszehn Jahre alt, zum Übernachten zu seiner Schwester in die nahe gelegene Kreisstadt. Der Blick zurück über die Elbe war der erste große Schmerz meines Lebens. Er ist mir heute noch gegenwärtig. Dass wir Bad Schandau in einer Nacht- und Nebelaktion verließen, lag daran, dass es plötzlich Gerüchte über unseren Weggang gab. Bisher liefen alle Vorbereitungen im Geheimen ab. Ein Patient meines Vaters kam nachts zu uns und warnte uns. Meine Schwester hatte zudem in der Schule, als sie wegen einer schlechten Klassenarbeit gerügt wurde, verkündet: „Macht nix, wir hauen sowieso bald ab.“
Mein Vater wollte mit meiner Mutter und unserer anderthalbjährigen Schwester bei meiner Tante mit uns zusammentreffen. Gemeinsam wollten wir dann nach Berlin fahren. In der Nacht schliefen wir mit meiner Tante im Doppelbett. Ich hatte sie immer ein bisschen streng in Erinnerung. Doch in der Nacht vor unserem Weggang weinte sie.

Die Pläne, die DDR zu verlassen, gab es schon länger. Da war das Flehen der Großeltern in Westfalen – meine Mutter stammte aus Bielefeld – mit dem Wunsch, uns bei sich zu haben, bevor sich die Grenzen total schließen würden, was ja auch geschah.
Die Chancen für ein Studium waren für uns im Arbeiter- und Bauernstaat nicht groß, zumal ich nicht in der FDJ (der Jugendorganisation der DDR, die der Hitlerjugend nicht unähnlich) war. Ich war in der „Jungen Gemeinde“, einer evangelischen Jugendgemeinschaft und war der Kirche von Kindheit an (Kindergottesdienst, Krippenspiele) sehr nahe.
Da gab es natürlich Repressalien. Die Arztpraxis meines Vaters sollte verstaatlicht werden. Doch der Hauptgrund meiner Eltern, die DDR zu verlassen, war wohl die Angst, bald keine Möglichkeit mehr dazu zu haben. Sogar die Ferienreise zu den Großeltern war stets mit großen Schwierigkeiten verbunden. Da immer nur ein Elternteil einen Reisepass bekam, um den man sehr kämpfen musste, musste sich der andere Elternteil auf abenteuerlichen Waldwegen jenseits der offiziellen Grenzübertritte gen Westen kämpfen und wusste oft nicht, auf welchem Hoheitsgebiet er sich befand. Er war dann froh, wieder in unser Auto einzusteigen, das er vor der Grenze verlassen hatte.

Unser Weggang war lange geplant, musste aber streng geheim gehalten werden. Fluchtversuche wurden mit hohen Haftstrafen geahndet. Die Kinder der Inhaftierten kamen in staatliche Kinderheime. Das einzige Schlupfloch war Berlin. Hier konnte man mit U- und S-Bahn ungehindert von Ost- nach Westberlin fahren. Diese Möglichkeit nutzten meine Eltern, um Bewegliches, wie Bücher, Porzellan, etc. zu den Großeltern zu bringen, die sie in Westberlin trafen. Berlin war eine Insel, die wir nur verlassen konnten, in dem wir das DDR-Gebiet überflogen. Was hatten Menschen nicht alles versucht, um in den Westen zu gelangen! Fluchtversuche im Ballon, über die Ostsee, im umgebauten Kofferraum, im gegrabenen Tunnel…
Am eigentlichen Fluchttag verteilten wir uns, angekommen in Berlin, auf verschiedene Bahnstationen und trafen an der ersten westlichen Bahnstation wieder zusammen. Es war geschafft!

Die ersten Worte meines Vaters: „Jetzt bin ich arbeitslos.“ Er schüttelte den Kopf, als er entdeckte, dass meine Mutter in Windeln getarnt einen Silberleuchter im Kinder-wagen versteckt hatte. Es war ein warmer Septembertag. Meine Schwester und ich trugen fellgefütterte Winterstiefel, die mussten dann nicht mehr neu gekauft werden. Unauffällig war das bestimmt nicht.
Wir sollten von Berlin nach Hannover fliegen. Dort warteten die Großeltern. Der erste Flug! Vor lauter Kummer und Aufregung habe ich ihn gar nicht so recht wahrgenommen… Wir konnten sogar unser zurückgelassenes Auto aus der Luft sehen. Eine Stewardess bot Schokolade an, aber ich traute mich nicht, welche zu nehmen. Ich glaubte, wir müssten sie bezahlen und wir hatten doch kein Westgeld!

In Hannover gelandet schlossen uns die Großeltern überglücklich in die Arme, und ich denke noch heute an ihre liebevolle und selbstlose Aufnahme. Durch die Ferienbesuche waren uns Bielefeld, Umfeld und Menschen vertraut. Ich weiß aber, dass die Kollegen meines Vaters von seinem „Auftauchen“ nicht sonderlich beglückt waren und die Eröffnung seiner Arztpraxis nur mit Schwierigkeiten möglich war.
Der Empfang in der neuen Schule war überaus freundlich, doch ich hatte besonders in den Sprachen Defizite, die bis zum Abitur kaum noch aufzuholen waren. Dass ich an einer Schule in Bethel bei Bielefeld Russisch weiterführen konnte und Latein nachholte, machte mir den Schulabschluss möglich. Zunächst war ich an einem städtischen Gymnasium und in vielen Stunden Gasthörerin. An meinem ersten Schultag zog ich das Beste an, was ich besaß: Einen blauen Pullover und einen grauen Faltenrock. Damit sah ich hier plötzlich hoffnungslos altmodisch aus. Mein Selbstwertgefühl begann zu sinken. Als eine Kunsterzieherin zu einer Kameradin, die klagte, die teuren Materialien für den Kunstunterricht nicht bezahlen können, sagte: „Dann gehörst Du nicht auf diese Schule,“ dachte ich, so etwas hätte es in der DDR nicht gegeben.
Eine Klassenkameradin, die aus Leipzig nach Bethel kam, ließ meinen sächsischen Akzent wieder voll erblühen. Unsere Eltern hatten uns immer wohlweislich ermahnt, hochdeutsch zu sprechen. Bei einer Lesung eines antiken Dramas durfte ich die Hauptrolle lesen. Mit genügend Pathos und Einsatz meinte ich, meine Rolle gut gemeistert zu haben. Doch mein Deutschlehrer sagte: „Ich wusste gar nicht, dass Antigone aus Sachsen kommt.“

1949. Elf Jahre vor unserem Weggang waren Freunde meiner Eltern ebenfalls unter abenteuerlichen Umständen über den Harz von Bad Schandau nach Bremerhaven geflohen. Im „Westen“ traf man sich wieder. Da gab es einen Sohn, der uns noch in Schandau besucht hatte. Eine stetige Weiterentwicklung der Beziehung führte zur Heirat. Er arbeitete in Bremen, und so kam ich nach Studienjahren in Göttingen 1966 in die Hansestadt. Als Kind hatte ich die Stadtmusikaten schon einmal angefasst und ich kannte ein plattdeutsches Lied: „Dat du min levsten büst…“ Ich hatte es in Schandau gelernt! Vor unserer Heirat hatte ich meinen Mann öfter besucht, kannte Freimarkt und Schnoor. Auch hatte ich in dem wunderbaren Dom ein Konzert mit dem Dresdner Trompeter Ludwig Güttler gehört. Ich kannte auch die Wümmeniederung, der ich noch sehr nahe kommen sollte.

Mein Anfang in Bremen forderte mir viel ab: Examen, erstes Kind, Ehebeginn, Leben in ungewohnter Umgebung, keine bekannten Menschen, Konfrontation mit sozialen Brennpunkten, doch für meine Entwicklung erwies sich das als wichtig. Unvergessen Silvester 1966: Unser erster Sohn war auf die Welt gekommen und nachts läuteten die Domglocken. Mit Studium und Eintritt in den Schuldienst lernte ich viele neue Menschen kennen und schätzen. Es gab natürlich auch Menschen, die glaubten, in der DDR – man sprach von Dunkeldeutschland – wären fast alle Russen…
Mit dem Kinderwagen erkundeten wir oft das Bremer Umland. Durch großen Zufall konnten wir ein Grundstück in einer noch ländlichen Gemeinde Bremens an der Wümme erwerben. Hier gab es auch eine kleine, überschaubare Dorfschule, die zu meiner Wirkungsstätte wurde. Hier wurde auch platt gesprochen, eine Herausforde-rung für einen Menschen aus Sachsen. Aber ich war nicht die einzige Sächsin vor Ort. Einmal ging mein Mann mit mir durch die blühenden Wümmewiesen und sagte: „Sieh mal, weites Land!“ Mir fehlten Wald, Höhen und Felsen. Doch die Liebe zum „weiten Land“ wuchs langsam. An der Wümme wuchs auch unser zweiter Sohn auf. Heimisch wurden wir auch durch Bootsfahrten mit unseren Kindern auf der Wümme. Unser ältester Sohn hatte in liebevoller Kleinarbeit einen Kanadier restauriert.

Inzwischen waren wir mehrfach in Schandau gewesen. Als Devisenbringer waren wir sogar gern gesehen. Bald nach unserem Weggang war ja die Mauer errichtet worden. Den als stur empfundenen Norddeutschen lernte ich als aufrechten, bodenständigen Menschen immer mehr schätzen, und plattdeutsch konnte ich gut verstehen. Ich hatte liebe Kollegen, doch ein älterer Kollege sagte während einer Hofaufsicht zu mir: „Ich habe nichts gegen dich, aber dass du aus Sachsen kommst, macht mir Schwierigkeiten.“ Ich habe viele entgegenkommende Menschen erlebt, weiß aber, dass viele Kriegsflüchtlinge nicht nur auf Freundlichkeit gestoßen sind. In unserem Stadtteil wurden für sie Siedlungshäuser mit Kleintierstall und Nutzgarten errichtet.
Meine Bemühungen um die plattdeutsche Sprache ließen inzwischen eigene Sprachversuche zu. Meine Schüler aus dem Blockland sprachen häufig noch Platt. Einem Schüler der etwas schwer zugänglich war, versuchte ich mich über sein Hobby Angeln zu nähern und bat ihn, mal eine Brasse mitzubringen. Mit einer zusätzlichen Schreibübung beauftragt sagte er zu seinen Freunden: „De kriggt keen Brassen!“
Inzwischen waren viele Menschen, die wir kennen, im Elbsandsteingebirge, unsere Söhne mit ihren Familien, Freunde, Kollegen und die, denen wir von unserer Heimat erzählt haben. Vor einigen Wochen waren mein Mann, unsere Söhne und ich in Bad Schandau. Mit Zielrichtung Bremen fuhren wir wieder über die Elbe und sahen zurück auf unsere kleine Stadt, diesmal ohne Abschiedsschmerz, mit etwas Wehmut, und in mir die Gewissheit, dass ich wieder kommen kann.

 
 

 
 

 
 

Djafar

Asyl

Der Pedro liegt im Krankenhaus in Langenhagen in der Nervenklinik. Vor zwei Wochen rief der Sonntagsdienst die Polizei, ein Ambulanzwagen vom Deutschen Roten Kreuz kam und nahm Pedro mit.
Wir sind jetzt einer weniger in unserem Lager. Aber nicht, weil jemand als asylberechtigt anerkannt wurde, sondern weil er durch die Ereignisse in seinem Leben die Nerven verlor. Pedro war der Überblick über seine persönliche Situation verlorengegangen. Er konnte nicht mehr warten, bis die Behörden über seinen Asylantrag entscheiden würden.

Das Schicksal von Pedro ist auch unser Schicksal. Die Entfremdung von der Umwelt kommt nicht nur von unserem Lager, in dem wir wohnen, sondern die Entfremdung und diese Selbstmordversuche sind eine Tendenz, verursacht durch die deutschen Asylgesetze, die durch das Verhalten der Behörden noch verstärkt wird.
Der Pedro ist nicht das erste Opfer in unserem Lager. Der erste war ein Afghane, der auch einen Selbstmodversuch beging. Er hatte versucht, sich in der Küche mit einem Messer die Kehle durchzuschneiden. Es fällt den Bewohnern des Lagers schwer, diese Küche weiter zu benutzen. Immer haben sie den Anblick des Landsmannes und das viele Blut vor Augen.

All dieses ereignet sich, weil die Asylbewerber gezwungen sind, dort zu leben und zu wohnen, wo die Regierung sie hinschickt. Sie dürfen den Wohnort oder Landkreis nicht verlassen, obwohl etliche die Möglichkeit hätten, bei Freunden oder Verwandten und Bekannten zu leben. Nicht einmal eine Reiseerlaubnis zu Besuchszwecken erhalten wir. Nur wenn enge Verwandte schwer krank sind oder sterben. Selbst wenn wir für einige Tage zu Freunden in das uns erlaubte Gebiet gehen, müssen wir damit rechnen, dass die Heimleitung dies bei den Behörden meldet, da sie die Anweisung hat, alle Personen, die mehr als 2 Tage nicht im Lager erschienen sind, der Bezirksregierung zu melden. Es kann uns dann als Bestrafung das Taschengeld (70,00 DM monatlich) gekürzt werden.

Das einzige, was wir tun können, ist essen, fernsehen und schlafen. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, wartend auf einen Anhörungstermin und die Entscheidung des Bundesamtes.
Zusammenleben mit Personen, die kaum gemeinsame Interessen haben, unterschiedlicher Nationalität und Lebensgewohnheiten. Z.B. leben in einem Lager Iraner, die vor der Khomeni-Regierung geflohen sind und Afghanen, die Bilder von Khomeni in ihrem Zimmer aufhängen.
Wir müssen uns immer ruhig verhalten, dürfen niemals laut werden. Wir fühlen uns wie Gegenstände, die man nach Belieben hin- und herschiebt. Da es uns verboten ist zu arbeiten, bekommen wir durch viele Kleinigkeiten täglich zu spüren, dass wir von der Gunst der deutschen Bürger abhängig sind, dass sie uns ernähren, kleiden. Kaum jemand kann nachfühlen, wie groß der Wunsch ist, für unser Leben selbst zu sorgen. Nicht einmal einkaufen können wir gehen, weil wir die Lebensmittel zugeteilt bekommen.
Was ich hier vortrage ist keine Geschichte, sondern Realität. Es ist das Leben von Menschen, die durch die Politik in ihrem Heimatland ihr Land verlassen mussten und nach Deutschland eingereist sind, um ihr Leben zu retten. Jetzt wird niemand erstaunt sein, wenn Pedro im Krankenhaus liegt.

Wir bekommen im Lager alle Depressionen. Wir sehen täglich die Unmöglichkeit, unser Leben selbst zu gestalten. Wir müssen immer in dem Bewusstsein leben, dass uns möglichst niemand bemerkt, dass wir nicht Gefahr laufen, aggressiv zu werden, immer alle Probleme in uns behüten, damit es keine Schwierigkeiten mit den uns unbekannten Gesetzten gibt, sonst kann unser Anerkennungsverfahren beschleunigt werden. Auch Pedro hat sich so verhalten. Er war vorher ein normaler Mensch wie alle anderen Staatsbürger, aber die Lebensumstände haben ihn das Leben nicht mehr ertragen lassen.
 
 
 
 
 
 
 
Klaus

Vom Horner Holzhaus in die Vahr

Ich bin 1937 in Danzig geboren. 1945 wurden wir, als der 2. Weltkrieg, den Hitler-Deutschland begonnen hatte, zu Ende war, aus unserer Heimat in Westpreußen vertrieben. Wir waren noch 6 Personen: Großmutter, eine Tante, ein Onkel, meine Mutter, meine 5-jährige Schwester und ich als 8-jähriger. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns über deutsch-polnische Nachbarn Bahnfahrkarten zu besorgen, um mit dem Zug erst einmal nach Berlin zu kommen. Für die etwa 550 km lange Strecke brauchten wir wegen der chaotischen Verhältnisse ( Schikanen, Diebstahl der Essensvorräte, Vergewaltigungen der Frauen durch polnische und russische Soldaten, mehrere Zwangsstopps des Zuges, Übernachtung in Bahnhöfen), mehr als eine Woche.
Endlich in Berlin angekommen, wurden wir vom Deutschen Roten Kreuz betreut. Damit war zunächst das Schlimmste überstanden. Von Berlin aus fuhren wir weiter nach Gera/Thüringen, in die Geburtsstadt meines Vaters, um zu versuchen, bei Verwandten unterzukommen. Sie haben uns in ihrem Haus an der Weißen Elster aufgenommen und wir haben zehn Monate dort im russischen Zonenbereich verbracht.

Der Aufenthalt in Gera war relativ lebenswert und wir Kinder haben die Verhältnisse und Schwierigkeiten, auch hinsichtlich der politischen Lage, der Versorgung und der Lebensmittelrationen, nicht so gemerkt. Ich musste jedoch dort in die Schule gehen, in die 3. Klasse und u.a. Russisch lernen.
Durch Zufall erfuhren wir, dass mein Vater den Krieg lebend überstanden hat, in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten war, aber in Bremen entlassen wurde. Schon bald waren wir im Mai 1946 unterwegs mit dem Zug von Gera über Berlin nach Bremen, wo es ein Wiedersehen gab.

Nach dem Krieg gab es aufgrund der vielen zugewanderten Flüchtlinge und Vertriebenen Zwangseinweisungen in die Häuser der einheimischen Bewohner in Bremen. Mein Vater hatte im Kellergeschoss eines Wohnhauses in Bremen-Horn zwei kleine Räume bekommen. Dort konnten wir Neuankömmlinge auch bleiben. Es war alles sehr beengt und einfach, aber wir waren zusammen und brauchten in keinem der elf Flüchtlingslager leben, die es in Bremen gab. Bremen hatte nach dem Krieg 129.000 Menschen aufgenommen.
Wir mussten uns in den kleinen Räumen sehr bescheiden. Es gab über einem Steinbecken nur einen Wasserhahn und dann noch einen Küchenherd als Wärmespender und Kochstelle, der mit Holz oder Kohle beheizt werden musste.
Draußen vor dem Haus konnten wir Kinder jedoch mit vielen anderen Kindern auf der Strasse spielen. Es gab fast keine Autos. Einmal spielten wir Fußball mit alten Gummibällen, einmal Hockey mit umgedrehten Krückstöcken, dann einmal Tennis mit Holzschlägern, die ein Vater, der Tischler war, mehrfach für uns Kinder aus Sperrholzplatten herausgesägt hatte. Im Winter 1946/1947 mit viel Schnee, bauten wir sogar große Iglus. Ach ja, auf alten Fahrrädern haben wir uns das Fahrradfahren beigebracht.

Nun mussten wir auch zur Schule. Neben der Schultasche mussten wir täglich einen Henkeltopf und einen Löffel für die Schulspeisung mitnehmen. Es gab immer Suppe, auch manchmal dicke Schokoladensuppe. Manchmal fanden wir auf unseren Schulbänken in der Klasse Erdnüsse, Kaugummi und Schokoladentafeln vor. Diese Dinge wurden öfter von der amerikanischen Besatzungsmacht organisiert.Es ist noch zu bemerken, dass Bremen und Bremerhaven eine amerikanische Enklave in der britischen Besatzungszone waren.

Nach fünfeinhalb Jahren konnten wir am 24.01.1952 die Souterrainwohnung verlassen und ganz in der Nähe ein aus Barackenteilen errichtetes Holzhaus mit einem großen Garten beziehen. Der Garten war riesig mit 70 Obstbäumen aller Art, Beeren- und Erdbeerfeldern, Gemüsebeeten, Blumenrabatten, Rasen und Wiesen. Wir konnten Hühner, Gänse und Kaninchen halten. Es gab viel Arbeit, aber im Sommer war es paradiesisch und wir konnten alles ernten, was der Garten hergab. Im Winter allerdings war es im einfachen Holzhaus ohne jegliche Isolierung problematisch. Deshalb konnten wir auf Dauer, trotz des schönen Gartens nicht bleiben.

Im November 1957 bekamen wir vom Wohnungsamt in der Neuen Vahr eine Neubauwohnung mit 65 qm zugeteilt. Sie hatte 3 Zimmer, Zentralheizung, Duschbad, Warmwasserbereiter, Einbauküche und eine Loggia mit Blick ins Grüne. Damit hatten wir 12 Jahre nach Kriegsende die Nachkriegszeit überwunden.
Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt, meine Schwester 17 Jahre alt und ich hatte schon das Alter von 20 Jahren erreicht. Mein Vater ist an Krebs im November 1956, noch in dem Holzhaus, leider verstorben.
 
 

 
 
 
 

Mahmoud

Verlust

Eine Bremer Freundin erzählte mir von einem Zeitungsartikel, den sie vor kurzem gelesen hatte. Darin ging um eine Zoohandlung. Der Besitzer dieser Zoohandlung beobachtete, dass immer wieder arabisch aussehende Menschen vor seinem Schaufenster standen. Und weil der Zoohändler in seiner Jugend syrische Freunde hatte und auch schon einmal in Syrien war, wusste er genau, welches Tier seine neuen Kunden suchten.

Ich komme aus Damaskus. Vor acht Jahren hatte mir mein Vater zwei Kanarienvögel geschenkt. Sie waren zitronengelb und sahen wunderschön aus. Ich hängte ihren Käfig auf den Balkon. Wenn es kalt wurde, holte ich sie in die Wohnung.
Nach vier Monaten bauten sie ein Nest. Vier Tage später legte das Weibchen ein Ei. Nach 24 Tagen schlüpfte ein Junges. In dieser Zeit freute ich mich sehr. Das Junge war wie mein eigenes Kind. Am Anfang wachte ich jeden Morgen von ihren Liedern auf und ging zur Arbeit. Nach der Arbeit brachte ich aus unserem Laden Kopfsalat oder ein Bund Rauke oder Rettich mit, um sie jeden Tag mit etwas Frischem zu füttern.

Ein Jahr später fing der Krieg an. Ich hatte Angst um meine Vögel und brachte sie zum Schutz in den Keller und holte sie später wieder ab, um sie nach Hause zurückzubringen.
Nach ein paar Monaten war ich bei meiner Arbeit und mir fiel ein, dass ich die Wohnung verlassen hatte, ohne die Vögel mitzunehmen. Ich dachte, falls sie mehr als zwei Tage ohne Futter bleiben, werden sie vielleicht sterben. Deshalb und trotz aller Schwierigkeiten, entschied ich mich, sie zu holen. Der Weg war lang, weil die Hauptstraße gesperrt war. Unterwegs sah ich keinen Asphalt mehr, dafür brennende Häuser …
Die Wohnung über uns brannte, weil eine Bombe eingeschlagen war. Die Bombe hatte auch viele Löcher in unsere Wohnung gerissen. Zu dem Zeitpunkt spürte ich, dass ich etwas verloren hatte. Trotzdem lief ich in die Wohnung und rettete die Vögel. Ich wollte sie ins Haus meines Opas bringen.
Auf dem Rückweg hielt mich ein militärischer Kontrollposten an. Der Soldat sagte: „Schöne Vögel. Ich will einen haben.“
Es war mir unmöglich, ihm einen der Vögel zu geben. Ich gab ihm Geld, damit ich weiterfahren konnte.

Die Vögel blieben fast ein Jahr in unserem Laden. Vor meiner Flucht brachte ich sie einem Freund, in der Hoffnung, dass er sich um sie kümmern kann.
Meine Kanarienvögel haben mir viele Dinge beigebracht: die Glückseligkeit und positive Energie und viel mehr. In meiner Erinnerung werden sie wieder lebendig und singen ihre schönen Lieder weiter.

 
 
 
 
 
 
 

Karin

Erinnerungen an Flucht und Ankunft in Bremen

Wir waren eine große Familie mit sechs Kindern Unsere Flucht führte von Königsberg nach Dresden. Ohne unseren Vater, der leider in Königsberg/Preußen gefallen war.
Auf dieser Flucht verstarb der jüngste Bruder (zwei Jahre) an den Folgen einer Unterernährung. Hier wurden unsere Schwestern bei der Zusammenstellung neuer Transporte von uns getrennt. Sie waren 19 und 17 Jahre alt . Mit den Kohlenzügen konnten sie ihr Ziel „Bremen“ erreichen. Es gab eine Abmachung in der Familie: beim Verlieren trifft man sich in Bremen, weil sie eine Adresse von einer Freundin hatten.
Die weitere Flucht meiner Mutter( 41 Jahre) mit drei Kindern (10, 6, 3 Jahre) führte sie weiter nach Geisa in Thüringen. Hier wohnten wir vier bis Anfang Juli 1952. Danach, flüchteten wir drei: Mutter, jüngster Bruder und ich über Nacht und haben den Ort Geisa verlassen. Unser Ziel war Bremen. Mein älterer Bruder Hans-Jürgen (17Jahre) blieb zurück. Sein Wunsch war, die Lehre zu beenden.

In Gießen haben wir das erste Notaufnahmelager erreicht. Nach ca. drei Wochen ging es endlich mit der Eisenbahn weiter. Endlich erreichten wir unser lang ersehntes Ziel „Bremen“.
Der weitere Weg führte uns in das zweite Flüchtlingslager „ Gustav-Detjen-Allee“ im Hapag-Lloyd-Gebäude.
Hier fand eine starke Anteilnahme der Geflüchteten von ca. 500 Personen im Flüchtlingslager statt. Die große Halle waren mit langen Holztischen und Holzbänke versehen. Der Treffpunkt, um die Mahlzeiten einzunehmen und auch als Kommunikationsort der Flüchtlinge.

Nicht weit von diesem Flüchtlingslager war für die Kinder und Jugendlichen das Freizeitheim auf der Bürgerweide der Aufenthaltsort geworden. Mein Bruder und ich fühlten uns hier sehr wohl. Es gab einen Tischtennis-Lese-Aufenthaltsraum für die Geselligkeit um sich kennen zu lernen. Zur Erinnerung an Bremen: Gegenüber vom Freizeitheim stand die große Sporthalle aus Holz.
Ein weiterer Spielplatz vom Flüchtlingslager war am gegenüberstehenden Elefanten im Park. Heute, heißt der Park zu Ehren „ Nelson Mandela“.
In dieser Aufenthaltszeit im Flüchtlingslager und auch später wurden wir von der Kleider-Kammer am Wall in der Höhe vom Theaterberg eingekleidet.

Nach ca. 6 Wochen im Aufnahmelager erhielten wir eine zwei Zimmer Wohnung ca. 52 qm in der Brandt Str./in Findorff. Wohn- und Schlafzimmer, Küche, Toilette und Bad mit Waschbecken. Die Wanne und Dusche waren nicht eingebaut. Weil sie fehlten, suchten wir einmal in der Woche das Zentralbad/ am Richtweg auf. Um die wöchentliche Familien- Reinigung vorzunehmen.
Der Spielplatz von der neuen Wohnung aus, befand sich auf den Trümmern vom zerbombten Grundstücke an der Winter/Admiralstr. Heute Schulgrundstück und Schule! Als einziges Haus/und Praxis von Dr. Zimmermann hat es den 2. Weltkrieg überstanden. Naiv und unwissend habe ich die lila Trümmerblumen gepflückt. Heute weiß ich, dass sie giftig sein sollen.

Sehr schön war es zu sehen, wenn der Milchmann durch die Straße fuhr mit seinem Pferdegespann, Holzkarren und die Milchkannen darauf. Mit seiner großen Glocke machte er sich bei den Anwohnern aufmerksam, um die Milch zu verkaufen. Es war ein Treffpunkt zwischen Jung und Alt. Denn wir kamen alle mit unseren Milchkannen. Später wurde das Fuhrunternehmen eingestellt. Denn es wurde in dieser Straße ein Milchgeschäft eröffnet. Dort wurde dann die Flaschenmilch-Abfüllung mit Verschluss verkauft.

Jeden Samstag oder auch Freitag kann es gewesen sein, hatte ich die Aufgabe mich in die Reihe für den Schlachthof gegenüber dem Stadtwerk anzustellen. Denn hier konnte man Freibank-Fleisch kaufen. Es war bedeutend preiswerter als beim Schlachter. Unsere Mutter, musste mit der kleinen monatlichen Unterstützung wirtschaften. Erst drei Esser, später vier.
Das Anstellen war für mich das Schrecklichste: Die lange Reihe und die Vielzahl an Menschen begann vom Schlachthof bis zur Goessel Str. Dann, das enge Stehen für mich als Zehnjährige in der dichten Menschenmenge. Schritt für Schritt ging es weiter. Dies Gedränge und das Schieben von den vielen Menschen verlief über eineinhalb bis zwei Stunden. Bald fand unsere Mutter eine Anstellung in einer Arzt-Praxis als Sekretärin. Dadurch änderte sich meine Aufgabe für den Samstag. Mein Einkauf für das Wochenende befand sich auf dem Findorffer- Markt.

Unser Leben verlief relativ geordnet. Nur mein Bruder Hans-Jürgen fehlte.
Doch schon ein Jahr später, im Sommer 1953 um Mitternacht klingelte es bei uns an der Haustür.
Wir wohnten in der 3. Etage. Mutter, mein Bruder und ich schliefen schon. Ich hörte das Klingeln und ging in das Wohnzimmer, um das Fenster zu öffnen. Mein jüngster Bruder schlief im Wohnzimmer und hat nichts gehört. Ich traute meinen Augen nicht: mein ältester Bruder Hans-Jürgen stand mit seiner Gitarre unten auf der Straße. Vom Laternenlicht angestrahlt stand ein junger, schlanker gut aussehender Mann im Anzug mit seiner Gitarre. Kein Gepäck dabei. Aber seine geliebte Gitarre als Begleitung. Vor Freude und Überwältigung standen wir Drei alle am Fenster, um das Unfassbare gemeinsam erleben zu können. Wir Vier, haben eine freudige, lange, erzählende Nacht gehabt. Meine Mutter mit ihren fünf Kindern als Familie hat sich komplett in Bremen wieder gefunden. Welch eine wunderbare Gottes Fügung.

 
 
 
 

Mohamad

Bremer Träume

Mein Name ist Mohamad. Ich bin 31 Jahre alt. Ich komme aus Syrien.
Im Jahr 2015 flüchtete ich nach Deutschland. Meine erste Station war ein kleiner Ort in der Nähe von Düsseldorf namens Mettmann. Ich habe dort 45 schöne Tage verbracht. Obwohl ich in einer Sporthalle wohnte, fühlte ich mich wohl. Der Saal war nicht überfüllt und die Mitarbeiter waren sehr nett und verständnisvoll. Ich habe auch Freundschaften geschlossen, die bis heute immer noch andauern.
Da ich Veränderungen nicht so gerne mag, dafür aber ruhige kleine Orte, wollte ich in Mettmann bleiben. Doch Wünsche bleiben meist unerfüllt, deshalb sollte ich an einen anderen Ort umziehen. Glücklicherweise war dieser Ort Bremen.

Meine erste Zeit hier war sehr schwer. In 10 Monaten wohnte ich in Walle in drei verschiedenen Zelten mit bis zu 300 Menschen.Ich konnte Bremen nicht richtig kennenlernen und wollte die Stadt immer verlassen und woanders hinziehen. So einfach aber war es nicht. Wie es heißt: „Alles, was geschieht, hat seinen Grund“. Heute bin dankbar, dass ich hier geblieben bin.
Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ich nicht wegziehen kann, entschied ich mich, hier mein neues Leben aufzubauen. Etwas Konkretes konnte ich nicht planen, weil mir Deutschland ganz neu war und ich nicht wusste, wie das Leben hier funktioniert.
Ich wusste nur eine Sache: der Weg wird sehr schwer und ich muss sehr stark sein. Und mit Fleiß und Willen kann man alles überstehen.

Ich wollte die deutsche Sprache so schnell wie möglich lernen. Damals habe ich Betty zufällig kennengelernt. Sie hat uns viel geholfen und uns Deutsch beigebracht. Das war der Anfang. Alles was ich bis heute geleistet habe, hätte ich ohne Ihre Hilfe nicht geschafft, auch wenn sie das anders sieht.
Bevor ich mit dem offiziellen Deutschkurs angefangen habe, meldete ich mich bei der Caritas als ehrenamtlicher Mitarbeiter. Um die Sprache zu lernen und mit den Einheimischen Kontakt zu knüpfen – und das war der beste Schritt, den ich je getan habe. Die Arbeit im Altersheim als Helfer des Hausmeisters war eine großartige Erfahrung. Ich lernte viele nette Menschen kennen und besonders Peter, meinen Chef und Kollegen. Er ist einer der besten Menschen, die ich in meinem ganzen Leben getroffen habe. Er und seine Familie halfen mir auch viel und sie sind für mich wie Familie.

Als ich mit dem Aufbau meines neuen Lebens begann, war einer meiner Träume, wieder in meinem Beruf als Buchhalter zu arbeiten. Glücklicherweise hat sich mein Wunsch erfüllt. Heute arbeite ich in einer Firma als Buchhalter, in einem Team mit deutschen Kolleginnen und Kollegen in der Bremer Innenstadt.
Der Schnoor übrigens ist mein Lieblingsstadtteil. Er ist meine Zuflucht, wenn ich Heimweh habe. Weil er mich an die Altstadt von Damaskus erinnert.

 
 
 
 
 
 
 

Jutta

Reise von der alten in meine neue Heimat

Ich war 5 Jahre alt, als wir am 25. Juli 1945 endgültig aus Danzig vertrieben wurden. Meine ersten Lebensjahre verliefen ruhig und sorglos. Vom Krieg habe ich erst in den letzten Monaten etwas mitbekommen.
Wir hätten Danzig im Januar 1945 noch regulär mit dem Schiff „Die Gustloff“ verlassen können, aber weil m eine Mutter große Angst vor der Seereise hatte – und sie immer noch glaubte, der Krieg ginge zu Ende und wir könnten bleiben – haben wir die Reise nicht angetreten. Und das war unser Glück, denn die Gustloff wurde von russischen Untersee-Booten torpediert und sank – und viele 100 Menschen kamen in den eisigen Fluten ums Leben.

Der Krieg begann für mich sozusagen erst, als in das Dachgeschoss unseres Hauses eine Granate einschlug und fortwährend die Alarm-Sirenen heulten.
Ich kann mich leider – oder vielleicht auch Gott sei Dank – nur noch bruchstückhaft an gewisse Erlebnisse erinnern; z. B. weiß ich noch genau, wie wir mit vor Aufregung klappernden Zähnen in den Keller rannten, wo schon die Nachbarn versammelt waren und voller Angst ausharrten bis zum Ende des Angriffs – in der Hoffnung, dass das Haus nicht einstürzt. (Es könnte sein, dass dadurch meine Platzangst in engen Räumen ausgelöst wurde, die sich heute noch auswirkt.)

Als die Luftangriffe immer stärker wurden, suchten wir Schutz bei unserer Großmutter, die in einer Laubenkolonie am Rande der Stadt ein Häuschen hatte. Dort waren wir 6 Familienmitglieder – Oma, Tante, Onkel, mein achtjähriger Bruder, meine Mutter und ich. Mein Onkel war aus Krankheitsgründen nicht eingezogen worden. Er musste sich jeden Morgen bei einer Dienststelle zur Arbeit melden, kam aber abends immer zurück, was uns sehr getröstet hat.
Zusammen mit anderen Nachbarn hat er im Garten ein großes Erdloch – wie eine Höhle – gegraben, wo wir bei den vielen schweren Luftangriffen Schutz gesucht haben. Ich sehe auch noch den kleinen weißen Sarg, in dem wir ein Neugeborenes begraben haben, das vor Hunger gestorben ist. Einmal krochen wir aus unserer Höhle und sahen, wie die ganze Stadt in Flammen stand. Der Himmel war feuerrot und hunderte Leuchtkugeln schossen in die Luft.

Nach der Kapitulation gingen wir noch einmal zurück in unsere Wohnung. Es waren dort noch andere Verwandte bei uns. Ich erinnere mich, dass die Mütter tagsüber auf Hamstertour gingen und uns Kindern die Essensvorräte über den Tag genau eingeteilt hatten. Als eine Tante kurze Zeit später noch einmal zurückkam, waren sämtliche Vorräte aufgefuttert.
Am 25. Juli 1945 wurden wir dann aber endgültig aus unserer Wohnung vertrieben, und es blieb uns nichts anderes übrig, als unsere Habseligkeiten zu packen und uns auf den Weg zum Bahnhof zu machen. – Für meine kranke Großmutter hatte mein Onkel notdürftig einen einachsigen Karren gebaut, der aber nach 500 Metern zusammenbrach. Als fünfjähriges Kind habe ich damals aber gar nicht begriffen, dass wir unsere Heimat für immer verlassen mussten.

Einige Erinnerungen habe ich auch noch an die Zeit in Thüringen. Wir erhielten dann aber nach einigen Monaten Kontakt zu meinem Vater und machten uns sofort auf den Weg nach Bremen, wo wir uns alle Vier glücklich in die Arme schließen konnten. Wir wohnten zunächst sehr beengt, und unsere Eltern hatten bestimmt viele Sorgen, aber sie gaben uns Kindern immer ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
Etwas Traumatisches habe ich aber doch zurückbehalten, und zwar verfolgten mich abends im Bett lange Zeit noch die Leuchtkugeln, die ich in Danzig am Himmel gesehen hatte. Sie kamen als winzig kleine Punkte auf mich zu – immer näher und wurden größer und größer und zerplatzten in grellen Farben vor meinen Augen, und dann kam sofort die nächste Leuchtkugel. – Außerdem konnte ich jahrelang nur einschlafen, wenn ich meinen Kopf hin und her wiegte oder ihn seitwärts aus dem Bett hängen ließ.

Zu den Nachbarkindern hatten wir aber bald guten Kontakt. Wir spielten viel im Freien und tobten z. B. auch in den Ruinen eines Bunkers herum. Manchmal lud ein Vater 6 oder 7 Kinder am Sonntag in seinen Mercedes – es war weit und breit das einzige Auto – und brachte uns zum RALI Kino in Oberneuland, wo wir Filme sahen wie „Schwarzwaldmädel“ oder „Grün ist die Heide, damit wir mal von der Straße weg waren und außerdem den Heimweg zu Fuß antreten mussten. Wir hatten also viel Bewegung! Bei uns zu Hause wurde viel musiziert; mein Bruder und ich lernten beide Flöte spielen und bald auch Klavier.
Eines Tages las mein Vater eine Anzeige, wonach von Radio Bremen Kinder zum Singen im Chor gesucht wurden. Ich weiß noch, wie ich ganz alleine in ein Studio geführt wurde- vor mir eine Riesenglasscheibe und dahinter die Chorleiterin und der Toningenieur. Ich trällerte mein Liedchen in ein Mikrofon und wurde angenommen. Das Gebäude von Radio Bremen war damals auf dem Gelände, wo sich jetzt das Kaufhaus LESTRA befindet. Die Zeit war sehr spannend!

In der Adventszeit sind wir auch damals schon „Nikolaus gelaufen“ und in den Jahren 1946 und 1947 waren wir mit unseren Eltern zu einer Weihnachtsfeier vom Bund der Danziger in der MUNTE eingeladen, wo wir kleine Geschenke und Süßigkeiten bekamen. Der Höhepunkt war aber jedes Mal das Erscheinen der Familie Prinz Louis Ferdinand von Preußen. Für mich war das ein sensationelles Ereignis , und ich bestaunte den Prinzen und seine vielen Kinder.
Mein Bruder und ich haben auch beim Krippenspiel in der Kirche mitgemacht und zuhause haben wir einen wunderschönen Tannenbaum vorgefunden. Meine Mutter hat kleine Äpfel und Kartoffeln in Gold- und Silberpapier eingewickelt, bunte Schleifchen angebracht und an den Baum gehängt. Mein Vater hatte ein richtiges Kasperletheater für uns gebaut mit selbstgefertigten Puppen. Dann wurde musiziert mit Flöten und Akkordion. Es war sehr bescheiden, aber wir waren glücklich.

Im April 1947 wurde ich eingeschult in die Schule an der Horner Heerstraße. Ich machte mich jeden Morgen mit anderen Kindern auf den ca. 2 Kilometer langen Schulweg von der Vorstraße, durch die Tietjenstraße, den Herzogenkamp entlang zur Horner Heerstraße. Das machte uns aber gar nichts aus, denn wir konnten uns unterwegs Vokebeln abhören oder Gedichte auswendig lernen.
Alles in allem habe ich mich sehr gut eingelebt, und Bremen ist schließlich meine zweite Heimat geworden. Ich wünsche mir jedoch, dass unsere Kinder und Enkelkinder keinen Krieg erleben müssen und beschützt und sorglos aufwachsen können.

 
 
 
 

In Koopration mit Amnesty International und der Stadtbibliothek Bremen

 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 

Die folgenden Texte entstanden im Rahmen meiner Schreibwerkstatt mit geflüchteten Frauen. Die Autorinnen freuten sich über die Möglichkeit, ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf zu lassen, um die Menschen sichtbar zu machen, die sich hinter dem Etikett „Flüchtling“ verbergen. Sie erzählten vom Alltag. Und von ihrer Heimat.
In den Texten der Frauen duftet es nach Jasmin und Jori, nach Kataief, Maamoul und frischem Brot. Während Zugvögel fliegen, singt der Wind seine Lieder. Bis der Krieg wieder weiterwütet.

 
 
 
 

Latifa

Heimat

Wenn ich das Wort „Heimat“ höre, denke ich an meine Mutter, an meine Schwester, meine Freunde und an mein Haus. In meiner Heimat scheint immer die Sonne, in meiner Erinnerung war dort alles schön.
Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind in unserem Haus und im Garten spielte. In unserem Garten wuchsen viele Bäume und Blumen. Meine Freunde wohnten in der selben Straße wie ich und besuchten mich immer. Wir feierten viele Feste, zum Beispiel das Zuckerfest. Die arabischen Frauen backen dann „Ma’amoul“. Die kurdischen Frauen backen „Kledscha“ und Kekse. Die ganze Familie hilft beim Backen für das Zuckerfest. Dann duften alle Dörfer und Städte nach Süßigkeiten.

 
 
 
 
 
 

Lana

In der neuen Heimat

Nach der Flucht lebte ich die ersten anderthalb Jahre alleine in Bremen. Weil es für eine Frau alleine im Krieg zu gefährlich ist, blieb mein Mann mit unseren Kindern zurück und wartete, bis sie nachkommen durften.
Die erste Zeit war sehr schwer für mich. Ich hatte Angst um meine Familie und ich musste mich um die Bürokratie kümmern, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen. Ich konnte nicht einmal die Adressen lesen. Für jede Frage musste ich ins Büro des Übergangswohnheim gehen, um mir Hilfe zu holen. Die Mitarbeiter konnten natürlich nicht jedem gleichzeitig helfen, weil so viele Flüchtlinge auf einmal nach Deutschland gekommen waren.
Dann begannen meine Deutschkurse. Inzwischen bin ich bei C 1 angelangt. Ich habe auch schon ein Praktikum in einem Kindergarten absolviert. Es macht mir sehr viel Freude, mit Kindern zu arbeiten. Ich möchte gerne eine Ausbildung zur Erzieherin machen. In Syrien war ich Grundschullehrerin.

 
 
 
 
 
 

الجديد،
بعد الهروب عشت سنه ونصف وحيده في بريمن.
لأنه من الخطر أن تبقى سيدة وحيده في الحرب،تأخر زوجي وابناءي ونتظرو حتى أن يسمح لهم بالاحاق.
في بداية الوقت كانت الظروف صعبه بالنسبة لي .
كان لدي خوف على عائلتي أجبرت أن اهتم بابرقراطية بالرغم انتي لا أفهم اي كلمه في اللغه الألمانية .

لم استطع في بعض الأحيان أن أقرأ العناوين.
لأجل السؤال أجبرت كل يوم بالذهاب إلى مكتب الترجمه في سكن اللجوء .
العاملون هناك لم يستطيعوا دائما مساعدتي لان عدد كبير من اللاجئين وصل إلى هنا في نفس الوقت .
بعد ذلك بدأت في كورس اللغه الألمانية والآن ادرس c1 .
ولقد في روضة للأطفال.العمل مع الأطفال يجلب لي السعادة.
انه ليسعدوني أن أتمكن من دراسه في هذا المجال.
في سوريا كنت معلمه ابتدائي.

 
 
 
 
 
 

Djamila

Die Flucht

Das Wasser des Flusses ist kalt. Der Schlamm, in dem wir uns zwischen Sträuchern am Uferrand verstecken, dringt durch die Kleidung bis auf unsere Haut. Ich halte meinen Kindern den Mund zu, damit niemand ihr Weinen hört. Ihren Hunger, ihren Durst. Wenn die Grenzsoldaten uns finden, ist alles vorbei. Dann schicken sie uns von der Türkei zurück nach Idlib. Dort gibt es kein Wasser, keinen Strom und kein richtiges Essen.
Drei Mal haben sie uns schon zurückgeschickt.
Plötzlich fallen Schüsse. Sie schießen auf mich und meine Familie.
Dann wir es wieder still in der Dunkelheit. Nach insgesamt vier Stunden verlassen wir unser Versteck und flüchten mit dem, was wir am Leib tragen, weiter.
Meine Kinder haben die Flucht noch immer nicht vergessen. Sie erzählen jedem, den sie treffen, davon. Sie möchten nicht mehr in ihre Heimat zurück, weil sie denken, dass es nur diesen einen Weg dorthin zurück gibt.

 
 
 
 
 
 

الهروب
مياه النهر باردة جدا, محاصرون بالوحل الذي كنا نقف فوقه نتوارى بين الشجيرات على ضفة النهر.
اقتحم البرد ملابسنا وتغلغل في أجسادنا لينخر عضامنا.. أكمم أفواه اطفالي لكي لا يسمع أحد بكائهم و صراخهم من الجوع والعطش والبرد. يملأ الخوف قلوبنا من أن يمسك بنا حرس الحدود ويذهب تعبنا أدراج الرياح لأنهم سيعيدوننا مجددا إلى ادلب حيث لاوجود لمقومات الحياة البسيطة من ماء وطعام وكهرباء وأمان بتنا نحلم به. لقد أعادونا بالفعل من قبل ثلاث مرات متتالية.
فجأة بدأ الرصاص ينهال فوق رؤوسنا, لقد رآنا الجنود وبدؤوا بإطلاق الرصاص باتجاهنا أنا و أطفالي, أسرعنا للإختباء في الظلام ثم بعد ما يقارب الأربع ساعات تركنا مخبئنا وهربنا بما استطعنا حمله بين أيدينا.
أطفالي لم يستطيعوا حتى هذا اليوم نسيان تلك رحلة هروبنا.. ويروونها لكل شخص يلتقون به.. يقولون بأنهم غير راغبين بالعودة أبدا إلى الوطن لأنه يظنون بأن هذا هو الطريق الوحيد للوطن.

 
 
 
 
 
 

Latifa

Ich

Versteckt unter dem Jilbab
das kleine Mädchen,
das tosende Wellen und Krieg
von ihrer Mutter und ihrer geliebten Heimat
vertrieben.

Jede Nacht bringen dich die Träume
zu dem großen Haus
wo du geboren wurdest
und die schönsten Tage deiner Kindheit
verbrachtest.

Der klare Himmel,
Zugvögel, Zitronenbäume
und Orangen
erzählen von den Tagen
deiner unschuldigen Kindheit.

Du pflanztest
mit kleinen Händen
Jasmin und Jori.

In der Nacht umarmtest du
die Sterne und den Mond
und erzähltest Galaxien
von deinen großen Träumen.

All diese Schönheit
war dein kleines Land.
Jeden Sommer
beobachtetest du die Zugvögel
und fragtest dich,
wohin sie gehen.

Plötzlich brach ein Sturm aus,
der Krieg zerstörte
dein kleines Land,
die Orangenbäume
und dein großes Haus.

Und du wandertest
mit den Vögeln
zwischen Himmel und Meer,
auf der Suche
nach Sicherheit.

Und ließt deine Träume zurück
und deine Erinnerungen
an den unschuldigen Traum.

 
 
 
 
 
 

Lana

Warten

Meine Familie lebt in alle Winde verstreut: Ein Bruder im Saarland, einer in Dänemark, einer in Schweden, meine Schwester in der Türkei. Mein Sohn studiert in Deutschland Medizin. Meine Tochter in Syrien Pharmazie. Weil sie beim Familiennachzug schon volljährig war, durfte sie nicht nach Deutschland kommen. Ich habe immer Angst um sie, denn in allen Kriegen ist es für Frauen besonders gefährlich.
Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen. Im Konflikt zwischen Israel und dem Iran fielen Bomben auf Syrien.

 
 
 
 
 
 

عندما أتت الحرب الى وطني جلبت معها رياحها لتحملنا وتبعرثنا كأوراق الشجر بعيدا عن وطننا وعن أحبائنا وأسرنا. شردت الحرب عائلتي في مختلف البلاد فهاهم أخوتي الثلاثة موزعون ما بين ألمانيا والنرويج والسويد. وانا في المانيا مع ابني الذي يدرس الصيدلة و لا تزال ابنتي تعيش في سوريا تدرس في كلية الطب.. حيث لم يسمح لها بالقدوم معنا إلى ألمانيا لانها قد تجاوزت العمر القانوني وفق قانون لم الشمل. أشعر بالقلق والخوف الدائم عليها ففي أوقات الحرب يكون الخطر بالنسبة للنساء أكبر فهي تخشى من دائما من رجال العصابات الذين استباحوا سوريا.
ليلة البارحة لم أستطع النوم بسبب القصف الذي استهدف سوريا نتيجة الصراع بين اسرائيل و ايران.

 
 
 
 
 
 

Aisha

Das neue Leben

Jeden Freitag arbeitete ich im Rahmen einer Integrationsmaßnahme in einer Werkstatt. Dort wurden Autos repariert und Stoffe für Möbel genäht.
Am Anfang habe ich geweint, weil ich nur deutsche Kollegen hatte, mit denen ich mich nicht verständigen konnte. Später kamen auch syrische Kollegen dazu. Die Maschinen und Werkzeuge (z.B. die Hämmer) in der Werkstatt waren sehr laut. Es roch nach Staub, Öl, Holz, Lack und Klebstoff.
In Syrien und im Libanon habe ich zehn Jahre als Arabischlehrerin Schüler der 7. , 8. und 9. Klassen unterrichtet. Mein Ziel ist es, in der Volkshochschule als Arabisch-Lehrerin zu arbeiten oder eine Ausbildung zur Köchin zu machen.
Nächste Woche startet mein neuer Deutschkurs.

 
 
 
 
 
 

Birivan

Unsere Feste

Nach Ramadan kommt das Zuckerfest. Es dauert drei Tage. Die Kinder bekommen dann neue Kleidung, die Frauen kochen und backen Süßigkeiten. Eine Süßigkeit heißt „Kleger“, außerdem gibt es noch „Bitifor“ und „Kataief“.
Die Menschen besuchen einander: Familie, Nachbarn und Freunde. Am ersten Tag gehen die Kinder mit Taschen von Tür zu Tür, gratulieren zum Zuckerfest und bekommen Bonbons.
Zwei Monate und zehn Tage nach dem Zuckerfest beginnt das Opferfest. Am zweiten und dritten Tag schlachten reiche Familien eine Kuh – noch wohlhabendere Familien schlachten einen Hammel – und verteilen das Fleisch an arme Familien. Auch beim Opferfest bekommen die Kinder neue Kleidung und sammeln Bonbons bei den Nachbarn. Alle Menschen besuchen einander.
Am vierten Tag darf nicht geschlachtet werden.
An beiden Festen gehen die Männer und Frauen in die Moschee, aber getrennt.

 
 
 
 
 
 

بعد رمضان يأتي عيد الفطر ومدته ٣ أيام. الأطفال يحصلون على ملابس جديده والسيدات يصنعن الطعام والحلويات مثل معمول و الباتيفور و القطايف.
الناس يزورنا بعضهم وفي اليوم الأول يحمل الأطفال الحقيبة ويطرقون الابواب للتهنئة ويأخذون السكاكر.
بعد شهرين و١٠ أيام يأتي عيد الأضحى. في اليوم ٢ و٣ يقوم الأهالي بالتضحية ويوزعونها على الفقراء. وفي اليوم الرابع لا يسمح بالتضحية .
وفي هذا العيد يحصل الأطفال على الملابس و الحلوى وناس يرون بعضهم .

 
 
 
 
 
 

Marwa

Die Frauen in meiner Geburtsstadt Aleppo:
 
Der größte Wunsch aller Frauen ist die Heirat und Familiengründung.
Fast 90% der Frauen haben die Mittlere Reife.
Danach erlernen sie einen Beruf (Friseuse, Schneiderin oder Verkäuferin).
Die übrigen Frauen lernen weiter bis zum Abitur, Hochschul- oder Universitätsabschluss und unterstützen ihre Männer und Familien finanziell im Haushalt und Beruf.
Der Lieblingsberuf der Frauen in Aleppo ist eine Tätigkeit im Ausbildungsweisen (als Lehrerin oder Erzieherin).

 
 
 
 
 
 

النساء بمنطقتي التي ولدت فيها حلب
كل الفتيات ترغب بالزواج وتأسيس عائلة
90٪ منهمن حاصلين على مرحلة التعليم المتوسطى بعدها يتعلمن الاعمال المهنية كتصفية الشعر أو الخياطة
اماالباقي يكملون تعليمهم لدراسات العليا أو للجامعة ليساعدوا أزواجهم وعائلتهم من الناحية المادية وبالبيت
العمل المفضل لأغلب النساء بمدينة حلب هو التدريس

 
 
 
 
 
 

Latifa

Mein Dorf

Geboren in einer kleinen Stadt
namens Kafr Zeita,
benannt nach ihren Olivenbäumen,
in deren Hainen die meisten Menschen arbeiteten.

Es gab große Räume in den Hügeln
und in den Tälern weite Flächen
mit Olivenbäumen und Pistazien,
die miteinander flirteten.
Sie versprachen gute und wunderschöne
Jahreszeiten.

Die Erde füllte sich
mit riesigen Weizenfeldern,
die unter der strahlenden Sonne
wie Gold glänzten.
Der Boden meines Dorfes
– die Farbe des Blutes –
gab das köstlichste Obst und Gemüse.

Eine sanfte Brise tanzte
auf den Melodien der Tulpen,
kultiviert
von Frauenhänden.

In meiner Stadt
schmeckte der Sommer anders,
nach Freiheit und Liebe,
einfach und rein.

Ich sah,
wie sich ein Fluch
auf mein Dorf legte,
auf die Olivenbäumen, Pistazien
und Weizenfelder.

Dieser Fluch verbrannte
jahrhundertealte Olivenbäume,
verwandelte Goldfelder zu Kugeln
und brennenden Flammen
die die Bewohner meines Dorfes entzündeten
und ihr Volk und ihren Reichtum
aus dem Kelch der Qual vertrieben.

Der Todesduft,
den die Lilie verströmte
der Geruch von Zerstörung und Ruin
und dem gebrochenem Versprechen des Weizens,
der Oliven und des großzügigen Lebens …

Versprechen wurden zu Trümmern
als ein Sturm über dieses Dorf fegte
und seine Geschichten
in alle Himmelsrichtungen verstreute.

 
 
 
 
 
 

Von allen

Hier und heute

Bremen ist eine schöne Stadt. Hier gibt es die Weser, Seen und den Bürgerpark. Die Stadt ist groß, aber ruhig. In Bremen leben viele Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen.
Im Stadtzentrum steht ein großer Dom, umgeben von anderen wunderschönen Gebäuden.
Obwohl alles perfekt aussieht, gibt es hier auch Probleme: Meine Kinder warten schon sehr lange auf einen Platz im Kindergarten. Sie müssen Deutsch lernen, damit sie später in der Schule keine Probleme bekommen.
In Bremen fahren viele Straßenbahnen, das ist sehr praktisch. Man kommt schnell überall hin. Vor unserem Übergangswohnheim hält die Linie 3.
In Bremen habe ich noch nie Rassismus oder Diskriminierung erlebt. In der Straßenbahn kommen wir mit anderen Leuten in Kontakt. Die Deutschen hier sind sehr nett, sie lächeln und sprechen mit meinen Kindern. In Bremen fühlen wir uns sicher.

 
 
 
 
 
 

Latifa

Eines Tages

Ich hoffte, dass meine Familie und ich Deutschland als Touristen besuchen würden.
Dass wir Fotos für unsere Freunde machen würden von der malerischen Natur.
Doch ich kam aus dem zermalmenden Krieg in meinem Land, auf der Suche nach Chancen für das Leben.
Ich danke deinem Land, das mich und meine Kinder empfangen hat, uns Wärme und Sicherheit gibt. Und ich hoffe, dass wir es eines Tages nicht bereuen, dass ihr uns aufgenommen habt, hoffe, dass wir euch und eurer Land eines schönen Tages unterstützen können.

 
 
 
 
 
 

Aisha

Warum wir hier sind

Mein Sohn studierte im letzten Semester Mathematik. Eines Tages hatte er eine wichtige Prüfung. Um neun Uhr, als die Studenten ihren Test schrieben, flog ein Flugzeug über das Universitätsgebäude und warf eine Bombe ab. Die Studenten rannten in den Keller zu den Toiletten. Mein Sohn versteckte sich dort 12 Stunden.
In dieser Zeit erfuhren wir im Fernsehen von dem Bombenangriff, bei dem 80 Studenten getötet wurden. Wir wussten nicht, ob mein Sohn noch am Leben ist.
In der Nacht kam er nach Hause, er war die ganze weite Strecke von der Universität zu Fuß gelaufen, weil nach dem Bombenangriff keine Busse fuhren.
An nächsten Morgen beschloss ich, dass wir flüchten.

 
 
 
 
 
 

Leyla

Damals

Ich lebte in Nordsyrien auf dem Land. Jeden Morgen stand ich um sechs Uhr auf und ging zu unseren 15 Schafen und 30 Hühnern. Das Gras, das sie fraßen, war frisch und sattgrün, denn im Winter regnete es und ab Frühling schien die Sonne.
Ich saß auf der Wiese und hütete die Tiere. Um zehn Uhr ging ich wieder nach Hause. Bis 15 Uhr war es draußen viel zu heiß.
Nach dem Ausruhen buk ich Steinofenbrot. Der Ofen stand draußen vor dem Haus. Mit dem Holz des Baumwollstrauchs machte ich Feuer. Für den Brotteig vermischte ich Hefe, Wasser und Weizenmehl. Danach legte ich den Teig auf ein Kissen und schlug damit fest gegen die Innenwand des Ofens, damit der Teig dort kleben blieb.
Sechs Brote konnten auf diese Weise gebacken werden. Der Ofen war so heiß, dass die Brote nach einer Minute fertig waren.
Anschließend bereitete ich das Frühstück für meine Familie zu: Es gab selbstgemachten Schafskäse und Joghurt, Oliven aus unserem Garten und schwarzen Tee.
Die Kinder kamen meistens um 12 Uhr aus der Schule, die sich in einem anderen Dorf befand. Sie gingen nur 20 Minuten zu Fuß nach Hause.
In unserem Dorf war es früher sehr friedlich. Man traf seine Nachbarn in den Gärten oder plauderte auf der Straße. Dann kam der Krieg und wir mussten alle flüchten.

 
 
 
 
 
 

Latifa

Sag mir

Lieber Wind,
sprich über Syrien,
sprich über mein Land.

Sing eine Geschichte über mein Haus
und erzähl eine über die Bäume.

Erzähl mir vom Olivenbaum
vor dem Haus meiner Kindheit,
sag mir, ob er noch steht.

Sprich über die Mandelbäume,
die Erde und den Himmel.
Sag mir, ob sie aus dem Land der Hölle
verschwunden sind.
Erzähl mir von der Sonne,
erzähl von magischen Sommernächten.

Was kann ich
über meine Kindheit
über die Erde, über den Himmel
sprechen?
Ich sehne mich
nach dem Brot meiner Mutter,
nach ihrem Kaffee.
Ich vermisse die Schwalbe,
vermisse den Gesang des Muezzins
in meinen Ohren.

Beim Erzählen erinnere ich mich
an die Heimat.
Sag mir, mein Land,
dass wir uns eines Tages
wieder begegnen werden.

 
 
 
 
 
 

Die Schreibwerkstatt wurde durch den
Senator für Kultur Bremen gefördert.

 

 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
Du fragst, was das Wort „Heimat“ bedeutet. Sie antworten, sie ist das Haus des Beerbaums, des Hühnerstalls, des Bienenstocks, der Duft des Brotes und der erste Himmel. Du fragst, wie ein Wort mit drei Buchstaben ausreicht, um all das zu enthalten und uns einzuengen.
Mahmoud Darwish
 
 
 
 
 
 

Die folgenden Texte entstanden 2017 während einer Schreibwerkstatt mit Geflüchteten unter Anleitung von Betty Kolodzy.
Die Autoren möchten gerne anonym bleiben.

 
 
 
 

Das Ende des Krieges in Syrien

An einem Tag wie immer kam ich nach Hause. Ich war müde und wollte mich erholen. Ich duschte und aß etwas. Ich hatte keine Lust, auf mein Handy zu gucken und die Nachrichten zu lesen.
Ich setzte mich ans Fenster und schaute hinaus. Ich dachte an mein vergangenes Leben, hoffte, dass sich alles zum Besseren wendet.
Wie gewöhnlich wartete das Bett auf mich. Als ich mich hinlegte, bekam ich plötzlich ein wunderbares Gefühl und schlief ein.
Am nächsten Tag stand ich früh auf und ging raus. Sofort merkte ich, dass etwas anders war: Ein Lachen auf den Lippen der Menschen!
Dann wunderte ich mich, als ich den Satz hörte „Gott sei Dank: Alles ist wieder in Ordnung.“
Ich fragte die Menschen, was das zu bedeuten hat. Ihre Antwort kam unerwartet: „Der Krieg ist wirklich vorbei. Syrien wird wieder wie früher sein.“
Ich hatte immer davon geträumt, eines Tages wieder zurückzugehen und meine Familie zu treffen. Und dass die Menschen wir früher in Sicherheit leben.
Ich hörte, wie ein Pilot sagt: „Willkommen auf syrischem Boden!“
Doch dann merkte ich, dass all das nur ein Traum war und wir bis heute darauf warten.

 
 
 
 

Jetzt sehe ich es so, dass ich zwei Heimaten habe.

 
 
 
 
Wetter

Einmal traf ich in Syrien eine deutsche Frau. Sie sagte mir, dass es in Deutschland sehr kalt ist, und es stellt sich heraus, dass sie die Wahrheit sagte. Ich persönlich mag Regen und kühles Wetter sehr gerne.

 
 
 
 

Oft denke ich, dass ich dorthin zurückgehe.

 
 
 
 

Neustart

Das Alter von 20 ist wohl eines der schwierigsten Lebensphasen: Man beginnt, sich seine Zukunft aufzubauen und sich darüber Gedanken zum machen. In diesen Jahren hat man viel Stress und erlebt gleichzeitig Angst und Enthusiasmus, bis man seinen ersten Schritt in die richtige Richtung macht.
Ich sollte diese Erfahrung zweimal erleben. Das erste Mal aber war einfacher, trotzdem hatte ich damals keine Vorstellung davon. Ich hatte aber viele Unterstützer: meine Familie und meine Freunde.
Jetzt muss ich das alles noch einmal erleben und ein neues Leben starten, aber alleine und mit einer ganz neuen Art von Leben und in der neuen Sprache.
Vor ungefähr sieben Monaten begann ich meinen ersten Schritt: Deutsch lernen. Jeden Tag besuche ich vier Stunden eine Sprachschule. Um ehrlich zu sein, bin ich oft frustriert und hoffnungslos, aber weil ich den Willen zum Erfolg habe, kapituliere ich nicht. Ich gebe mein Bestes, damit sich meine Ziele und Träume erfüllen.
Seit ungefähr eineinhalb Jahren lebe ich in Deutschland. Die ersten anderthalb Monate habe ich in einem kleinen Dorf in Nordrheinwestfalen verbracht. In Mittmann. Dort wohnte ich in einer Turnhalle. Die Situation war aber nicht sehr schlimm, denn ich traf dort einige nette Leute. Ich besuchte die Bibliothek jeden Tag und versuchte, alleine Deutsch zu lernen. Ich mochte das Dorf und wäre dort gern geblieben, aber leider konnte ich nicht. Ich wurde nach Bremen geschickt.
Die ersten sieben oder acht Monate hier waren ganz schwierig. Ich habe in drei unterschiedlichen Zelten gewohnt. Doch ich war geduldig. Jetzt wohne ich in einem Container in einem Übergangsheim. Die Situation wurde viel einfacher. Ich bin hoffnungsvoll, dass die Zukunft gut sein wird.

 
 
 
 

Du wirst ein Fremder in beiden Heimaten sein.

 
 
 
 

Wohnen in Deutschland

Viele Leute haben den gleichen Traum: Sie suchen einen Platz, in dem sie für sich sein können. Deutschland hat ein Problem damit. Es gibt nicht genug Wohnungen für die vielen Menschen, die hier leben. Es ist bekannt, dass jedes Jahr viele Leute nach Deutschland kommen, um hier zu studieren oder zu arbeiten und es ist schwer für sie, eine Wohnung zu finden.
An einige Orten ist es fast unmöglich, eine Wohnung zu finden. Zum Beispiel in den großen Städten. Seitdem ich nach Deutschland gekommen bin, bemerke ich dieses Problem. Das hatte ich mir mir anders vorgestellt, weil es doch heißt, dass Deutschland ein Land der Einwanderer und Studenten ist.

 
 
 
 

Heimat ist der Ort, an dem ich mich geborgen fühle.

 
 
 
 

Das Kopftuch

Eines Tages war ich mit ein paar Freunden auf einem Markt. Während des Einkaufs sah ich einen syrischen Flüchtling. Er trug ein traditionelles arabisches Kopftuch: ein weißes Kopftuch mit rotem Muster. Die Bauern auf dem Land tragen es, um sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen und als Schmuck.
Ich freute mich plötzlich sehr, so, als ob ich meine Familie und mein Dorf wiedersah.
Ich fragte ihn neugierig, wo er das Kopftuch gekauft hatte, ob er es von einem Markt in Deutschland hatte? Aber leider brachte er es aus Syrien mit.
Plötzlich werden simple Sachen wichtig und bekommen besondere Bedeutungen in unserem Leben in der Fremde. Sogar die Sachen, die wir hassen. Sie werden zu einem Teil von uns oder von allem, was wir verloren haben.
Ich fragte alle syrischen Leute, die ich kennenlernte, wo ich das Kopftuch in Deutschland finden könnte. Einige erzählten mir, dass ich es vielleicht im Internet oder in Berlin finden könnte. Ich surfte im Internet, aber ich fand nichts und in Berlin hatte ich keine Freunde, die mir ein Kopftuch schicken könnten. Einige Zeit später besuchte ich meinen engen Freund in Hamburg. Vor unserem Gebet in einer Moschee hatte ich in der Nähe ein Geschäft gesehen. Dort gab es einige traditionelle Sachen. Wir gingen hinein und kauften eine Gebetskette. Ich fragte den Geschäftbesitzer, ob er weiß, wo ich arabische traditionelle Kleidung finden könnte. Er erzählte mir, dass es in der Nähe eine Straße gibt, die „Afghanische Straße“ heißt, und vielleicht gibt es in dieser Straße solch eine Kleidung. Wir gingen zur genannten Straße ganz in der Nähe. Tatsächlich gab es dort viele traditionelle Kleidungen und verschiedene Sachen, die wir aus unserer Heimat kannten, in den Geschäften. Die meisten aus östlichen Ländern. Wir fanden das Kopftuch in einem Schaufenster. Aber leider waren die Geschäfte am Samstagabend um diese Uhrzeit geschlossen. Und am Sonntag musste ich von Hamburg nach Bremen zurückfahren.
Ich war traurig, weil ich das Kopftuch nicht kaufen konnte. Ich bat meinen Freund, es zu kaufen und mit der Post zu schicken. Ich wartete auf das Tuch, als ob ich auf jemanden aus meiner Familie wartete. Und tatsächlich schickte mir mein Freund das Tuch. Als es bei mir ankam, freute ich mich so sehr, als ob ich meine Familie treffe. Ich schlang das Tuch sofort um meinen Kopf und machte ein Foto. Ich schickte das Foto meiner Familie in Syrien. Sie waren sehr überrascht, als sie es sahen.
Sie fragten mich:” Woher hast du das Kopftuch? Gibt es als diese Sachen in Deutschland?”
Ich sagte:“ Es gibt jetzt alles in Deutschland. Es kam mit den Flüchtlingen“.
Ja, es gibt jetzt alles hier, in unserer Fremde. Aber die Heimat ist noch dort. Sie ist einsam wie ich hier.
Als ich erste Mal das Kopftuch trug, erinnerte ich mich an meinen Vater, wie er das Kopftuch getragen hatte. Er war traurig, Tränen flossen über sein Gesicht. Er war alt geworden, und seine Söhne verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Ich erinnerte mich an meine Mutter. Sie weinte und fragte mich immer, wann meine Geschwister und ich zurückkommen würden.
Ich erinnerte mich an meine Geschwister. Sie trugen das Kopftuch, als wir Kinder waren und auf dem Feld arbeiteten. Einige Geschwister versuchten fernzusehen und von der Arbeit wegzulaufen. Andere versuchten, die Dorfbewohner zum Lachen zu bringen.
Das Kopftuch war für mich mehr als ein Stück Stoff. Es war eine Heimat in der Fremde und ein Fotoalbum aus Erinnerungen. Die Besitzer der Erinnerungen verschwanden und wussten nicht, ob sie sich jemals wiedertreffen würden.

 
 
 

Heimat ist die Erde, die Welt.

 
 
 

Die Deutschen sind praktisch

Als Kind träumte ich davon, nach Deutschland zu gehen. Ich weiß, dass Sie wissen möchten, warum. Ich erzähle das gerne: Bevor ich nach Deutschland kam, hörte ich immer von den Leuten, dass die Deutschen sehr praktisch sind und sie gerne Überstunden machen, dass die Mädchen sehr schön sind.
Mein Onkel, der mir so viel über Deutschland erzählte, hat vor zehn Jahren in Deutschland studiert, und er gab mir einen Tipp: Mit einem deutschen Zertifikat in der Tasche, kann man auf der ganzen Welt gute Arbeit finden.
Ich hatte keine Informationen über das Wetter in Deutschland, und als ich ankam, war ich überrascht, wie schlecht es ist.

 
 
 

Heimat ist der Ort, an dem ich glücklich wäre.

 
 
 

Heimat

Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl. Ich bin in irgendeinem Land geboren und aufgewachsen. Es ist seit einer langen Zeit meine Heimat. Dort habe ich meine ersten Schritte gemacht und begann, die Welt kennenzulernen. Meine ersten Erinnerungen, das erste Lachen und das erste Weinen sind dort geboren.
Ich habe mich immer gefragt:
Sind diese Erinnerungen das, was die Heimat ausmacht oder ist die Heimat auf einen geografischen Ort begrenzt, der zufällig entstand?
Wäre es nicht möglich, dass ich an einem anderen geografischen Ort geborgen worden wäre?
Heimat ist der Ort, in dem Sie geboren und aufgewachsen sind. Naja, das stimmt von einem Blickwinkel, aber von einem anderen ist die Definition von Heimat, der Ort, wo man stark und einflussreich ist, wo man respektiert wird und frei ist.
Das, was ich auch in meiner neuen Heimat brauche.
Im Gegenzug ist meine Rolle, die neue Heimat zu respektieren und meine Pflichten ihr gegenüber zu erfüllen.
Jetzt sehe ich es so, dass ich zwei Heimaten habe: Syrien und Deutschland.

 
 
 
 
 
 

Heimat ist der Ort, an dem ich mich geborgen fühle

 
 
 
 
 
 

In meinem Kopf gibt es einen neuen Krieg

Es war einmal eine wunderbare schöne Heimat: Syrien. Obwohl der Krieg alles zerstört hat, finde ich sie bis jetzt am schönsten auf dieser Welt.
Wir sind ja nach Deutschland gekommen, um vor dem Tod zu flüchten und zu leben. Die Kriegshändler haben uns gezwungen, unsere Heimat zu verlassen. Deswegen sind wir hier. Dort in Syrien sind wir geboren und aufgewachsen, dort gibt es alles: meine Eltern, mein Haus, meine Geschwister, meine Freunde. Dort gibt es mein Wesen. Für mich bedeutet das: Dort gibt es das Leben.

Hier kann ich leider nicht normal leben. In meinem Kopf wohnen Erinnerungen, die schönen Erinnerungen: das Lächeln meiner Eltern und die Träume, die zu verwirklichen ich mir erträumte. Die unheimlichen Erinnerungen wie der Lärm des Krieges.
In meinem Kopf gibt es einen neuen Krieg, zusätzlich zu dem Krieg in meinem Land. In meinem Kopf gibt es einen großen Konflikt zwischen dem Geschrei, dem Weinen, dem Lächeln, dem Optimismus, der Hoffnung … einen Konflikt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. (Ich versuche immer, sie zu vergessen, damit ich im anderen Land leben kann).
Als Kind träumte ich davon, nach Deutschland zu gehen, aber ich wusste nicht, dass man weit von seiner Heimat entfernt nicht leben kann.
Wir wissen nicht, ob wir unser Land noch einmal sehen werden.
Oft denke ich, dass ich dorthin zurückgehe, aber im letzten Moment rücke ich davon ab, weil der Tod dort auf mich wartet.
Deutschland ist mein zweites Zuhause.
Entschuldigung, ich kann nicht „Deutschland ist meine zweite Heimat“ sagen, weil die Heimat nur eine ist.
Ich mag viele Sachen in Deutschland, wie die Sicherheit und die Menschen, die sehr freundlich und nett sind.
Wenn ich ein syrisches Kind sehe, das mit seinem Vater alleine nach Deutschland kam und dessen Mutter und Schwester in Syrien blieben, weil der Vater sie nicht mitbringen konnte und ein paar neue Gesetze ihnen die Familienzusammenführung verbieten, dann fühle ich mich sehr traurig.
Diese Menschen finden, dass es besser wäre, mit ihrer Familie in ihrer Heimat zu sterben, anstatt mit dieser Situation zu leben. Es gibt viele, die in ihr Land zurückgekehrt sind.

Wisst Ihr jetzt, warum wir traurig sind?
Nur aus diesen Gründen, nicht mehr. Trotzdem lächeln wir und machen Spaß. Weil wir die Hoffnung haben, dass das Recht und die Gerechtigkeit gewinnen werden.

 
 
 
 
 
 

Heimat ist der Ort unserer Vergangenheit, unserer Erinnerungen

 
 
 

 
 
 

Damaskus

Meine Stadt ist sehr alt und sie hat schöne Restaurants und schmale Straßen. Wenn ich morgens aufstehe, höre ich die Vögel laut singen und sehe die Leute zur Arbeit gehen.
Der Duft von Gewürzen liegt in der Luft, wenn ich frühstücke, umgeben von grünen Bäumen. Damaskus duftet köstlich. Nach Rosen und Jasmin.
Nachmittags machen wir einen Spaziergang in die Altstadt oder wir sitzen auf einem Berg und beobachten die Vögel in der Nacht.
Jeden Tag haben wir etwas anderes vor.
Will ich über meine Heimat reden, brauche ich ein Jahr.

 
 
 

Als Kind träumte ich davon, nach Deutschland zu gehen

 
 
 
 

Die Fremden

Viele Menschen verlassen ihre Heimat. Sie nehmen kleine Koffer mit, die nur wenige Kleidungsstücke, einige Sachen, was sie in ihrem Lebensalltag brauchen, und Hoffnung auf ein besseres Leben enthalten. Während sie noch mit dem Kofferpacken beschäftigt sind, denken sie besorgt an die Schwierigkeiten und die Probleme, auf die sie vielleicht auf dem Weg stoßen. Das Gefühl der Fremdheit dauert für sie in diesem Moment nur kurze Zeit. Diese Zeit wird vergehen und sie werden wieder zurückkommen. Nur die Familie fühlt den Trennungschmerz, bevor die Trennung kommt. Das merkt man an den Handlungen der Familie, an ihren Tränen. Wenn die Auswander und Vertriebenen wenige Meter vor den Grenzen sind, fühlen sie wie Kinder, die dem Schoß ihrer Mutter entrissen werden.
Mit dem ersten Schritt überschreiten sie die Grenzen, plötzlich fühlen sie, dass jemand auf sie geschossen hat. Er hat nicht ihre Körper, sondern ihre Seelen getötet und sie werden Waisen und alleine sein. Das Gefühl, ein Waise und nackt zu sein, wird sie in ihrem Leben lange begleiten und sie werden es in den Blicken, mit denen die Menschen sie betrachten, ihn ihren Augen, sehen.
Sogar, wenn sie Familien gründen, Arbeit finden oder Häuser kaufen, bleiben sie die Fremden.
Der Krebs tötet die Patienten qualvoll und leise. Das Gefühl des Fremdheit und das Heimweh sind die Krebserkrankung der Fremden. Sie sterben und leiden still. Tagsüber verstecken sie das unter Lächeln und Stolz, nachts trauern sie alleine. Wenn man seine Mutterheimat verlässt, verurteilt man sich selbst zum Tode, ohne es zu wissen und wird ein Mensch ohne Heimat.
Ohne Heimat zu sein, bedeutet, dass du in der Fremdheit lebst. Du fühlst noch im neuen Land, das du ein Fremder bist. Im Haus deiner Mutter hat man sich an deine Abwesenheit gewöhnt, lebt ohne dich weiter. Du wirst eine Tages als Eindringling zurückkommen. Du wirst ein Fremder in beiden Heimaten sein.
Einige Menschen versuchen, dich in der Fremde zu trösten. Sie sagen, dass sie verstehen, was du durchmachst. Das basiert natürlich auf ihrem Prinzip der Humanität. Die Menschen in deiner Heimat glauben, dass du glücklich bist. Das basiert in Wahrheit auf ihrem Leid.

 
 
 
 

In meinem Kopf wohnen Erinnerungen

 
 
 
 

Das neue Leben

Ich bin seit vor einem Jahr nach Deutschland gekommen. Ich habe hier ein neues Leben angefangen. Ich fühle mich sehr schwach und habe immer Angst. Manchmal fühle ich mich einsam.
Ich denke immer an mein altes Leben. Ich kann nicht vergessen.
Ich versuche, neue Menschen kennenzulernen und ich suche eine neue Wohnung mit guten Nachbarn. Ich finde die Menschen in Deutschland sehr nett. Doch einige von ihnen haben Angst vor uns.
Ich lerne auch eine neue Sprache. Ich wünsche mir auch, eine gute Arbeit zu finden. In Syrien war ich Tontechniker.

 
 
 
 

Heimat ist der Ort, an dem meine Familie, meine Verwandten und Bekannten sind.

 
 
 
 

Ali

Ich komme aus einem Land, das früher die Wiege der Zivilisation war. Und in seiner Hauptstadt bin ich aufgewachsen. Der ältesten Hauptstadt der Welt, seit 6000 Jahren bewohnt, von 33 Zivilisationen und drei Weltreligionen geformt: Damaskus.
In Damaskus verbrachte ich die glücklichsten Tage meines Lebens. In ihren Schulen und an ihrer Universtität lernte und studierte ich. Dort habe ich meinen besten Freund, Ali, kennengelernt. Wir begegneten uns in der Realschule, und seit damals waren wir beste Freunde. Zusammen haben wir gute und schlechte Tage verbracht. Ali war immer für mich da.
Ich hätte nie gedacht, dass wir eines Tages getrennt sein würden. Doch der Krieg begann und zwang uns zu Dingen, die wir nicht machen wollten: Ich musste meine Lieblingsstadt, meine Erinnerungen, meine Familie und Ali verlassen und suche nun eine neue Heimat. Weit weg von dem Blut und den sinnlosen Kämpfen. Ich bin nach Deutschland gezogen, und hier will ich dieses neue Leben anfangen.

 
 
 
 

Plötzlich werden simple Sachen wichtig und bekommen besondere Bedeutungen in unserem Leben in der Fremde.

 
 
 
 

Alle Deutschen sind fleißig

Bevor ich nach Deutschland kam, kannte ich natürlich einige Klischees über die Deutschen:

1. Die Deutschen sind sehr fleißig.
2. Die Deutschen sind pünktlich.
3. Die Deutschen engagieren sich für ihre Ämter und Aufgaben.
4. Sie sind sehr gut in vielen Sportarten.
5. Jeder in der Welt kennt deutsche Autos und Maschinen.
Die Deutschen sind die erfolgsreichsten Autoingenieure.
6. Ich bewundere Nietzsche und Kafka. Patrick Süskind und natürlich Goethe.
7. man dachte, dass die Deutschen nicht feiern und dass sie keinen Sinn für Humor haben.

 
 
 
 

Ein Kopftuch kann ein Stück Heimat sein.

 
 
 
 

Die deutsche Maschine

Als ich in Syrien war, habe ich immer von Deutschland gehört. Und immer wenn man über Deutschland redet, fällt ein Wort: die deutsche Maschine. Seitdem ich nach Deutschland gekommen bin, verstehe ich die Bedeutung dieses Wortes.
Die Leute sollen wie eine Maschine sein, damit sie hier leben können. Der Mensch hier kennt nur die Arbeit. Und auch die deutsche Mannschaft ist wie eine Maschine.
Das ist gut. Aber ich bin der Meinung, dass das Leben nicht nur Arbeit ist.

 
 
 
 

Es gibt jetzt alles in Deutschland. Es kam mit den Flüchtlingen.

 
 
 
 

Was ist Heimat?

Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl. Ich bin in irgendeinem Land geboren und aufgewachsen. Es gilt seit langer Zeit als meine Heimat. Dort habe ich meine ersten Schritte geschafft, und ich begann, die Welt kennenzulernen.
Meine ersten Erinnerungen, das erste Lachen und das erste Weinen sind dort geboren. Ich habe mich immer gefragt, ob diese Erinnerungen meine Heimat ausmachen oder ob Heimat auf eine geografische Stelle begrenzt ist? Die zufällig gebildet wird? Ist es nicht möglich, dass ich an einer anderen geografischen Stelle hätte geboren werden können?
Viele denken, dass die Heimat der Ort ist, in dem sie geboren und aufgewachsen sind. Naja, das könnte von einem Gesichtspunkt her wahr sein, aber von einem anderen Gesichtspunkt betrachtet, ist die Definition von Heimat, der Ort, wo man stark, einflussreich, frei ist und respektiert wird.

 
 
 
 

Einige Menschen versuchen, dich in der Fremde zu trösten.

 
 
 
 

Die Bananenschale

Auf dem Rückweg nach Hause gingen mein Onkel Youssef (47) und sein Sohn (20) durch eine ruhige Straße mit vielen aneinandergereihten Hochhäusern, auf der gegenüberliegenden Straßenseite war eine große Waldwiese.
Vor einem Haus stand ein Lastwagen, und ein paar Männer trugen Möbel ins Haus.
Als sie sich dem Lastwagen näherten, sah mein Onkel eine Bananenschale am Boden liegen und hob sie auf, damit keiner der Möbelpacker darauf ausrutschen und sich verletzen konnte.
20 Meter weiter warf er die Bananenschale in die Waldwiese, weil er keinen Mülleimer fand.
Plötzlich hörten die beiden ein lautes, drohendes Gebrüll: „Bei uns wirft man nix auf Straße“, riefen die Umzugshelfer aus dem Balkan in gebrochenem Deutsch.
Wenig eingeschüchtert, weil beides groß und kräftige Männer sind, holten sie die Bananenschale aus dem Gebüsch heraus, liefen zurück zu den mittlerweile kompletten Umzugsduo und warfen die Schale den wütenden Männern zwischen die Füße. „Entsorgt euren Müll gefälligst selbst“, brüllte mein Onkel jetzt zurück.
„Die Bananenschale ist von mir“, sagte der kleinere der Gruppe nun ganz kleinlaut und dass es ihm leid täte.
Rasch war das Missverständnis aufgeklärt, nach einem kurzen und entspannten Geplauder trennten sie sich friedlich.

 
 
 
 

Alle Deutschen sind fleißig.

 
 
 
 

Es war einmal

Vor anderthalb Jahren habe ich meine Heimat verlassen. Der Krieg hat sie und mich auseinandergerissen – und ich wurde ein Flüchtling.
Eine schwierigere Entscheidung musste ich vorher noch nie in meinem Leben treffen. Als ich aufgewachsen bin, hatte ich nie gedacht oder erwartet, dass ich eines Tags mein geliebtes Damaskus verlassen würde. Damals hatte ich nur schöne Träume und viele Ziele.
Ich erinnere mich an die Tage an der Uni, als ich mich mit meinen Freunden verabredete und unsere Treffen voller Lachen und jugendlicher Träume und Zukunftspläne waren. Ich selbst träumte immer davon, mein Studium abzuschließen. Danach fängt mein Berufsleben an und geht weiter, bis ich ein erfolgreicher Finanzmanager bin. Dann gründe ich meine eigene Firma. Und vielleicht würde ich eines Tages ein Buch schreiben. Wohingegen Lesen mein Hobby ist: Philosophie, Romane und Geschichte haben mich immer interessiert.
Die Wochenenden waren der Familie gewidmet. Jeden Samstag machten wir ein Picknick oder besuchten unsere Verwandten.
Das Leben verlief sehr gut. Genauso wie ich es mir wünschte.
Aber das Schicksal hat sich geändert. Es beschloss, uns zu bestrafen. Bis jetzt verstehe ich nicht, warum, obwohl ich mich immer wieder gefragt habe.
Viele Antworten habe ich gefunden oder erfunden, aber keine von ihnen hat mich davon überzeugt, dass es irgendeine Sünde auf dieser Welt gibt, die diesen ganzen Schmerz und diese Tragik verdient hätte. Der Krieg kam und hat Depression und Traurigkeit mitgebracht. Er stahl unsere Träume und zerstörte unsere Leistungen.
Es war einmal … Bevor ich gezwungen wurde, ein Flüchtling zu werden, war ich ein Mensch mit Leben, Träumen, Arbeit, Familie …. Genauso wie jeder andere Mensch auf dieser Welt.

 
 
 

Tagsüber verstecken sie das unter Lächeln und Stolz, nachts trauern sie alleine.

 
 
 

Deutsch sprechen

Einmal begegnete mir eine junge Frau mit einem Hund. Ich versuchte, mit ihr auf Deutsch ins Gespräch zu kommen. Ich suchte aufgeregt nach Worten und sagte: „Du bist ein schöner Hund.“

Die Frau schaute mich an und fragte: „Was?“
Ich wiederholte: „Du bist ein schöner Hund.“
Da gingen Frau und Hund schnell weiter.

 
 
 
 

Heimat ist der Ort, an dem ich meine Würde behalte.

 
 
 
 

„Flüchtling“

Ich möchte gerne über mein Leben sprechen.

Ich bin in Syrien geboren. Als ich ein Kind war, war mein Problem: Wann kann ich spielen? Ich habe immer meine Hausaufgaben schnell gemacht, damit ich meine Freunde treffen kann. Obwohl wir laut gesprochen haben, haben sich meine Nachbarn nicht geärgert. Die Leute waren glücklich.

Als ich erwachsen geworden bin, hat der Krieg in meinem Land angefangen. Im Krieg bin ich zur Universität gegangen und konnte mein Studium beenden. Danach konnte ich nicht mehr in meiner Heimat bleiben. Deswegen habe ich beschlossen, nach Deutschland zu gehen.

Als ich nach Deutschland kam, habe ich mir gesagt, dass ich an meine Zukunft denken sollte. Aber es gab immer ein Hindernis: das Wort „Flüchtling“. Es ist das schwerste Wort für mich.

Einige Leute halten uns für schlechte Menschen, einige glauben, dass wir ignorant sind. Aber wir sind nicht gleich. Es gibt schlechte und gute Flüchtlinge und die besseren sind in der Mehrzahl.

Bis jetzt versuche ich, mich und mein Land so gut es ist, darzustellen. Ich verbessere mein Leben, um mein Ziel zu erreichen.

Am Ende sage ich, dass meine Heimat in meinem Herzen bleibt.

 
 

 

 

Wisst Ihr jetzt, warum wir traurig sind?

 
 

 
 
 

Jeder träumt von einer besseren Heimat

 

Niemand ist ohne Heimat geboren. Jeder hat das Recht, in seiner Heimat zu bestimmen, wie er sein Leben lebt.
Mensch ist Mensch. Es soll keinen Unterschied innerhalb der Gesellschaft geben. Jeder ist ohne Kleidung geboren. Wir sind alle gleich. Wir waren Kinder und haben Fußball gespielt, sind in die Schule gegangen. Als Kinder haben wir uns geliebt und haben niemanden gehasst. Als wir Kinder waren, haben wir gelernt, dass die Heimat am wichtigsten in unsererem Leben ist.
Und als wir Erwachsene geworden sind, haben wir alles vergessen.
Wir werden uns töten und unsere Heimat zerstören. Unsere Kultur haben wir verloren. Jetzt gibt es auf der Welt viele Flüchtlinge. Viele Menschen ohne Heimat. Viele schlafen, ohne etwas zu essen. Viele haben kein Dach über dem Kopf. Wir werden uns töten, statt uns zu helfen.
Und das alles, weil einige Leute daran interessiert sind, Krieg zu führen.
Jeder träumt von einer besseren Heimat. Heimat erhält unsere Rechte. Es gibt keine schlechte Heimat, aber einige Menschen in ihr sind schlecht.
Jeder möchte eine Familie gründen, seine Würde behalten.
Wir sind alle gleich, und wir haben den gleichen Gott. Und wir sollten versuchen, zufrieden zu werden.

 
 

 

Mit freundlicher Unterstützung durch den
Bremer Senator für Kultur

 

 

 

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