Oktober 2021

Heimat:Sprache / Geschichten aus der Düne
 

Nach pandemiebedinger halbjähriger Pause konnten wir endlich unser Schreibprojekt weiterführen bzw. zum Abschluss bringen.
Vielen Dank an die Teilnehmerinnen, an die Bewohnerinnen und Bewohner der Grohner Düne – und an Christian Ganske und Lirije Cesmedi für die großartige Unterstützung!

Das Projekt konnte dank einer Förderung durch den Senator für Kultur Bremen realisiert werden

 
 

Şükriye

Im Sommer ist das hier ein Paradies

Als mein Papa noch in der Grohner Düne wohnte, ging er jeden Tag spazieren. Zwei, drei Mal am Weserufer entlang, an der Gläsernen Werft vorbei. Er forderte mich immer auf, es ihm gleich zu tun. Und ich antwortete ihm: „Das ist leicht gesagt: Du muss nicht mehr arbeiten, keinen Haushalt führen, keine Kinder versorgen. Du bist Rentner und hast Zeit.“
Heute wohnt mein Vater in Aumund, das ist ihm etwas zu langweilig. Nicht wie hier, wo es das Einkaufszentrum Haven Hövt mit Cafés und Läden gab. Dort trafen sich, besonders im Winter, die Älteren zum Kaffee und gemeinsamen Plausch. Viele Bewohner der Grohner Düne kennen sich schon seit langer Zeit.
Das Einkaufszentrum ist nun wegen Corona geschlossen. Ich kaufe jetzt meistens auf dem Vegesacker Markt ein, den man erreicht, wenn man die Brücke hinter dem Einkaufszentrum überquert. Der Markt findet samstags statt, dann habe ich auch Zeit.

Unter der Woche arbeite ich im Bewohnertreff „Dünenwind“. Dort organisiere ich die täglichen Belange und kümmere mich um die Anliegen der Bewohnerinnen und Bewohner. Außer Deutsch spreche ich Kurdisch, Türkisch und etwas Arabisch.
Als ich 10 Jahre alt war, ist meine Familie aus der Türkei nach Berlin geflüchtet. 1996 zogen wir dann nach Bremen. Seitdem lebe ich in der Grohner Düne.
Meine Kinder haben verschiedene Richtungen eingeschlagen: ein Sohn macht gerade eine Ausbildung zum Maschinenführer. Er steht jeden Morgen um 4 Uhr auf, macht sich fertig und dann fährt er mit der Vegesacker Fähre auf die andere Seite der Weser zu seinem Arbeitsplatz in Delmenhorst. Sein Arbeitstag beginnt um 6 Uhr. Mein anderer Sohn ist Industrieelektriker. Meine Tochter studiert an der Bremer Uni Jura. Sie möchte Rechtsanwältin werden. Meine ältesten Söhne sind beide selbständig.

In der Nähe des Fähranlegers finden übrigens ein, zwei Mal im Sommer Konzerte statt. Dann kommen viele Menschen aus Bremen Nord, aber auch aus der Stadt hierher. Manche tanzen sogar zur Musik.
Zwei Mal im Jahr gibt es auch einen riesigen Flohmarkt: vom Haven Hövt bis zur „Gläsernen Werft“ reihen sich die Stände aneinander. Privatleute verkaufen ihre Waren, auch Bewohner der Grohner Düne. Das ist immer eine ganz besondere Atmosphäre.
Und ein Mal im Jahr hält hier ein großes, zweistöckiges Schiff, die „Ozeana“ und lässt die Leute kostenlos an Bord. Einmal war ich auch dabei und fuhr die Weser entlang bis in die Stadt und wieder zurück.

Im Sommer ist das hier ein Paradies, besonders der Stadtgarten: Manchmal lege ich mich auf die Wiese und ruhe mich aus. Viele Leute bringen ihr Essen und Getränke mit und treffen sich draußen. Im Stadtgarten gibt es ein Mosaik, an dem auch meine Tochter mitgewirkt hat.
In der Natur kann man die Seele baumeln lassen. Ich bin ein Bauernkind. Wenn ich durch den Stadtgarten gehe, bin ich glücklich. Hier wachsen Mirabellen, Birnen und Walnüsse und Kürbisse. Sogar Schnittlauch. Dass die Menschen die Früchte und Kräuter ernten, ist auch für die Bäume gut. So haben wir alle etwas davon.

Manchmal beobachte ich im Sommer mit meinem Vater auf einer Bank an der Weserpromenade den Sonnenuntergang. Das ist wie Urlaub. Die Jugendlichen sitzen am Schiffsanleger und spielen „Mensch ärgere dich nicht“. Einmal fand ich ein Portemonnaie auf dem Fähranleger und konnte den Jungen ausfindig machen, der es verloren hatte. Und mein Vater verlor sein Portemonnaie, als er mit seinen Freunden auf dem Fähranleger Karten spielte. Ein afrikanischer Mann fand es und gab es bei der Polizei ab.

Zu Vegesack gehören natürlich auch die Möwen. Man schaut ihrem Flug zu und denkt, dass sie besser handeln, als der Mensch, der so viel zerstört.

Wenn mir jemand sagt „Geld regiert die Welt“, dann antworte ich ihm: „Die Augen sind größer als der Magen.“ Oder: „Geld kommt und geht, aber wenn die Seele weg ist, kehrt sie nicht mehr wieder zurück.“ Geld ist gedrucktes Papier. Was am Ende bleibt, sind Respekt und Freiheit.
In meiner kurdischen Sprache gibt es noch mehr Sprichwörter. Zum Beispiel: „Die Zeit vergeht, aber wir Menschen lernen nichts dazu.“

 
 

Lirije

Schöne Bilder

Als ich 2001 aus dem Kosovokrieg nach flüchtete, ahnte ich noch nicht, wie sehr mir Vegesack einmal zur zweiten Heimat würde. Der Anfang als alleinerziehende Mutter ohne Sprachkenntnisse war nicht leicht. Doch ich habe immer weitergekämpft, damit meine Tochter und ich ein gutes Leben in Sicherheit haben. Heute arbeiten wir im gleichen Beruf: als Familienhelferin.
Vom ersten Tag an in Deutschland war mein Ziel: Ich will mein eigenes Geld verdienen. Wo kann ich arbeiten? Denn nur wer sein eigenes Geld verdient, ist frei.
Meine Erfahrungen gebe ich an die Frauen weiter, mit denen ich arbeite. Unter anderem in der Grohner Düne.

In meiner Heimat wurde ich immer diskriminiert: in der Schule, auf der Straße, überall. Trotzdem habe ich meine Schule beendet. Und später als Politikerin meine Roma unterstützt. Deshalb sind in meiner Stadt alle integriert und haben einen Universitätsabschluss.

Ich liebe Vegesack und Bremen Nord, denn ich habe hier noch nie Diskriminierung erfahren. Ich erzähle den Menschen, die ich treffe, dass ich eine Roma bin und sie antworten: „Für mich bist du ein Mensch.“
Mir ist es wichtig, Menschen respektvoll zu behandeln und nach den Gesetzen des Landes zu leben, das mich aufgenommen hat. Diese Werte vermittle ich auch anderen. Wenn ich sehe, wie jemand etwas auf den Boden fallen lässt, sage ich ihm, er soll es bitte wieder aufheben und in einen Papierkorb werfen.

Bremen Nord ist wundervoll. Überall gibt es schöne Bilder: die Weser, die Lesum, der Park … und fährt man mit der Fähre nach Lemwerder, hat man ein weiteres großartiges Bild: Am Ufer steht eine Bank umgeben von orangenen langstieligen Blumen. Von dort hat man die Sicht auf die Vegesacker Silhouette mit der Grohner Düne auf der einen und den alten Kapitänshäusern auf der anderen Seite über dem Park.

Einmal fuhr ich mit einer Gruppe Kinder nach Lemwerder. Auf der Fähre waren sie ganz aufgeregt, weil sie zum ersten Mal auf einem Schiff waren. Sie haben gesungen und gelacht und die Überfahrt sehr genossen.
Mit den Frauen habe ich schon viele Ausflüge unternommen, z.B. nach Bremerhaven mit dem Schiff oder nach Hamburg. Einmal sind wir mit der Fähre nach Lemwerder gefahren, gingen am Weserufer spazieren und hatten Essen und Getränke für ein Picknick dabei. Wir haben gesungen, getanzt und gelacht. Die Menschen, die wir unterwegs trafen, waren sehr freundlich.

Es gab noch einen weiteren Ort, der mir gut gefiel: Haven Höövt. Leider wurde das Einkaufszentrum abgerissen. Mit Haven Höövt verbinde ich schöne Momente: dort haben wir Frauen uns manchmal getroffen. Es gab Geschäfte und Cafés. Vom Fenster aus konnte man die Schiffe sehen, die im Museumshafen liegen.

Ich glaube, man braucht immer schöne Bilder, um den Alltag gut zu meistern. Ich habe kein Auto, sondern bin mit den öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs. Die Busverbindungen hier sind übrigens sehr gut. Wenn ich unterwegs bin, hole ich mein Handy aus der Tasche und betrachte die Fotos, die ich gemacht habe: meist sind es Blumenmotive, fast immer die Natur.

Ich mag Bremen Nord – Vegesack und Blumenthal – auch aus einem weiterem Grund: In Bremen Nord ist es ruhig, hier passiert nichts. Doch es ist immer etwas los.

 
 

Hind

Zuhause in Vegesack

In Syrien habe ich 15 Jahre als Krankenschwester in einem Krankenhaus gearbeitet. Wegen des Krieges musste ich mit meinen Kindern flüchten. Nun leben wir seit sechs Jahren hier in der Grohner Düne in Vegesack, das uns zur zweiten Heimat wurde.
Ich finde, wir haben großes Glück, denn wir wohnen im 8. Stock.
Wenn ich Zeit habe, sitze gerne am Fenster. Mein Blick fällt auf Bäume und Blumen. Und natürlich aufs Wasser, auf die Lesum und auf die Weser, die hier viel breiter ist als im Zentrum Bremens. Ich sehe die großen Schiffe vorbeiziehen. Sie fahren nach Bremerhaven. Von dort wanderten früher viele Menschen aus. Sie verließen Deutschland Richtung Amerika.
Auf der anderen Seite der Weser liegt Lemwerder. Dort beginnt Niedersachsen. In Lemwerder gibt es große Werften, in denen Schiffe gebaut und repariert werden.
Bis vor kurzem lag das Schulschiff Deutschland in Vegesack vor Anker.

Unsere Fenster ermöglichen den Blick in die Welt. Einen schönen Blick.
In erster Linie aber fühle ich mich hier so wohl, weil hier alles in der Nähe ist, was wir zum Leben brauchen: die Schulen meiner Kinder, Geschäfte zum Einkaufen, die Krankenkasse und der Bewohnertreff „Dünenwind“, in dem ich täglich von 8 bis 12 Uhr arbeite.

Nachmittags walke ich von zu Hause Richtung Fußgängerzone und dann hinunter ans Weserufer. Meine Tour dauert im Schnitt 45 Minuten. Die Reeder-Bischoff-Straße ist meine Lieblingsstraße. Sie ist ruhig und sauber, genauso wie die Fußgängerzone, die im Sommer von den Gästen der Cafés belebt wird.
Unterwegs begegne ich oft Menschen aus der Nachbarschaft. In der Grohner Düne bin ich mit meinen Nachbarinnen befreundet. Sie kommen aus allen möglichen Ländern, auch aus Syrien und der Türkei. Unsere Kinder spielen zusammen.
Eine andere Freundin habe ich im Deutschkurs kennengelernt. Sie ist wie ich aus dem Krieg in Syrien nach Bremen geflüchtet. Wir unterhalten uns auf Arabisch, weil wir uns so alles besser mitteilen können.
Meine Kinder können sich in beiden Sprachen gut verständigen: auf Arabisch und Deutsch. Sie lernten im Kindergarten und in der Schule Deutsch.

Ich bin hier sehr glücklich. Auch über das Wetter: Dieser Sommer ist für mich besonders angenehm, denn ich mag frische, kühle Luft lieber als Sonne. Und am allerschönsten finde ich Regen oder Schnee.

 
 
Alissa

Zur Ruhe kommen

Hier auf dieser Bank im Stadtgarten kommt mein Kopf zur Ruhe. Zu Hause habe ich sehr viele Gedanken, viel Stress. Weil ich krank bin und eins meiner Kinder auch.
Hier fühle ich mich sehr wohl. Alles ist sauber und die Luft so frisch.
Mein Blick wandert zu den wunderschönen Rosen. Rosa und rote Rosen mag ich am liebsten.
Wenn ich meine Augen schließe, höre ich, wie die Blätter der Bäume im Wind rascheln. Als wollten sie uns etwas erzählen.
Ich beobachte, wie ein weißer Schmetterling durch das Blütenmeer fliegt. Am Salbei vorbei. Ich liebe den Duft des Salbeis.

In meiner Heimat Mazedonien gibt es solch eine üppige Natur nicht. Dort ist alles karg. Und bergig.
Hier am Wegesrand wachsen drei verschiedenen Liliensorten in einem Beet: gelbe, orange und rote Lilien. Die roten gefallen mir am besten. Ich mache ein Foto von ihnen.
Im Park leben verschiedene Vogelarten. Ich beobachte sie gerne, aber noch lieber lausche ich ihrem wunderschönen Gesang. Vor dem Einschlafen höre ich abends oft die Vögel zwitschern. Das beruhigt mich.

Die Weser ist immer in Bewegung. Wenn ich vom Ufer aus hinunter ins Wasser schaue, wird mir schwindelig. Lasse ich meinen Blick über das Wasser in die Ferne schweifen, fühle ich mich frei. Die Sonne lässt die kleinen Wellen glitzern und funkeln. Als würden sie tanzen.
Früher wusste ich gar nicht, wie viel Freude es macht, im Wasser zu sein. Dann habe ich in einem See in Burg mit einem Frauenkurs schwimmen gelernt. Zuerst hatte ich Angst, dann aber merkte ich, wie schön es ist.

In der Weser darf man natürlich nicht schwimmen. Weil es wegen der starken Strömung und dem Schiffsverkehr viel zu gefährlich wäre.
2018 fuhren wir mit einem großen Boot von der Schlachte nach Bremerhaven. An Bord waren nur Frauen, hauptsächlich aus Vegesack und Umgebung. Wir saßen draußen auf dem Schiff, unterhielten uns, lachten und waren sehr glücklich.
Für mich war es das erste Mal, das ich auf einem Schiff saß.
Vom Wasser aus sahen wir die Vegesacker Silhouette an uns vorübergleiten: die Hochhäuser der Grohner Düne, das Schulschiff Deutschland, den Stadtgarten, Lemwerder, die Werft …
Es fühlte sich ganz anders an, als mittendrin zu sein. Wie eine Auszeit.
Auf einmal begann es zu regnen und wir wurden klatschnass. Aber das war kein Problem. Wir hatten trotzdem viel Spaß und ließen uns von der Sonne trocknen.

 
 

Sevda

Draußen sein

Abends gehe ich gerne an der Weser spazieren. Ich genieße die frische Luft, das satte Grün der Bäume, die schönen Plätze. Die Straßen in Vegesack sind sauber und gemütlich. Sie strahlen Ruhe aus.
Jeden Morgen, nachdem ich mein Kind zur Schule gebracht habe, gehe ich am Fluss entlang. Manchmal verabrede ich mich mit Freundinnen auf einen Spaziergang.
Wenn ich die Schiffe auf der Weser sehe, fühle ich mich wie im Urlaub. Dazu der Duft der Blüten … Ich liebe diesen Ort sehr.

 
 

Fanan

Heimat

Ich lebe seit 33 Jahren in Vegesack, davon habe ich 18 Jahre in der Grohne Düne gewohnt. Wir haben hier sehr schöne Zeiten verbracht. Im Innenhof konnten wir Freunde treffen, die hier auch leben. Unsere Kinder haben miteinander gespielt.

Wenn es warm war, machten wir an der Weser Picknicks oder trafen uns dort zum Spaziergang. Auch der Innenhof der Grohner Düne war ein wunderbarer Ort für Picknicks. Früher, bis vor zwei Jahren, gab es dort nämlich Bänke. Und viele Menschen, die auch Albanisch sprachen.
Ich habe regelmäßig an den Frauentreffs mit Lirije Cesmedi teilgenommen. Da konnten wir uns gut unterhalten und austauschen. Am Frauentag, Muttertag oder wenn jemand Geburtstag hatte, feierten wir zusammen.
Auch wenn ich heute in Schönebeck wohne, freue ich mich, dass wir immer noch Kontakt zur Grohner Düne haben und uns hier mit den anderen Frauen an gemeinsame Erlebnisse erinnern können. An schöne Zeiten.
Wenn eine von uns Frauen Hilfe braucht, sind wir für einander da.
Ich lebe gerne in Bremen Nord. Vegesack ist seit meinem 6. Lebensjahr meine Heimat.
Ich finde die Vegesacker Fußgängerzone sehr schön. Und natürlich die Weser und die Lesum. Dort gehen meine Kinder zur Schule.

 
 

Adilisa

Von Schafen und Sprachen

Ich gehe in die „Schule am Wasser.“ Ich mag Mathematik, Sport, Deutsch … alle Fächer. Meine Freundinnen sind in der gleichen Klasse wie ich.
Einmal haben wir mit einem Teil unserer Klasse einen Spaziergang zu den Schafen gemacht. Es war ein heißer Tag und die meisten Schafe dösten am Deich. Ein Schaf aber hat sich in den Schatten unter einen Baum gesetzt.

Schafe kann man auch essen. Und sie schmecken lecker.

Auf Albanisch heißt Schaf „Kinxhi“. Es wird anders geschrieben. Im albanischen Alphabet gibt es mehr Buchstaben als im deutschen.
Schule am Wasser heißt auf Albanisch Skola en uj. Das wird auch mit anderen Buchstaben geschrieben, die wir im Deutschen nicht haben. Wenn meine Mutter Albanisch redet, verstehe ich, was sie sagt. Ich möchte gerne Englisch und Französisch lernen.

 
 
 
 

02.12.20

 
WIR SIND!

Ein interkulturelles, stadtteil- und kunstspartenübergreifendes Projekt

 

Bei weit geöffneten Fenstern und Abstand, eingehüllt in dicke Wintermäntel und Schals, konnten wir unsere geplante Schreibwerkstatt zu den starken Frauen erfreulicherweise realisieren.

Wir danken dem Senator für Kultur Bremen und der Gewoba für die freundliche Unterstützung, dem Bürgerzentrum Neue Vahr für die nette Gastfreundschaft.

 
 

Shiva

Neubeginn
 

Ich bin vor anderthalb Jahren mit meiner Tochter nach Deutschland geflüchtet. Deutsch habe ich mir alleine beigebracht. Sieben Stunden täglich lernte ich neue Vokabeln und Grammatik und machte die Übungen in meinem Buch.
Zwischendurch spielte ich mit meiner Tochter. Wir spielten zusammen mit ihren Puppen und wir malten. Meine Tochter war meine Lehrerin: Sie malte etwas auf ihre Tafel, zum Beispiel einen Baum, und ich sollte ihren Baum abzeichnen.
Am Ende gab es in unserem Leben viele große Sonnen, einen riesigen Wald voller Laubbäume, eine duftende Blumenwiese und Wolken in verschiedenen Formen: Am Himmel unserer Wohnung flogen Luftballons, Wasserballons, Giraffen, zwei große Elefanten, graue Mäuse, Telefone und Orangen.
In meiner Heimat hatte ich als Zahnärztin gearbeitet. Mein größter Wunsch ist es, hier in Deutschland eine eigene Praxis zu eröffnen. Dafür muss ich zwei Prüfungen in Zahnmedizin auf Deutsch ablegen und zwei Jahre in einer Zahnarztpraxis mitarbeiten.
Die Voraussetzung dafür ist allerding meine bestandene B2-Prüfung . Mit meinem Zertifikat und den Zeugnissen aus meiner Heimat kann ich mir dann von der Ärztekammer meinen Beruf anerkennen lassen und ihn in Deutschland ausüben.

 
 

Habibeh

Mahsume

 
Mein Name ist Habibeh. Ich komme aus Afghanistan. Ich wurde in Bamyan geboren. Als ich zwei Jahe alt war, emigrierte meine Familie in den Iran. Dort wuchs ich auf und heiratete mit 18 Jahren. Jetzt habe ich zwei Söhne und glückliche Zeiten. Seit fünf Jahren leben meine Familie und ich in Deutschland.
Ich möchte Ihnen gerne meine Mutter vorstellen: Meine Mutter heißt Masoumeh. Sie ist 54 Jahre alt und hat acht Kinder: drei Söhne und fünf Töchter. Sie ist in Afghanistan geboren und aufgewachsen. Masoumeh ging in Afghanistan nicht zur Schule. Zu dieser Zeit durften Mädchen die Schule besuchen, aber ihre Familien erlaubten es ihnen nicht, weil sie glaubten, dass Mädchen nicht zur Schule gehen und studieren sollten. Doch Masoumeh gab nicht auf. Von ihrer Mutter lernte sie viele Arten von Handwerk: sticken, stricken, Teppichweberei.
Masoumeh war das älteste von acht Geschwistern. Sie hatte eine Schwester und sechs Brüder. Als Masoumeh 14 Jahre alt war, kaufte ihr Vater ein Grundstück und begann mit dem Bau eines Hauses. Masoumeh half ihrem Vater: Sie malerte, verlegte Fliesen, mauerte die Wände. Sie heiratete mit 17 Jahren und brachte fünf Kinder zur Welt.

In meiner Erinnerung steht meine Mutter steht jeden Morgen um 5 Uhr auf und betet. Danach bereitet sie das Frühstück für ihre Kinder zu. Von 7 – 13 Uhr arbeitet Mahsume zu Hause. Sie knüpft Teppiche für eine Firma. Die Firma liefert die Wolle, aus der Mahsume bunte Teppiche mit Blumen- und Blätterornamenten zaubert. Manchmal helfen meine Schwestern und ich unserer Mutter, die uns die Kunst des Teppichknüpfens beigebracht hat.
Ich knüpfe dann die Konturen der Blätter und Blumen, und meine Schwester füllt sie aus.
Von 14 bis 19 Uhr arbeitet Mahsume als Haushaltshilfe bei verschiedenen Frauen.
Wenn sie nach Hause zurückkehrt, wartet das Essen auf sie, das meine Schwester und ich für die Familie gekocht haben. Nach dem gemeinsamen Abendessen beginnt Mahsumes dritte Schicht: Von 20 – 24 Uhr bestickt sie weiße Kopftücher mit feinem Garn. Vögel, Blumen und Blätter schmücken nun diese besonderen Kopftücher, die von afghanischen Frauen zur Hochzeit oder anderen feierlichen Anlässen getragen werden.Meine Mutter hat ein großes Talent für Handarbeit. Mir persönlich fehlt dazu leider die Geduld.
Mein Vater arbeitete übrigens weit entfernt von unserer Stadt und kam nur einmal in der Woche nach Hause. Deshalb musste sich meine Mutter die meiste Zeit alleine um ihre Kinder kümmern, als wir noch klein waren.

 
 

Muna

Meine Mutter, mein Vorbild

 
Wie stark ist eine alleinerziehende Mutter? Wie stark muss eine alleinerziehende Mutter sein?
Eine starke Frau kann ihr Kind auch ohne Vater großziehen. Die Liebe und Fürsorge, die eine Frau ihren Kindern schenkt, kann Vater und Mutter ersetzen.
Meine Mutter, zum Beispiel, ist mein großes Vorbild. Sie war erst 27 Jahre alt, als mein Vater starb. Ihre Kreativität und Ehrlichkeit sollten meiner Mutter Glück bringen:
Obwohl sie alleinerziehend war, eröffnete sie einen kleinen Laden. Das Besondere war, wie viele Menschen, trotz der großen Konkurrenz, unseren Laden liebten und bald zur Stammkundschaft gehörten. Auch unsere Nachbarn kauften gerne bei uns ein, weil meine Mutter ihr Warensortiment gut organisierte und ihre Produkte immer frisch und günstig waren.
Im Geschäft meiner Mutter gab es zwei Abteilungen: eine für Lebensmittel, z.B. Obst und Gemüse und somalisches Brot. Und eine für Frauenkleidung: Die Abbayas hingen an Bügeln, bunte, lange Kleider mit verschiedenen Musterns wurden gefaltet auf Holztischen präsentiert.
Meine Mutter kämpfte viel, um meinem Bruder und mir ein gutes Leben zu ermöglichen.
Ich erinnere mich noch gut an meinen ersten Schultag: Meine Mutter begleitete mich zur Schule. Sie hielt meine Hand, während ich weinte. Meine Mutter beruhigte mich, indem sie sagte: „Du wirst das schaffen, Muna. Eines Tages wirst du selber Lehrerin werden.“
Meine Mutter wusste, wie wichtig Bildung ist. Obwohl sie selber keine Chance auf höhere Bildung hatte, sagte sie uns: „Ohne Bildung ist das Leben schwierig. Ohne Bildung kann kann man keinen guten Job finden und niemandem helfen.
Meine Mutter finanzierte meinem Bruder und mir die Schule, denn die staatlichen und privaten Schulen in meiner Heimat sind nicht kostenlos. Man muss Schulgeld bezahlen, und die Schuluniform und Bücher.
Der gute Rat meiner Mutter und ihre Motivation haben mir geholfen und ich konnte mich immer über gute Noten freuen.
Meine Mutter ist gut in Zeitmanagement. Sie sagt immer: „Die Zeit hinterlässt ihre Spuren.“
Von meiner Mutter habe ich auch ein Zitat von Seneca gelernt: „Es ist nicht zu wenig Zeit, die wir haben, sondern es ist Zeit, die wir nicht nutzen.“

 
 

Mounira

Malala

 
Über mein Land zu reden, fällt mir nicht leicht. Denn das algerische Volk hat vor vielen Jahren unter schlechten Bedingungen gelebt. „Französische Kolonialherrschaft“ nennt man diese Epoche.
Bis 1962 herrschte in Algerien ein blutiger Unabhängigkeitskrieg gegen die Franzosen.
Anschließend wurde es ruhiger in unserem Land, die Menschen genossen den Frieden und ihre Freiheit – doch über mehrere Generationen unter verschiedenen Militärregierungen.
Viele Jahre lang wünscht sich das algerische Volk eine neue Demokratie, doch eine neue Ideologie und ein anderes politisches System waren nicht einfach zu akzeptieren.
Von 1992 bis 2002 durchlebte Algerien noch einmal die gefährliche Epoche des Bürgerkriegs mit Massakern an der ganzen Bevölkerung. Es wurden Kinder, Frauen, Männer und alte Menschen getötet.
In dieser Zeit starben viele Menschen, viele Frauen wurden Witwen. Damals durften in den Dörfern die jungen Mädchen keine Schule besuchen.
Diese Zustände haben viele muslimische Länder durchlebt, z.B. Afghanistan, Pakistan, Jemen und Syrien. Eine radikale Ideologie, verbunden mit Religion ohne Argumentation, die viele Länder zerstörte und sie in die Rückständigkeit verstieß. Die Menschenrechte mit Füßen trat.

Was wir damals erlebten, erlebte Malala später, als man den Frauen wieder das Recht auf Bildung und ein freies Leben stahl. Das Recht auf Erfolg für die Mädchen.
Was bedeutet die Aussage „Ein Kind, ein Lehrer, ein Buch und ein Stift können die Welt verändern“?
Diese Aussage stammt von einem jungen Mädchen aus Pakistan, das am 12. Juli 1997 in der pakistanischen Stadt Migora geboren wurde.
Malala Yousafzai hat zwei Brüder. Am 9. Oktober 2012 wurde die junge Pakistanerin auf ihrem Schulweg überfallen und niedergeschossen. Die Fünfzehnjährige hatte sich den Taliban widersetzt. Die Taliban sind eine islamisch-fundamentalistische Bewegung mit bewaffneten Milizen in Afghanistan und Pakistan. Sie werden für zahlreiche Anschläge und Menschenrechtsverletzungen verantwortlich gemacht und verbieten Mädchen, zur Schule zu gehen.
Wie durch ein Wunder überlebte Malala das Attentat. Und sie wurde zum Symbol für den Kampf um Frauenrechte. 2012 wurde Malala mit dem Friedensnobelpreis geehrt.
Danach gründete sie eine Stiftung, um die Bildung für junge Frauen in der ganzen Welt zu unterstützen. 2013 veröffentlichte die junge Frau ihr Buch: „Ich bin Malala. Das Mädchen, das die Taliban erschießen wollten, weil es für das Recht auf Bildung kämpft.“
2020 machte Malala ihren Abschluss an der Universität Oxford.

Wir alle sind Malala. Wir sollten für unsere Rechte kämpfen, für unser Leben, für unseren Erfolg und unsere Zukunft.

 
 

Diana
 
Meine Mutter

Von meiner Mutter habe ich gelernt, dass man anderen Menschen hilft, auch wenn man selber in Not ist. Das ist gelebte Nächstenliebe.
Auch der Beruf meiner Mutter passt zu ihrer Einstellung: Sie arbeitete als Krankenschwester.
Meine Mutter ist ein starke Frau, die versucht, auch in schwierigen Lebenssituationen den Mut nicht zu verlieren. Sie ist mein großes Vorbild.

 
 

Alia
 
Mein Führerschein

 
Den Morgen werde ich mein ganzes Leben nicht vergessen: Ich stand mit meinen Kindern an der Ampel. Plötzlich kam ein Feuerwehrauto mit lautem Sirenengeheul angerast. Mein Sohn lief erschrocken auf die Straße – und wurde in letzter Sekunde von einem Fahrradfahrer gestoppt. Zuerst war ich vor Schreck wie gelähmt. Nachdem ich meinen Sohn in die Arme geschlossen hatte, wollte ich mich bei seinem Retter bedanken. Doch ich konnte ihn leider nicht mehr finden.
Diese Situation hat mich motiviert, den Führerschein zu machen. Es war ein langer Weg, denn gleichzeitig lernte ich Deutsch und fing eine berufliche Qualifizierung an. Auch wenn ich manchmal dachte, dass ich das alles nicht schaffen werde, gab ich nicht auf. Denn mein Mann und meine vier süßen Kinder haben mich immer motiviert, bis ich mein Ziel erreichte. Früher war es sehr anstrengend, die Kinder zur Schule und in den Kindergarten zu bringen. Als ich den Führerschein hatte, wurde für mich alles einfacher.

 
 

Muna
 
Beste Freundinnen

 
Meine Mutter spielt in meinem Leben eine Doppelrolle: Als ich vom kleinen Mädchen zur jungen Frau wurde, habe ich durch meine Mutter viele neue Erfahrungen gesammelt.
Wenn ich ein Problem habe oder neue Ideen, frage ich sofort meine Mutter und bespreche mit ihr das jeweilige Thema. Deshalb kann ich sagen, dass zwischen mir und ihr eine ganz besondere Verbindung besteht: Wir sind nicht nur Mutter und Tochter, sondern auch beste Freundinnen, die sich gut verstehen und wenig streiten.
Heute danke ich meiner Mutter für ihre Gefühle und Fürsorge für mich und meinen Bruder, für ihre Gedanken an uns.

 
 

Latifa
 
Meine Familie

 
 
Mein Name ist Latifa. Ich komme aus Afghanistan und bin 55 Jahre alt. Ich habe fünf Kinder: zwei Söhne und drei Töchter. Wir lebten 45 Jahre im Iran. Seit fünf Jahren wohnen wir in Bremen.
Meine Mutter heißt Masoumeh. Mit 13 Jahren heiratete sie meinen Vater, der damals 15 war. Nach zwei Jahren bekam meine Mutter ihr erstes Kind: ein Mädchen mit dem Namen Salehe. Mein Vater arbeitete als Tischler. Er baute Stühle, Tische, Schränke, Türen und Fenster. Meine Mutter ist auch sehr geschickt: Sie kann Tischläufer mit Blumenornamenten besticken. Sie arbeitete für eine Firma. Sie verzierte auch Burkas mit schönen Blumen.
In den kleinen Städten und auf dem Land mussten die Mädchen schon mit 13 Jahren eine Burka tragen.
Alle Mädchen ab dem Alter von zehn, elf Jahren lernten Handarbeit: nähen und sticken.
Früher war es in der afghanischen Kultur üblich, dass die Mädchen zu Hause bleiben. Doch meine Eltern wollten, dass ihre Kinder zur Schule gehen. Egal, ob Mädchen oder Jungs: Alle sollten lernen.
Mein Vater konnte aus Weidenzweigen Stühle flechten. Als ein iranischer Mann sah, wie gut mein Vater arbeitete, schlug er ihm vor, gemeinsam eine Firma im Iran zu gründen. Im Iran haben meine große Schwester und ich mit 18 Jahren geheiratet. Mein Mann und ich wohnten bei meinen Schwiegereltern und während mein Mann arbeitete, musste ich die ganze Hausarbeit machen, denn meine Schwiegereltern waren alt. Ein Jahr später habe ich meine Tochter Nefice geboren.
Meine fünf Kinder gingen alle im Iran zur bis zur 10. Klasse im Iran zur Schule und hatten alle gute Noten. Für die weiterführende Schule bis zum Abitur fehlte uns das Geld.
Mein ältester Bruder lebt in Kanada und arbeitet dort als Computeringenieur. Meine zweite Tochter ist mit zwanzig Jahren nach Dänemark gezogen und studiert Zahnmedizin. Meine 17-jährige Tochter lebt auch in Dänemark und wartet auf einen Dänischkurs. Sie möchte Bauingenieurwesen studieren.

 
 

Shahrzad
 
Meine Familie

 
 
Ich bin Shahrzad. Mein Name bedeutet auf Persisch „Geschichtenerzählerin“. Ich komme aus dem Iran. Ich bin verheiratet und habe zwei Kinder: eine Tochter und einen Sohn.
Im Iran arbeitete ich 30 Jahre als Grundschullehrerin. Nach dem Abitur hatte ich vier Jahre an der Universität studiert. Mein Studium ist in Deutschland anerkannt und die B1-Prüfung habe ich schon bestanden. Mit dem Abschluss der B2-Prüfung könnte ich als Assistentin in einer Grundschule arbeiten.
Meine Hobbys sind Persischer Tanz, internationale Spezialitäten Kochen und Spazieren gehen. Ich fahre auch gerne Fahrrad.
Meine Tochter heißt Anahita. Ihr Name bedeutet „Mutter des Regens“. Dieser Name ist 2.500 Jahre alt. Meine Tochter ist zwanzig. Sie studiert in Hannover auf Lehramt. Ihre Hobbys sind Sport, Fotografieren und Reisen. Anahita liebt Architektur. Sie ist Vegetarierin. Sie ist zu mir und meiner Familie sehr nett. Anahita hat ein großes Herz für Menschen und Tiere … Für die ganze Welt.
Mein Sohn heißt Rozbe. Er ist 19 Jahre alt und besucht die 10. Klasse. Fußball und Computerspiele sind seine große Leidenschaft.
Mein Mann heißt Mehrdad. Er ist 56 Jahre alt und von Beruf Elektroingenieur. Momentan besucht er den B1-Kurs. Er kann sehr gut Deutsch sprechen und lesen. Wenn er die B2-Prüfung besteht, möchte er bei einer großen Firma arbeiten. Mehrdad geht gerne spazieren und liest Zeitungen auf Deutsch und Persisch.
Wir leben seit zwei Jahren und zehn Monaten in Bremen. Meine Lieblingsjahreszeit ist der Frühling, weil die Natur dann wieder lebendig wird.

 
 

Spiderman, Fahrrad und Tomatensoße
 
Ali

 
 
Ich heiße Ali und bin sechs Jahre alt. Ich gehe in den Kindergarten. Ich bin im Iran geboren und spreche Deutsch. Am meisten wünsche ich mir, dass meine Mama schnell Deutsch lernt und den Führerschein macht. Mir gefallen am besten rote und schwarze Autos.
Im Sommer fahre ich gerne Fahrrad. Von Montag bis Freitag begleitet meine Mutter mich und meinen kleinen Bruder morgens mit dem Fahrrad zum Kindergarten. Am Nachmittag holt sie uns wieder ab. Wenn es im Winter kalt ist, sagt mein kleiner Bruder, dass er lieber mit einer Decke im Kinderwagen sitzen möchte.
Mir macht kaltes Wetter nichts aus. Ich bin auch bei Regen gerne draußen und spiele mit meinen Freunden und meinem Bruder den ganzen Tag Fußball.
Mein Lieblingsessen ist Nudeln mit Tomatensoße, wie im Kindergarten. Oder Reis mit Salat und Tomatensoße.
Ich möchte bald in die Schule gehen, damit ich lesen und schreiben lerne. Ich liebe Bücher und Geschichten. Mein Held heißt Spiderman. Er kann die Monster besiegen.
In meinem Buch gibt es manchmal Spielzeugfiguren: Spiderman, einen Feuerwehrmann, Hunde und Katzen.
Letztes Jahr haben wir im Kindergarten Laternen gebastelt. Meine war rot, schwarz, gelb und orange. Mit unseren Eltern und unseren Erziehern Jan, Saher, Svetlana und Katja gingen wir Laternelaufen. Wir haben zusammen Laternenlieder gesungen.
Ich kenne noch ein anderes lustiges Lied: „Ramsamsam und Erbsen rollen über die Straße. Kommt ein Auto, sind sie platt. Oh, wie schade, jammerjammerschade!“
Im Kindergarten machen wir verschiedene Sachen. Und wir spielen auch Fußball. Draußen auf der Wiese.

 
 
 
 
 
 

 
 

***

 
 

Im Sommer 2020 ging mein neues Schreibprojekt
WALLE RELOADED in Kooperation mit der Kulturwerkstatt
westend
an den Start.

Coronabedingt verlagerte sich unser Schreibraum für Fakes und Fakten, tauchten die teilnehmenden Autorinnen und Autoren ins Virtuelle ab.

 
 

WALLE RELOADED – DIE ALTERNATIVE STADTTEILCHRONIK

 
 

21.05.2020

ANSCHLAG AUF ANBIETHALLE

„Fight sexism! Machos raus!“ steht in roten Lettern auf der Frontseite der Anbiethalle. Das Schild „Essen für jedermann“ wurde aus den Angeln gerissen, eingetreten und achtlos in die Böschung geworfen.
„Wir hatten das Schild erst vor einem Monat erneuert,“ erklärt Jens Sprenger, der Betreiber der Anbiethalle. „Jemand hatte einen grünen Frosch daraufgesprüht. Wir dachten an einen Jugendstreich. Jetzt aber frage ich mich, mit wem wir es hier wirklich zu tun haben.“
Die Tat muss sich zwischen 22 und 5 Uhr zugetragen haben.
Zeugen werden gebeten, sich an das Polizeirevier West zu wenden.

wpa

 
 

06.04.2014

KÄPT’N PIET UND DER GRAND PRIX D’EUROVISION

In Walle wohnen
alle
sagt man, frau
jedermann.
Dann und wann
seh ich Dir an
wie schön man hier
doch leben kann.

Mit dieser Shanty-Strophe des Waller Heimatsängers Käpt’n Piet möchten wir an den 6. April 1974 erinnern. Heute vor 40 Jahren verfehlte der beliebte Waller Jung nur knapp den Grand Prix d‘ Eurovision in Brighton. Die schwedische Band ABBA holte mit ihrem Song „Waterloo“ den ersten Platz des Schlager-Contests. Seitdem hat sich Käpt’n Piet ganz seiner wahren Leidenschaft, dem Fußball, verschrieben und berät bis heute seinen Herzensverein Werder Bremen als graue Eminenz. Typisch Käpt’n Piet, typisch Walle: Immer schön hanseatisch bescheiden.

wpa

 
 

25.05.2020 Eilmeldung!!!

ROMANFRAGMENT EINES VERSCHOLLENEN AUTORS IM BRODELPOTT GEFUNDEN!

 

 
Gestern um 17 Uhr entdeckte Janine Claßen bei alljährlichen Stöbern im Archiv des Kulturhaus Walle eine mysteriöse Papierrolle.

„Handgeschrieben mit einem Füllfederhalter in petrolfarbener Tinte, lehnte das Romanfragment genau in der Ecke, aus der ich gerade ein paar Spinnweben entfernen wollte“, berichtet die Geschäftsführerin des Brodelpott. „Wann und wie die Papierrolle dort hingelangte, ist uns allen hier ein Rätsel. Allerdings hatten wir für nächstes Jahr geplant, das Werk des Schriftstellers Veli Uzun im Rahmen von musikalischen Lesungen bekannter zu machen.“

Fast einen Meter lang ist das seltene Papier. In seiner regelmäßigen Schrift hat der Autor einen fünfseitigen Text zu einem Mord in der Waller Anbiethalle verfasst.

Die Kulturredaktion von Walle reloaded hat den Romananfang digitalisiert und präsentiert ihn nun exklusiv ihren Leserinnen und Lesern:

 
 

DER BELESENE TOTE
 

Von Veli Uzun

Die Handlung und die Personen sind frei erfunden.

Als Marta diesen Frühlingsmorgen die Anbiethalle betrat, vergaß sie alles was sie am Abend zuvor mit ihrem Freund besprochen hatte und überredete sich, dass sie glücklich sei. Sie konnte ihre Träume nicht verwirklichen, aber sie war nicht die einzige, die daran scheiterte. Außerdem war sie jetzt zu alt, um an Träume zu glauben. Träume waren für Kinder. Für einen Erwachsenen galten Sicherheit und Stabilität und Marta hatte sie. Sie lebte in Deutschland, in einem Land, in dem sogar die Mindestlohnverdiener besser lebten als die studierten Beamten in ihrer Heimat. Sie hatte jetzt einen festen Job, den sie, na ja, irgendwie mochte. Sie hatte sogar die Aussicht auf eine Ausbildung, daher die Aussicht auf ein besseres Leben. Damit aber hatte sie keine Eile. Mit der Vorbereitung des kommenden Tages schon.

Nach etwa einer Stunde Arbeit kochte sie etwas Kaffee, bevor sie eine kleine Pause nahm. Bald würden auch die anderen Mitarbeiter kommen und sie würden sich auf den Kaffee freuen. Mit einem Becher ging sie raus in den Hinterhof, um ihre erste Zigarette zu rauchen. Noch bevor sie die Zigarette zünden konnte, nahm sie den Mann wahr. Er lag mit dem Gesicht nach unten und gar nicht wie beim Schlafen. Mit ihm stimmte etwas nicht. Wahrscheinlich stimmte mit ihm gar nichts mehr.
Der erste Polizeiwagen traf nach etwa fünfzehn Minuten ein. Als Katrin Baumann, die zuständige Kommissarin der Mordkommission, eine halbe Stunde später den Ort erreichte, war es bereits zwanzig vor sieben. Sie grüßte die anwesenden Polizeibeamten und den Gerichtsmediziner.

»Was haben wir?« fragte sie den Dienstälteren der beiden Polizisten, die die Stelle zuerst erreicht hatten.
»Einen Mann, um die dreißig. Kein Ausweis. Noch keine erkennbare Todesursache. Also, nicht viel.«
»Wer hat ihn gefunden?«
»Eine Mitarbeiterin des Restaurants.«
»Was? Ist das ein Restaurant hier?«
»Anscheinend.« Er deutete auf einen großen Mann mit ergrautem Haar. »Der ist der Besitzer.«
Katrin fragte den Gerichtsmediziner nach dem Todeszeitpunkt, vergeblich. Er riet nicht gerne und meinte, wie immer, dass sie auf die Untersuchungsergebnisse warten solle.
Katrin sagte nichts und ging auf den Mann zu, der der Besitzer des Restaurants sein sollte.
»Katrin Baumann, Mordkommission.« stellte sie sich vor.
»Jens Sprenger. Ich bin der Betreiber.« entgegnete er ihr. Er sah munter und gut gelaunt aus.
»Sie sehen nicht besonders besorgt aus.« merkte Katrin an.
»Warum sollte ich?«
»Es kommt oft vor. Normalerweise machen sich die Betreiber Sorgen um ihre Geschäfte. Eine Leiche ist nicht wirklich appetitlich.« Erst nach Jens Lächeln fällt ihr ihre Bemerkung ein. »Das Wortspiel war nicht beabsichtigt.« entschuldigte sie sich.
Jens erwiderte ihr nur mit einem Lächeln und statt etwas zu sagen, ging er zur hinteren Tür des Restaurants. »Marta!« rief er durch die Tür.

 
Katrin warf einen Blick durch die bodentiefen Fenster. Sie sah zwei große runde, zwei weitere große und mehrere kleine rechteckige Tische. Es war tatsächlich ein Restaurant. Ein Restaurant an solch einem entlegenen Ort … Merkwürdig, dachte sie.
Eine junge Frau erschien hinter dem Tresen, der oben mit einer Kasse und unten einem Kühlschrank versehen war. Jens winkte sie zu sich. Katrin stelle sich der jungen Frau vor und bat sie zu erzählen, wie sie den Toten entdeckt hatte.
 
»Ich wollte frische Luft holen und er lag da.« sagte Marta knapp.
»Haben Sie noch jemanden gesehen?«
»Nein, nur ihn.«
»Was gehört?«
»Nee.«
Martas Antworten wurden immer kürzer.
»Wie spät war es?«
»Gegen sechs Uhr. Genau weiß ich nicht.«
»Waren Sie gerade gekommen?«
»Nein. Ich war schon um fünf Uhr hier.«
»Alleine?«
»Ja.«
»Marta kommt eine Stunde früher als wir alle.« mischte sich Jens ein.
»Warum?«

 
Jens machte ein Zeichen, sie solle erklären.
»Nachmittags habe ich einen Deutschkurs. Jens schickt mich früh nach Hause. Dann komme ich morgens früher und erledige, was von gestern übriggeblieben ist.«
»Was haben Sie heute gemacht?«
»Toiletten putzen, Tische decken, Gemüse waschen. Die tägliche Vorbereitung halt.«
»Lag die Person schon da, als sie gekommen sind?«
»Weiß ich nicht. Wenn ich ihn gesehen hätte, hätte ich früher Bescheid gegeben.«
»Haben Sie irgendetwas bemerkt, das Ihnen merkwürdig vorkam?«
»Nein, nichts.«
Katrin hätte weiterbohren können, aber zurzeit brachte das nicht viel. Sie sollten Marta sowieso im Präsidium vernehmen. Als sie wieder zu zweit waren, fragte sie Jens, ob der Mann einer seinen Kunden sein könnte.
»Ich glaube nicht. Zumindest ist er nicht einer der Stammkunden.«
»Haben Sie viele?«
»Kann man sagen. Meine Kundschaft sind hauptsächlich die Angestellten, die in der Überseestadt arbeiten.«
Dann trat er ein paar Schritte vor und zeigte auf das Schild.

 
»Wir schließen aber niemanden aus.« sagte er lächelnd. „Anbiethalle“ stand da, in Rot auf Weiß, und darunter „Essen für Jedermann.“
Dann ging er wieder zur Tür und bat eine der Mitarbeiterinnen zu kommen. »Falls er je hier gegessen hat, Uta wird sich daran erinnern.« sagte er.
»Warum Anbiethalle? Bieten Sie hier irgendwas außer Essen an? « fragte Katrin, als sie auf Uta warteten. Viele ihre Kolleginnen glaubten, keine Zeit für solche Ablenkungen zu haben, aber hatte es schätzen gelernt, Menschen reden zu lassen. Jens schien zu den Menschen gehören, die gerne reden.
 
»Wir bieten nicht an, wir beißen an.« antwortete Jens. Als er aber merkte, dass Katrin den Scherz nicht verstand, erklärte er weiter. »Anbieten ist bedeutet auf Platt „ anbeißen“. Anbiethallen wurden in den Fünfzigern als Kantinen für die Hafenarbeiter gegründet. Die Arbeitspause nannten sie Anbietzeit, die Zeit zum Essen also. Daher der Name.«
»Ach so! Und konnte wirklich jeder hier essen?«
»Ja und nein. Die Kantinen waren für die Hafenarbeiter bestimmt, aber es gab abgesehen davon keine Beschränkungen. Egal ob Arbeiter oder Angestellte: Jeder im Hafen Tätige konnte in den Anbiethallen essen. Man konnte sogar seine zu Hause zubereiteten Speisen essen, wenn man kein Geld ausgeben möchte. Jetzt ist das natürlich nicht mehr möglich. Die anderen Anbiethallen sind geschlossen und wir sind auch keine Kantine mehr, sondern ein Restaurant. Trotzdem sind wir immer noch dem Spruch treu: „Essen für Jedermann.“« Er hielt kurz an und fügte danach wieder lächelnd hinzu »Frauen sind auch natürlich willkommen.«
»Wie meinen Sie das?« fragte Katrin. Dass Jens rätselhafte Kommentare und dadurch entstandenes Interesse mochte, war offenkundig.
»Wir haben mal Ärger gekriegt. Eine Frau fand, dass das Wort „Jedermann“ sexistisch sei und sie hat gegen uns protestiert, indem sie auf unser Schild und die Fenster Farbbeutel warf. Das stand sogar in der Zeitung.«

Er unterbrach, als er Uta mit einem freundlichen Lächeln kommen sah. »Ah, meine Liebe. Frau Kommissarin möchte gerne wissen, ob der Mann einer unseren Kunden war.«
»Das habe ich mich auch gefragt,« antwortete Uta ohne Zögern. »Ich glaube, er hat einmal bei uns gegessen.«
»Wann war das?« fragte Katrin.
»Vor etwa zwei Monaten würde ich sagen. Genau weiß ich nicht.«
»Sie erinnern sich aber an ihn.«
»Uta vergisst ein Gesicht nie, das sie zweimal gesehen hat.« mischte sich Jens ein.
»Ihn haben Sie aber nur einmal gesehen, oder?« erwiderte Katrin, zu Uta.
»Doch. Aber er verhielt sich so auffällig, dass ich ihn mir schnell merken konnte.«
»Wie meinen Sie, auffällig?«
»Er schaute ständig um sich und machte Notizen in so ein Heft.« Sie deutete auf das Notizbuch in Katrins Hand.
»Wissen Sie, was er notierte?«
»Natürlich nicht. Ich habe gute Augen, aber ein Schnüffler bin ich nicht.«
»War das nach diesem blöden Angriff?« fragte Jens. »Vielleicht war er ein Journalist und wollte darüber etwas schreiben.«
»Das bezweifele ich. Ich kenne zwar nicht viele Journalisten, aber soweit ich beurteilen kann, haben sie alle eine eindringliche Haltung. Dieser Mann war sehr gelassen, ein wenig verloren sogar, würde ich sagen.«

 
»Wer war er dann, Ihre Vermutung nach?« fragte Katrin. Während ihrer Ausbildung hat sie gelernt, dass Vermutungen schlechte Ausgangspunkte wären. Aber die Jahre im Dienst haben sie auch die Werte der Intuition gelehrt. Sie hat gelernt, dass Intuitionen auf Vorurteilen basieren können, ebenso gut wie Schlussfolgerungen der Beobachtungen, die man nicht zu erklären vermag. Offensichtlicht war Uta eine gute Beobachterin, viel besser als manche ihre Kollegen. Bis sie mehr über den Mann wussten, könnte ihre Vermutungen von Nutzen sein. Hauptsache man ging mit denen vorsichtig um.
»Wer er war, weiß ich nicht. Aber er war bestimmt nicht in Deutschland aufgewachsen. Ich erinnere mich jetzt, dass er, nachdem er das Geschirr abgegeben hat, mit Sven an der Kasse eine Weile plauderte. Er sprach ganz gut, aber man merkte schon, dass er sein Deutsch erst vor kurzem gelernt hat.«
»Sven ist mein Bruder. Er ist heute nicht da.« sagte Jens, schon bevor Katrin danach fragen konnte.
»Er soll sich bei uns melden.« erwiderte Katrin. Sie sah, dass der Gerichtmediziner mit seiner Arbeit fertig war und die Leiche in den Krankenwagen geladen wurde. Die Spurensicherung sollte noch weiterarbeiten, doch sie konnte bald zum Präsidium zurückkehren. Sie wandte sich wieder an Uta und fragte, ob ihr noch irgendwas aufgefallen sei.
Uta dachte dieses Mal ein wenig nach. »Er war ordentlich gekleidet. Nicht teuer, aber gut. Und seine Haltung… Er war einer dieser kultivierten Menschen, mit Bildung und so meine ich. Obwohl… Ne, das ist blöd.«
»Sagen Sie ruhig.« ermutigte sie Katrin.
»Vielleicht irre ich mich, aber als ich ihn grüßte, antwortete er mit „Mahlzeit“. Irgendwie passte es nicht zu ihm.«

 
Was das bedeutete, brauchte Katrin nicht zu fragen. „Mahlzeit“ als Grußform war den Einheimischen nicht unbekannt, aber eher unter Arbeitern verbreitet. Die Möglichkeit, den Ausdruck in einem Deutschkurs zu lernen, war auch gering. Kein Wunder, dass Uta da einen Widerspruch sah. Andererseits war das Benutzen dieses speziellen Grußes nicht so ungewöhnlich, wenn man eine bestimmte Bevölkerungsgruppe gut kannte. Viele sehr gut ausgebildete Menschen verließen aus unterschiedlichen Gründen ihre Heimatländer und arbeiteten in Deutschland im Niedriglohnsektor. Durchaus möglich, dass der Man einer von ihnen war. Uta traf einen guten Punkt. Ob sie das wusste, war Katrin nicht klar.

 
 

6. Mai 2020

AUFRUF ZUM GEDICHTWETTBEWERB!

Wählen Sie aus dem folgenden Wörterpool 3 Begriffe und dichten Sie dazu ein Elfchen:

WALLE
HALLE
FALLE
QUALLE
KRALLE
PILLEPALLE

Senden Sie Ihr Elfchen bis zum 20. Juni an WALLE RELOADED – Die ultimative Stadtteilchronik, Redaktion: Kultur.Werkstatt westend, mail@bettykolodzy.de und gewinnen Sie!

 
 

Anno 1797 ZWISCHEN DICHTUNG UND WAHRHEIT
 

WIE ES JOHANN WOLFGANG NACH WALLE VERSCHLUG
 
Von Julia Sollbusch

Goethe erwischte sich dabei, dass er starrte. Er lehnte am Stehpult seines Gartenhauses in Weimar am Rande des Parks an der Ilm und starrte hinaus in den Regen. Und in seinem Gehirn bewegte sich… nichts. Seit Tagen regnete es. Ununterbrochen. Wo hörten die Wolken auf und wo fingen die Wiesen an? Das Grau des Himmels verschmolz, nein, ergoss sich ins Grau der Wiesen. Der Pegel der Ilm war schon stark gestiegen; zumindest vermutete Goethe dies, denn zu erkennen war der Fluss nicht mehr.

Goethe seufzte. Er richtete das leere Blatt Papier, das vor ihm lag, an der Kante seines Stehpultes aus, schob es einige Zentimeter senkrecht nach oben, griff mit der rechten Hand nach dem Federkiel und kratzte sich gleichzeitig mit der linken Hand im Nacken. Die Perücke juckte. Wieso nur hatte er sich von Christiane beschwatzen lassen, sie auszuprobieren? Er hasste gesellschaftliche Zwänge (und Zwänge generell) und sah auch keine Notwendigkeit, sein Haar zu bedecken. Ganz im Gegenteil – seine Haarpracht erlaubte es ihm, die Haare in Locken zu brennen oder im Haarbeutel zu bündeln. Goethe legte den Federkiel aufs Pult, ging in sein Ankleidezimmer und betrachtete sich im Spiegel. Goethe gefiel, was er sah. Seit seiner Rückkehr aus Italien war seine Statur stattlicher und sein Auftreten selbstsicherer. Er hatte Charisma, und er wusste dies, und er stand gerne im Mittelpunkt. Sein Freund Friedrich Schiller meinte, er sei eitel. Stimmt. Er sah auch keinen Grund dies abzustreiten. Schließlich konnte er es sich leisten.

Kleidsam hin oder her, die Perücke juckte fürchterlich, sie war voluminös und recht schwer. Goethe nahm sie ab, setzte sie auf einen Perückenkopf, raufte und zerzauste sich die Haare und ging zurück in sein Schreibzimmer. Wieder am Stehpult setzte er sich auf seinen Sitzbock, griff erneut zum Federkiel, tauchte ihn in die Eisengallustinte und setzte zum Schreiben an, eine Ballade sollte es werden. Goethe hob noch einmal den Blick und sah hinaus in den Regen. Plitsch. Ein Tropfen Tinte fiel aufs Blatt, dann ein zweiter. Er hätte die Feder anspitzen sollen.

Italien – wie viele Jahre war die Reise nun her? 10? 11? Der Tapetenwechsel hatte ihm so gut getan. Auch damals war er deprimiert und uninspiriert. Vielleicht sollte er sich eine Auszeit gönnen? Nur wohin? Goethe blickte gedankenverloren aufs Papier, auf dem er die Tintenklekse inzwischen mit der Feder verwischt und verbunden hatte. Sieht aus wie ein Schiff, dachte er. Wasser schien momentan sein Thema zu sein. Goethe legte den Federkiel zur Seite und zog den kleinen Globus aus der Ecke seines Pultes zu sich heran. Dann wollen wir doch mal sehen, wohin die Reise geht, murmelte er, setzte den Globus in Bewegung und stoppte ihn mit einem Finger. Erleichtert stellte er fest, dass sich sein Zeigefinger noch im deutschsprachigen Raum befand, was sein Ansinnen einer kurzen Auszeit schon mal sehr unterstützte… und zwar lag er genau auf der Reichsstadt Bremen! Wunderbar, rief Goethe! So sei es! Christiane, Liebste, ich verreise nach Bremen! Stellst Du mir bitte mein Reisegepäck für 4 Wochen zusammen und sagst dem Kutscher
Die Reise verlief erheblich weniger strapaziös als befürchtet. Beim Eintritt ins Kurfürstentum Hannover riss der Himmel auf und die Sonne begleitete ihn bis nach Bremen. Sein Blick über die Felder und Wiesen endete erst am fernen Horizont! Wie wunderbar! Warum reiste er erst jetzt in den Norden?! Auch die Wirtshäuser entlang des Weges waren allesamt akzeptabel. Zudem hatte sich sein Kutscher als überraschend angenehmer Reisebegleiter erwiesen. Nicht nur, dass er das Kutschieren ausgezeichnet verstand und dadurch für ein rasches Fortkommen sorgte, nein, es stellte sich heraus, dass er Verwandtschaft in Bremen besaß, der Seefahrt verbunden war und einiges über Bremen zu berichten wusste. Wer hätte das gedacht.

Wir sind am Ziel, Herr von Goe… ähm… von Friedrich… ähm.. Herr Geheimrat. Der Kutscher schaute verlegen auf den Boden, als er Goethe die Kutschentür öffnete. Goethe seufzte innerlich.
Jakob, was hatten wir besprochen? Es ist wichtig, dass Du Dich daran hältst! Ich bin inkognito unterwegs, in geheimer Mission, sozusagen. Und wie heiße ich?
Dr. Christian.. von.. Friedrich???
Richtig, Jakob! Goethe gluckste vergnügt… dies war eine Komödie nach seinem Geschmack. Er hatte Christiane und Schiller bereits von seinem neuen „Reise-Namen“ geschrieben und konnte sich deren amüsierte Reaktion beim Lesen des Briefes lebhaft vorstellen.

Goethe war guter Stimmung. Er rückte sich die Perücke zurecht, an die er sich während der letzten Tage immer mehr gewöhnt hatte, stieg aus der Kutsche und streckte sich. Er lächelte, als er die Treppe zur Herberge „Zum Turm“ hinaufstieg und sein Lächeln wurde noch breiter, als er das junge, knabenhafte Fräulein erblickte, das ihn etwas spröde, aber keineswegs unfreundlich willkommen hieß. Sie stellte sich als Rieke vor und die Herberge gehörte ihrem Vater. Herr von Friedrich habe Glück, man könne ihm das Turmzimmer mit Weserblick anbieten. Wunderbar, sagte Goethe. Das Zimmer war lichtdurchflutet und der Ausblick aufs Wasser und in die Ferne beeindruckend. Perfekt, dachte Goethe, ein freier Blick. Wenn mich hier nicht die Muse küsst, dann weiß ich es auch nicht…

Goethe ließ sich treiben. Jeden Morgen nach einem ausgiebigen Frühstück machte sich Goethe auf zu einem Spaziergang entlang der Weser. Der Fluss hatte so ein anderes Temperament als die Ilm in Weimar. Goethe war selbst überrascht, wie sehr ihn das Wasser faszinierte, das mal ruhig und glitzernd, mal dunkel und rau an ihm vorbeizog. Goethe wollte auf jeden Fall noch eine Ausfahrt ins Umland nach Vegesack machen und hoffte dort im Hafen einen Walfänger zu sehen, der von Vegesack aus zu den Grönlandtouren aufgebrochen war.

Goethe streifte durch die Stadt, bewunderte die Architektur, das Hanseaten- und Kaufmannstum war überall sichtbar. Besonders der St.-Petri Dom und seine Ostkrypta, auch Bleikeller genannt, mit den mumifizierten Leichen beindruckte ihn. Erstaunlich, wirklich ganz erstaunlich, fast wie Zauberei dieser außergewöhnliche und gestoppte Prozess des Verfalls. Ich werde um einen mumifizierten Finger für Studienzwecke bitten, überlegte Goethe. Schließlich war er auch ein Bewunderer der Wissenschaft, ein Gelehrter eben, vielseitig interessiert.
Heute sollte es nun nach Vegesack gehen. Jakob öffnete Goethe die Kutschentür und reichte ihm den Proviantkorb, nachdem sich Goethe hatte auf die Bank fallen lassen. Goethe war unruhig. Er hatte schlecht geschlafen; nach den schon ungewöhnlich warmen letzten Tagen war er nachts aufgeschreckt und musste die Fenster öffnen. Es lag etwas in der Luft, das spürte er ganz deutlich. Zudem hatte er nach dem Frühstück das Turmverlies seiner Herberge besichtigt, keine seiner besten Ideen. Der dunkle, feuchte Kerker hatte seine Beklemmungen noch verstärkt.

Goethe öffnete das Fenster der Kutsche. Schon besser. Der laue Fahrtwind beruhigte ihn. Sie fuhren entlang der Weser, das Wasser war unruhig und dunkel und doch faszinierend. Der Blick in den Himmel verhieß nichts Gutes, die Wolken hingen schwer und grau über der Stadt. Kamen sie in der Stadt noch zügig voran, wurde der Weg immer schlechter je weiter sie die Häuser hinter sich ließen.

Rumms! Goethe, der gerade in einen Apfel biss, wurde ruckartig zur Seite geschleudert, verschluckte sich und biss sich dabei auf die Zunge. Er schmeckte Blut. Jakob!!! Was zum Teufel?? Bevor Goethe den Satz beenden konnte, krachte es erneut. Dieses Mal regelrecht ohrenbetäubend. Goethe verspürte einen Schlag und ließ den Apfel, den er bis dahin noch in der Hand hielt, fallen. Und dann sich selbst, in einen dunklen, das Tageslicht verhängenden Nebel.

Das Stimmengewirr war weit entfernt, zumindest bildete er sich ein, Stimmen zu hören. Warum konnte er sich nicht bewegen? Er versuchte zu verstehen, was die Stimmen sagten. Walle.. vorsichtig… retten.. gebrochen…Hilfe holen… Gut Walle… Tücher… Goethe blinzelte. Ein Lichtstrahl, der in diesem Moment vom inzwischen fast schwarzen Himmel fiel, blendete ihn. Ein blonder Engel, mit langem wallenden Haar und einem wallenden weißen Gewand beugte sich über ihn. Sehr viel wallewalle, dachte Goethe. Der Engel lächelte ihn an, viele weitere weiße Engel umwehten ihn. Ich muss im Himmel sein, immerhin, dachte Goethe, bevor er erneut das Bewusstsein verlor.

Eine Ironie des Schicksals – seine üppige Perücke hatte ihm das Leben gerettet, wie Goethe später erfuhr, als er auf Gut Walle, wohin man ihn gebracht hatte, wieder zu sich kam. Die linken Räder der Kutsche waren auf dem unebenen Weg gebrochen, erst das vordere, dann das hintere. Goethe hatte es dem Geschick und der Geistesgegenwart seines Kutschers Jakob zu verdanken, dass die Pferde nicht durchgingen und er sie sofort zum Stehen bringen konnte. Nicht verhindern konnte Jakob, dass auch das Gestänge des Verdeckes brach und Goethe am Kopf traf. Seine sperrige Perücke hatte tatsächlich Schlimmeres verhindert. Goethe konnte es kaum glauben und schickte sofort ein inniges Stoßgebet gen Himmel und nach Weimar zu Christiane. Nie wieder würde er sich über das Ding mokieren, das durch die blutende Kopfwunde allerdings ruiniert war. Zu bedauerlich…

Sie hatten gerade den Kirchturm passiert und befanden sich auf Höhe von Gut Walle als der Unfall geschah. Und erneut hatten sie Glück im Unglück, denn die zahlreichen Wäscherinnen waren gerade dabei, die weißen Stoffe, die auf den weitläufigen Rasenflächen vor dem Gut zum Bleichen lagen, einzusammeln, um sie vor dem Gewitter, das sich ankündigte, zu schützen. Die Engel…, dachte Goethe, so viel irdischer und göttlicher Beistand. Die Wäscherinnen und auch die Bleicher eilten sofort zu Hilfe und brachten sowohl den bewusstlosen Goethe als auch Jakob, der mit dem Schrecken davon kam, auf den Gutshof. Auch um den Abtransport der Kutsche und die Versorgung der Pferde wurde sich gekümmert. Der Gutsherr selbst veranlasste alles Nötige, auch den Doktor zu holen, und bestand darauf, dass Goethe bzw. Herr Dr. von Friedrich und sein Kutscher über Nacht blieben und seine Gäste waren. Eilfertig wurde für Goethe ein Zimmer hergerichtet, und auch Jakob wurde untergebracht.

Goethe war dankbar für die ihm so vollkommen uneigennützig entgegen gebrachte Gastfreundschaft. Während des gemeinsamen Abendessens im Kreise der Gutsfamilie überlegte er, sich als der zu erkennen zu geben, der er war. Und obwohl er sonst keine Gelegenheit versäumte, sich und seine Person in den Mittelpunkt zu stellen und seine Umgebung mit seiner Aura zu bestrahlen, entschied er sich heute dagegen. Tatsächlich erschien es ihm unpassend – ein neues Gefühl für ihn.

Er würde eine andere Möglichkeit finden, sich erkenntlich zu zeigen (auch dieses Bedürfnis war neu für ihn) und das Licht auf diesen Ort zu lenken. So saß er nun an dem kleinen Sekretär in seinem Gästezimmer auf dem Gut, ließ die Ereignisse der Bremen-Reise und die des heutigen Tages Revue passieren und griff nach seiner Schreibmappe, die er immer bei sich führte. Er entnahm ihr ein Blatt Papier, richtete es an der unteren Kante des Sekretärs aus und schob es einige Zentimeter wieder nach oben. Dann öffnete er das Tintenfass, spitzte eine Gänsefeder an, tauchte sie in die Tinte und fing an zu schreiben:

Hat der alte Hexenmeister
sich doch einmal wegbegeben!
Und nun sollen seine Geister
auch nach meinem Willen leben.
Seine Wort‘ und Werke
merkt ich und den Brauch,
und mit Geistesstärke
tu ich Wunder auch.

Walle! walle
manche Strecke,
daß zum Zwecke,
Wasser fließe
und mit reichem, vollem Schwalle
zu dem Bade sich ergieße…

 
 

15.04.2018 Wetter

Tagsüber Sonnenschein bei 32 Grad. Nachts kaum Temperaturrückgang. Die Trockenheit setzt sich auch in den kommenden Wochen fort. Wegen des morgen einsetzenden Staubsturmes raten die Meteorologen Allergikern zum Tragen von einfachen Atemschutzmasken.

 
 

03.06.2020

POLIZEI DECKT ORGANISIERTES VERBRECHEN AUF
 
Von Alparslan Zengin

Die Bremer Polizei verhaftete am gestrigen Dienstag acht Personen während eines Großeinsatzes. Polizeipräsident Karl-Heinz Beck sprach von einem großen Erfolg und lobte die Zusammenarbeit mehrerer Abteilungen. Nähere Einzelheiten wurden von der Polizeikommissarin Katrin Baumann geschildert, die die Ermittlungen leitete.

Laut Baumann begann alles vor drei Wochen, als die Leiche eines Mannes auf dem Hinterhof der Anbiethalle in der Überseestadt gefunden wurde. Dank der Fingerabdrücke konnte die Polizei schnell feststellen, dass es sich bei dem Toten um den 34-jährigen Veli Uzun, einem studierten Literaturwissenschaftler aus der Türkei, handelte. Nach Angaben der Polizei kam Uzun 2017 nach Bremen und übte seitdem verschiedene Tätigkeiten aus, zuletzt als Bote bei einem internationalen Paketdienst. Die Ermittlungen liefen zuerst sehr langsam, da keine Mordmotive festgestellt werden konnten. Bis sich eines Tages einer von Uzuns Kollegen zu Wort meldete. Laut Uzuns Kollegen, der seinen Namen geheim halten möchte, zerplatzte Uzun eines Tages aus Versehen eine Packung voller Bücher. Als er sie wieder einpackte, verbrachte er viel Zeit mit einem sehr alt aussehenden Buch. Die Kriminalpolizei verfolgte diese Spur und fand Indizien eines Schmuggelgeschäfts heraus. Uzun soll das Verbrechen geahnt und auf eigene Faust gehandelt haben, so die Polizei. Leider kostete sein Alleingang Uzun das Leben. Die Ermittlungen jedoch führten zur Entdeckung einer Schmugglerzelle, die gewisse Paketdienste benutzte, um gestohlene kleine Antiquitäten, versteckt unter billigen Gebrauchtwagen wie Büchern, Kleidung und Spielzeug zu versenden. Die Frage, wie Uzuns Leben auf dem Hinterhof der Anbiethalle endete, ließ Baumann unbeantwortet.

Am Ende der Pressekonferenz melde sich Karl-Heinz Beck wieder zu Wort und kündigte weiterführende Ermittlungen an, die zur Aufdeckung der Kontakte in anderen Städten und im Ausland führen sollen.

 
 

20.05.2018 Leserbrief:

MEIN FREUND DER BAUM IST TOT

Kein Regen in Sicht! Bereits Anfang Mai warfen die Bäume im Waller Park ihre Blätter ab. Wann handelt die Politik endlich und setzt das Stoppen des Klimawandels auf ihre Agenda?
Gabriele Thanberg, Walle

 
 

10.06.2018 Besuch im Übergangswohnheim „Überseetor 1“

DAS ROTE DORF
 
Von Betty Kolodzy

Der Klappstuhl ist aus massivem, schwarz lackierten Holz, die Sitzfläche beige geflochten. Ein Bekannter hatte ihn mir vorbeigebracht. Der Stuhl steht jetzt direkt am Fenster, von wo aus der Blick auf ein altes Backsteingebäude fällt, rüber zur alten Feuerwache, in der sich ein schickes Restaurant befindet.
Ich hatte den Stuhl erst vorgestern hier abgegeben, dem Jungen erklärt, wie man ihn auf- und zuklappt, und dass man den Stuhl auch an die Wand lehnen könne, damit er nicht stört. Ich hatte nicht erwähnt, dass die Sitzfläche ihres Holzstuhls doch zur Hälfte zersplittert sei, dass das dünne Gartenstuhlkissen nur darüber hinwegtäusche und sie nun den kaputten gegen den „neuen“ Stuhl austauschen könnten.
„Ist der Stuhl für meinen Vater?“, hatte Mahmoud gefragt und ich nickte.
„Dankeschön“, sagte Mahmoud und trug den Stuhl ins Haus.
Der Vater ist krank, der Sohn in gewisser Weise auch, so wie alle krank wurden, krank werden durch Fluchtrouten und „rationale“ Gesetze.
Auf der anderen Seite des Containerappartements über Eck zwei Betten mit gleichfarbigen Bezügen. Wie eine Voyeurin komme ich mir vor, wenn ich einen Blick darauf werfe, um zu sehen, ob die Betten gemacht sind, ob alles in Ordnung ist hier im Männerhaushalt, in dem sich Verbandsmaterial bis an die Decke stapelt.

Schwarz-rot-gold flattert es aus dem gekippten Fenster, starker Ostwind, und das Gefühl von Spätherbst mitten im Frühling. Eine Frau zieht den Stoff herein, schließt das Fenster, so dass die Fahne hinter der Gardine wieder gerade hängt.
Vor den Containern liegen Steine auf dem Boden, geometrisch angeordnet, manchmal werden sie von Mahmoud in die Hand genommen, wenn er sein Zerrissensein der Welt entgegengeschleudert.
Gegenüber dem Containerdorf, auf der anderen Seite der Industriehafenstraße, locken einschlägige Bars mit Werbetafeln: „24 hours open“ und „Happy nights“.

Die dem Krieg Entflohenen hoffen, ihre Familie bald in die Arme zu schließen. Die Männer waren vorgegangen, hatten sich erst Schleppern, dann überfüllten Schlauchbooten und dem Wellengang überlassen. Die Männer und die Jungs, seltener die Frauen. Aus Wohnungen von Verwandten oder aus Lagern beobachten sie, wie ihre Partner in der Ferne in neue Rollen schlüpfen.
„Dein Papa kann gut kochen, Mahmoud.“
„Meine Mama auch!“
Das Smartphone relativiert Zeit und Raum, schrumpft anderthalb Jahre des Wartens zu Tagen, während in Damaszener Schubladen Kleinkinder nach ihren Vätern suchen. Den Fremden auf dem Display sehen sie mit großen Augen an, Berührungen werden auf später verschoben, auf einen Tag X, über dem sich Aktenberge türmen. Wie zum Trotz malen die Kinder in den Containern schwarz-rot-goldene Herzen aufs Papier.

Farat.
Ich buchstabiere Fahrrad.
So schreibt man Farat?“, fragt Mahmoud enttäuscht. „Aber warum mit d, wenn man Farat sagt.“
Fahren, dann langer Vokal vor dem H. Rad, Räder, denke ich.
„Du kannst es auch so schreiben“, möchte ich sagen. „Aber wenn du es irgendwo liest, dann steht es da vielleicht mit einem H und zwei R. „Man kann auch Rad sagen. Ohne Fahr.“
„Rat?“, würde er staunen.
„Ja. Rad“.
Während Gewohntes auseinanderbricht, klammert man sich an die Rechtschreibung. In meinem Regal steht ein Buch von H.C. Andersen mit Briefen von 1878. Damals gab es im Dänischen noch Groß- und Kleinbuchstaben. Dass sich der skandinavische Vogel mit F schreibt, bringt doch keinen um!

Abends weint sich Mahmoud in den Schlaf, weil er glaubt, seine Mutter nie mehr wiederzusehen. Nach der Schule ist er der Schnellste, der Wendigste, saust mit seinem Farat zwischen Containern herum und auf Inlinern. Wenn es nicht regnet, gleiten sie alle über das Pflaster. Schon die Vierjährigen mit bunten Röcken und ohne Schoner. Fliegen sie hin, stehen sie auf, laufen lachend weiter.
Und der standhafte Zinnsoldat? Schaukelt in einem Papierboot über Wellen, bis er die Ratte trifft.
„Hast du genügend Geld, darfst du weiter ins Land deiner Träume. Dort werden sie dir ein Bein ausdrucken und ein Zuhause.“
Ein Windstoß schiebt das fragile Boot, weg von den Worten der Ratte, ins dunkle Wasser.

„Ahlan!“
„Ahlan bik!“, möchte man erwidern. Sei du ein Angehöriger. Sei willkommen und möge es leichtfallen.
Manche Kinder beginnen das neue Schulheft auf der letzten Seite ganz oben rechts. Schreiben Deutsch spiegelverkehrt von der Tafel ab, wenn die Vergangenheit ihren Schabernack treibt. Wenn Schriften und Sprachen sich mischen, wenn Ahmad zu Ahmed und Mohamad zu Mohamed wird.
Als Mahmoud draußen herumtobte, bat mich sein Vater mit verschwörerischer Miene in die Wohnung. Jetzt deutet er lächelnd auf den neuen Stuhl, der seinen Vorgänger vom Fenster verdrängt hat. Auch das flache Kissen hat seinen Platz gewechselt, lässt das alte Möbelstück noch zerklüfteter aussehen. Nun stehen drei Stühle um den Tisch.
„Mahmoud hat gesagt, dass der neue Stuhl für seine Mutter ist“, erzählt sein Vater. Nicht mal er dürfe sich darauf setzen.
Gelb leuchtet das Kissen auf schwarzlackiertem Holz. Säße sie hier, würden die ersten Sonnenstrahlen ihr Gesicht wärmen und ihr Blick über die Gleise der Güterzüge fallen hinüber zum alten Backsteingebäude, vor dessen Eingang die Restaurantbesucher ihre Autos parken. Sie könnte die Gäste einer Hochzeitsfeier sehen, würde ihren Blick aber gleich wieder ins Zimmer wenden, hin zum Sohn und zum Ehemann. Vielleicht wäre die Tafel längst gedeckt mit köstlichen Mazza …

Und H.C. Andersens Figur?
Das Schiff leckte und sank, der Zinnsoldat ertrank. Beinahe. Denn er landete im Bauch eines großen Fisches, der alsbald gefangen und auf dem Markt feilgeboten wurde. Und dann – welch ein Glück – fand sich der Zinnsoldat in der gleichen Stube wieder, von der aus er einst aus dem Fenster gestürzt war.
Es hätte alles gut werden können. Hätte, denn …
Lag’s an der Laune des Kobolds oder des Knaben? Oder war es göttliche Fügung, die die Figur einen Raub der Flammen werden ließ?
Der kleine Soldat schmolz schließlich im Ofen. Dort fand man später sein Herz aus Zinn.

 
 

6. Juli 2020 Kultur

WANN WIRD ES ENDLICH WIEDER WINTER?

In Gedenken an Rudolf Wijbrand Kesselaar alias Rudi Carell

Heute vor 80 Jahren wurde Rudi Carell im holländischen Alkmaar geboren. Bekannt wurde der berühmte Wahlbremer mit seinem Hit „Wann wird es endlich wieder Winter?“
In den 1970er Jahren moderierte er die Fernsehsendung „Am laufenden Band“, außerdem trat er in diversen Sendungen von Radio Bremen als Moderator auf.
Rudi Carell lebte in Walle, in der Nähe des Waller Parks, an den heute nur noch Baumstümpfe und Borkenkäfer erinnern.

MW

 
 

5. Mai 2020

GROßE ENTTÄUSCHUNG: ABSAGE DES STADTTEILFESTES

Das für den 20. und 21.6.2020 geplante Stadtteilfest Walle fällt dieses Jahr leider aus. Grund dafür ist der Asteroid Covid-19, der an einem der beiden Tage am Osterfeuerberg vorbeifliegen wird. Bürgermeister Bovi Schütz ruft die Bevölkerung dazu auf, sich mit Schutzmasken auszustatten und Abstand zu halten. Masken werden demnächst zu einem Preis von 6,5 Millionen Euro aus China eingeflogen. Zur Abstandswahrung werden Gratis-Zollstöcke verteilt.

wpa

 
 

02.07.20

(UN)EINS(SAM) REITE ICH HEUTE HINAUS
 
Von Carol Haynes

 

Im Waller Friedhof steht ein acht-jähriges Kind vor zwei alten angegrauten Grabsteinen, kein Name ist zu sehen. Ganz in der Nähe eine übermannshohe Skulptur aus versteinerter Rotlava. Die Sonne geht unter, die Schatten werden länger, die Vögel fliegen nach Hause. Das Kind hört Stimmen, obwohl es allein ist. Oder sind die Töne nur die windgetragenen Geräusche von Bäumen und Kleintieren?

— Heute reite ich einsam hinaus.
o Ach, das sagst du jeden Tag. Doch bleibst du immer noch hier.
o Dafür brauchst du ein Pferd. Wo denn ist dein treues Ross?

— Halt die Klappe! Alle! Ihr kapiert nichts.
o Im Gegenteil wissen wir viel zu viel.
o Stimmt, jeder weiß, wie du deinen besten Freund erschossen hast.
o Wegen einer Frau.
o Zum Glück gibt’s hier keine Frauen, sonst müsste jeder um sein Leben fürchten.

— Warum bin ich so verflucht…
o Weil du die Sache nicht richtig ausgedacht hast…
o Weil du dein Glück und dein Zuhause verloren hast…
o Weil du ein Verbrechen gegen die Liebe begangen hast…

— …meine traurige Ewigkeit mit solchen Knalltüten zu verbringen? Das ist der schlimmste Fluch, den man sich vorstellen kann.
o Und auch was man sich nicht vorstellen kann.
o Nein, der schlimmste wäre…
o Knalltüten?!? Wir sind Helden!
o Ja, Helden. Und stolz darauf.
o Stimmt, es gibt keine Knalltüten unter Helden. Jeder weiß das.

— Helden? Ach, das höre ich tagein, tagaus…
o Darum willst du hinaus reiten…
o Weil du es in solch hoher Gesellschaft nicht mehr aushalten kannst.

— Trotzdem bin ich der einzige unter uns, der einen eigenen Grabstein hat.
o Wir haben aber ein Denkmal!
o Eher ein Denkmal als ein Stein!
o Jawohl!
o Weil unsere Frau so wichtig war, so treu war, so würdig unseres Schutzes war…
o Sie gehörte uns!
o Unsere Stadt, unsere große Liebe!
o Ich habe mein Leben vor ihrem Tor hingegeben.
o Ich auch!
o Du Trottel, so haben wir alle gemacht.

— Wäret ihr alle so heldenhaft, würdet ihr nicht in einem Loch gemeinsam legen.
o Wir ruhen, wie wir gelebt haben: solidarisch.
o Richtig gesagt! Wer ist jetzt der Mann, der gar nichts kapiert?

— Ich kenne keine Frau, die lieber eine Menge Räte haben würde als einen einzigen guten Cowboy.
o Doch! Eine intellektuelle Frau, die an Gleichheit und Gerechtigkeit und Brüderlichkeit glaubt!
o Ja, Brüderlichkeit, auch unter Frauen.
o Jeder weiß, dass Revolutionäre sexier sind als Cowboys.
o Wer das noch nicht weißt, hat noch nie Les Misérables gelesen.
o Du hast dich selbst einsam gemacht, ewig einsam, sogar als du noch am Leben warst.
o Einsam statt gemeinsam!

— Dennoch hat eure Frau euch alle im Stich gelassen.
o Ketzerei! Sie wurde uns gestohlen!
o Sie hat uns ausgewählt, sie hat uns gewollt.
o Im Stich gelassen! Sagst du es noch mal, erschieße ich dich mit deiner eigenen Waffe…
o Ich auch!
o …dann sehen wir, wer die schnellere Hand hat!

— In diesem Zusammenhang kann man nur einmal der schnellste sein. Und das war schon ich.

„Hannes, wo bist du?“
Eine Frauenstimme weht dem Kind ins Ohr. Der Junge schaut sich um und sieht eine Frau, die nicht weit weg ist, aber sie kann ihn wegen der Grabsteine nicht sehen.
„Bin hier, Mama!“ Er winkt.
Seine Mutter nimmt seine Hand und führt ihn weg, Richtung Straßenbahn, Richtung sein Zuhause.
„Du wirkst so still. Hattest du keine guten Abenteuer?“
Er schweigt, die beiden gehen weiter, dann:
„Mama… Darf ich ein Pferd haben?“

 
 

22. August 2011

EIN COWBOY RUHT AUF DEM WALLER FRIEDHOF
 
Von Alparslan Zengin

Der berühmte Schlagersänger „Ronny“ ist tot. Geboren im Südwesten USA, floh Ronny mit 24 Jahren vor Armut nach Deutschland. In das Frachtschiff, das ihn über Atlantik beförderte, nahm er nur ein paar Kleidungsstücke und sein Banjo mit, das er als Kuhhirte spielen lernte. In Bremen arbeitete er im Europahafen und spielte manchmal während der Arbeitspausen Banjo. Seine Lieder wurden von den Hafenarbeitern immer öfter nachgefragt und brachten ihm Ansehen und die Aufmerksamkeit eines Produzenten des Senders „Radio Bremen“. In den 60ern erschienen etliche Tonaufnahmen von Ronny, darunter seine berühmteste Single „Kenn ein Land.“ Später zog er sich von der Bühne zurück und widmete seine Zeit dem Komponieren und Produzieren. Mit 81 Jahren starb er vergangenen Donnerstag, 18. August 2011, und wurde auf dem Waller Friedhof beigesetzt.

 
 

QUELLEN

Wie es Johann Wolfgang nach Walle verschlug
https://www.klassik-stiftung.de/goethes-gartenhaus/
https://www.nzz.ch/nzzas/nzz-am-sonntag/er-schrieb-noch-mit-dem-federkiel-1.18551591
www.goethe-weimar-wetzlar.de/index-Dateien/Goethe%20als%20Mensch.pdf
https://www.focus.de/wissen/natur/bremer-bleikeller_aid_144809.html https://taz.de/!1536305/
https://digitales-heimatmuseum.de/walle-vom-dorf-zur-vorstadt

Wal, Walfang und Waldenkmäler in Vegesack


https://www.google.com/url?sa=t&rct=j&q=&esrc=s&source=web&cd=12&ved=2ahUKEwjbuLnt563pAhVKCewKHXiTCMwQFjALegQIAxAB&url=https%3A%2F%2Fwww.rambow.de%2Fdownload%2Fgenealogie-achelis.pdf&usg=AOvVaw0AMj3de3vyqk2m5Y6NXGLF
6. Generation, Johannes Achelis, S. 40

Ein Cowboy ruht auf dem Waller Friedhof
Die Fakten stammen von Wikipedia: https://de.wikipedia.org/wiki/Ronny_(Schlagers%C3%A4nger)

Der belesene Tote
Informationen über die Anbiethallen stammen aus dem digitalen Heimatmuseum Bremen: http://digitales-heimatmuseum.de/rauer-ton/

(un)eins(sam) reite ich heute hinaus
* „Das Girl ist mein…Meine Hand war schneller…heute reite ich einsam hinaus“ stammen / umgestellt vom Lied „Kenn‘ ein Land“ von Ronny, der im Waller Friedhof ruht. Im Musikvideo sieht Ronny wie ein Cowboy aus. Songtext: https://musikguru.de/ronny/songtext-kenn-ein-land-1380649.html

* Im Waller Friedhof wurden 1919 die Verteidiger der Bremer Räterepublik in einem gemeinsamen Grab beerdigt. https://de.wikipedia.org/wiki/Bremer_R%C3%A4terepublik

 
 

Impressum:

Walle reloaded – Die alternative Stadtteilchronik

Kulturredaktion:

Carol Haynes
Justus Herb
Julia Sollbusch
Martin Walther
Alpaslan Zengin alias Veli Uzun

Kontakt: Betty Kolodzy
mail@bettykolodzy.de

Postadresse:

Walle reloaded – Die alternative Stadtteilchronik
An der ehemaligen Wanderdüne
28217 Walle

 
 

 
 
KREATIVES SCHREIBEN IM FOCKE-MUSEUM:

 
 

Am 17.01.20 nahm die 12b der Oberschule Findorff im Focke-Museum an meinem Schreibworkshop zu Hans Saebens / Bilder für Bremen teil. Die folgenden Texte werden gemeinsam mit der Ausstellung nach Berlin wandern, und dort vom 13.2.20 – 3.7.20 in der Bremer Landesvertretung zu sehen sein.
 
 
 
 
Jaspar
 
 
Zeit ist Geld
 
 
Sie waren in Eile.
Sie hetzten.
Sie rannten so schnell, wie es ihre Schuhe im Oxfordstil zuließen.
Stets darauf bedacht, den kostbaren Inhalt der Pakete, die sie bei sich trugen, nicht zu verlieren, liefen sie Richtung Innenstadt.
Es war 11:58 und sie waren gerade erst an der Bischoffsnadel, noch zu weit von ihrem Ziel entfernt. Es waren zwei junge Männer, in modisch geschnittenen Anzügen, die sie bei diesem Tempo fast zu ruinieren schienen, auf dem Weg zur Baumwollbörse, die um 12 Uhr öffnete, um ihr Glück zu versuchen.
Das gekämmte, reingewaschene und strahlend weiße Material mit sich führend, hatten sie nun den Domplatz erreicht und sprinteten in halsbrecherischem Tempo am Kirchenschiff des Doms vorbei, in Richtung Marktplatz.
Als sie den Dom passiert hatten, liefen sie weiter geradeaus, ein paar Treppen hinunter, durch den dahinterstehenden Zierbogen, an den Blumenrabatten vorbei, um schließlich vor dem Gebäude der Baumwollbörse, außer Atem stehen zu bleiben.
Der Mann im hellen Anzug sah seinen, ihn angrinsenden Freund an. So war es schon immer gewesen. Sie hatten sich als Jungen durch die Wirrungen der letzten Kriegsjahre und der Zeit danach geschlagen und hatten es immer irgendwie geschafft.
Dieser Schritt, dieses Leben, dessen Beginn mit dem Herunterdrücken der Türklinke des reich verzierten Portals der Börse verknüpft zu sein schien, war so anders als sie. Ein Sprung, das Eintauchen in etwas völlig fremdes und doch verheißungsvolles. Das Versprechen auf ein besseres Leben hing an dieser Tür.
Er ließ seine Hand auf der Klinke ruhen und kam zu Atem.
Gestern hatte er in seiner bescheidenen Wohnung „Put your head on my shoulder“ aufgelegt, das Lied, zu dem Verliebte 1959 auf der ganzen Welt tanzten und mit der Frau, die er liebte, bis spät in die Nacht tanzend von einer erfüllteren Zukunft geträumt.
Diese Zukunft lag in diesem Moment buchstäblich in seiner Hand.
Er zögerte. War es das Richtige?
Sollten sie diesen Schritt gehen?
Oder doch lieber umkehren?
Die beiden Männer konnten sich bis jetzt auch gut mit kleineren Geschäften im Untergrund durchschlagen, warum also etwas ändern?
Nein. Er musste es tun. Er hatte es ihr versprochen. Und seinem Freund auch. Bevor er die Tür öffnete hielt er noch einmal kurz inne. Sah auf seine Uhr. Sie hatten es rechtzeitig geschafft. Der Sekunden, Minuten und Stundenzeiger bewegten sich auf die 12 zu.
Er schaute sich kurz um, atmete die Luft ein.
Und schließlich, vorsichtig, beinahe zögerlich drückte er die kupferne, abgegriffene Klinke nach unten und trat ein.
In einen Raum, in ein neues Leben.
In eine neue Zukunft.

(Bild: Zwei Männer vor der Baumwollbörse)

 
 
 
 
Jette

Statt Bekriegen Rumliegen
 
Viele Menschen auf kleinem Raum,
sie vermissen nur noch einen Baum.
Überall plattes Land, doch da,
ein Strand mit Sand.
Familien sitzen auf Bänken
und wollen nicht an die Vergangenheit denken.
Sie wollen unter Palmen liegen
und nicht mehr sich bekriegen.
Die Kinder wollen spielen
und die Eltern ignorieren.

(Bild: Neue Vahr)

Merle

Alles gut!
 

Juli 1957 in der Neuen Vahr,
eine große Menge an Wohnblöcken ist da,
auf dem großen Platz, wo die Kinder spielen,
wo vor ein paar Jahren noch die Häuser fielen.
Liebe, Spaß und Freiheiten,
das haben sie nun.
Die Kinder essen Süßigkeiten,
sie haben ja nichts Besseres zu tun.
Gras, Stein und eine Pfütze,
Fahrradfahren kann er schon ohne Stütze.
Lange hat’s gedauert und er brauchte viel Mut,
jetzt ist endlich alles gut.

(Bild: Neue Vahr)

 
 
 
 

Saskia

Die Hochhausmaus
 
Draußen hinterm off’nen Fenster,
im Kopf noch all die Großgespenster,
doch Ruhe sieht man und ein Haus
raus, ist das Ziel der grauen Maus.
In die weite Welt da draußen.
Schauen und der Großstadt lauschen.
Die Bäume kahl, wie’s scheint, ist’s kalt,
oder, bedacht, vielleicht bloß alt.
Kein einz’ger Mensch ist gar zu sehen,
keiner wagt wohl rauszugehen.
Es wirkt so grau und etwas trist,
sieh, kleine Maus, dass du dein eig’ner Regenbogen bist!

(Bild: Alto Hochhaus)

 
 
 
 

Sun

Bremens Wächter
 
Es ist ein kalter Dezembernachmittag, das Thermometer ist in die Minusgrade gefallen. Mit ihm fällt der Schnee und mit dem Schnee fallen Bremens Bewohner aus allen Wolken, wenn sie merken, dass sie noch nicht alle Weihnachtsgeschenke beisammen haben. Nur Roland fällt nicht. Roland steht so lange schon auf seinem Podest wie Bremen steht, und Roland hat alle Einwohner von Bremen fallen sehen.

Während die Leute auf der Suche nach dem perfekten Geschenk unter Rolands Blick über den Marktplatz eilen, werden sie von dem dichten Schneefall durchnässt. Sie schützen sich mit Regenschirmen vor der ungemütlichen Kälte. Nur Roland hat keinen Regenschirm. Roland hat eine kleine Überdachung, gerade groß genug, um sein Haupt zu hüten. Sein Schutz vor Wetter ist ihm ewig und Roland hat schon jedes Wetter erlebt.

Kein Einwohner Bremens möchte im dichten Schneefall draußen stehen müssen. Wer draußen ist, flüchtet in die sichere Wärme eines Hauses. Nur Roland flüchtet nicht. Roland hat ein Schild, um sich zu schützen und ein Schwert, um sich zu wehren. Er ist allen Lagen gewachsen und hat schon jeden fliehen gesehen.

Wer bei dieser Ungemütlichkeit einen Partner bei sich hat, teilt selbstverständlich seinen Schirm mit diesem, um gemeinsam den Umständen zu trotzen. Leid, Schutz und Mut erlebt man zusammen. Nur Roland kennt kein Zusammen. Er stand immer schon alleine, sein Schwert und sein Schild hielt nur er in seinen Händen und unter seinem Dach stand nur er. Er ist allein, aber einsam ist er nicht. Er ist allein, damit alle anderen beisammen sein können. Und er hat schon alle beisammen gesehen.

Bald ist Weihnachten. Alle blicken mit erfreuten Augen darauf. Sie sehen die Schokolade in den Läden, die bereits verpackten Geschenke und die Freude in den Augen der anderen. Nur Roland sieht nicht. Roland weiß. Er weiß um die Freude Bremens, um die Augen, die ihre Freude auch durch den dichtesten Schnee strahlen. Roland weiß von allen in Bremen.
Roland ist, wie er ist, damit Bremen sein kann, wie Bremen ist. Er hat immer über die Bremer gewacht. Er wacht jetzt und auch in Zukunft wird er wachen.

(Bild: Roland bei Schneefall)
 
 
 
  
Mirlinda

Gelebt in einem Albtraum
 
Wenn du die Augen schließ, siehst du ihn noch.
Wenn du dir die Ohren zuhältst, siehst du ihn noch.
Wie er die Namen seiner nächsten Opfer brüllt.
Wie er deinen Namen brüllt.
Du spürst, wie er sich dir immer weiter nähert.
Er weiß, wo du bist, auch wenn du dich versteckst.
Einen nach dem anderen holt er sich und doch vergisst er dich nie.
Betteln, weinen, beten.
Das ist nichts, was ihn aufhalten könnte.
Mitleid und Begnadigung wären nichts, was er kennt.
Wie kann es so etwas Grausames geben?
Wie kann der Tod uns einholen, wenn wir täglich um unser Leben rennen?
Doch es gibt Hoffnung.
Wenn du die Augen öffnest, gibt es keinen Tod, Schmerz oder Leid.
Dann endet dieser Albtraum wie jeder andere.
Doch was, wenn du merkst, dass dies deine Erinnerungen sind?
Hellwach blickst du auf Trümmer und Überlebende voller Kummer
in ihrem Gesichtern.
Und du wünschst dir, deine Augen wären nicht geöffnet.

(Bild: Kinder im kriegszerstörten Bremen)

  
 
 
 
Christina

Halte kurz inne!

 
Es ist schon dunkel geworden. Grau-blaue Wolken ziehen am Himmel entlang und kündigen das Ende des Tages an. Mein Blick schweift umher. Die Sehfähigkeit ist eingeschränkt, zum Teil durch das düstere Licht, zum anderen durch den harten Arbeitstag, der hinter mir liegt. Die Umrisse des Hafens werden durch vereinzelt gelb leuchtende Lichter erhellt und helfen meinen trüben Augen, den Weg zu meinem Auto zu finden. Seltsamerweise genieße ich die Stille, die durch den leeren Hafen fegt, wenn ein jeder seine Arbeit eingestellt hat. Mit einem tiefen Atemzug nehme ich den kühlen, salzigen Geruch war, der in der Luft liegt. Der Geruch des Regens, welcher noch vor wenigen Stunden auf die Erde eingetrommelt ist, überdeckt den metallischen Geruch der Maschinen und Konstruktionen, welche unsere Arbeit erleichtern sollen. Ich fröstle ein wenig, als ein kalter Luftzug meinen Nacken berührt. Leicht schaudernd ziehe ich meinen Mantel fester um mich und trete ein paar Mal auf der Stelle herum, um den Anflug von Kälte abzuschütteln. Dabei erzeugen meine Schuhe ein kratziges, unangenehmes Geräusch. Kleine Sandkörner werden auf der Straße herumgeschoben. Einsamkeit klammert sich eng um meine Brust. Das Gefühl des Genießens ist schlagartig vorbei. Ein dringendes Bedürfnis, heimzukehren überfällt mich. Warum ich plötzlich dieses Bedürfnis habe, von diesem Ort wegzukommen, weiß ich nicht, aber ich beschließe, mich sofort auf den Weg zu machen. Mit einem letzten, umhersehenden Blick verabschiede ich mich vom Hafen. Auf ein erneutes Wiedersehen am morgigen Tag!

(Bild: Hafen bei Nacht)
  
 
 
 
Arman

Der Marktplatzwandel
 
Der Marktplatz ist ein schöner Ort,
jedoch könne auch dort passieren ein schlimmer Mord.
Immerhin parkten viele Autos dort,
heute geht das nicht mehr, nicht mal ein kleiner Ford.
Dadurch hat man eine klare Sicht
und kann genießen das Sonnenlicht.
Der Marktplatz hat viele Gebäude,
wohin gehen viele Leute?
Früher konnten diese Leute aber nicht wissen,
dass wir dort den Politikern machen ein schlechtes Gewissen.
Jedoch war der Marktplatz damals noch sehr schön,
heutzutage gehen wir nicht mehr hin,
weil sich Bremen langsam erwärmt wie ein Föhn,
aber wie wir wissen „ergibt Klimawandelt ja keinen Sinn“.

(Bild: Parkende Autos auf dem Marktplatz)
  
 
 
 
Shirin

Der Freimarkt 1955
 
Moritz und seine zwei Geschwister freuen sich schon riesig auf den bevorstehenden Freimarkt. Als es endlich soweit war, ging sein Vater mit ihnen zur Arbeitsstelle der Mama. Sie hatte die vorherigen Wochen mehr Überstunden geleistet, um mehr Geld für diesen einzigartigen Tag zur Verfügung zu haben. Als alle zusammen und startbereit waren, gingen sie los. Mit dem Bus zu fahren, war keine Option, weil es zu kostspielig war. Deswegen gingen sie zu Fuß.
Als sie da waren, spürten die Kinder ein Gefühl von Aufregung. Sie dürfen sich zwei Geschäfte aussuchen, weil ihr Vater schon lange vorher Geld angespart hatte. Moritz wollte unbedingt in die Gruselbahn. Seine Geschwister hingegen waren viel zu jung dafür und so musste er ein Karussell ausfallen lassen und in eins der anderen gehen.
Er war den Rest des Tages sauer und enttäuscht.
———————
20 Jahre später: Heute weiß Moritz, dass seine Eltern hart gearbeitet haben, um ihren Kindern das Bestmögliche zu ermöglichen.

(Bild: Freimarkt 1955)

 
 
 
 

 
 
 
 
 Heimat:Sprache

ein Projekt von Betty Kolodzy
 
 
 
 
 
Texte aus meiner neuen Schreibwerkstatt für geflüchtete Frauen:
 
 
 
Sehr geehrte Architekten,

 
Wer sind Sie? Sie haben mich sehr glücklich gemacht. Ich bin die syrische Judy Abbott. Sie haben mir die Sicherheit gegeben, die ich in meinem Land vermisste.

Ich erinnere mich an mein bescheidenes Landhaus. Das Haus, das nach frischem Brot duftete. Ich verbrachte die warmen Winternächte in Ihrem wunderschönen roten Haus, nach einer Zeit voller Angst, als der Winter näher rückte und ich mit meinen Kindern in einem Flüchtlingslager in der Nähe zur Türkei wohnte.

In einer Winternacht, in der es regnete, wachte ich dort auf und merkte, dass meine Kleidung und meine Haare nass waren. Auch die Kleider und Haare meiner Kinder waren nass, unser Hab und Gut vom Regen durchweicht. Ab dem nächsten Morgen waren wir ständig krank. Danach mietete ich ein kleines Haus in der Türkei. Es war völlig leer. Meine Kinder und ich schliefen auf dem Boden.

Wer sind Sie? Sie haben mir die Zuversicht gegeben, dass es in dieser Welt Gutes und Sicherheit gibt. Sie sind Daddy Long Legs.

Ich möchte Ihnen, auch im Namen meiner ganzen Familie, von Herzen danken. Wir wünschen Ihnen, dass das Lachen der Kinder aus dem Roten Dorf Ihr Leben begleitet, viel Glück und alles Gute!

 
Herzliche Grüße
Judy

 
 
 

Wohnungssuche

 
Aisha

 
Gestern haben wir ein Haus im Bremer Westen hinter Gröpelingen besichtigt. Das Haus war sehr groß. Es hatte im Erdgeschoss drei Zimmer, ein Bad und eine Küche. Im ersten Stock waren genauso viele Räume.
Aber die Vermieterin sagte, dass wir zu viele Personen sind. Sie wollte ihr Haus an eine Familie mit höchstens vier Personen vermieten. Wir sind fünf.

 
 
 

Joie

 
Kamerun

 
In Kamerun gibt es vier Jahreszeiten: zwei große und zwei kleine. Die trockene Jahreszeit dauert von Dezember bis Januar. Danach ist es drei Monate schön. Von Februar bis April ist es am sonnigsten. Von Mai bis Juli regnet es. Von September bis November sind die Temperaturen normal: 34 Grad.

Die Natur in Deutschland ist ganz anders als in meiner Heimat: In Kamerun wachsen Bananen an Stauden. Es gibt dort große Bananenplantagen. Und Palmenplantagen mit Palmölnüssen. Daraus gewinnt man in Raffinerien Palmöl. Außerdem wird Soja-, Baumwoll- und Erdnussöl produziert.
Es wachsen sehr viele verschiedene Früchte in Kamerun: Orangen, Mangos, Zitronen, Papayas, Mandarinen, Kakao, Kaffee … Und Gemüse.

Doch die Menschen müssen vor der Gewalt des Bürgerkriegs flüchten.

 
 
 

Birivan

 
Umzug

 
Ich bin glücklich, weil wir bald vom Übergangswohnheim in eine eigene Wohnung ziehen werden. In dieser Wohnung wird das Leben in normaleren Bahnen verlaufen. Meine Kinder werden nach der Schule Hausaufgaben machen und nicht mehr unruhig nach draußen schauen, wo die anderen Kinder spielen.

Hier im Flüchtlingsheim findet das Leben meistens draußen statt. Die Kinder kennen sich alle. Jeder möchte lieber bei den Freunden sein, statt alleine zu Hause zu lernen. In der neuen Wohnung werden meine Kinder eigene Zimmer haben. Dort können sie zur Ruhe kommen und sich konzentrieren, und auch unser Familienleben wird ruhiger, weil wir wahrscheinlich in Mahndorf nicht so viel Besuch bekommen werden wie jetzt.

Gleichzeitig bin ich traurig, weil wir hier fast drei Jahre gelebt und neue Freunde gefunden haben. Wir kennen und lieben unsere Nachbarn. Ein bisschen Angst habe ich auch, dass der Anfang schwierig wird. Meine Kinder kommen in neue Schulklassen. Sie verlieren ihre Lehrerin, die sie sehr mochten, und sie kennen ihre Mitschüler noch nicht.

Ich denke, ich werde drei bis vier Monate brauchen, bis ich mich an die neue Umgebung gewöhnt habe. Bis ich weiß, wie ich von dort überall hinkomme.

Als ich die Nachricht von der neuen Wohnung bekam, sagte ich: „Ich werde jeden Tag wieder ins Übergangsheim zurückkommen“. Nun freue ich mich. Ich glaube, dass alles gut wird. Außerdem wohnt meine Tante mit ihren Kindern in Mahndorf. Die Kinder sind viel älter als unsere. Und sie haben neben der Schule genügend Hobbies, so dass wir uns wahrscheinlich nur am Wochenende sehen werden.

 
 
 
Huda

 
Glück

 
Ich bin sehr glücklich, endlich in Deutschland zu sein. Die Menschen hier sind so nett. Das Wichtigste allerdings ist, dass wir als Familie endlich wieder zusammen sind. Meine Kinder haben ihren Vater drei Jahre nicht gesehen. Wir haben mit dem Smartphone kommuniziert, aber das ist natürlich etwas ganz anderes.

Momentan wohnen wir im Heim. Die Kinder werden nach den Sommerferien eingeschult. Sie haben schon Kontakt zu den anderen Kindern, die im Heim wohnen und werden schnell Freunde finden.

 
 
 

Aisha

 
Deutsch lernen

 

Ich freue mich, dass ich jetzt hier mit euch zusammen bin und Deutsch schreibe und lerne. Wegen meiner Krankheit besuche ich leider keinen Deutschkurs, sondern übe alleine zu Hause. Ich gehe zum Beispiel ins Internet in einen Kurs, mit dem ich lernen kann.

Manchmal lerne ich mit dem Buch meines Mannes. Mein Mann besucht einen Deutschkurs. Er möchte mir helfen, aber das funktioniert meistens nicht so gut, weil er selber noch nicht so gut Deutsch kann. Ich möchte auch lieber alleine lernen.

Meine Tochter spricht sehr gut Deutsch. Sie hat leider keine Zeit mir zu helfen, weil sie viel für die Schule lernt. Sie besucht einen Vorkurs und hat sehr gute Noten.

 
 
 

Birivan
 
Draußen schlafen

 
In Alhasaki und Kamishli in Nordsyrien schlafen alle Familien, wenn der Sommer kommt, draußen. Warum sie lieber draußen übernachten als in ihren Häusern? Weil es im Sommer viele Skorpione gibt. Und weil es sehr heiß ist: 50 – 60 Grad von Juli bis Ende August. Im August ist es am wärmsten.

Jede Familie hat ein großes Bett für die Eltern, eins für die Töchter und eins für die Söhne.
Es ist sehr schön, in der Nacht draußen zu schlafen. Du liegst im Bett und guckst in den Sternenhimmel. Dort siehst du viele Sternschnuppen und hörst Grillen zirpen. Die Frösche, die in einem Bach ganz in der Nähe leben, quaken fröhlich vor sich hin.

Kurz vor dem Sonnenaufgang kräht der Hahn und der Muezzin ruft zum Gebet.
Das ist eine sehr schöne Zeit. Alle Leute stehen auf und beten. Nach dem Frühstück gehen sie die Tiere füttern. Die meisten haben Schafe, Hühner und manche auch Kühe.

Wenn ich heute daran denke, war das ein schönes Leben und ein schöner Sommer. Vor dem Krieg. Hier in Deutschland ist der Sommer sehr kurz.

 
 
 

Aisha
 
Frauenrechte

 

Heute geht es mir sehr gut, denn meine Kinder lernen schnell und kommen in der Schule gut voran, nicht nur in Deutsch. Ich fühle mich in Deutschland sehr wohl, weil es hier keinen Krieg gibt und wir in Frieden leben können. Und weil es in Deutschland Rechte für Kinder und Frauen gibt.
In Syrien habe ich als Rechtsanwältin gearbeitet: von 8 – 14 Uhr im Gericht. Danach hatte ich Pause. Das bedeutete, dass ich bis 18 Uhr den Haushalt für meine Familie machte. Um 18 Uhr ging ich in meine Kanzlei und arbeitete bis 22, manchmal 23 Uhr, weiter.

Heute ist meine Situation ganz anders: Ich habe die B1 Prüfung bestanden und besuche nun den schwierigen B2 Kurs. Manchmal sitze ich im Unterricht und verstehe nichts, weil ich keine Zeit hatte, Hausaufgaben zu machen und zu lernen. Nach der Schule muss ich das Essen für meine Kinder vorbereiten und den Haushalt machen. Danach, von 18 – 19 Uhr, mache ich mit meinen Kindern Hausaufgaben. Anschließend bereite ich ein leichtes Abendessen vor: Brot, Käse, Tomaten …

Dann sitzt die ganze Familie zusammen und wir erzählen, was wir am Tag erlebt haben.

 
 
 

Djalila
 
Schule

 
Es fällt mir sehr schwer, im Deutschkurs zu lernen. Ich war früher nie in der Schule. Wenn die Lehrerin spricht, verstehe ich manchmal ein bisschen, manchmal auch gar nichts. Die anderen Frauen im Kurs sind schon eine Stufe weiter. Nur eine Frau und ich bleiben im A 1 Kurs.
Trotzdem gehe ich gerne in den Deutschkurs, weil ich nicht nur zu Hause sitzen möchte. Ich freue mich, die anderen Frauen zu sehen.

 
 
 

Ikram
 
Frauensache?

 
In den meisten syrischen Familien verdienen die Männer das Geld und die Frauen kümmern sich um den Haushalt: Sie waschen die Wäsche kochen, kümmern sich um die Kinder. Die Männer beteiligen sich nicht am Haushalt.
Deutsche Männer sind ganz anders. Aber ich habe gehört, dass das auch nicht immer so war.

 
 
 

Joie
 
Malen

 
Wenn ich mit meinem Baby auf dem Arm hier draußen auf der Bank sitze, bin ich glücklich. Ich beobachte, wie die anderen, die größeren Kinder, spielen. Manchmal malen sie mit Kreide bunte Bilder auf dem Platz. Dann sieht es hier sogar bei dunklem Wetter fröhlich aus.
Die Kinder malen Herzen, Blumen, Bäume, Autos und Kästen zum Hüpfen auf das Pflaster. Ich hoffe, dass mein kleiner Sohn, wenn er älter ist, auch so viele Freunde haben wird.

 
 
 

Riham
 
Meine Pläne

 
Ich träume von einer Ausbildung zur Altenpflegerin. Ich möche gerne alten Menschen helfen. In Syrien habe ich mich früher um meine Oma gekümmert. Sie war gelähmt und musste immer im Bett liegen. Leider ist sie vor einigen Jahren gestorben.
Wenn ich einen Ausbildungsplatz finde, würde ich gerne mit meiner Familie in Bremen bleiben. Hier sind die Menschen uns Ausländern gegenüber offen und freundlich. Wenn wir im Waller Park spazieren gehen, begegnen uns alte und junge Menschen. Sie grüßen und lächeln uns zu.

 
 
 

Ivie
 
Glück

 
Glück würde für mich bedeuten, meine gute Freundin, die ich in Kamerun blieb, hier in Deutschland wiederzufinden. Ich stelle mir vor, wie es wäre, wenn ich durch die Innenstadt laufe – und sich vielleicht an der Domsheide unsere Wege kreuzen. Wie wir uns ungläubig ansehen, weil es doch so unvorstellbar ist … und uns dann freudestrahlend in die Arme fallen!

 
 
 

Aisha
 
Meine Tochter

 
Meine Tochter hat einen Ausbildungsplatz im medizinischen Bereich gefunden. Sie ist sehr glücklich darüber. Ich freue mich auch für sie. Aber, wenn ich ganz ehrlich bin, wäre es mir lieber, sie würde hier studieren.
Mit einem Studium hätte sie international mehr Möglichkeiten. Falls wir eines Tages nach Syrien zurückkehren würden, wäre ihre Ausbildung dort nicht so angesehen.

 
 
 

Latifa
 
Muttersprache

 
Im Gegensatz zu mir sprechen meine Kinder sehr gut Deutsch. Dass dies einmal ein Problem werden könnte, hätte ich nie gedacht. Doch momentan ist es so, dass wir uns manchmal nicht mehr richtig auf Arabisch verständigen können. Den Kindern fallen manche Wörter in ihrer Muttersprache nicht mehr ein. Wie kann man seine Muttersprache vergessen? Ich frage mich, ob meine Kinder nun Arabischunterricht nehmen sollen.

 
 
 

Nuur
 
Es geht weiter

 
Ich bin noch nicht lange hier, aber ich liebe Bremen, weil die Leute hier so nett sind. Sie schauen uns immer mit einem Lächeln auf den Lippen an. Ich liebe auch meine Nachbarn hier. In Bremen ich keine Angst. Ich finde es schön, dass die Straßen so sauber und ordentlich sind. Ich wohne sehr gerne in diesem Heim, weil ich hier mit meinen Nachbarn zusammen etwas unternehmen kann.
Obwohl wir erst so kurz hier sind, müssen wir schon wieder ausziehen. Wir werden niemanden kennen. Die Freunde werden nicht mehr in der Nähe sein. Aber das Wichtigste ist, dass wir als Familie zusammen sind, dass meine Kinder endlich mit ihrem Vater zusammen sein können, auf den sie so lange gewartet hatten. Und dass sie eine Schule besuchen können, damit sie später den Beruf ausüben können, den sie sich wünschen.
 
 
 
 
 
 
 
Die Schreibwerkstatt konnte mit Hilfe des Bremer Frauenkulturförderpreises 2019 realisiert werden. Herzlichen Dank an den Senator für Kultur und den Bremer Rat für Integration!
 
 
 
 
 
 

***

 
 
 
 
 
 
Glück – eine literarische Spurensuche
 
 
Texte der Student*innen meines Lehrauftrags an der Uni Bremen
Sommersemester 2019
 
 
 
 
Maite Wulff

Sie

Sie starrte auf ihr Blatt. Den Stift in der Hand und überlegte. Die Stirn leicht in Falten gelegt und ihr braunes Haar fiel seitwärts herab. Den Stift fest umklammert und in Kreisen bewegend starrte sie weiterhin auf das Papier und wusste nicht was sie tun soll. Sie musste erst ihre Gedanken ordnen. Dann begann sie zu schreiben. Ihre Hand flog über das Papier. Ihr Handy neben ihr blinkte auf. Sie schaute nach und dann packte sie es weg.
 
 
 
 
 
Hendrik Fiedler

Schaumschläger (inspiriert durch den Roman „Imperium“ von Christian Kracht)

August Engelhardt war ein Träumer. Er verrichtete die Dinge, mit denen wir uns alle herumplagen müssen, eilig und gewissenhaft. Doch sie waren ihm verhasst. Dies äußerte sich bei ihm darin, dass er versuchte, sie möglichst schnell hinter sich zu bringen. Damit stellt Engelhardt an sich noch keine Ausnahme dar. Doch gelang ihm, woran die meisten von uns scheitern: unangenehme Aufgaben und unliebsame Verpflichtungen so schnell wie möglich und zum Teil sogar in dem Moment zu erledigen, in denen sie aufkamen.
Dazu erzog er sich zu einer Tagesroutine, von der er keine Abweichung duldete. Es gab festgeschriebene Zeiten, in denen er leidenschaftslos aber konzentriert arbeitete. In den dafür vorgesehenen Pausen wiederum erholte er sich von seiner unerbittlichen Selbstdisziplin. Dann konnte er all jenen Tätigkeiten des Geistes nachgehen, die im Alltag nicht gefragt waren.
Er verstieg sich in phantastische Traumwelten und Erlösungsphantasien. Ihn faszinierte alles, was nicht von dieser Welt war. Atlantis, Valhalla, Eden oder das Nirvana. Nicht-Orte in unseren kollektiven Phantasien, an denen Menschen von den aus Engelhardts Sicht profanen Bedürfnissen ihrer Körper befreit waren und sich in aller Ruhe der Veredelung ihrer Seelen widmen konnten.
Es gelang ihm, sich tatsächlich nicht länger als nötig mit den meisten sinnlichen Erfahrungen dieser Welt zu befassen. Vor allem körperliche Sehnsüchte waren ihm suspekt. In seiner Auffassung machten sie uns anfällig für Manipulation. Und nichts erschien ihm bedrohlicher als der Gedanke, dass eine fremde Macht – das heißt, alles was Engelhardt nicht für seinen unversehrten Seelenkern hielt – ihn zu etwas bewegen vermochte, das er selbst zuvor noch nicht gewollt hatte.
Engelhardt unterschied dabei nicht mehr zwischen solchen Bedürfnissen, die ihm durch die aufdringlichen Methoden irgendwelcher Werbekampagnen eingeimpft wurden, und solchen, die ihm durch seine Biologie auferlegt waren. Ihm war in einem Moment der Versenkung gedämmert, dass auf dem heutigen Stand der Entfremdung, diese beiden Kategorien ununterscheidbar miteinander verwoben waren. So hütete er sich vorsorglich vor allem, was auch nur im Entferntesten körperliches Wohlgefühl zu bereiten versprach. Die einzige Ausnahme, die er sich gewährte, war sporadisch verrichtete Selbstbefriedigung. Doch selbst das tat er ohne Leidenschaft…

 
 
 
 
Maria Voinov
 
 
Bangladesh
 

RA-TA-TA-TA-TA
Schnelle Hände
Hastige Bewegungen
Dicke Luft
RA-TA-TA-TA-TA
Mädchen im Sari
Maske vorm Mund
Schweres Atmen
RA-TA-TA-TA-TA
Mama im Sari
Näht nebenan
Schweres Atmen
RA-TA-TA-TA-TA
Knacksende Wände
Schweres Schütteln
Fallende Wände

Mama im Schutt
Mädchen im Blut
Jeans für 5euro pro Stück

 
 

Alina Zimmermann

Wenn sie es schafft, ist sie endlich glücklich

Die kleine, grüne Raupe kriecht die Wand entlang. Die weiße Fassade eines Hauses, das für Menschen klein, für die Raupe wie ein Wolkenkratzer erscheint. Sie würde gern nach ganz oben. Einmal den Ausblick genießen. Seit Tagen hat sie sich vorgenommen, die gesamte Hauswand nach oben zu kriechen, sobald die Sonne scheint. Und heute scheint sie. Heute ist es soweit. Wenn sie es schafft, ist sie endlich glücklich, denkt sie sich.
Die Raupe, noch ganz unten in Nähe des Rasens, beginnt ihren Weg nach oben. Vorbei an Graffitis und Sprüchen. „Du musst dein Ändern leben“ steht in blauen Buchstaben an der Wand.
Wenn sie oben angekommen ist, wird sie endlich alles in ihrem Leben ändern, denkt sie sich.
Und endlich glücklich werden.
Nach einer gefühlten Ewigkeit und der Hälfte des Weges macht die Raupe eine Pause.
Es ist anstrengend, nach ganz oben zu wollen und von hier ist der Ausblick auch schön, überlegt sie.
Aber sie will noch höher.
Also kriecht sie und kriecht, kann die Kante, die zum Dach übergeht bereits erkennen, doch dann – ein Windstoß.
Die Raupe ist weg.
Hätte sie den Ausblick nach halber Strecke bloß mehr genossen.
 
 
 
 

Jana Knösel

Loser Tee

Ich betrete das kleine Geschäft, während ein Glöckchen mich einläutet. Noch bevor ich ganz angekommen bin, dringt mir der Geruch von Tee entgegen. Noten von Jasmin mischen sich mit Orange und Vanille. Auch wenn man es nicht sieht, hat man das Gefühl in einem unsichtbaren Nebel zu stehen, der den Laden ausfüllt. Eine Wolke aus Gerüchen, die mich in ferne Länder trägt.
Das Klingeln des Glöckchens scheint sich in der Luft verfangen zu haben. Ich habe das Gefühl es immer noch nachhallen zu hören, als sich der schwarze, schwere Vorhang beiseite schiebt. Eine Frau tritt hervor. Sie ist klein und hutzelig. Ihr weißes Haar liegt ihr in krausen Locken auf dem Kopf und ihre Haut scheint an manchen Stellen beinahe durchsichtig zu sein. Doch die grauen Augen sind klar und sehen mich an. Ich spüre, wie der Zauber beginnt.
Ohne, dass eine von uns ein Wort sagt, dreht sie sich zum Regal. In mehreren Ebenen stehen dort große, grüne Blechdosen aufgereiht, die mit filigranen Blütenmustern verziert sind. Die Frau zieht eine der Dosen heraus und riecht daran. Ein Hauch von Minze weht mir entgegen, doch sie schließt den Deckel, bevor er sich in der Luft verfangen kann. Entschieden schiebt sie die Dose zurück ins Regal. Auch der nächsten Dose ergeht es nicht besser. Doch nun scheint sie es zu wissen. Zielstrebig holt sie einen Hocker unter dem Tresen hervor und platziert ihn rechts von mir. Die Dose im obersten Regalbrett scheint die richtige zu sein, denn ohne sie zu öffnen, steigt sie wieder vom Hocker. Es scheppert leicht, als das Blech die Mamorplatte des Tresens trifft.
„100 Gramm?“, fragt sie. Ich nicke.
 
 
 
 

Michael Salzmann

In Paris hat es nicht geregnet

Geschrieben zu Glenn Gould
 
Unwahrscheinlich – eine Nacht in Paris. Und es regnet. Und Taxis. Gelbe Schilder. Taxi. Und ein Regenschirm mit einem galant geschwungenen Holzgriff. Mit Holzstiel. Und ein Kleid, wie ein Trichter. Beweglich, sobald sie lachend mit ihm zum Auto rennt. Wahrscheinlich durch Pfützen. Denn ihr Glück ist nicht vom Trockensein abhängig.
Schon eher – ein Nachmittag in Friesland. Und Wolken ziehen eilig vorbei. Aber keine dunklen, keine bösen. Die hellen mit kleinem Bauch. Und zwei Kinder mindestens. Durchmischt. Ein Mädchen blond wie Stroh und frech, ein Junge frech und blond wie Michel. Beide dreckig vom Watt. Fischbrötchen macht nicht satt. Wahrscheinlich abends ein richtiges Mal, so richtig mit Kleidern und Servietten. Ein Tisch für vier Personen. Reserviert.
Möglicherweise – ein Tag vor der Haustür. Bekannte. Vielleicht drei. Wobei. Nein. Zweisamkeit muss sein. Ein kleines Ziel mit dem Rad. Raus aus der Stadt. Aus dem Dorf. Ganz egal. Alles ist möglich. Und die Beine sind nicht schwer, ganz leicht. Einmal weicht die Erschöpfung und die Beiden lachen, wie seit Jahren nicht mehr. Erst schämen sie sich, dann bricht es heraus bis der Bauch weh tut.
Tatsächlich – auf der Treppe. Eine Tasse immer. Manchmal sonnig. Allein muss man sein, denn schmal sind die Stufen. Hier ist kein Platz mehr. Dafür müsste er sich bewegen. Vielleicht nach Paris. Im Kino hat er davon gesehen, doch für ihn würde es nicht so sein, wie gesehen, also lässt er es sein. Vielleicht in zwanzig Jahren ein reservierter Tisch für vier Personen. Wie soll es dazu kommen? Und morgen? Vielleicht ein Tag vor der Tür. Aber wofür?
Am nächsten Tag ist er wieder in Paris, denn der Vorhang geht auf. Zweite Reihe. Klaviermusik ertönt und es regnet Töne. Taxis. Gelbe Schilder. Taxi. Und ein Kleid, wie ein Trichter. Beweglich, sobald sie lachend mit ihm zum Auto rennt. Wahrscheinlich durch Pfützen. Denn ihr Glück hängt nicht am Trockensein. Nur eine Szene, dann geht die Kamera aus. Und ein Handtuch wird ihr gereicht. Und trockene Kleider. Und die beiden, die soeben verliebt durch Pfützen sprangen, fahren getrennter Wege, allein nach Haus. In der Stadt hat es nicht geregnet. Lediglich bewölkt. Kein Kleid wie ein Trichter. Hose unbeweglich. Darin sitzt sie vor der Tür, mit einer Tasse. Manchmal sonnig. Heute bewölkt.

 
 
 
 
Alina Zimmermann

Was ist Glück?

Glück malt man mit Punkten, Unglück mit Strichen“, sagte sie. „Du musst, wenn du unser Glück beschreiben willst, ganz viele kleine Punkte machen wie Seurat. Und dass es Glück war, wird man erst aus der Distanz sehen. – ein Zitat aus dem Roman ‚Agnes‘ von Peter Stamm. Eine Geschichte, die ich vor Jahren im Deutsch LK gelesen habe. Das Zitat hat mich damals bewegt und das tut es noch heute.
Glück. Was ist Glück? Was ist meine Definition von Glück? Und ist es überhaupt immer die gleiche? Ändert sie sich nicht stetig? Mit der Zeit und den Prioritäten, die sich von Jahr zu Jahr ändern.
Glück.
Freude.
Vergnügen.
Zufriedenheit.
Ist das alles das gleiche oder ist Glück der große Oberbegriff, der all die anderen Dinge umfasst?
Damals war Glück irgendwie noch einfacher. Das Leben unbeschwerter. Weniger Verantwortung, weniger Hinterfragen. Vielleicht bedeutet Glück Unbeschwertheit?
Von Jahr zu Jahr wurde „einfach glücklich sein“ zu einer größeren Herausforderung.
Ich habe begonnen, zu viel nachzudenken. Zu viel zu hinterfragen. Das ist gut, aber dem Glück kann es manchmal im Weg stehen.
Früher gab es kaum Druck, keine Angst vor der Zukunft und wenig Verpflichtungen. Das Hier und Jetzt zählte. Wenig nachdenken, einfach machen. Und am Ende war immer zu erkennen, dass es Glück war.
Und ich frage mich: wann wurde „einfach machen“ so schwer? Wann habe ich angefangen, jede Situation, jede Handlung so zu zerdenken, dass ich weder im Hier noch im Jetzt sondern eher im Gestern und Morgen gelebt habe?
Ich glaube Glück ist Unbeschwertheit. Und ich glaube aus Unbeschwertheit wird Glück. Glück ist, zufrieden zu sein und nur wer zufrieden ist, kann glücklich werden.
Vielleicht muss Glück auch gar nicht definiert werden.
Vielleicht muss Glück einfach nur gelebt werden.
 
 
 
 
Jana Knösel

Erinnerungen

Ich stehe in einem kahlen Raum. Er ist gefüllt mit Erinnerungen. Schwarzen Fäden, die bis zum Boden reichen und dort in der Dunkelheit verlaufen. Ich sehe Fetzen meines Lebens. Der Hase aus dem Buch, das meine Mama mir immer vorgelesen hat. Meine ersten Ballettschuhe. Alles ist hier. Dabei dachte ich, dass ich einiges längst vergessen hätte. Doch dem ist nicht so. Es ist alles noch hier. All meine Träume. Meine Ängste. Meine Sorge.
Und die Menschen die ich liebe. Ich sehe wie meine Fäden sich mit anderen verbinden. Wie unsere Leben verwoben sind. Manchmal kurz, manchmal länger, manchmal für immer.
 
 
 
 
Hendrik Fiedler

Krähen beobachten

Bei schlechtem Wetter strömte hier früher die Belegschaft in den Betrieb wie ein Schwarm zerzauster Krähen. Und es regnete oft in Strömen. Ein Vorarbeiter zeterte dann. Sie hingen mit der Planerfüllung eigentlich immer hinterher. Arbeiten sollten sie wie die Berserker. Dabei fehlte es an allem: Material, Baugeräten und am Ende auch an Ideen. Sie gingen jeden Tag an die Arbeit, doch beharrlich, ohne Hast, weil sie nichts zu beweisen hatten. Weil man sich kannte und sich schon so daran gewöhnt hatte.
Nach dem Schulabschluss ging Ulrich in Neustrelitz an die Fachhochschule und studierte Bautechnik, wie so viele Frauen und Männer seiner Zeit. Es gab so viel aufzubauen, und nicht nur den Sozialismus; obwohl der natürlich immer mitgedacht werden musste. Hinter vorgehaltener Hand haben sich alle darüber mokiert. Jetzt ist nicht mehr viel davon übrig geblieben. Na ja, überlebt hat man, und ganz angenehm leben konnte man irgendwann auch. Aber das ist ihm eigentlich erst so richtig aufgefallen nach der Wende – als die Arbeitslosigkeit schon um sich griff. Eine Liedzeile huscht ihm in den Kopf: „die ich vorher noch nicht gekannt.“ Eigentlich heißt es in einem Lied von Gerhard Schöne: „Und wenn ich Menschen plötzlich mochte, die ich vorher noch nicht gekannt.“ Und am Ende jeder Strophe: „In vielen Augenblicken dacht‘ ich: Vielleicht wird‘s nie wieder so schön.“
Besonders schön kam ihm das auch nicht immer vor. Aber besonders schlimm auch nicht. Natürlich nur, wenn man einigermaßen konform war. Ein bisschen Freiheit gab es aber schon. Im Studium haben sie nicht mehr nur Arbeiterlieder geträllert. Da wurden sie nicht mehr überall von Pädagogen beäugt. Und selbst unter denen gab es solche und solche.
Es gab Rockbands auf die Ohren, mit kritischen Texten auch: Renft, Sternkombo Meißen, Holger Biege. Man traf sich im Freien, das heißt in der Natur, Mecklenburger Seenplatte – Nacktbaden – oder Ostsee… Trampen nach Ungarn und Rumänien, zu zweit, zu dritt. Mädchen und Jungs zusammen mit Zelten an den Ballerton, die eine oder der andere hatten auch schon Kinder dabei. So bekam man früher eine gemeinsame Wohnung. Das waren klare Kausalitäten. Kind und Heiraten gleich Aussicht auf eine gemeinsame Wohnung. Abweichende politische Meinung im Betrieb gleich Verwarnung oder Schlimmeres. Gerecht ist was anderes, aber es war einsichtig, was von einem erwartet wurde.
Ulrich schämt sich manchmal, dass er unter dem alten System besser klar gekommen ist. „Ich habe mich ja auch nach mehr Freiheit, mehr Reisefreiheit und allem, gesehnt. Seit es sie gibt, fehlt mir das Geld, um sie zu nutzen.“, denkt er, „Und ich weiß immer noch nicht, an welcher Stelle meines Lebens mir der Fehler unterlaufen ist, der das rechtfertigen könnte.“
Sich damit abzufinden ist manchmal schwerer als die Schikanen zu DDR-Zeiten. Über die dummen Offiziersanwärter oder die Parteikader im Betrieb konnte man sich beim Feierabendbier wenigstens das Maul zerreißen. Jetzt weiß er nicht mehr, auf wen er seine Wut richten soll.

 
 
 
 
Maria Voinov
 
 
Krähenbaum
 
Ächzende Zweige
Weiche Monde
Krächzende Stimmen
Schwarzes Getobe

Geheimnis verwahrt
Lautes Geflüster
In den tiefen Spitzen
Gleiches Muster

Glänzende Robe
Schwarze Seide
Leichtes Schlagen
Flügel ausbreiten

Dunkle Gestalten
Auf hölzernen Armen
Flüstern lauter
Verwahrte Gewalten

 
 
 
 

Alina Zimmermann

Der Flohmarktsbesuch

Es ist Sonntagfrüh, noch ziemlich kalt, aber die Sonne und der hellblaue Himmel versprechen einen milden Frühlingstag. Trotzdem klammere ich mich noch an meinen heißen Kaffee in den Händen – so wie fast alle um mich herum. Der Kaffeestand ist voll. Alle scheinen erst einmal einen Kaffee zu brauchen, bevor sie sich in das Getümmel auf dem Flohmarkt stürzen und gebrauchte Schätze ergattern können. Mit meinem Kaffee beginne ich langsam über den Flohmarkt zu schlendern und mir einen Überblick zu verschaffen. Kleidung, Bücher, Geschirr, Spiele. Alles ist dabei. Manches ist nützlich, manches eher weniger. Ich gehe an einem großen Kleiderständer voller Mäntel in allen möglichen Farben und Schnitten vorbei. Sie sehen hochwertig aus und scheinen einer älteren Frau zu gehören, die freundlich guckend neben dem Kleiderständer steht. Ein senfgelber Mantel fällt mir besonders auf. „Schöne Farbe“ denke ich, aber gehe erstmal weiter. Ich entdecke eine große Kiste voller Bücher und fange an, ein wenig darin rumzustöbern. „Der Vorleser“ von Bernhard Schlink und „Besuch der alten Dame“ von Friedrich Dürrenmatt. Bücher, die ich früher in der Schule lesen musste. Ich gehe weiter. Von Weitem sehe ich einen langen Tisch, voll gestellt mit Vasen und Tassen und Tellern. Sie sehen so altmodisch aus, dass sie inzwischen schon wieder modern sind. Ich schaue mir das Geschirr genauer an. Tassen und Teekannen aus Porzellan in warmen Brauntönen. Die Henkel der Tassen sind nicht perfekt einheitlich sondern unterschiedlich gebogen. Gerade das macht sie schön. Daneben Schüsseln und Tassen mit goldenen Verzierungen. Das Geschirr könnte meiner Oma gehört haben, gleichzeitig könnte es aber genauso in einem hippen Geschirrladen stehen. Ich entscheide mich für eine der braunen Tassen mit unperfektem Henkel und weiß schon jetzt, dass sie mir täglich eine Freude bereiten wird, wenn ich meinen morgendlichen Kaffee daraus trinke. Ich bezahle 9€ dafür und gehe weiter. Mal sehen, was ich heute noch mit nach Hause nehme.

 
 
 
 

Julia Rößner

Senhor Ruben und seine Kinder

Senhor Ruben ist alt, aber das stört ihn nicht, denn er genießt jede einzelne Sekunde seines Lebens. Vieles hat er bereits gesehen und noch viel mehr möchte er erleben. Senhor Ruben liebt gutes Essen, gute Musik, Kunst und gute Gesellschaft, allen voran die seiner Kinder. Und davon hat er eine Menge. Senhor Ruben hat ein gutes Leben, mit allen seinen Höhen und Tiefen, all den Begegnungen und den Abschieden, die er erleben durfte. Er ist klug, charmant, bescheiden und stets vollster positiver Höflichkeit. Diese Werte sind ihm wichtig und da er stets versucht, diese Werte weiter zu geben, tragen auch seine Kinder diese Werte in sich und in die Welt hinaus.

Senhor Ruben hat viele Kinder, alle sind sie adoptiert. Er hat niemals geheiratet, wollte aber trotzdem immer ein guter Vater sein. Alle seine Kinder haben ihren eigenen Raum in seinem Zuhause, obwohl sie doch alle viel lieber an anderen Orten wohnen.

Senhor Ruben ist ein glücklicher Mann, denn er reist sehr viel, um seine Kinder zu besuchen, die überall auf der Welt wohnen. Gerade ist er aus Griechenland zurück und hat dort seine Töchter Kalamata und Athinolia besucht. Wie immer haben sie es geschafft ihm Trost und bei sich Schatten zu spenden, denn oft ist es dort einfach viel zu heiß. Senhor Ruben sitzt im Garten und betrachtet das Bild mit den beiden. Wie schnell erwachsen sie doch geworden sind. Noch so jung und doch schon so fest im Leben. Senhor Ruben ist mächtig stolz und lächelt.

Davor war er in Israel und hat Shamouti besucht und was hatte sie sich gefreut, ihn zu sehen. Senhor Ruben kann sich noch ganz genau an die leichte Röte auf ihren Wangen erinnern, als sie ihn erkannte. Er hatte ihr immer zu vorgelesen, während sie sich leicht vom Wind leiten lies und einen kleinen Freudentanz vollführte. Senhor Ruben bekommt sie wieder, die kleinen Lachfältchen um seine Augen und siehe da, eine Träne kullert.

Er ist glücklich und kann es kaum erwarten, bald wieder seine Koffer zu packen, obwohl es doch noch ein Weilchen dauern wird. Als nächstes steht seine Frühlingsreise nach Tokyo an, um endlich seine geliebte Sakura zu treffen und mit ihr die Freuden des Parks zu genießen.

Ja, Senhor Ruben ist ein wundervoller Vater, seine Blumen lieben ihn von überall. Er ist der einzige Mensch, der erkannt hat, was uns allen verschlossen blieb: Wir alle haben eine Familie, wir alle haben einen Garten: Die Welt.

 
 
 
 

Fabian Pieper

Glück 1 – Der Krähenbaum

Sie saß ganz oben und überblickte mit ihren dunklen Augen die Umgebung. Wachsam, konzentriert, auf den einen Moment wartend. Und dieser Moment schien nun gekommen. Vom höchsten Punkt stürzte sie sich in die Tiefe. In wenigen Augenblicken würde sie aufschlagen, wenn nicht sie oder jemand anderes doch noch etwas dagegen unternehmen würde. Der Wind rauschte an ihren Ohren vorbei, trieb ihr Tränen in die Augen, aber er fühlte sich so gut an. Für einen kurzen Moment war sie frei. Frei von allen Sorgen, allen Ängsten und allen Zweifeln, die sie zuvor noch geplagt hatten. Im letzten Augenblick breitete sie ihre Gliedmaßen aus, als wären sie zwei große Schwingen, die die Strömungen der Luft verändern und ihren abrupten Sturzflug beenden, sie in einen gleitenden Aufstieg überführen würden. Wie die Schwingen eines Vogels.
Aber sie war kein Vogel.
Im letzten Moment vernahm sie noch, wie sich entfernte Schreie mit dem Rauschen der Zugluft vermischten. Dann schlug sie auf dem Betonboden im Innenhof auf. Alles wurde schwarz um sie herum und sie bekam nicht einmal mehr mit, wie in der Nähe eine Handvoll Krähen erschraken und fluchtartig aus der Krone eines großen Baumes davonflogen.
 
 
 
 
Sandra Dumat

Vaterglück

Ich sitze hier im Sonnenschein
meine Gedanken sind heute nicht mein.
Sie drehen und wenden sich
hüpfen und spucken mir ins Gesicht.

„Wer reitet so spät durch Nacht und Wind,
es ist der Vater mit seinem Kind.“
Wie lange habe ich dieses Gedicht
mir nicht mehr erdacht,
mein Herz hat noch nie darüber gelacht.

Das Leben, der Tod stehen sich so nah,
nie befinden sich diese im Krieg,
nein, man könnte meinen, sie haben sich lieb.
So gibt es das eine ohne das andere nicht,
die Angst vor dem Tod, vor dem Leben, die in mir spricht.

Der Tod macht auch nicht vor dem Kinde halt
reicht auch diesem seine Hand, und das eiskalt.
Allein trägt der Gevatter das Ende eines Jeden in sich. Und spricht:
„Ich habe kein Erbarmen mit dir. Mir, dem Tod, mir ist egal des Vaters Not“

Dann holt mich der Schrecken des Lebens ein,
mit seinen durch Menschen erzeugten Quälerein.
Wie soll ich nur schützen, davor mein Kind,
was wird reiten durch das Leben wie der Wind.

Einsperren möchte ich meinen Jungen zum Schutz so gern,
nur meine unbestechliche Liebe hält mich davon fern.
Geschenkt wird einem das Größte im Leben,
wie ist das Glück doch gemein,
Schenkt die bedingungslose Liebe eines Kindes – als mein.

 
 
 
 

Maite Wulff

Short Novel

Das Wasser des Rheins war grau. Ab und zu sah man von den Wellen ein bisschen Schaum. Das Haus am Ufer des Rheins war braunrot, die Fenster mit Licht bestrahlt. Der Garten mit seinen gleichförmige Büschen und dem Rosenbeet lag vor einer großen Terrasse mit Tischen und Stühlen. Die Hollywood-Schaukel auf dem Rasen beherbergte viele Vögel in verschiedenen Farben. Das Haus wird nur noch von einer Person bewohnt und es regen sich viele Geschichten darum, viele davon handeln von einer Hexe. Diese Hexe trug dazu bei, dass der Bürgermeister im Winter verschütt gegangen ist. Andere sagen, dass sie eine Heilerin ist. Aber trotzdem traut sich keiner zu ihr ans Ufer.
Doch eines Tages kam ein junges Mädchen von lieblicher Natur zum Haus und bat sie um Hilfe. Das Mädchen, Amelie war ihr Name, klingelte und wartete auf eine Antwort. Während sie da so stand schaute sie sich um und entdeckte einen Strauch Kräuter auf einem kleinen Beet. Sie erkannte das Kraut als Liebstöckel. Die grünen spitzen Blätter hingen schon ein wenig herunter, aber der Geschmack als sie sich eines pflückte war himmlisch. Amelie lächelte als sie die Blätter kostete. Ihr Gesicht verriet keine Angst, als eine ältere Dame mit grünen Gummistiefeln um die ecke kam und sie betrachtete. Amelie ging mehrere Schritte auf die Dame zu und grüßte sie. Die Alte winkte sie zu ihr und so folgte Amelie ihr in den hinteren Teil des Gartens. Im hinteren Teil angekommen gab die Dame Amelie eine Tasse Tee und bat ihr den Stuhl zum sitzen an. Amelie setzte sich und nun tastet die Dame ihren Körper ab. Fing mit dem Kopf an und arbeitete sich weiter nach unten. Bei einer Stelle verharrte sie einen Moment, aber machte sofort weiter.
Der Tee war warm und beinhaltete Frauenmantel und Schafgarbe. Zwei Kräuter die besonders für Frauen wohltuend sind. Amelies Wangen röteten sich ein wenig und sie fühlte sich entspannter. Die ältere Dame ging ohne ein Wort zu sagen in die rechte Ecke des Kräutergarten und pflückte von einer blau blühenden Pflanze ein paar Blätter ab. Wieder bei Amelie angekommen brühte sie die Blätter zum Tee auf und reichte ihr die Tasse. Amelie trank einen Schluck und noch einen bis die Tasse leer war. Die ältere Dame nahm Amelie an die Hand und führte sie in das Haus und setzte sie auf ein Sofa.
Sie fing an zu zittern und bekam leichte Krämpfe. Nach einer Weile fühlte Amelie ein nasses Tuch au ihrer Stirn und das Ziehen und die Krämpfe waren auch verschwunden. Sie stand auf und schaute sich nach der Dame um. Sie war allein im Raum und sah die Dame auch nicht im Garten. Amelie räumte auf. Faltete die Decke zusammen und schüttelte die Kissen aus. Sie wollte sich bei der Dame bedanken, aber sie fand sie nicht. Amelie ging dieselbe Straße entlang, die sie gekommen war. Drehte sich noch ein Mal um und sah die alte Dame. Diese schaute sie nur an und verschwand an der Ecke.

 
 
 
 

Michael Salzmann

Wie einer versuchte sich loszuwerden

Wenigstens äußerlich sollte Klarheit herrschen oder ein Gewand strahlen. Er nahm Nadel und Faden , griff nach dem Rucksack und dann Hosentasche, Reisekoffer und Einkaufstasche, sodass am Ende eine Möglichkeit blieb um Dinge zu verstauen und sie wiederzufinden. Verflixt und Zugenäht. Alles was er gesammelt hatte – die Jahre über – Socken mit Loch, Holzbretter, Nägel, Videokasetten, Landkarten … stellte er nicht auf die Straße. Er packte alles in Müllsäcke und als die Nacht gekommen war, huschte eine Gestalt, mit derselbigen Größe und derselbigen Anzahl an Müllsäcken unter dem Mondlicht hindurch. Er legte sich nicht zur Ruhe. Die Lampe brannte und vom eigenen Schatten ließ er sich nicht stören, die Wände und gebliebenen Stücke in reinstes weiß zu kleiden. Eines Tages würde die Farbe bröckeln. Oder Kratzer und Unreinheiten. Kurz erschrak er und ließ den Pinsel fallen. Nur eine Momentaufnahme? Schon morgen würde er auf die Straße gehen müssen und sammeln und sammeln. Dabei handelte es sich weder um eine Reizüberflutung von der gerne gesprochen wurde – denn niemand hatte Schuld daran oder es in eigener Hand – noch um ein überfülltes Regal im Supermarkt. Der Reiz an sich. Die bloße Unverschämtheit. Ein verstopftes Abflussrohr. So wie er gierig nach Vergleichen suchte, oder den eigentlichen Bildern die ihn beunruihgten, so schnappte er gierig nach dem zweiten Eimer. Reinstes weiß. Jeder Zipfel, jede Ecke doppelt bedeckt von Wandfarbe. Fast fließend, tropfend. Sahne, aber weißer. Milch, nur dicker. Einmal den Finger ausfahren und kosten. So lecker sah das aus inzwischen. Ganz nach seinem Geschmack. Doch etwas fehlte, etwas störte die Weisheit. Selbst, Selbst! Ja ganz deutlich. Er verlegte den Pinsel, der keinen erkennbaren Holzgriff hatte, sondern komplett eingeweist war, mitsamt der Eimer vor die Tür und holte mehrere Bettlaken aus dem Schrank. Den Knopf zu finden, des Rechners, war nicht leicht, denn auch der war komplett weiß. Die Maus die schmierte. Mit kreisen und klicken versuchte er dem farbigen Bildschirm zu entstättigen. Ungeduldig und entkräftet zog er den Notschalter. Alles ging aus. Das Licht, der Rechner. Und er verkroch sich unter den weißen Bettlaken und war nicht mehr als das. Von der Decke hing die Wandfarbe und tropfte in regelmäßigen Abständen herunter. Zwar ging sein Bewusstsein noch ein wenig über den eigenen Körper hinaus – zwischen Armen, Beinen und Bettlaken war noch Platz – doch war es eine Raumgröße mit der Jakob gut zurechtkam.
Am morgen stiegen Sonnenstrahlen durch das schmale Fenster ein und das Zimmer erleuchtete. Unter dem Bettlaken rekelten sich Beine und Arme im warmen Dunst der eigenen Haut. Zwei müde Äuglein schauten hervor, waren ein wenig versteckt unter einer dunkelbraunen Matte von Haar. Geblendet, aber nach dem ersten Stechen, folgte eine wunderbare Betriebsamkeit. Kein braun, kein rot, kein schwarz, kein grün. Keine dunklen Töne. Nur das Zirpen des eigenen Kopfes, aber auch das wurde weniger. Alles war weniger nun, doch von ihm selbst, von Jakob, war ein größerer Anteil vorhanden. Zumindest dachte er für einen Moment, Monate außerhalb gewesen, abernunendlich, ganz weich in sich zurückgefallen zu sein. Letzte Tropfen plumpsten von der Decke. Jakobs Haare waren durchzogen von weißen Schlieren. Er wollte nicht das Treppenhaus hinauf. Zu den roten und grünen Tönen, zu den Möbelstücken und schon gar nicht auf die Straße zu den Gesichtern. Hier bleiben. Nur hier bleiben. Wäre er auf der Straße würde er sammeln und sammeln.

 
 
 
 

Raphael Bolloff

Mondschein

Schönheit in der Dunkelheit, die Nacht des Verlangens und das Blut auf meinen Lippen. Du hilfst mir dem Gedankenkarussell zu entfliehen, wenigstens für einen Augenblick. Das Licht des Mondes auf deinem Körper, dein Blick und dein Lächeln machen aus mir einen Diener des Eros. Ich bin nur noch Leidenschaft, es gibt keinen Verstand nur den Rausch. Ich küsse deinen Hals und atme dich ein. In diesem Moment darf ich existieren. Wir sind Pole die sich anziehen, es ist eine Kraft…das muss er sein.

Die Energie potenziert sich und wir tanzen die Nacht hindurch, ein Loblied auf die Dekadenz. Die Fülle des Lebens der Genuss und die Lust verwandeln uns in sich kreuzende Schlangen. Ich mache ihm ein Geschenk. Du bist mein Geschenk an ihn. Wir haben nicht gesündigt. Wir haben ihm gehuldigt. Ich gehe zurück zu unserem Anfangspunkt. Der Rost, die Leere und die Klingen. Blut strömt von meiner Hand auf den Boden. Platsch…Platsch…Platsch! Ich liebe dich und jetzt gehörst du ihm so wie du es immer wolltest.

Dieser Text wurde von Raphael Bolloff nach den Regeln des Hamburger Dogmas geschrieben.

 
 
 
 

Kim Konrad

Vatertagsglück

Sie öffnete ihre Augen und er wusste sofort, dass er immer für sie da sein würde.
Sie war nun sein kostbarster Schatz. Sein höchstes Gut. Sein größtes Glück.
Ihre Augen so groß und neugierig auf ihn gerichtet. Ihre kleinen Ärmchen strecken sich zu ihm, er schließt sie das erste Mal in seine Arme.
Wie warm sie ist. Wie stark sie sich schon in seinen Armen winden kann und wie laut sie doch schreien kann, auch wenn die Welt schweigt. Die Welt scheint in diesem Moment erfüllt von Liebe zu sein. Noch nie war er sich seiner Liebe zu einer Person so bewusst. Es scheint so, als hätte das Schlagen seines Herzens wieder Sinn. Erfüllt von Liebe. Spürte sie es auch? Empfand sie dasselbe? Wusste sie, dass er ihr Vater war? Fühlte sie, wie er auch, die Verbindung? Dieses zarte Band zwischen Vater und Tochter, welches niemand durchbrechen konnte. Niemand würde es wagen es zu zerbrechen. Sie beide waren für immer verbunden, immerhin trug sie auch einen Teil seiner DNA in sich. Wie sie sich wohl entwickeln würde? Hat sie mehr von ihm oder von ihrer Mutter? Er sah sie liebevoll an. Wie kann etwas dermaßen kostbares aus einem anderen Menschen entstehen? Er schwor ihr schweigsam für immer auf sie Acht zu geben. Würde jemand es wagen ihr Herz zu brechen, würde er seines brechen. Dieses kleine Wesen war nun seine ganze Welt. Von jetzt und für immer.
 
 
 
 
Julia Rößner

Kunstaustellung

Colour.Blind
Ich sehe alles, mit geschlossenen Augen.

Ich bin.
Mensch,
Suchender.
Kind.
Euphorisch.
Schmetterling.
Tänzer.
Ein Schiff im offenen Wellenschloss.

Mein Leben ist im Fluss. Ereignisse, positive, negative, sie reihen sich auf-, an- und umeinander. Ich bin nicht kleinlich, und doch erscheine ich stets diszipliniert in meinem Chaos,… begrenzt durch meine Phantasie.

Ich fließe, ströme, schwimme, bleibe.
Rosen, Zimt, Parfum.
Die uniformierte Ambivalenz dieser Geruchsexplosion legt sich leise um mich und ich bin entsetzlich erleichtert.

Ich muss nicht viel haben, nicht mehr oder weniger als andere.
Ihr müsst mir die Welt nicht beschreiben, nur um euch das Gefühl zu geben, mir geholfen zu haben.

Ich sehe alles, mit geschlossenen Augen.
 
 
 
 
Michael Salzmann

Das Meisterwerk
 
Heiß geht es her,
sobald die Gäste draußen sind,
und der Schlüssel im Schloss sich drehte.
Hier scheint kein Licht mehr.

Bei Tageslicht da stehen wir auf der Stelle!
Doch sobald die Gäste draußen sind,
und der Schlüssel im Schloss sich drehte,
reden wir.
Tacheles.
Wir sind keine Auslegungssache mehr
und lachen daher.
Einmal, da war’s hell, da stand einer zwischen uns,
der sachte: ihm jefällt’s.
Einmal, da war’s hell, da stand eine zwischen uns,
die sachte: ihr jefällt’s nicht.

Einmal, da wars dunkel, da lag einer zwischen uns,
der sachte nichts, er war jefallen und verjessen worden.
Er verbrachte hier Tag und Nacht und dann ham wir ihn jefragt
was haste hier jemacht?
Und er, ganz sachte: einen Gefallen getan.
Und wir frachten: Wofür und für wen?
Und er seufzte: Ach für die Leud, ach für die Leud.
Und hats dich erfreut?
Und er seufzte: Zeit hab ich vergeud.
Am nächsten Abend, dunkel war’s, die Leud gegangen und der Schlüssel im Schloss hatte sich gedreht. Da setzten wir uns zusammen, ganz Ernst, wie wir es sonst nicht taten und lachten nicht mehr.
Ich frachte in die Runde »Was hat der Mensch damit gemeint? Für die Leud für die Leud hat er jesacht und dann geweint. Berichtet was ihr jesehn und jehört habt.«
Alina, die mit den großen Augen, ergriff das Wort und sachte: »Als er neben mir stand, als noch Licht war, hab jesehn wie er im Begriff war, durch die Hintertür zu verschwinden.«
Jakob, der Große, nahm das Wort: »Als er an mir vorbeiging, verdrehte er die Augen. Wollte nicht nach oben in meine Schauen, als wollte ich die Seinen rauben.«
Selina, die Bunteste von Allen, berichtete empört: »Als er neben mir stand, da schnappte er nach meiner Hand und schaute unter mein Gewand.«
Diallo, der Menschenkaffee trinkt, sachte: »Als er neben mir stand, da beging ich einen Fehler – ich zuckte – er schluckte Klöße, kippte zur Seite und döste. Ärger wollte ich vermeiden und schob ihn zur Seite. Nun gingen die Menschen auch an ihm vorbei und staunten.
Eine sachte, sie könne es kaum glauben. Ein Meisterwerk.
Einer behauptete dass die Kunst das nicht erlaube. Es sei wie die Fotografie, nur ein Raub.
Diese Aussage sei akademischer Staub, kommentierte seine Freundinn.
Da lachten doch alle wieder, weil keine unserer Figuren, den Kaffee vertrug. Doch Diallo dem schmeckte es so, dass er in der Nacht immer eine gefüllte Tasse fand, die stehengelassen wurde von Menschenhand. Deswegen zuckte er häufig, nein krank war er nicht. Er trank zu viel.
»Aber, aber« sagte ich, denn gefragte hatte ich, weshalb das Menschenkind, für die Leud, als Gast zu Besuch war. »Zwar sind wir schlauer jetzt und wissen, weshalb er eine Nacht lang bei uns lag. Diallo, du hast ihn verschreckt mit deinem Zucken und ihn dann zur Seite gelegt«.
Kayange, die Ehrliche, ergriff das Wort und sachte sie müsse jestehn, sie wisse mehr. Der Unbekannte war nach seinem Erwachen an sie heran getreten und zischte: »vielleicht schläfst du, vielleicht verstehst du mich. Ich bin ein Lügner, ich tats nicht für die Leud. Wie ich da lag zwischen euch, dass hat die Menschen schon erfreud. Ein Meisterwerk, hat eine gesagt. Doch jetzt geh ich auf die Straße hinaus, es ist Licht, doch keiner ist da der mit mir spricht. So frage ich: kann ich nicht bei euch bleiben und zwischen euch liegen. Da draußen bin ich kein Meister und kein Werk, doch zwischen euch bei Tageslicht – ein Meisterwerk«.

 
 

 
 
 
***
 
 
 
 
 
Aus meiner Schreibwerkstatt mit geflüchteten Kindern:

 
 
Das goldene Osterei

 
 

Ein Märchen von

Farah, Roch, Katreena, Souleen, Raghad, Maksalina, Layan, Limar

 
 

Unser Hase Lola ist ein Jahr alt. Lolas Hobby ist Hamsterradfahren. Am liebsten isst sie Karotten und Salat. Ihre Lieblingsmusik ist „Weihnachtsbäckerei“. In Lolas Garten steht ein Baum, an dem knackige Karotten, grüner Salat und knallrote Tomaten wachsen.
Der Frühling hat begonnen, und damit Lolas schönste Jahreszeit. Denn Ostern arbeitet Lola als Osterhase und macht die Kinder glücklich. Jetzt fährt sie mit ihrem Rad zu einem Bauernhof.
„Hallo, liebe Hennen!“, ruft sie. „Wir tauschen wieder! Meine Karotten gegen eure Eier!“
Lola leert ihren Rucksack aus und 100 Karotten landen im Gras. Jetzt kommen 50 Hennen angelaufen. Sie heben 100 Karotten auf und essen sie.
„Mmmh, lecker! Die schmecken gut!“, loben die Hennen Lolas Karotten. „Ich liebe Karotten, weil sie gesund sind“, ruft die Oberhenne“ „Und die von Lola schmecken besonders frisch“, rufen die anderen Hennen im Chor.
Lola freut sich. Sie fragt: „Wo sind die Eier?“,
„Im Himmel!“, lacht die Oberhenne und zeigt mit ihrem Flügel nach oben.
Lola staunt. Dann nimmt sie zwei große Sonnenblumenblätter und Haargummis und befestigt die Blätter mit den Haargummis am Rücken, damit sie fliegen kann. Denn bald ist Ostern. Und 100.000 Kinder warten auf Ostereier!
Lola startet: Sie bewegt ihre Arme und schüttelt sich, bis die Sonnenblumenblätter im Wind flattern wie die Flügel eines Schmetterlings. Dann rudert sie mit ihren langen Löffeln und fliegt Richtung Himmel. Als wäre sie schon 100 Jahre unterwegs, so lang kommt ihr der Flug durch die Luft vor.
Oben im Himmel ist alles weiß wie in einer Winterlandschaft. Lola sieht weiße Wolkenpferde, Wolkenblumen, Wolkenschuhe, Sägefische wie aus Watte, Wolkenstühle, Wolkendelphine, Wolkenhasen und -hennen … aber keine Eier!
Sie holt ein Fernrohr aus ihrer Hasentasche und stellt es auf Weitsicht. Sie hält es mit beiden Pfoten fest und schaut. Nach oben, nach links, rechts, dann nach unten … Jetzt sieht Lola Hasen, Menschen, Häuser, Blumen, Gras, Bäume … Aber was ist das?
Lola blickt verwundert in lachende Hennengesichter. Sie richtet ihre Löffel, dreht ihre Sonnenblumenblätter am Rücken, bis sie wie ein Propeller rotieren. Dann fliegt sie wieder runter, zurück zur Erde, und zwar genau auf den Bauernhof, wo sich die Hennen vor lauter Lachen schütteln.
„Warum lacht ihr mich aus?“, fragt Lola.
„April, April!!!“
Lola guckt in ihren Hasenkalender. Tatsächlich: Heute ist der 1. April!
Sie schämt sich, dass sie auf den Aprilscherz der Hennen reingefallen ist. Aber im Hamsterrad vergisst man manchmal die Zeit und auch andere wichtige Dinge, wie zum Beispiel mit den Freunden durch den Garten hoppeln und Verstecken spielen.
Die Hennen sagen: „Du musst die Eier wie einen Schatz suchen. Geh in den Wald!“
„Kein Problem!“, behauptet Lola und ärgert sich. Es ist unfair, denkt sie. Ich habe den Hennen die Karotten gegeben, aber sie lassen mich die Eier erst suchen!
„Wo genau soll ich denn suchen?“, fragt sie.
„Im Moos“, sagt die Oberhenne. „Neben den Pilzen.“

Im Wald ist es dunkel. Tausend Tannenbäume ragen in die Höhe. Lola hat Angst. So ganz alleine im Wald ist es richtig gruselig. Man hört unbekannte Geräusche. Das „Hu-hu“ der Eulen klingt unheimlich. Und überall knackt es und du denkst, dass hinter den Bäumen hungrige Monster lauern, die mit ihren knöchernen Armen nach dir greifen.
Sie werden mich fressen, denkt Lola und versteckt sich hinter einem großen Stein. Jetzt bin ich in Sicherheit, glaubt sie und atmet auf.
Plötzlich bewegt sich der Stein und zwei Stimmen schreien: „Aaaaaaaaah! Hilfe, ein Monster!!!!!“
Lola wundert sich: Wer schreit hier noch so laut wie ich? Dann fällt sie ins weiche Moos.
Lola zieht ihre Taschenlampe aus der Hasentasche, aber sie kann die Lampe nicht anknipsen, weil ihre Hände zittern. Lola will wegrennen, doch ihre Beine sind wie aus Gummi. Sie kann nicht aufstehen. Ihre Finger haben keine Kraft mehr, so groß ist Lolas Angst.
Da fällt die Taschenlampe runter – und das Licht geht an!
„Wer bist du denn?“ fragt eine Riesenschildkröte erleichtert. Sie wundert sich über das Hasenmädchen auf dem Moos.
„Du bist ja gar kein Monster!“, ruft Lola.
„Und du auch nicht!“, lacht die Schildkröte. „Warum bist du alleine im Wald?“
Da erzählt Lola die ganze Geschichte von den Karotten, den Hennen und den Ostereiern, die sie im Wald suchen soll.
„Aber im Wald gibt es doch gar keine Ostereier“, sagt die Schildkröte und fängt zu weinen an.
„Warum weinst du?“, fragt Lola.
„Ich vermisse meine süßen kleine Kinder“, schluchzt die Schildkröte traurig.
„Was ist passiert?“, fragt Lola und streichelt den Rücken der Schildkröte. Da zieht die Schildkröte ihren Kopf ein. Lola erschrickt . „Warum versteckst du dich?“
„Das machen Schildkröten immer so, wenn sie sich erschrecken“, tönt es aus dem Panzer der Schildkröte.
„Aber ich bin doch gar nicht gefährlich“, sagt Lola.
„Stimmt.“ Jetzt streckt die Schildkröte ihren Kopf wieder heraus und zwei grüne Augen gucken Lola an. „Ich werde dir alles erzählen.“ Die Schildkröte stößt einen langen Seufzer aus. Dann beginnt sie: „Ich habe mit meinen Kindern ein gemütliches Picknick gemacht. Dann kam mein Mann mit Süßigkeiten zu uns. Seine Stimme klang wie die Stimme eines Fuchses. Und als ich sagte: ‚Du bist nicht mein Mann, sondern ein Fuchs’, da hustete er und sagte: ‚Ich bin erkältet. Aber ich habe eine große Überraschung für unsere Kinder. Kommt mit!’“
Jetzt färben sich die Wangen der Schildkröte rot vor Scham. „Erst als sie alle weg waren, fiel mir ein, dass mein Mann ja schon lange tot ist. Jemand muss sich verkleidet haben!“
Zwei schwarze Hasenaugen suchen im Schein der Taschenlampe den Boden ab. Nach einer Weile zeigt Lola auf ein Büschel mit orangenen und schwarzen Haaren. „Das war bestimmt ein Fuchs!“, ruft sie. „Ich werde dir helfen, deine süßen Schildkrötenkinder wiederzufinden!“.
Lola hält der Schildkröte die Haare vor die Nasenlöcher. „Jetzt kannst du die Spur aufnehmen, die uns zu deinen Kindern führt.“

Lola und die Schildkröte sind schon lange gewandert. Zwischendurch haben sie sich unter einem Baum ausgeruht, und in den Sternenhimmel geguckt. Manchmal hörten sie das „hu-hu“ einer Eule oder ein Igel lief raschelnd durchs Unterholz. Lola erklärt der Schildkröte, dass man sich etwas wünschen darf, wenn man eine Sternschnuppe sieht. Im Himmel funkeln viele Sterne und der große und der kleine Bär leuchten auch ganz hell. Aber:
„Keine Sternschnuppe zu sehen,“ sagt die Schildkröte verzweifelt. „Ich werde meine Kinder nie wiedersehen. Und jetzt kann ich auch nicht mehr riechen, denn ich leide unter einer Pilzallergie. Hatschi!!!“
„Pilze?“, fragt Lola. Da war doch was … Hatte ihr nicht vor kurzem jemand von Pilzen erzählt?
Natürlich! Lola denkt an die gemeine Oberhenne. „Such bei den Pilzen im Moos“, hatte sie gesagt. Wahrscheinlich wollte sie mich gleich zwei Mal in den April schicken, denkt Lola.
Trotzdem beginnt sie, die Gegend nach Pilzen abzusuchen, während die Schildkröte ein pinkes Taschentuch aus ihrem Panzer zieht. Sie trocknet ihre Tränen und Lola weiß nicht, ob die Augen der Schildkröte vom Heuschnupfen (Pilzschnupfen) tränen oder weil sie so traurig ist.
„Brauchst du Hilfe?“, fragt jemand in die Dunkelheit.
„Wer bist du?“, fragt Lola.
Eine Eule fliegt von der Spitze einer Tanne auf Lolas Kopf.
„Folge mir! Ich fliege vor!“
Die Eule fliegt zuerst einen Meter geradeaus, dann biegt sie rechts ab. Danach macht sie eine scharfe Kurve nach links. Jetzt geht sie in den Sinkflug.
Lola hoppelt geradeaus und schlägt einen Haken. Und noch einen.
„Wir sind da!“, ruft die Eule.
Ein großes Osterei schimmert golden in einem Kreis aus bunten Pilzen.
Vorsichtig berührt Lola das goldene Ei mit ihren Pfoten. Da öffnet sich eine Tür und …
„Hatschi!“ Inzwischen ist die Schildkröte angekommen.
„Mama!“ Zwei kleine Schildkrötenkinder krabbeln aus dem Ei.
„Hallo, meine kleinen Schätze!“, ruft die Schildkröte und schließt ihre Kinder glücklich in die Arme.
„Wir haben Schokoeier gegessen“, sagen die Kinder schuldbewusst.
„Das sieht man“, lacht die Schildkröte.
Schokoeier? Lola wirft einen Blick ins Innere des goldenen Ostereis. Dort liegen viele zusammengeknüllte Ostereierfolien. Und ein Schoko-Osterhase, denkt Lola und will ihn aufheben. Doch der Hase, der in Goldpapier eingewickelt ist, ist schwerer als Lola dachte.
„Der Hase ist ja aus echtem Gold!“, staunt die Schildkröte. „Seltsam. Dieses große Ei hatte ich hier vorher nie gesehen. Es sieht aus, als hätten es viele Tiere hierhergeschleppt.“
„Die Hennen … uuuups“, verrät die Eule und hält sich den Schnabel zu. Dann fliegt sie schnell davon, denn die Sonne geht gleich auf.

Alle sind Lolas Einladung zum großen Fest auf der Waldlichtung gefolgt: Die Riesenschildkröte mit ihren Kindern, die Eule, die Oberhenne mit ihren Kolleginnen, die Rehe, Hasen, Ameisen, Schnecken, Eichhörnchen … Als sie sich gemeinsam an die schön dekorierten Tische setzen, um das köstliche Essen zu genießen und Waldbeerensaft zu trinken, taucht eine kleine orange Schnauze hinter einem Baum auf.
„Ich möchte mich für alles, was ich getan habe, entschuldigen“, flüstert der Fuchs.
Doch keiner kann ihn hören, weil sich alle so laut unterhalten und lachen und feiern. Außerdem übt das Grillenorchester schon seinen großen Auftritt.
Lola entdeckt den Fuchs als erste. Sie geht zu ihm. Da wiederholt er seine Worte mit schuldbewussster Miene. Lola führt den Fuchs zur Riesenschildkröte.
„Ich wollte deine Kinder als Osterüberraschung verstecken“, sagt der Fuchs. „Ich habe da vielleicht etwas missverstanden. Verzeihst du mir?“
Die Riesenschildkröte sieht ihn ernst an und nickt mit dem Kopf.
Lola sagt: „Heute ist ein schöner Tag! Wir werden alle Freunde und feiern zusammen!“
Als es dämmert, beginnen die Grillen zu musizieren. Jetzt wird auf der Lichtung getanzt und gesungen, während der große und der kleine Bär die Kerzen ihrer Laternen anzünden.
„Schaut schnell nach oben!“, ruft die Schildkröte.
Genau in dem Moment, als alle nach oben blicken, fällt eine Sternschnuppe vom Himmel. Die Tiere wünschen sich etwas. Und alle haben den gleichen Wunsch. Ihr kennt ihn bestimmt, oder?

 
 
 
 
 
Herzlichen Dank an die Deutsche KindergeldStiftung!
 
 
 
 
 
 
***
 
 
  
 
 

Für Heimat:Sprache mit geflüchteten Frauen den ersten Bremer Frauenkulturförderpreis erhalten. Die Schreibwerkstatt geht in die nächste Runde!

 
 
 
 
***
 
 
 
 

Vorankündigung: Ab Mai erscheinen hier die Texte der Teilnehmerinnen meiner Schreibwerkstatt, die ich, dank diverser Spender*innen, in Kooperation mit dem frauenzimmer Bremen realisieren kann.

 
 
 
 
***
 
 
 
 
 
Texte der Student*innen meines Lehrauftrag „Kreatives Schreiben“ an der Bremer Uni (WS 2018/19):

 
 
 
 
Ein scheinbar aus der Zeit gefallenes Wort, das wieder in aller Munde ist: Heimat. Anhand von fiktiven und autobiografischen Texten untersuchen wir Heimat und nähern uns der Bedeutung, die der Begriff für jeden einzelnen von uns hat. Dabei gehen wir auch der Frage nach, ob Heimat an eine geografische Lage gebunden ist oder durch Vertraute(s), durch Gewohnheiten, Rituale auch andernorts entstehen kann; ob sie sich über Landschaften oder Menschen definiert. Wie verändert sich Heimat – im Kopf und vor Ort – während unserer Abwesenheit? Wie verändert sich unser Blick auf die Heimat im Laufe des Lebens?

 

 
 
 

Stephanie Pundt
 
 
Zuhause
 
 
Die Dunkelheit verschluckte die Farben der Weite, schien alles in eine Welt aus Schwarz und Grau zu verwandeln. Nur das sanfte Licht, welches der Vorbote der aufgehenden Sonne war, ließ die leichte Andeutung von Grün und Blau erkennen. Die weißen Schwaden, die sich über die große Grasfläche erstreckten, vom Wind immer weiter herangetragen zu werden schienen, hatten etwas friedliches an sich. Es wirkte nicht bedrohlich oder gar düster. Nicht gruselig oder angsterregend. Es wirkte heimisch, beruhigend. Als wäre Severina nicht im tiefen Wald, umgeben von großen, gigantischen Bäumen, kleinen Büschen und Sträuchern, Gräsern, Blumen und verschiedenen Moosen. Als würde sie nicht auf eine Waldlichtung starren.

Nein, sie war einfach nur zu Hause. Zumindest in ihren Gedanken. Weit weit weg von hier, viele Tagesreisen von hier entfernt. Doch die Erinnerungen daran, wie die weiß-grauen Schlieren über den Sümpfen hingen, wie das Sonnenlicht in feinen Strahlen bis zum Boden vordrang… Sie sah dieses Bild klar vor sich. Sah ihre Heimat. Und fühlte die, mit diesem Bild kommende, Einsamkeit bis in die tiefsten Winkel ihres Seins.

Sie vermisste ihre Familie, ihre Freunde, das Haus, in dem sie aufgewachsen war. Sie vermisste es, sich einfach irgendwo hin zu setzen, nichts zu tun, einfach nur der Welt beim leben zuzuschauen. Ihre Bindung zu ihrem Heimatort war schon immer groß gewesen, sie hatte ihn ja auch vor dieser Reise nie auch nur groß verlassen. Sie gehörte dort hin. Dort hatte sie ihre Wurzeln. Das hatte sie gewusst, schon immer. Doch ein kleiner Teil von ihr mochte es, hier zu sein. Neue Leute kennen zu lernen. Mehr von der Welt zu sehen, die sie so sehr liebte.

Der Ruf eines Vogels riss Severina aus ihren grüblerischen Gedankengängen. Sie hatte nicht bemerkt wie das Licht immer heller wurde, der Nebel begann zu verblassen. Ein neuer Tag brach heran, während sie dort stand, an ihre Heimat dachte, sich erinnerte und sie vermisste. Sie wusste, sie müsste bald zurück gehen, bald wieder in ihrer vorübergehenden Unterkunft sein. Man würde sie suchen. Und irgendetwas in ihr sträubte sich dagegen, diesen Ort mit jemand anderem zu teilen. Es war, als würde dieser Ort ihr gehören. Ihre persönliche Erinnerung an ihr zu Hause. Und genau aus diesem Grund, beschloss sie die Lichtung niemals jemand anderen zu zeigen. Sie würde dorthin gehen, wenn sie den Schmerz des Vermissens nicht mehr aushielt. Wenn sie sich so fühlen wollte, als wäre sie noch daheim. Und sie würde alleine kommen. Um in ihrer Erinnerung alleine zu sein.
 
 
 
 
 
 
 
 
Fabian Pieper
 
 
Heimat
 
 
 
Seine Geschwindigkeit drosselnd fährt der Zug im kleinen Bahnhof ein. „Bohmte, hier ist Bohmte!“ ertönt die vertraute männliche Stimme aus den Lautsprechern am Bahnsteig, als entlang des Zuges vereinzelt Türen aufgleiten und Menschen aus den Waggons springen. Er selber steigt in den hintersten Waggon ein und geht die Treppe hinauf ins obere Abteil.
Um diese Uhrzeit fahren nur noch wenige Menschen Zug, sodass er die Qual der Wahl bei der Suche nach einem geeigneten Sitzplatz hat. Ruhe ist ihm wichtig, und Beinfreiheit. Also schwingt er sich direkt in die erste freie Vierer-Sitzgruppe zu seiner Rechten. Kaum hat er seine Taschen unter dem Sitz sicher verstaut, setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Weg von seiner Heimat, seinem Elternhaus. Er öffnet den Reißverschluss an der kleineren der beiden Taschen und holt sein altersschwaches, aber verlässliches Notebook heraus. Eine Stunde würde er nun haben, in der er den Stress des Alltags hinter sich lassen kann. Eine Stunde Ruhe, lediglich durchschnitten von einer Ansage, die den nächsten Halt ankündigt. Routine für ihn.
Vor einigen Jahren war das noch anders. Da stieg ihn ihm mit jeder Ansage die Aufregung. Doch das ist lange her. Diese Aufregung, die er seinerzeit auf der Fahrt ins Ungewisse verspürt hatte, war bereits vor Langem jener abgebrühten Routine gewichen.
„Nächster Halt: Bremen. Hauptbahnhof!“ – das war für ihn das Signal. Er klappt sein Notebook zu und verstaut es wieder sicher in seiner Tasche. Gleich würde er aus dem Zug steigen, mit dem Bus zu seiner Wohnung fahren, dort einige Tage verbringen und sich dann wieder auf dem Weg nach Hause machen, wieder in den Zug steigen. Er würde seine zweite Heimat hinter sich lassen und sich, ähnlich routiniert, auf dem Weg nach Hause machen, seine wirkliche Heimat. Dort, wo seine Familie auf ihn wartet. Auf diese Fahrt freut er sich schon.
 
 
 
 
 
 
Alina Zimmermann
 
 
Der Mann mit dem Buch
 
 
Ich laufe zur Bushaltestelle – wie fast jeden Tag. Mein täglicher Weg führt an einem kleinen türkischen Laden vorbei – die Verkäuferin lächelt mich immer herzlich an und vor dem Laden riecht es nach frischen Blumen, die dort unter anderem verkauft werden. Außerdem ist hier jede mögliche Obst- und Gemüsesorte zu finden. Knallrote Äpfel, dunkelgrüne Zucchinis.

Eigentlich muss ich meinen Bus bekommen, aber ich betrete den Laden. Es riecht nach Gewürzen – Curry, Kurkuma, Chilli. Und nach frisch gebackenem Fladenbrot. Ein kleines Paradies. Es ist ruhig. Beruhigend. Die Atmosphäre lädt zum Stöbern ein.

Ich sehe eine offene Tür und ein Hinterzimmer. Dort sitzt ein Mann und liest ein Buch. Irgendein türkisches Buch. An den Farben des Buchumschlages erkenne ich, dass es sich um ein anderes Buch als beim letzten Mal handelt. Letztes Mal war es grün. Heute braun.

Und ich frage mich ob dieser Mann den ganzen Tag auf seinem Stuhl sitzt und liest. Wie viele Bücher er dann wohl schon gelesen hat? Und ob er nicht langsam genug hat von der Geruchsmischung aus Gewürzen und Fladenbrot und Blumen. Aber – ich glaube nicht. Er sieht nämlich ziemlich zufrieden und in sich ruhend aus. Immer, wenn ich hier bin. Und ich denke: manchmal muss man gar nichts besonderes tun, um glücklich zu sein. Manchmal muss man nur, umgeben von Gewürzen und Fladenbrot, auf einem Stuhl sitzen und lesen. Denn das große Glück lässt sich oft in den kleinsten Dingen finden.

Ich verlasse den Laden und fühle mich, als würde ich eine andere Welt betreten. Eine Welt mit lauten Autos, die die Luft verschmutzen und gestressten Menschen, die durch ihren Alltag hetzen. Aber dieses Mal ist irgendetwas anders. Ich nehme den Stress um mich herum anders wahr, lasse mich davon nicht anstecken. Ich denke an den Mann mit dem Buch und freue mich schon, gleich eine Gemüsepfanne zu kochen, die neuen Gewürze auszuprobieren und zu lesen. Den Bus hab ich eh längst verpasst.

 
 
 
 
 
Yvonne Janetzke

 
 

Käferferne
 
 
Sieben sanfte Siebenschläfer
trafen jüngst auf einen Käfer,
der seine Heimat grad‘ verließ
und auf die große Ferne stieß.

Sie war so weit und herrlich leer
zum ersten Mal sah er das Meer
und überquerte Sand.
Dann fuhr er lang auf einem Schiff
ins weit entfernte Land.

Dort war die Sonne hell und heiß,
sein Panzer schillernd bunt
und in den ersten Wochen
ging es einfach nur noch rund:

Er sog begierig alles auf,
schloss Freundschaften,
und das zu Hauf,
er tanzte auf den Tischen.
Und las im roten Morgengrauen
den Nachtgesang von Fischen.

Doch irgendwann da kehrte sich
das Alles einfach um.
Aus Heimweh saß er nur noch da
und trank und trank vom Rum.

Er sehnte sich nach seiner Frau,
er hatte sie verlassen.
Aus Angst die wirklich große Welt
durch sie nur zu verpassen.

Die Herrlichkeit, die Ferne
all das war auf einmal schwarz
Das Heimweh klebte zäh an ihm
wie bittersüßer Harz.

Nach grünem Gras und all den Pflichten,
dem Alltag, deftigen Gerichten,
Zuhause auf dem Tisch.
„Dann los, spring auf,
wir schwimm‘ zurück!“,
rief da ein netter Fisch.

Der Käfer stieg nun eilends auf
und hielt sich wirklich fest –
denn das ist offensichtlich klar:
Dass Fisch sich nicht gut reiten lässt.

 
 
 
 

Wencke Kumke

Über das Verlieren in Fragen
 
 
 
Verlust. Wie soll ich über ihn schreiben, wenn ich doch noch nie etwas verloren habe?
Was bedeutet es, etwas zu verlieren? Was bedeutet der Verlust eines Familienmitgliedes, des Zuhauses oder der Heimat? Geht dabei auch jedes Mal ein Stück von einem selbst verloren? Wie reagieren Seele und Körper auf einen schweren Verlust? Kann ein Mensch daran zerbrechen oder auch, wie es so schön heißt, „daran wachsen“?
Was ist es, das bleibt? Sind es die Erinnerungen, die den Verlust erträglich machen? Oder sind es gerade diese Erinnerungen, die einen Verlust noch schmerzhafter erscheinen lassen? Hindert das Klammern an die Vergangenheit daran, loszulassen und die neue Situation anzunehmen?
Ist es möglich, nach einem Verlust positiv in die Zukunft zu schauen? Die Lust am Leben nicht zu verlieren? Neue Perspektiven zu schaffen? Wie schwer muss es sein, sich umzuorientieren, sein Leben in neue Bahnen zu lenken, offen für Neues zu sein?
Wie muss es erst sein, seine Heimat zu verlieren? Entwurzelt zu werden? Den Ort zu verlieren, der einen prägt und formt. Wie fühlt es sich an, vertrieben zu werden und nicht mehr in die Heimat zurückkehren zu können? Entsteht so das Gefühl von Heimatlosigkeit und geht dabei auch gleichzeitig ein Teil der eigenen Identität verloren? Oder sind es auch hier die Erinnerungen, die vor dem vollständigen Verlust der Heimat schützen können?
Kann Heimat an einen neuen Ort gebunden sein? Kann das Gefühl von Zugehörigkeit mit der Zeit auch an einem völlig fremden Platz entstehen? Welche Rolle spielen dabei die Menschen, die einen umgeben? Können auch zunächst Fremde Teil dieser neuen Heimat werden? Ist es je möglich, über das Gefühl des Verlustes der Heimat hinwegzukommen? Bleibt dieses Gefühl für immer? Wird es im Laufe der Zeit weniger und löst es sich irgendwann sogar ganz auf? Können Wurzeln neu austreiben und sich wieder fest verankern?
Welch unangenehmes Gefühl, über all diese Fragen nachzudenken. Jeder, der keine Antworten auf sie hat, kann sich sehr glücklich schätzen, denn viel zu viele Menschen auf dieser Welt stehen tagtäglich vor der schier unmöglichen Herausforderung, für sich selbst Antworten finden zu müssen.

 
 
 
 
 

Nadine Lawniczak
 
 
Heimat
 
 
Erinnerungen,
Kinder die draußen im Sommer spielen,
Man kann den Bach vom Berg plätschern hören,
Frisch gemähtes Gras und muhende Kühe.

Kinder die in verschiedenen Muttersprachen sprechen,
Dennoch wird Fußball gespielt,
Trotz verschiedener Wurzeln.

 
 
 
 
 
Alina Zimmermann
 
 
Gedanken über den Begriff Heimat
 
 
Was genau bedeutet Heimat? Ist es die Stadt, in der ich geboren wurde? Ist es das Land, dessen Sprache ich spreche? Oder das Elternhaus, in dem ich aufgewachsen bin? Ist unsere Heimat tief in uns verwurzelt? Identifiziere ich mich mit meiner Heimat? Und – könnte ich mich nicht überall heimisch fühlen? Ist Heimat etwas greifbares? Ist es ein Gefühl? Bedeutet Heimat das gleiche wie „zu Hause“? Nein. Ich glaube nicht. Zu Hause fühle ich mich bei meiner Familie. Bei Menschen, mit denen ich mich wohlfühle. In ganz unterschiedlichen Städten. Aber Heimat – ist irgendwie doch nur dieser eine Ort für mich. Der Ort, an den ich immer wieder zurückkehre. Mit dem ich viele Erinnerungen verbinde. In meiner Heimat werde ich immer mein jüngeres Ich, meine Kindheit sehen. Und ich denke, das macht Heimat für mich aus. Und auch, wenn mir nicht anzusehen ist, welche Stadt meine Heimat ist und es keinen Dialekt gibt, der den Ort verrät, an dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin, ist meine Heimat tief in mir verankert.
 
 
 
 
 
Wencke Kumke

 
 
Ein-Bahn-Straße
 
 
Ich hole mein altes, rostiges Fahrrad aus dem Schuppen. Die Sonne scheint, der Wind fegt über die Felder. Kühe stellen sich ihm trotzig in den Weg. Manchmal auch Schafe. Selten ein paar Rehe. Die einbahnige Straße, die ins Dorf, in die Zivilisation, führt, ist praktisch nicht befahren und umrahmt von grünen Bäumen, Blättern und Büschen. Selten verirrt sich ein Auto hier ‚raus, ab und zu rauscht mal ein Trecker um die Ecke.

In der ersten Kurve fließt ein kleiner Bach unter der Straße hindurch. Der strenge Sommer in diesem Jahr hat ihn allerdings vollständig ausgetrocknet. Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind zusammen mit meiner Oma zum Wasser gelaufen bin und dort leuchtend gelbe Löwenzahnblüten auf der einen Seite gegen die Fließrichtung ins Wasser geworfen habe. Dann überquerten wir schnell die Straße und auf hofften und warteten auf der anderen Seite darauf, die Löwenzahnblüte wiederzusehen. Viele dieser Blüten haben es auch tatsächlich geschafft und konnten sich ihren Weg durch die Unterführung bahnen, was bei uns beiden jedes Mal zu riesiger Begeisterung geführt hat.

Am Straßenrand entdecke ich Brombeersträucher. Ich halte kurz an und pflücke mir ein paar dunkle, süße Brombeeren ab. Die Kerne bleiben mir in den Zähnen hängen. Während ich versuche, mit der Zunge meine Zähne von den lästigen kleinen Dingern zu befreien, bleibt mein Blick an den unendlich vielen Brennnesseln am grünen Straßenrand hängen. Mein ganzer Körper beginnt zu kribbeln als ich mich daran zurückerinnere, wie ich als Kind in einen Haufen dieser Biester gefallen bin. Ich schüttele mich innerlich und schiebe die Erinnerung daran wieder ganz weit von mir weg.

Mir kommt ein Fußgänger entgegen. Ich kenne ihn nicht aber als wir aneinander vorbeiziehen, grüßen wir uns ganz selbstverständlich mit einem kurzen „Moin“. Das macht man hier eben so.
Endlich taucht das gelbe Ortsschild vor mir auf. Auf der rechten Seite thront das neu gebaute, riesige Pflegeheim und darum herum stehen unzählig viele seniorengerechte Häuser. Dicht an dicht, jeder kann in den Garten des anderen schauen.

Ich halte kurz beim Kaufmann und stelle meine Fahrrad ab, ohne es anzuschließen. Da wird schon nichts passieren. Ich erledige meinen kleinen Einkauf und verstaue alles in dem Korb auf meinem Gepäckträger. Dann setze ich mich zurück auf mein Fahrrad und drehe noch eine Runde durch’s Dorf, bevor es wieder auf den Rückweg geht. Wie es sich gehört, nutze ich die Ampel, um die Hauptstraße zu überqueren. Ich fahre an der Apotheke, dem Bäcker und der Sparkasse vorbei und halte dann vor der Kirche. Ich steige von meinem Rad und schiebe es den Sandweg zum Friedhof hinauf. Hinten links in der gemütlichsten Ecke des Friedhofs ist mein Opa begraben, den ich lange nicht mehr besucht habe. Ich bleibe still einen Moment vor seinem Grab stehen, auf dem rosa Blümchen, die vermutlich meine Oma gepflanzt hat, fröhlich im Wind tanzen.
Ich verabschiede mich innerlich von ihm und schiebe mein Rad zurück auf den Gehweg. Links sehe ich meine alte Grundschule und den riesigen Sportplatz.Ich frage mich, ob Frau Schlüter, meine damalige Klassenlehrerin, noch an der Schule unterrichtet. Manchmal vermisse ich diese unbeschwerte Zeit von der ersten bis zur vierten Klasse und würde sie gerne noch einmal erleben.

Von weitem sehe ich den Tennisplatz, auf dem ich vor ganz vielen Jahren meine ersten Bälle über das Netz geschlagen habe.
Ich halte mich links und fahre an der wie immer gut besuchten Arztpraxis und dem Feuerwehrgerätehaus vorbei. Das Dorf hat wirklich alles, was man zum Leben so braucht, denke ich als ich wieder auf die einbahnige Straße biege, die mich aus dem Dorftrubel zurück in die mir vertraute und geliebte Einsamkeit führt.

 
 
 
 
Yvonne Janetzke
 
 
Gelb
 
 
Keine Identifikation mit diesem Viertel, vielleicht mit der Stadt. Lauschen. Die richtige Distanz wahren, das ist wichtig, nicht zu viel wissen, die Mysterien im Dunkeln lassen, keine Tour durch die katakombischen Gedärme, die Fantasie wird nicht erreichbar sein, immer dieselben Gesichter, das macht mich fertig, unendlich fertig, so fertig wie die Liebe zum Tatort am Sonntagabend: Denken wir doch noch winziger, stopfen die Gedanken in die Pflastersteine unter den Füßen, unter die Steine, bis der Kopf auf die Tischplatte knallt, an der wir plaudern, auf dem Markt, wie jeden Samstag oder Dienstag oder Donnerstag, das ist alles so nett. So nett. So lebhaft. So bunt. So gesellig. Hinter zugezogenen Vorhängen verkläre ich meine Stadt, meine Straßen, bevölkere sie mit wankenden, sanftmütigen Dinosauriern, grüner als grün, gewaltiger als gewaltig. Der Asphalt bebt, die Häuser wanken, der Himmel färbt sich gelb, dann schwarz, während sich schwere Köpfe träge gen Erde neigen, hier ein Schlückchen Wasser, dort ein Büschel Gras, ein Maul voll Blätter, zart und jung, der Frühling keimt und sprießt und der Himmel färbt sich gelb, dann schwarz. Ich bin vertraut mit der Hassliebe, das beruht auf Gegenseitigkeit. Tage an, Nächte in denen die Stadt sich an mich schmiegt, mich füttert, weich macht. Tage an, Nächte in denen die Stadt sich unter meinen Füßen wölbt, mich ausspuckt, mich auszehrt, hart macht. Das geht so hin und her. Sie ist voll, sie ist leer. Irgendwas ist immer mehr.

 
 
 
 
 
 
Nadine Lawniczak
 
 
Einfach Augen zu und durch
 
 
Neue Anfänge sind immer schwer, aber in ein komplett anderes Land zu ziehen und eine neue Sprache zu lernen, ist noch viel schwieriger. Ich werde nach Deutschland ziehen, ein reiches Land mit vielen Perspektiven und Arbeit. Dafür muss ich meine Heimat zurücklassen, Polen. Ich bin hier aufgewachsen, hier ist meine Familie, Verwandtschaft und meine Freunde. Hier ist der Ort an dem ich im Winter Schneeengel gemacht habe, Schlitten gefahren und im Sommer Pilze und Blaubeeren sammeln gesammelt habe. Den Ort an dem ich meinen ersten Freund hatte und meine erste Zigarette geraucht habe. Hier habe ich meine komplette Kindheit und Jugend verbracht! Jeden Sonntag bin ich hier in die Kirche gegangen, mit den Menschen, die ich seit ich denken kann, kenne. Dieses Dorf kenne ich in und auswendig, ich weiß wo jeder hier wohnt, was seine Geschichte ist und was er an einem Sonntag am liebsten macht.

Wie soll ich das hier alles verlassen und in einen neuen und komplett unbekannten Ort umziehen? Ich habe keine andere Wahl! Wenn ich hier bleibe wird nichts aus mir, dieses Dorf hat keine Perspektive für mich, wenn ich nicht jetzt hier raus komme, werde ich es nie schaffen. Polen hat zu wenig und zu schlecht bezahlte Arbeit, wenn ich nicht auf ewig zwei Jobs gleichzeitig machen möchte, muss ich diesen großen Schritt machen.

Ich werde in eine total neue Welt eintauchen müssen. Ich kenne in Deutschland die Sprache nicht, weiß nicht wie die Menschen drauf sind oder geschweige denn wie überhaupt dort das Leben ist. Die Menschen in meinem Dorf berichten immer wieder von diesem wohlhabenden Land, wo Frauen auch viel verdienen, wo es sehr viel Arbeit gibt und im Supermarkt immer alles vorhanden ist.

Ich darf nicht an zurück denken, selbstverständlich werde ich Polen vermissen, aber in Deutschland kann ich mir ein neues Leben aufbauen, ein besseres Leben! Einfach Augen zu und durch. Es wird sich alles von selbst einpendeln, habe nur Vertrauen.

 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
Stephanie Pundt
 
 
Eine besondere Verbindung
 
 

Das Tier, nicht gerade realitätsgetreu,, liegt auf dem roten Kissen im Bett, das im Zimmer eines Mädchens steht. Die beiden kennen sich schon ewig. Es war fast von Beginn ab an dabei. Hatte das Mädchen aufwachsen sehen, wie sie größer, eigenständiger, älter wurde. Hatte sich in Zeiten der Freude mit ihr gefreut, hatte gelitten, wenn sie geweint hatte. Es war immer da. War da, als die erste Übernachtung außer Haus ein einziger Albtraum geworden war. Hatte an der Treppe gelauscht, wenn die Mutter ein Erwachsenengespräch abends in der Küche mit einer Tante, den Großeltern oder sogar dem Vater führte. Hatte mit gekuschelt an regnerischen, kalten, sonnigen, freundlichen Abenden. Hatte so oft in den Armen des Mädchens gelegen. Hatte sie getröstet, wenn sie bei niemand anderem Trost fand. Hatte zugehört, wenn niemand sonst ein Ohr für sie hatte. Hatte so viele Tränen aufgefangen.

Das Tier, ein Zebra um genau zu sein, war mit ihr lange aufgeblieben, wenn sie vor lauter Aufregung nicht hatte schlafen können. Hatte sich mit ihr gefreut, wenn der erste Schnee fiel, falls er denn kam. Hatte so oft neben ihr im Gras in der Sonne gelegen.

Das Mädchen liebt das Zebra. Hat es schon immer. Nicht umsonst gab es ein Willkommensschild, noch aus Kindergartenzeiten, auf dem beide Namen stehen, der von dem Mädchen und von dem Zebra. Nicht umsonst hatte sie als kleines Kind vor der Waschmaschine ausgeharrt, wenn das Tier gewaschen wurde. Sie hatte es nie aus den Augen gelassen. Nie vergessen.

Und so wartet das Stofftier noch immer jeden Tag im Zimmer des Mädchens auf ihre Rückkehr, so wie es das schon vor vierzehn Jahren getan hatte.

 
 
 
 
Nadine Lawniczak
 
 
Sinnestäuschung
 
 
Schweiß. Die Männer rennen wild diesem einen Ball hinterher. Von oben bis unten durch geschwitzt. In den Pausen wird sich großzügig mit Wasser übergossen.

Irgendwann blende ich alles komplett aus. Die Trikots und ihre Träger sind nur noch schwarz Orange Flecken für mich. Sie tanzen umher wie in einer geübten Choreographie und ich beginne mir eine Geschichte auszudenken. Alle meine Sinne sind auf diese Flecken gerichtet, wie Flammen eines Moor Irrlichts, die versuchen, mich in ihren Bann zu ziehen. Hin und wieder verschwindet ein Irrlichts und ein neues kommt hinzu.

Diese Choreographie ging weiter und weiter bis auf einmal alle stoppten. Erst dann merkte ich, dass das Spiel zu Ende war. Die Illusion der Irrlichter verschwand sofort und ich sah wieder Gesichter und Menschen.

 
 
 
 
 
Yvonne Janetzke
 
 

Die Abwesenheit von Etwas
 
 

Wir gehen eine Straße entlang, biegen um die Ecke und machen Halt. Das Pflaster schlägt Wellen, das Licht zertreibt in Fetzen, das Pflaster beruhigt sich. Wir kennen die Straßen, kennen die Häuser, falsch, wir kannten die Straßen, kannten die Häuser, kannten Teile der Menschen. Etwas irritiert: Etwas fehlt. Schnell erkennen wir, was, alles ist zweidimensional, die Häuser, die Laternen, die Vögel, die flatternd am blauen Himmel haften, wie festgepinnt, kommen nicht vom Fleck und dunkle Tropfen perlen über Blau und Weiß. Die Erinnerungen sind Abziehbilder, überkleben die Realität, unsere Realität, was uns fehlt, fehlt den Anderen nicht, was den Anderen fehlt, haben wir nie vermisst. Falsch. Im Grunde sind wir alle gleich, unter der Haut, die uns weich und weiß umhüllt und die Knochen umfließt, so verletzlich, die Widerstandskraft allzu gering, doch wir halten mehr aus, als jemals geahnt. Unsere Wünsche unterscheiden sich kaum, alles in allem, unterscheidet uns also vielmehr, was uns fehlt? Erstickt uns viel mehr, was uns fehlt? Doch wir atmen, wir gehen weiter, wir atmen weiter und sind so viel mehr als der Verlust, in dem wir nicht ertrunken sind. Der Gedanke beschwingt, der Gedanke macht Mut und wir lenken unsere Schritte in die Kneipe, die unsere Jugend konserviert. Und wir trinken, trinken uns durch die Nacht unter dunklen Balken, die die Decke nicht berühren, was den meisten entgeht. Alles Fake. Öldrucke und Kerzenflammen imitierende Lampen an den Wänden, der Boden hebt und senkt sich rhythmisch knarzend in antik-maritimer Atmosphäre, der Kitsch bildet einen Puffer und die grob und schrill lackierten hölzernen Masken zwinkern uns zu. Mit einer schnellen Bewegung erhaschen wir die Fliege auf dem Tisch und zerreiben sie zwischen den Fingerkuppen.

 
 
 
 
 
Stephanie Pundt
 
 
Geborgenheit
 
 
 
Ehrlich gesagt, weiß ich nicht wirklich wie ich das hier beginnen soll. Wie ich Heimat definieren soll. Ich saß lange daran, habe lange nachgedacht und bin schlussendlich doch nicht zu einem Ergebnis gekommen. Fakt ist, ich kann nicht genau sagen, was meine Heimat zu meiner Heimat macht. Ob es die Menschen sind, meine Freunde, meine Familie oder ob es die verschiedenen Orte sind, die mich in meiner Heimat heimisch fühlen lassen. Wenn ich sagen sollte, was Heimat sein kann, könnte ich vermutlich mehr dazu schreiben. Mehr ins Detail gehen. Doch mein eigenes Verständnis von Heimat kann ich nicht wirklich greifen.

Es ist einfach ein Gefühl, das ich habe, wenn ich dort bin. Wenn ich den kleinen Weg entlang fahre, umgeben von Bäumen, in der Nachbarschaft, in der ich meine ersten Jahre verbracht habe. Wenn ich in dem Wendehammer bin, indem meine damalige beste Freundin mit mir Fahrrad fahren geübt hat. Wenn ich die Straße hoch zu unserem jetzigen Haus fahre und im Dunkeln bereits das Licht vor der Tür weit scheinen sehe, in dem Wissen, dass meine Mutter es für mich angemacht hat, so wie sie es immer macht, wenn ich erst später am Abend heim komme. Es ist die Geborgenheit, die ich empfinde, wenn ich unterwegs durch unser kleines Städtchen bin und zu fast jeder Ecke und Straße eine kleine Geschichte erzählen kann. Es sind die Erinnerungen daran, welchen Weg ich immer zur Schule gefahren bin, wo ich meinen ersten Fahrradsturz hatte, wo ich meine ersten Bücher gekauft habe, auch wenn dieser Laden bereits nicht mehr existiert. Es sind die Menschen, die ich jeden Tag sehe, die mich zumindest vom Namen oder vom Sehen her kennen, weil sie meine Mutter und ihre Familie eben kennen, weil sie auch aus dieser Stadt stammen.

Meine Heimat ist da, wo ich aufgewachsen bin, aber nur weil ich so viele Erinnerungen daran habe, gute wie schlechte. Es ist meine Heimat, weil ich weiß, dass ich immer dorthin zurückkehren kann, dass mich die Leute immer irgendwie erkennen werden. Ich werde dort nie eine Fremde sein. Nie vollkommen alleine sein. Denn diese Stadt wäre nicht meine Heimat, wenn meine Familie nicht dort wäre. Wenn meine Mutter nicht dort wäre. Wenn meine engsten Freunde, selbst jetzt wo sie auch zum Großteil studieren, nicht immer wieder dorthin zurückkehren würden.

Meine Heimat ist also ein Ort, aber auch die vielen Menschen, die dort leben oder dort mal gelebt haben. Heimat ist für mich an beides gebunden und miteinander verbunden durch meine Erinnerungen, die ich von meiner Vergangenheit habe. Vermutlich wird meine Heimat also noch eine sehr, sehr lange Zeit lang Lohne sein. Der Ort, an dem ich alles gelernt und erlebt habe, was mich heute ausmacht.

 
 
 
 
Gemeinschaftstext
 
 
Herbst
 
 
Aus dem Fenster des Busses beobachtete ich, wie Krähen von Baum zu Baum flogen. Die Krähen waren für mich in den schon kahlen Bäumen gut zu sehen, der Herbst hinterließ deutlich seine Spuren. Ich fragte mich, in welche Höhen Krähen steigen können.
Die Vorstellung, selbst einmal so hoch fliegen zu können und auf die herbstliche Landschaft herabzublicken, ist ein Traum. Allein schon der Gedanke, hoch durch den Himmel zu fliegen, lässt meine Füße kribbeln.
„Nächster Halt: Universität, Naturwissenschafen Eins!“, reißt mich die Ansage der Bushaltestelle aus meinen Gedanken.
Aber ich bin mir sicher: Falls ich mir eine Superkraft aussuchen könnte, dann wäre es das Fliegen.
Ich wäre frei und an nichts mehr gebunden. Frei und ohne Verantwortung. So wäre das Leben. Mein Leben.

 
 
 
 
 
Fabian Pieper
 
 
 
Heimat 4 – Nachspielzeit
 
 
Voller Vorfreude werfe ich einen Blick aus dem Küchenfenster und halte Ausschau nach dem so vertrauten roten VW-Kombi. Es ist kurz vor sechs Uhr an einem Montagabend. Eigentlich keine gute Zeit für ein Fußballspiel, aber die Kommerzschraube dreht sich auch in der 3. Liga immer weiter. Ich bemerke die aus der Dunkelheit auftauchenden Scheinwerferlichter, welche die Ankunft von Florian ankündigen. Florian und ich kennen uns bereits seit Kindertagen, sind früher immer zusammen ins Zeltlager gefahren und nun auch schon seit einigen Jahren bei jedem Heim- und vielen Auswärtsspielen unseres VfL Osnabrück gemeinsam unterwegs. Trikot und Schal habe ich bereits in der Hand und so werfe ich noch ein letztes „Bis später!“ zurück ins Haus, um meinen Eltern meine Abfahrt mitzuteilen.

Am Stadion Bremer Brücke angekommen schlagen uns die Menschenmassen entgegen. 11.000 Zuschauer werden erwartet, für ein Montagsspiel in der 3. Liga ist das sensationell. Kein Wunder, schließlich ist der VfL Spitzenreiter und hat gegen den KFC Uerdingen ein echtes Topspiel. Vor dem Stadion treffen wir unsere anderen Freunde: Nils, Patrick und Kö. Wir sind ein eingeschworener Haufen, haben seit Jahren unseren Stammplatz in der Fankurve und sind guter Dinge, was das heutige Spiel angeht. Zunächst muss Florian jedoch noch ein paar kleine Spitzen über sich ergehen lassen: Drei Tage zuvor hatte er seinen 25. Geburtstag gefeiert und den alkoholseligen Abend nicht überstanden. Aber man wird ja auch nur einmal 25.
Das Spiel ist ein echtes Topspiel. Beide Mannschaften schenken sich nichts. Zwar gerät unsere Mannschaft in der zweiten Hälfte mit 0:1 in Rückstand, doch der VfL trifft zum 1:1 und kurz darauf fliegt auch noch ein Uerdinger Spieler vom Platz. Gelb-Rot wegen groben Foulspiels, eine klare Sache. Die letzten 20 Minuten wirbelt die Mannschaft auf dem Platz und die Fans geben von allen vier Seiten des Stadions ihr Bestes. Auch wir versuchen unseren Teil zum Erfolg des Teams beizutragen. Wir singen, schreien, hüpfen und klatschen zu den Liedern, in die wir alle in der Vergangenheit schon so oft eingestimmt haben. Dennoch läuft uns die Zeit davon. Die Nachspielzeit ist längt angebrochen, da kommt noch mal ein langer Ball in den Uerdinger Strafraum. Ein Kopfball und dann… „HAND!!!“, schreien die 11.000 auf den Rängen wie aus einem Mund und brechen in kollektiven Jubel aus, als der Schiedsrichter nicht zögert und auf den Punkt zeigt – Elfmeter!

Meine Freunde und ich befinden uns einem unangenehmen Zustand zwischen Hoffnung und Bangen, als sich Osnabrücks Marcos Alvarez den Ball zurechtlegt. Als der Schiedsrichter das Spielgerät freigibt und Alvarez anläuft, verstummt das ganze Stadion für einen kurzen Moment. Alvarez schießt, der Torwart flieg in die andere Ecke, der Ball schlägt links unten ein. Die Bremer Brücke explodiert, das Spiel ist gewonnen! Auf der Tribüne liegen meine Freunde und ich uns in Armen. Wir jubeln und feiern ausgelassen. Späte Siege sind die schönsten Siege, so ist das im Fußball.

Auf dem Rückweg vom Stadion sezieren Florian und ich jede entscheidende Szene bis ins Detail. „Klarer Elfmeter“, sind wir uns beide einig, auch dass der Sieg am Ende verdient war. Meistens sind wir uns uneinig, dann treffen unveränderliche Standpunkte aufeinander, aber heute gab es am Spiel wenig zu rütteln. Bei mir zu Hause angekommen verabschieden wir uns per Handschlag, bis zum nächsten Mal. Ich schlage die Tür von Florians Auto zu und sehe ihm nach, wie seine Rücklichter sich entfernen und am Ende der Straße in eine Kurve einbiegen und gänzlich verschwinden.

Es war das Letzte, was ich von Florian je sehen sollte. Keine 24 Stunden später stellte Florian sich vor einen Zug. Er setzte seinem Leben ein plötzliches Ende.

Neun Tage später, auf der Beerdigung, steht unsere komplette Gruppe vor dem großen Erdloch, in das sein nahezu leerer Sarg kurz zuvor eingelassen wurde. Jeder von uns nimmt unter Tränen eine kleine Schaufelspitze voll Erde und wirft sie hinab in das Grab. Schon halb von Erde bedeckt, aber noch immer unter dem Dreck erkennbar, verschwindet auch ein lila-weißer Schal. Er ist ein letzter Gruß an unseren Freund.

 
 
 
 
 
 

Alina Zimmermann
 
 
Unerwarteter Besuch
 
 
Der zweite Advent. Die Kekse sind im Ofen – heute werden es Zimtsterne, meine Lieblingskekse in der Weihnachtszeit. Mit einer Tasse Tee in der Hand verlasse ich die Küche, um es mir auf dem Sofa gemütlich machen zu können, während die Sterne im Ofen vor sich hin backen. Ich streife mir meine Hausschuhe von den Füßen, zünde zwei Kerzen von meinem selbst gebastelten Adventskranz an und mache es mir mit Tee und Buch auf dem Sofa gemütlich. Wirklich schön, diese Adventssonntage, an denen die Wohnung nach frisch gebackenen Keksen, Duftkerzen und Lebkuchen riecht. Heute muss ich die Wohnung nicht mehr verlassen. Stattdessen kann ich ganz in Ruhe von meinem Sofa aus das Schneetreiben vor meinem Fenster beobachten und auf meine Freunde warten, die später mit Wein und Pizza zum Tatort gucken vorbeikommen. In der Weihnachtszeit geht es für mich gar nicht um Geschenke. Viel schöner und wichtiger sind solche Tage wie heute. An denen ich Zeit für mich finde, zur Ruhe komme und einen schönen Abend mit meinen Liebsten verbringe. Es geht um Besinnlichkeit und Dankbarkeit.

Plötzlich klingelt es an der Tür – es ist gerade erst nachmittags. Meine Freunde werden es nicht sein, wir sind schließlich erst in vier Stunden verabredet. Kurz überlege ich, das Klingeln einfach zu ignorieren. Aber beim Anblick des Schnees und Sturms vor dem Fenster verwerfe ich meinen Gedanken schnell wieder. Was, wenn die Person, die gerade geklingelt hat, Hilfe benötigt? Also ziehe ich meine Hausschuhe an und gehe zur Haustür. Die Hausschuhe sind eigentlich echt nicht für den Winter geeignet. Mir ist grundsätzlich kalt und eigentlich sind es eher Latschen, die vorne auch noch offen sind. Aber sie waren ein Geschenk meiner Oma und sie sind echt bequem.

An der Tür angekommen drücke ich auf den Summer, höre, wie sich die Tür unten öffnet und eine Person die Treppe hochkommt. Noch ist meine Wohnungstür geschlossen. Ich möchte lieber erst einmal durch den Spion gucken.
Ich sehe, wie eine Frau vor meiner Tür auftaucht. Sie ist relativ klein, hat dunkle, lange Haare, braune Augen und sieht ziemlich durchgefroren aus.
Ich öffne die Tür. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Es tut mir wirklich Leid Sie an einem Sonntagnachmittag stören zu müssen. Sie sind die einzige Person, die mir die Tür geöffnet hat. Ich komme nicht von hier und mein Handyakku ist alle. Ich muss unbedingt einen Freund erreichen, den ich heute Abend treffen wollte und natürlich steht unser Treffpunkt in meinem Handy. Ich habe tatsächlich weit und breit kein Café gefunden, in dem ich mein Handy aufladen konnte und danach googlen war ja auch nicht möglich … heutzutage sind wir echt aufgeschmissen ohne diese Dinger!“
Ganz kurz denke ich, dass das vielleicht alles nur ein Vorwand ist, um mich auszurauben oder sowas. Aber dann schäme ich mich für den Gedanken. Wir sind alle viel zu misstrauisch geworden, denke ich, und bitte die Frau, hereinzukommen.

Als sie ihr Handy anschließt, stellt sie sich vor. „Ich bin übrigens Maria und wohne in Frankfurt. Ein Freund von mir wohnt hier in Hannover und eigentlich war ausgemacht, dass ich heute Abend direkt vom Bahnhof aus zu unserem Treffpunkt fahre. Irgendwie bekam ich dann aber heute Morgen die Benachrichtigung, dass mein Zug ausfällt und ich die Möglichkeit habe, einen früheren zu nehmen. Ich musste mich ziemlich beeilen und dachte, dass ich im Zug mein Handy aufladen und meinem Freund Bescheid sagen könnte. Bei meinem Glück gingen die Steckdosen dann aber nicht, also saß ich ohne Handyakku im Zug und kam vor zwei Stunden in Hannover an, ohne zu wissen wo ich hin soll. Ich bin dann erst mal losgelaufen. Später fiel mir dann ein, dass ich im Bahnhof bestimmt irgendwo mein Handy hätte aufladen können, aber da war ich schon hier in Ihrer Straße. Ich bin wirklich froh, dass Sie aufgemacht haben! Länger hätte ich es in dieser eisigen Kälte echt nicht ausgehalten… – ah, mein Handy ist an. Ich telefoniere schnell und dann sind Sie mich auch wieder los.“

Während Maria telefoniert, fallen mir die Kekse im Ofen ein. Ich dachte der komische Geruch kommt von draußen, aber nein … ich laufe in die Küche und natürlich sind die Kekse verbrannt. Ich hab sie total vergessen.
„Oh nein, ich habe Sie total abgelenkt!“ sagt Maria, als sie in die Küche kommt und mich vor den schwarzen Keksen sieht. „Das tut mir so Leid. Ich werd Sie jetzt wieder in Ruhe lassen und draußen an der Bushaltestelle gegenüber warten. Mein Freund wird mich dort später abholen, gerade kann er leider noch nicht. Aber das ist nicht schlimm. Danke, dass Sie mich überhaupt reingelassen haben.“
Ich zögere nicht lange und frage Maria, ob sie nicht einfach hier warten möchte. Ich hab mich zwar auf den Nachmittag allein gefreut, aber Gesellschaft ist schließlich auch schön und außerdem scheint sie echt nett zu sein. Und ich bringe es echt nicht übers Herz, sie wieder in die Kälte zu schicken.
Sie freut sich über mein Angebot und wir machen es uns mit Tee auf dem Sofa gemütlich.

Eineinhalb Stunden und gute Gespräche später steht ihr Freund unten vor der Tür. Wirklich schade, Maria und ich sind absolut auf einer Wellenlänge. Wir haben unsere Nummern ausgetauscht und sie verspricht mir, nicht nur ihren Freund bei ihrem nächsten Hannoverbesuch zu besuchen, sondern auch mich.
Als sie nach unten geht und ich die Tür hinter mir schließe, denke ich, wie froh ich bin, mein Misstrauen vorhin beiseite geschoben und an das Gute geglaubt zu haben. Vielleicht macht genau so etwas die Weihnachtszeit aus.

 
 
 

Natürlich haben wir noch weitere tolle Texte im Gepäck. Die werden die Autor*innen in einer ziemlich coolen Location vorlesen, inmitten von echten Heimatmöbeln: Am 3. April von 17 – 18 Uhr bei
WEDDERBRUUK Am Schwarzen Meer 10
 
Vielen Dank an Sandra Hörner, Tilman Schwake und Frederik Niemann für Eure Gastfreundschaft!
 
 
 
 

***

 
 
 
 
 

Eine Weihnachtsgeschichte aus dem „Roten Dorf“. Sie entstand im Rahmen meiner Schreibwerkstatt für geflüchtete Kinder:

 
 
 
 
Die Bremer Schokomusikanten
 
 
Von Ramina, Layan und Limar
 
 
 

Es schneit. Draußen ist es schon dunkel, nur die Sterne stehen am Himmel und die Lichterketten strahlen über die Obernstraße bis auf den Weihnachtsmarkt mit seinen bunten Hütten und Buden, beinahe bis auf den großen Tannenbaum vor der Bremer Bürgerschaft.
Die Bremer Stadtmusikanten stehen dort hinten, an der Rückseite des Rathauses. Morgen werden wieder Touristen die Beine des Esels umfassen und sich etwas wünschen.
Nun fallen immer dickere Schneeflocken auf den Boden, so dass die Kinder nach draußen gehen und Schneemänner bauen. Die Schulkinder schreiben Briefe an den Weihnachtsmann und legen sie aufs Fensterbrett. Oder sie stecken sie mit einem Briefumschlag in eine geschmückte Tüte. Ihre Wohnungen sind mit dem Weihnachtsschmuck dekoriert, den sie in der Schule gebastelt haben.

Tom, Ramina, Layan und Lana laufen durch die schöne Innenstadt. Sie haben kein Geld, sich an einer der Buden etwas zu essen zu kaufen. Sie haben gelernt, ihren Hunger zu verstecken.
Auf einmal ruft Lana: „Guckt mal! Da fliegen Haferflocken vom Himmel!“
Die anderen Kinder staunen. Tatsächlich: Hunderte, nein, Tausende von Haferflocken landen im dicken Schnee.
Schnell holen die Geschwister ihre Beutel heraus und sammeln die Flocken ein. Dann laufen sie damit zu den Bremer Stadtmusikanten, zu Esel, Hund, Katze und Hahn. Sie wollen die Haferflocken mit ihnen teilen.
Ein Mann kommt vorbei und lacht sie aus: „Die Tiere sind doch nicht echt. Das ist doch bloß eine Skulptur aus Metall.“
Da werden die Kinder ganz traurig, weil der Mann sie ausgelacht hat und weil die Bremer Stadtmusikanten nicht echt sind. Beschämt blicken sie dem Mann hinterher, der nun Richtung Domsheide verschwindet.
Plötzlich hören Tom, Ramina, Layan und Lana Geräusche: „Miau!“ „Kikeriki!“, „Wau wau!“ „I-ah!“
Da drehen sie sich die Kinder um. Sie hören Musik:
„Jingle Bells, I-ah!, Jingle Bells, wauwau … Jingle all the way … kikeriki!!!“
Und auf einmal fliegt der Hahn auf den Boden, landet im tiefen Schnee. Die Katze springt auf Toms Rücken. Seltsamerweise ist sie ganz leicht. Der Hund hüpft bellend um die Kinder herum. Der Esel tanzt eine Runde Flamenco.
Sie haben bestimmt Hunger, denken die Geschwister und schütten die Haferflocken für die Tiere auf einer trockenen Stelle an der Mauer des Rathauses aus.
Die Stadtmusikanten fressen alles auf. Layan, Lana, Ramina und Tom freuen sich darüber und hören nicht, wie ihre eigenen Mägen knurren.
Als die letzte Haferflocke verzehrt ist, geschieht etwas Seltsames: Der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn schrumpfen und verwandeln sich in Schokolade.
„Ein Schokoladenhahn!“, staunt Ramina.
„Eine Schokoladenkatze!“, ruft Layan.
„Ein Schokoladenesel“, freut sich Tom.
„Ein Schokoladenhund“, sagt Lana andächtig. Sie hatte sich schon immer einen Hund gewünscht.
„Ich dachte, es gibt nur Schokoladennikoläuse“, wundert sich Layan.
„Oder Osterhasen“, denkt Ramina.
Wann haben sie das letzte Mal Schokolade gegessen? Den Kindern läuft das Wasser im Mund zusammen.
Was wäre, wenn …
Die Finger der Kinder sind schneller. Sie greifen sich einen Bremer Schokoladenmusikanten, der Stück für Stück im Mund verschwindet.
„Lecker!“, rufen die Geschwister, nachdem der letzte Stadtmusikant aufgegessen ist.
Dann erschrecken sie sich und bekommen große Angst.
„Das hätten wir nicht tun dürfen,“ weint Lana.
„Was nun?“, fragt Ramina verzweifelt.
Die Kinder beschließen, schnell nach Hause zu laufen. Sie hoffen, dass sie für ihre Tat nicht bestraft werden.

Am nächsten Morgen fallen noch dickere Schneeflocken vom Himmel. Ganz Bremen sieht jetzt wie eine verzauberte Winderlandschaft aus. Layan, Lana, Tom und Ramina finden in ihren Schuhen einen Zettel vom Nikolaus und Knetmasse in verschiedenen Farben.
Auf dem Zettel steht:

Keine Angst!
Es war nett von Euch, dass Ihr die Bremer Stadtmusikanten gefüttert habt.

Ramina, Lana, Layan und Tom sehen sich an und lächeln erleichtert. Aus der Knete formen sie Figuren: einen Hund, eine Katze, einen Hahn und einen Esel.
Die wollen die Kinder zurückbringen. Genau an die Stelle, an der die Stadtmusikantenstatue hinter dem Rathaus stand.
Mit ihren Stiefeln stapfen sie durch den Schnee an den Straßenbahnschienen entlang, vorbei am Schnoor mit seinen alten Häusern und engen Gassen.
Kein Mensch ist zu sehen. Die Buden und Hütten des Weihnachtsmarktes sind noch geschlossen. Ramina, Layan, Lana und Tom gehen unter den Arkaden am Rathaus vorbei. Als sie um die Ecke biegen, stutzen sie: Auf dem Sockel stehen die Bremer Stadtmusikanten. Ganz unten der Esel, darüber der Hund, auf dem Hund die Katze – und ganz oben thront der Hahn!
„Fröhliche Weihnachten!“, ruft der Mann, der sie ausgelacht hat und fliegt mit seinem Rentierschlitten davon.

 
 
 
 

Herzlichen Dank an die Bremer KindergeldStiftung!

 
 
 
 
 
 
***

 
 
 
 
 
 

In meiner neuen Schreibwerkstatt wollte ich Menschen verschiedener Generationen und Kulturen zusammenbringen, die zu unterschiedlichen Zeiten nach Bremen geflüchtet sind – nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in der 80er Jahren, erst kürzlich – und sie ihre Erlebnisse und Erinnerungen erzählen lassen. Die Autorinnen und Autoren stammen aus dem Iran, der DDR, aus Ost- und Westpreußen und aus Syrien.

 
 
 
 

Regine

Grenzerfahrungen

In der Dämmerung überquerten wir die Elbe. Noch einmal sahen wir unser Heimatstädtchen Bad Schandau mit der großen Kirche und das Felsenband der Schrammsteine und dachten: „Das und alles, was uns lieb und wert war, sehen wir nie wieder!“

Da war im September 1958. Mein Vater brachte meine Schwester, zwölf Jahre alt, und mich, sechszehn Jahre alt, zum Übernachten zu seiner Schwester in die nahe gelegene Kreisstadt. Der Blick zurück über die Elbe war der erste große Schmerz meines Lebens. Er ist mir heute noch gegenwärtig. Dass wir Bad Schandau in einer Nacht- und Nebelaktion verließen, lag daran, dass es plötzlich Gerüchte über unseren Weggang gab. Bisher liefen alle Vorbereitungen im Geheimen ab. Ein Patient meines Vaters kam nachts zu uns und warnte uns. Meine Schwester hatte zudem in der Schule, als sie wegen einer schlechten Klassenarbeit gerügt wurde, verkündet: „Macht nix, wir hauen sowieso bald ab.“
Mein Vater wollte mit meiner Mutter und unserer anderthalbjährigen Schwester bei meiner Tante mit uns zusammentreffen. Gemeinsam wollten wir dann nach Berlin fahren. In der Nacht schliefen wir mit meiner Tante im Doppelbett. Ich hatte sie immer ein bisschen streng in Erinnerung. Doch in der Nacht vor unserem Weggang weinte sie.

Die Pläne, die DDR zu verlassen, gab es schon länger. Da war das Flehen der Großeltern in Westfalen – meine Mutter stammte aus Bielefeld – mit dem Wunsch, uns bei sich zu haben, bevor sich die Grenzen total schließen würden, was ja auch geschah.
Die Chancen für ein Studium waren für uns im Arbeiter- und Bauernstaat nicht groß, zumal ich nicht in der FDJ (der Jugendorganisation der DDR, die der Hitlerjugend nicht unähnlich) war. Ich war in der „Jungen Gemeinde“, einer evangelischen Jugendgemeinschaft und war der Kirche von Kindheit an (Kindergottesdienst, Krippenspiele) sehr nahe.
Da gab es natürlich Repressalien. Die Arztpraxis meines Vaters sollte verstaatlicht werden. Doch der Hauptgrund meiner Eltern, die DDR zu verlassen, war wohl die Angst, bald keine Möglichkeit mehr dazu zu haben. Sogar die Ferienreise zu den Großeltern war stets mit großen Schwierigkeiten verbunden. Da immer nur ein Elternteil einen Reisepass bekam, um den man sehr kämpfen musste, musste sich der andere Elternteil auf abenteuerlichen Waldwegen jenseits der offiziellen Grenzübertritte gen Westen kämpfen und wusste oft nicht, auf welchem Hoheitsgebiet er sich befand. Er war dann froh, wieder in unser Auto einzusteigen, das er vor der Grenze verlassen hatte.

Unser Weggang war lange geplant, musste aber streng geheim gehalten werden. Fluchtversuche wurden mit hohen Haftstrafen geahndet. Die Kinder der Inhaftierten kamen in staatliche Kinderheime. Das einzige Schlupfloch war Berlin. Hier konnte man mit U- und S-Bahn ungehindert von Ost- nach Westberlin fahren. Diese Möglichkeit nutzten meine Eltern, um Bewegliches, wie Bücher, Porzellan, etc. zu den Großeltern zu bringen, die sie in Westberlin trafen. Berlin war eine Insel, die wir nur verlassen konnten, in dem wir das DDR-Gebiet überflogen. Was hatten Menschen nicht alles versucht, um in den Westen zu gelangen! Fluchtversuche im Ballon, über die Ostsee, im umgebauten Kofferraum, im gegrabenen Tunnel…
Am eigentlichen Fluchttag verteilten wir uns, angekommen in Berlin, auf verschiedene Bahnstationen und trafen an der ersten westlichen Bahnstation wieder zusammen. Es war geschafft!

Die ersten Worte meines Vaters: „Jetzt bin ich arbeitslos.“ Er schüttelte den Kopf, als er entdeckte, dass meine Mutter in Windeln getarnt einen Silberleuchter im Kinder-wagen versteckt hatte. Es war ein warmer Septembertag. Meine Schwester und ich trugen fellgefütterte Winterstiefel, die mussten dann nicht mehr neu gekauft werden. Unauffällig war das bestimmt nicht.
Wir sollten von Berlin nach Hannover fliegen. Dort warteten die Großeltern. Der erste Flug! Vor lauter Kummer und Aufregung habe ich ihn gar nicht so recht wahrgenommen… Wir konnten sogar unser zurückgelassenes Auto aus der Luft sehen. Eine Stewardess bot Schokolade an, aber ich traute mich nicht, welche zu nehmen. Ich glaubte, wir müssten sie bezahlen und wir hatten doch kein Westgeld!

In Hannover gelandet schlossen uns die Großeltern überglücklich in die Arme, und ich denke noch heute an ihre liebevolle und selbstlose Aufnahme. Durch die Ferienbesuche waren uns Bielefeld, Umfeld und Menschen vertraut. Ich weiß aber, dass die Kollegen meines Vaters von seinem „Auftauchen“ nicht sonderlich beglückt waren und die Eröffnung seiner Arztpraxis nur mit Schwierigkeiten möglich war.
Der Empfang in der neuen Schule war überaus freundlich, doch ich hatte besonders in den Sprachen Defizite, die bis zum Abitur kaum noch aufzuholen waren. Dass ich an einer Schule in Bethel bei Bielefeld Russisch weiterführen konnte und Latein nachholte, machte mir den Schulabschluss möglich. Zunächst war ich an einem städtischen Gymnasium und in vielen Stunden Gasthörerin. An meinem ersten Schultag zog ich das Beste an, was ich besaß: Einen blauen Pullover und einen grauen Faltenrock. Damit sah ich hier plötzlich hoffnungslos altmodisch aus. Mein Selbstwertgefühl begann zu sinken. Als eine Kunsterzieherin zu einer Kameradin, die klagte, die teuren Materialien für den Kunstunterricht nicht bezahlen können, sagte: „Dann gehörst Du nicht auf diese Schule,“ dachte ich, so etwas hätte es in der DDR nicht gegeben.
Eine Klassenkameradin, die aus Leipzig nach Bethel kam, ließ meinen sächsischen Akzent wieder voll erblühen. Unsere Eltern hatten uns immer wohlweislich ermahnt, hochdeutsch zu sprechen. Bei einer Lesung eines antiken Dramas durfte ich die Hauptrolle lesen. Mit genügend Pathos und Einsatz meinte ich, meine Rolle gut gemeistert zu haben. Doch mein Deutschlehrer sagte: „Ich wusste gar nicht, dass Antigone aus Sachsen kommt.“

1949. Elf Jahre vor unserem Weggang waren Freunde meiner Eltern ebenfalls unter abenteuerlichen Umständen über den Harz von Bad Schandau nach Bremerhaven geflohen. Im „Westen“ traf man sich wieder. Da gab es einen Sohn, der uns noch in Schandau besucht hatte. Eine stetige Weiterentwicklung der Beziehung führte zur Heirat. Er arbeitete in Bremen, und so kam ich nach Studienjahren in Göttingen 1966 in die Hansestadt. Als Kind hatte ich die Stadtmusikaten schon einmal angefasst und ich kannte ein plattdeutsches Lied: „Dat du min levsten büst…“ Ich hatte es in Schandau gelernt! Vor unserer Heirat hatte ich meinen Mann öfter besucht, kannte Freimarkt und Schnoor. Auch hatte ich in dem wunderbaren Dom ein Konzert mit dem Dresdner Trompeter Ludwig Güttler gehört. Ich kannte auch die Wümmeniederung, der ich noch sehr nahe kommen sollte.

Mein Anfang in Bremen forderte mir viel ab: Examen, erstes Kind, Ehebeginn, Leben in ungewohnter Umgebung, keine bekannten Menschen, Konfrontation mit sozialen Brennpunkten, doch für meine Entwicklung erwies sich das als wichtig. Unvergessen Silvester 1966: Unser erster Sohn war auf die Welt gekommen und nachts läuteten die Domglocken. Mit Studium und Eintritt in den Schuldienst lernte ich viele neue Menschen kennen und schätzen. Es gab natürlich auch Menschen, die glaubten, in der DDR – man sprach von Dunkeldeutschland – wären fast alle Russen…
Mit dem Kinderwagen erkundeten wir oft das Bremer Umland. Durch großen Zufall konnten wir ein Grundstück in einer noch ländlichen Gemeinde Bremens an der Wümme erwerben. Hier gab es auch eine kleine, überschaubare Dorfschule, die zu meiner Wirkungsstätte wurde. Hier wurde auch platt gesprochen, eine Herausforde-rung für einen Menschen aus Sachsen. Aber ich war nicht die einzige Sächsin vor Ort. Einmal ging mein Mann mit mir durch die blühenden Wümmewiesen und sagte: „Sieh mal, weites Land!“ Mir fehlten Wald, Höhen und Felsen. Doch die Liebe zum „weiten Land“ wuchs langsam. An der Wümme wuchs auch unser zweiter Sohn auf. Heimisch wurden wir auch durch Bootsfahrten mit unseren Kindern auf der Wümme. Unser ältester Sohn hatte in liebevoller Kleinarbeit einen Kanadier restauriert.

Inzwischen waren wir mehrfach in Schandau gewesen. Als Devisenbringer waren wir sogar gern gesehen. Bald nach unserem Weggang war ja die Mauer errichtet worden. Den als stur empfundenen Norddeutschen lernte ich als aufrechten, bodenständigen Menschen immer mehr schätzen, und plattdeutsch konnte ich gut verstehen. Ich hatte liebe Kollegen, doch ein älterer Kollege sagte während einer Hofaufsicht zu mir: „Ich habe nichts gegen dich, aber dass du aus Sachsen kommst, macht mir Schwierigkeiten.“ Ich habe viele entgegenkommende Menschen erlebt, weiß aber, dass viele Kriegsflüchtlinge nicht nur auf Freundlichkeit gestoßen sind. In unserem Stadtteil wurden für sie Siedlungshäuser mit Kleintierstall und Nutzgarten errichtet.
Meine Bemühungen um die plattdeutsche Sprache ließen inzwischen eigene Sprachversuche zu. Meine Schüler aus dem Blockland sprachen häufig noch Platt. Einem Schüler der etwas schwer zugänglich war, versuchte ich mich über sein Hobby Angeln zu nähern und bat ihn, mal eine Brasse mitzubringen. Mit einer zusätzlichen Schreibübung beauftragt sagte er zu seinen Freunden: „De kriggt keen Brassen!“
Inzwischen waren viele Menschen, die wir kennen, im Elbsandsteingebirge, unsere Söhne mit ihren Familien, Freunde, Kollegen und die, denen wir von unserer Heimat erzählt haben. Vor einigen Wochen waren mein Mann, unsere Söhne und ich in Bad Schandau. Mit Zielrichtung Bremen fuhren wir wieder über die Elbe und sahen zurück auf unsere kleine Stadt, diesmal ohne Abschiedsschmerz, mit etwas Wehmut, und in mir die Gewissheit, dass ich wieder kommen kann.

 
 

 
 

 
 

Djafar

Asyl

Der Pedro liegt im Krankenhaus in Langenhagen in der Nervenklinik. Vor zwei Wochen rief der Sonntagsdienst die Polizei, ein Ambulanzwagen vom Deutschen Roten Kreuz kam und nahm Pedro mit.
Wir sind jetzt einer weniger in unserem Lager. Aber nicht, weil jemand als asylberechtigt anerkannt wurde, sondern weil er durch die Ereignisse in seinem Leben die Nerven verlor. Pedro war der Überblick über seine persönliche Situation verlorengegangen. Er konnte nicht mehr warten, bis die Behörden über seinen Asylantrag entscheiden würden.

Das Schicksal von Pedro ist auch unser Schicksal. Die Entfremdung von der Umwelt kommt nicht nur von unserem Lager, in dem wir wohnen, sondern die Entfremdung und diese Selbstmordversuche sind eine Tendenz, verursacht durch die deutschen Asylgesetze, die durch das Verhalten der Behörden noch verstärkt wird.
Der Pedro ist nicht das erste Opfer in unserem Lager. Der erste war ein Afghane, der auch einen Selbstmodversuch beging. Er hatte versucht, sich in der Küche mit einem Messer die Kehle durchzuschneiden. Es fällt den Bewohnern des Lagers schwer, diese Küche weiter zu benutzen. Immer haben sie den Anblick des Landsmannes und das viele Blut vor Augen.

All dieses ereignet sich, weil die Asylbewerber gezwungen sind, dort zu leben und zu wohnen, wo die Regierung sie hinschickt. Sie dürfen den Wohnort oder Landkreis nicht verlassen, obwohl etliche die Möglichkeit hätten, bei Freunden oder Verwandten und Bekannten zu leben. Nicht einmal eine Reiseerlaubnis zu Besuchszwecken erhalten wir. Nur wenn enge Verwandte schwer krank sind oder sterben. Selbst wenn wir für einige Tage zu Freunden in das uns erlaubte Gebiet gehen, müssen wir damit rechnen, dass die Heimleitung dies bei den Behörden meldet, da sie die Anweisung hat, alle Personen, die mehr als 2 Tage nicht im Lager erschienen sind, der Bezirksregierung zu melden. Es kann uns dann als Bestrafung das Taschengeld (70,00 DM monatlich) gekürzt werden.

Das einzige, was wir tun können, ist essen, fernsehen und schlafen. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, wartend auf einen Anhörungstermin und die Entscheidung des Bundesamtes.
Zusammenleben mit Personen, die kaum gemeinsame Interessen haben, unterschiedlicher Nationalität und Lebensgewohnheiten. Z.B. leben in einem Lager Iraner, die vor der Khomeni-Regierung geflohen sind und Afghanen, die Bilder von Khomeni in ihrem Zimmer aufhängen.
Wir müssen uns immer ruhig verhalten, dürfen niemals laut werden. Wir fühlen uns wie Gegenstände, die man nach Belieben hin- und herschiebt. Da es uns verboten ist zu arbeiten, bekommen wir durch viele Kleinigkeiten täglich zu spüren, dass wir von der Gunst der deutschen Bürger abhängig sind, dass sie uns ernähren, kleiden. Kaum jemand kann nachfühlen, wie groß der Wunsch ist, für unser Leben selbst zu sorgen. Nicht einmal einkaufen können wir gehen, weil wir die Lebensmittel zugeteilt bekommen.
Was ich hier vortrage ist keine Geschichte, sondern Realität. Es ist das Leben von Menschen, die durch die Politik in ihrem Heimatland ihr Land verlassen mussten und nach Deutschland eingereist sind, um ihr Leben zu retten. Jetzt wird niemand erstaunt sein, wenn Pedro im Krankenhaus liegt.

Wir bekommen im Lager alle Depressionen. Wir sehen täglich die Unmöglichkeit, unser Leben selbst zu gestalten. Wir müssen immer in dem Bewusstsein leben, dass uns möglichst niemand bemerkt, dass wir nicht Gefahr laufen, aggressiv zu werden, immer alle Probleme in uns behüten, damit es keine Schwierigkeiten mit den uns unbekannten Gesetzten gibt, sonst kann unser Anerkennungsverfahren beschleunigt werden. Auch Pedro hat sich so verhalten. Er war vorher ein normaler Mensch wie alle anderen Staatsbürger, aber die Lebensumstände haben ihn das Leben nicht mehr ertragen lassen.
 
 
 
 
 
 
 
Klaus

Vom Horner Holzhaus in die Vahr

Ich bin 1937 in Danzig geboren. 1945 wurden wir, als der 2. Weltkrieg, den Hitler-Deutschland begonnen hatte, zu Ende war, aus unserer Heimat in Westpreußen vertrieben. Wir waren noch 6 Personen: Großmutter, eine Tante, ein Onkel, meine Mutter, meine 5-jährige Schwester und ich als 8-jähriger. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns über deutsch-polnische Nachbarn Bahnfahrkarten zu besorgen, um mit dem Zug erst einmal nach Berlin zu kommen. Für die etwa 550 km lange Strecke brauchten wir wegen der chaotischen Verhältnisse ( Schikanen, Diebstahl der Essensvorräte, Vergewaltigungen der Frauen durch polnische und russische Soldaten, mehrere Zwangsstopps des Zuges, Übernachtung in Bahnhöfen), mehr als eine Woche.
Endlich in Berlin angekommen, wurden wir vom Deutschen Roten Kreuz betreut. Damit war zunächst das Schlimmste überstanden. Von Berlin aus fuhren wir weiter nach Gera/Thüringen, in die Geburtsstadt meines Vaters, um zu versuchen, bei Verwandten unterzukommen. Sie haben uns in ihrem Haus an der Weißen Elster aufgenommen und wir haben zehn Monate dort im russischen Zonenbereich verbracht.

Der Aufenthalt in Gera war relativ lebenswert und wir Kinder haben die Verhältnisse und Schwierigkeiten, auch hinsichtlich der politischen Lage, der Versorgung und der Lebensmittelrationen, nicht so gemerkt. Ich musste jedoch dort in die Schule gehen, in die 3. Klasse und u.a. Russisch lernen.
Durch Zufall erfuhren wir, dass mein Vater den Krieg lebend überstanden hat, in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten war, aber in Bremen entlassen wurde. Schon bald waren wir im Mai 1946 unterwegs mit dem Zug von Gera über Berlin nach Bremen, wo es ein Wiedersehen gab.

Nach dem Krieg gab es aufgrund der vielen zugewanderten Flüchtlinge und Vertriebenen Zwangseinweisungen in die Häuser der einheimischen Bewohner in Bremen. Mein Vater hatte im Kellergeschoss eines Wohnhauses in Bremen-Horn zwei kleine Räume bekommen. Dort konnten wir Neuankömmlinge auch bleiben. Es war alles sehr beengt und einfach, aber wir waren zusammen und brauchten in keinem der elf Flüchtlingslager leben, die es in Bremen gab. Bremen hatte nach dem Krieg 129.000 Menschen aufgenommen.
Wir mussten uns in den kleinen Räumen sehr bescheiden. Es gab über einem Steinbecken nur einen Wasserhahn und dann noch einen Küchenherd als Wärmespender und Kochstelle, der mit Holz oder Kohle beheizt werden musste.
Draußen vor dem Haus konnten wir Kinder jedoch mit vielen anderen Kindern auf der Strasse spielen. Es gab fast keine Autos. Einmal spielten wir Fußball mit alten Gummibällen, einmal Hockey mit umgedrehten Krückstöcken, dann einmal Tennis mit Holzschlägern, die ein Vater, der Tischler war, mehrfach für uns Kinder aus Sperrholzplatten herausgesägt hatte. Im Winter 1946/1947 mit viel Schnee, bauten wir sogar große Iglus. Ach ja, auf alten Fahrrädern haben wir uns das Fahrradfahren beigebracht.

Nun mussten wir auch zur Schule. Neben der Schultasche mussten wir täglich einen Henkeltopf und einen Löffel für die Schulspeisung mitnehmen. Es gab immer Suppe, auch manchmal dicke Schokoladensuppe. Manchmal fanden wir auf unseren Schulbänken in der Klasse Erdnüsse, Kaugummi und Schokoladentafeln vor. Diese Dinge wurden öfter von der amerikanischen Besatzungsmacht organisiert.Es ist noch zu bemerken, dass Bremen und Bremerhaven eine amerikanische Enklave in der britischen Besatzungszone waren.

Nach fünfeinhalb Jahren konnten wir am 24.01.1952 die Souterrainwohnung verlassen und ganz in der Nähe ein aus Barackenteilen errichtetes Holzhaus mit einem großen Garten beziehen. Der Garten war riesig mit 70 Obstbäumen aller Art, Beeren- und Erdbeerfeldern, Gemüsebeeten, Blumenrabatten, Rasen und Wiesen. Wir konnten Hühner, Gänse und Kaninchen halten. Es gab viel Arbeit, aber im Sommer war es paradiesisch und wir konnten alles ernten, was der Garten hergab. Im Winter allerdings war es im einfachen Holzhaus ohne jegliche Isolierung problematisch. Deshalb konnten wir auf Dauer, trotz des schönen Gartens nicht bleiben.

Im November 1957 bekamen wir vom Wohnungsamt in der Neuen Vahr eine Neubauwohnung mit 65 qm zugeteilt. Sie hatte 3 Zimmer, Zentralheizung, Duschbad, Warmwasserbereiter, Einbauküche und eine Loggia mit Blick ins Grüne. Damit hatten wir 12 Jahre nach Kriegsende die Nachkriegszeit überwunden.
Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt, meine Schwester 17 Jahre alt und ich hatte schon das Alter von 20 Jahren erreicht. Mein Vater ist an Krebs im November 1956, noch in dem Holzhaus, leider verstorben.
 
 

 
 
 
 

Mahmoud

Verlust

Eine Bremer Freundin erzählte mir von einem Zeitungsartikel, den sie vor kurzem gelesen hatte. Darin ging um eine Zoohandlung. Der Besitzer dieser Zoohandlung beobachtete, dass immer wieder arabisch aussehende Menschen vor seinem Schaufenster standen. Und weil der Zoohändler in seiner Jugend syrische Freunde hatte und auch schon einmal in Syrien war, wusste er genau, welches Tier seine neuen Kunden suchten.

Ich komme aus Damaskus. Vor acht Jahren hatte mir mein Vater zwei Kanarienvögel geschenkt. Sie waren zitronengelb und sahen wunderschön aus. Ich hängte ihren Käfig auf den Balkon. Wenn es kalt wurde, holte ich sie in die Wohnung.
Nach vier Monaten bauten sie ein Nest. Vier Tage später legte das Weibchen ein Ei. Nach 24 Tagen schlüpfte ein Junges. In dieser Zeit freute ich mich sehr. Das Junge war wie mein eigenes Kind. Am Anfang wachte ich jeden Morgen von ihren Liedern auf und ging zur Arbeit. Nach der Arbeit brachte ich aus unserem Laden Kopfsalat oder ein Bund Rauke oder Rettich mit, um sie jeden Tag mit etwas Frischem zu füttern.

Ein Jahr später fing der Krieg an. Ich hatte Angst um meine Vögel und brachte sie zum Schutz in den Keller und holte sie später wieder ab, um sie nach Hause zurückzubringen.
Nach ein paar Monaten war ich bei meiner Arbeit und mir fiel ein, dass ich die Wohnung verlassen hatte, ohne die Vögel mitzunehmen. Ich dachte, falls sie mehr als zwei Tage ohne Futter bleiben, werden sie vielleicht sterben. Deshalb und trotz aller Schwierigkeiten, entschied ich mich, sie zu holen. Der Weg war lang, weil die Hauptstraße gesperrt war. Unterwegs sah ich keinen Asphalt mehr, dafür brennende Häuser …
Die Wohnung über uns brannte, weil eine Bombe eingeschlagen war. Die Bombe hatte auch viele Löcher in unsere Wohnung gerissen. Zu dem Zeitpunkt spürte ich, dass ich etwas verloren hatte. Trotzdem lief ich in die Wohnung und rettete die Vögel. Ich wollte sie ins Haus meines Opas bringen.
Auf dem Rückweg hielt mich ein militärischer Kontrollposten an. Der Soldat sagte: „Schöne Vögel. Ich will einen haben.“
Es war mir unmöglich, ihm einen der Vögel zu geben. Ich gab ihm Geld, damit ich weiterfahren konnte.

Die Vögel blieben fast ein Jahr in unserem Laden. Vor meiner Flucht brachte ich sie einem Freund, in der Hoffnung, dass er sich um sie kümmern kann.
Meine Kanarienvögel haben mir viele Dinge beigebracht: die Glückseligkeit und positive Energie und viel mehr. In meiner Erinnerung werden sie wieder lebendig und singen ihre schönen Lieder weiter.

 
 
 
 
 
 
 

Karin

Erinnerungen an Flucht und Ankunft in Bremen

Wir waren eine große Familie mit sechs Kindern Unsere Flucht führte von Königsberg nach Dresden. Ohne unseren Vater, der leider in Königsberg/Preußen gefallen war.
Auf dieser Flucht verstarb der jüngste Bruder (zwei Jahre) an den Folgen einer Unterernährung. Hier wurden unsere Schwestern bei der Zusammenstellung neuer Transporte von uns getrennt. Sie waren 19 und 17 Jahre alt . Mit den Kohlenzügen konnten sie ihr Ziel „Bremen“ erreichen. Es gab eine Abmachung in der Familie: beim Verlieren trifft man sich in Bremen, weil sie eine Adresse von einer Freundin hatten.
Die weitere Flucht meiner Mutter( 41 Jahre) mit drei Kindern (10, 6, 3 Jahre) führte sie weiter nach Geisa in Thüringen. Hier wohnten wir vier bis Anfang Juli 1952. Danach, flüchteten wir drei: Mutter, jüngster Bruder und ich über Nacht und haben den Ort Geisa verlassen. Unser Ziel war Bremen. Mein älterer Bruder Hans-Jürgen (17Jahre) blieb zurück. Sein Wunsch war, die Lehre zu beenden.

In Gießen haben wir das erste Notaufnahmelager erreicht. Nach ca. drei Wochen ging es endlich mit der Eisenbahn weiter. Endlich erreichten wir unser lang ersehntes Ziel „Bremen“.
Der weitere Weg führte uns in das zweite Flüchtlingslager „ Gustav-Detjen-Allee“ im Hapag-Lloyd-Gebäude.
Hier fand eine starke Anteilnahme der Geflüchteten von ca. 500 Personen im Flüchtlingslager statt. Die große Halle waren mit langen Holztischen und Holzbänke versehen. Der Treffpunkt, um die Mahlzeiten einzunehmen und auch als Kommunikationsort der Flüchtlinge.

Nicht weit von diesem Flüchtlingslager war für die Kinder und Jugendlichen das Freizeitheim auf der Bürgerweide der Aufenthaltsort geworden. Mein Bruder und ich fühlten uns hier sehr wohl. Es gab einen Tischtennis-Lese-Aufenthaltsraum für die Geselligkeit um sich kennen zu lernen. Zur Erinnerung an Bremen: Gegenüber vom Freizeitheim stand die große Sporthalle aus Holz.
Ein weiterer Spielplatz vom Flüchtlingslager war am gegenüberstehenden Elefanten im Park. Heute, heißt der Park zu Ehren „ Nelson Mandela“.
In dieser Aufenthaltszeit im Flüchtlingslager und auch später wurden wir von der Kleider-Kammer am Wall in der Höhe vom Theaterberg eingekleidet.

Nach ca. 6 Wochen im Aufnahmelager erhielten wir eine zwei Zimmer Wohnung ca. 52 qm in der Brandt Str./in Findorff. Wohn- und Schlafzimmer, Küche, Toilette und Bad mit Waschbecken. Die Wanne und Dusche waren nicht eingebaut. Weil sie fehlten, suchten wir einmal in der Woche das Zentralbad/ am Richtweg auf. Um die wöchentliche Familien- Reinigung vorzunehmen.
Der Spielplatz von der neuen Wohnung aus, befand sich auf den Trümmern vom zerbombten Grundstücke an der Winter/Admiralstr. Heute Schulgrundstück und Schule! Als einziges Haus/und Praxis von Dr. Zimmermann hat es den 2. Weltkrieg überstanden. Naiv und unwissend habe ich die lila Trümmerblumen gepflückt. Heute weiß ich, dass sie giftig sein sollen.

Sehr schön war es zu sehen, wenn der Milchmann durch die Straße fuhr mit seinem Pferdegespann, Holzkarren und die Milchkannen darauf. Mit seiner großen Glocke machte er sich bei den Anwohnern aufmerksam, um die Milch zu verkaufen. Es war ein Treffpunkt zwischen Jung und Alt. Denn wir kamen alle mit unseren Milchkannen. Später wurde das Fuhrunternehmen eingestellt. Denn es wurde in dieser Straße ein Milchgeschäft eröffnet. Dort wurde dann die Flaschenmilch-Abfüllung mit Verschluss verkauft.

Jeden Samstag oder auch Freitag kann es gewesen sein, hatte ich die Aufgabe mich in die Reihe für den Schlachthof gegenüber dem Stadtwerk anzustellen. Denn hier konnte man Freibank-Fleisch kaufen. Es war bedeutend preiswerter als beim Schlachter. Unsere Mutter, musste mit der kleinen monatlichen Unterstützung wirtschaften. Erst drei Esser, später vier.
Das Anstellen war für mich das Schrecklichste: Die lange Reihe und die Vielzahl an Menschen begann vom Schlachthof bis zur Goessel Str. Dann, das enge Stehen für mich als Zehnjährige in der dichten Menschenmenge. Schritt für Schritt ging es weiter. Dies Gedränge und das Schieben von den vielen Menschen verlief über eineinhalb bis zwei Stunden. Bald fand unsere Mutter eine Anstellung in einer Arzt-Praxis als Sekretärin. Dadurch änderte sich meine Aufgabe für den Samstag. Mein Einkauf für das Wochenende befand sich auf dem Findorffer- Markt.

Unser Leben verlief relativ geordnet. Nur mein Bruder Hans-Jürgen fehlte.
Doch schon ein Jahr später, im Sommer 1953 um Mitternacht klingelte es bei uns an der Haustür.
Wir wohnten in der 3. Etage. Mutter, mein Bruder und ich schliefen schon. Ich hörte das Klingeln und ging in das Wohnzimmer, um das Fenster zu öffnen. Mein jüngster Bruder schlief im Wohnzimmer und hat nichts gehört. Ich traute meinen Augen nicht: mein ältester Bruder Hans-Jürgen stand mit seiner Gitarre unten auf der Straße. Vom Laternenlicht angestrahlt stand ein junger, schlanker gut aussehender Mann im Anzug mit seiner Gitarre. Kein Gepäck dabei. Aber seine geliebte Gitarre als Begleitung. Vor Freude und Überwältigung standen wir Drei alle am Fenster, um das Unfassbare gemeinsam erleben zu können. Wir Vier, haben eine freudige, lange, erzählende Nacht gehabt. Meine Mutter mit ihren fünf Kindern als Familie hat sich komplett in Bremen wieder gefunden. Welch eine wunderbare Gottes Fügung.

 
 
 
 

Mohamad

Bremer Träume

Mein Name ist Mohamad. Ich bin 31 Jahre alt. Ich komme aus Syrien.
Im Jahr 2015 flüchtete ich nach Deutschland. Meine erste Station war ein kleiner Ort in der Nähe von Düsseldorf namens Mettmann. Ich habe dort 45 schöne Tage verbracht. Obwohl ich in einer Sporthalle wohnte, fühlte ich mich wohl. Der Saal war nicht überfüllt und die Mitarbeiter waren sehr nett und verständnisvoll. Ich habe auch Freundschaften geschlossen, die bis heute immer noch andauern.
Da ich Veränderungen nicht so gerne mag, dafür aber ruhige kleine Orte, wollte ich in Mettmann bleiben. Doch Wünsche bleiben meist unerfüllt, deshalb sollte ich an einen anderen Ort umziehen. Glücklicherweise war dieser Ort Bremen.

Meine erste Zeit hier war sehr schwer. In 10 Monaten wohnte ich in Walle in drei verschiedenen Zelten mit bis zu 300 Menschen.Ich konnte Bremen nicht richtig kennenlernen und wollte die Stadt immer verlassen und woanders hinziehen. So einfach aber war es nicht. Wie es heißt: „Alles, was geschieht, hat seinen Grund“. Heute bin dankbar, dass ich hier geblieben bin.
Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ich nicht wegziehen kann, entschied ich mich, hier mein neues Leben aufzubauen. Etwas Konkretes konnte ich nicht planen, weil mir Deutschland ganz neu war und ich nicht wusste, wie das Leben hier funktioniert.
Ich wusste nur eine Sache: der Weg wird sehr schwer und ich muss sehr stark sein. Und mit Fleiß und Willen kann man alles überstehen.

Ich wollte die deutsche Sprache so schnell wie möglich lernen. Damals habe ich Betty zufällig kennengelernt. Sie hat uns viel geholfen und uns Deutsch beigebracht. Das war der Anfang. Alles was ich bis heute geleistet habe, hätte ich ohne Ihre Hilfe nicht geschafft, auch wenn sie das anders sieht.
Bevor ich mit dem offiziellen Deutschkurs angefangen habe, meldete ich mich bei der Caritas als ehrenamtlicher Mitarbeiter. Um die Sprache zu lernen und mit den Einheimischen Kontakt zu knüpfen – und das war der beste Schritt, den ich je getan habe. Die Arbeit im Altersheim als Helfer des Hausmeisters war eine großartige Erfahrung. Ich lernte viele nette Menschen kennen und besonders Peter, meinen Chef und Kollegen. Er ist einer der besten Menschen, die ich in meinem ganzen Leben getroffen habe. Er und seine Familie halfen mir auch viel und sie sind für mich wie Familie.

Als ich mit dem Aufbau meines neuen Lebens begann, war einer meiner Träume, wieder in meinem Beruf als Buchhalter zu arbeiten. Glücklicherweise hat sich mein Wunsch erfüllt. Heute arbeite ich in einer Firma als Buchhalter, in einem Team mit deutschen Kolleginnen und Kollegen in der Bremer Innenstadt.
Der Schnoor übrigens ist mein Lieblingsstadtteil. Er ist meine Zuflucht, wenn ich Heimweh habe. Weil er mich an die Altstadt von Damaskus erinnert.

 
 
 
 
 
 
 

Jutta

Reise von der alten in meine neue Heimat

Ich war 5 Jahre alt, als wir am 25. Juli 1945 endgültig aus Danzig vertrieben wurden. Meine ersten Lebensjahre verliefen ruhig und sorglos. Vom Krieg habe ich erst in den letzten Monaten etwas mitbekommen.
Wir hätten Danzig im Januar 1945 noch regulär mit dem Schiff „Die Gustloff“ verlassen können, aber weil m eine Mutter große Angst vor der Seereise hatte – und sie immer noch glaubte, der Krieg ginge zu Ende und wir könnten bleiben – haben wir die Reise nicht angetreten. Und das war unser Glück, denn die Gustloff wurde von russischen Untersee-Booten torpediert und sank – und viele 100 Menschen kamen in den eisigen Fluten ums Leben.

Der Krieg begann für mich sozusagen erst, als in das Dachgeschoss unseres Hauses eine Granate einschlug und fortwährend die Alarm-Sirenen heulten.
Ich kann mich leider – oder vielleicht auch Gott sei Dank – nur noch bruchstückhaft an gewisse Erlebnisse erinnern; z. B. weiß ich noch genau, wie wir mit vor Aufregung klappernden Zähnen in den Keller rannten, wo schon die Nachbarn versammelt waren und voller Angst ausharrten bis zum Ende des Angriffs – in der Hoffnung, dass das Haus nicht einstürzt. (Es könnte sein, dass dadurch meine Platzangst in engen Räumen ausgelöst wurde, die sich heute noch auswirkt.)

Als die Luftangriffe immer stärker wurden, suchten wir Schutz bei unserer Großmutter, die in einer Laubenkolonie am Rande der Stadt ein Häuschen hatte. Dort waren wir 6 Familienmitglieder – Oma, Tante, Onkel, mein achtjähriger Bruder, meine Mutter und ich. Mein Onkel war aus Krankheitsgründen nicht eingezogen worden. Er musste sich jeden Morgen bei einer Dienststelle zur Arbeit melden, kam aber abends immer zurück, was uns sehr getröstet hat.
Zusammen mit anderen Nachbarn hat er im Garten ein großes Erdloch – wie eine Höhle – gegraben, wo wir bei den vielen schweren Luftangriffen Schutz gesucht haben. Ich sehe auch noch den kleinen weißen Sarg, in dem wir ein Neugeborenes begraben haben, das vor Hunger gestorben ist. Einmal krochen wir aus unserer Höhle und sahen, wie die ganze Stadt in Flammen stand. Der Himmel war feuerrot und hunderte Leuchtkugeln schossen in die Luft.

Nach der Kapitulation gingen wir noch einmal zurück in unsere Wohnung. Es waren dort noch andere Verwandte bei uns. Ich erinnere mich, dass die Mütter tagsüber auf Hamstertour gingen und uns Kindern die Essensvorräte über den Tag genau eingeteilt hatten. Als eine Tante kurze Zeit später noch einmal zurückkam, waren sämtliche Vorräte aufgefuttert.
Am 25. Juli 1945 wurden wir dann aber endgültig aus unserer Wohnung vertrieben, und es blieb uns nichts anderes übrig, als unsere Habseligkeiten zu packen und uns auf den Weg zum Bahnhof zu machen. – Für meine kranke Großmutter hatte mein Onkel notdürftig einen einachsigen Karren gebaut, der aber nach 500 Metern zusammenbrach. Als fünfjähriges Kind habe ich damals aber gar nicht begriffen, dass wir unsere Heimat für immer verlassen mussten.

Einige Erinnerungen habe ich auch noch an die Zeit in Thüringen. Wir erhielten dann aber nach einigen Monaten Kontakt zu meinem Vater und machten uns sofort auf den Weg nach Bremen, wo wir uns alle Vier glücklich in die Arme schließen konnten. Wir wohnten zunächst sehr beengt, und unsere Eltern hatten bestimmt viele Sorgen, aber sie gaben uns Kindern immer ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
Etwas Traumatisches habe ich aber doch zurückbehalten, und zwar verfolgten mich abends im Bett lange Zeit noch die Leuchtkugeln, die ich in Danzig am Himmel gesehen hatte. Sie kamen als winzig kleine Punkte auf mich zu – immer näher und wurden größer und größer und zerplatzten in grellen Farben vor meinen Augen, und dann kam sofort die nächste Leuchtkugel. – Außerdem konnte ich jahrelang nur einschlafen, wenn ich meinen Kopf hin und her wiegte oder ihn seitwärts aus dem Bett hängen ließ.

Zu den Nachbarkindern hatten wir aber bald guten Kontakt. Wir spielten viel im Freien und tobten z. B. auch in den Ruinen eines Bunkers herum. Manchmal lud ein Vater 6 oder 7 Kinder am Sonntag in seinen Mercedes – es war weit und breit das einzige Auto – und brachte uns zum RALI Kino in Oberneuland, wo wir Filme sahen wie „Schwarzwaldmädel“ oder „Grün ist die Heide, damit wir mal von der Straße weg waren und außerdem den Heimweg zu Fuß antreten mussten. Wir hatten also viel Bewegung! Bei uns zu Hause wurde viel musiziert; mein Bruder und ich lernten beide Flöte spielen und bald auch Klavier.
Eines Tages las mein Vater eine Anzeige, wonach von Radio Bremen Kinder zum Singen im Chor gesucht wurden. Ich weiß noch, wie ich ganz alleine in ein Studio geführt wurde- vor mir eine Riesenglasscheibe und dahinter die Chorleiterin und der Toningenieur. Ich trällerte mein Liedchen in ein Mikrofon und wurde angenommen. Das Gebäude von Radio Bremen war damals auf dem Gelände, wo sich jetzt das Kaufhaus LESTRA befindet. Die Zeit war sehr spannend!

In der Adventszeit sind wir auch damals schon „Nikolaus gelaufen“ und in den Jahren 1946 und 1947 waren wir mit unseren Eltern zu einer Weihnachtsfeier vom Bund der Danziger in der MUNTE eingeladen, wo wir kleine Geschenke und Süßigkeiten bekamen. Der Höhepunkt war aber jedes Mal das Erscheinen der Familie Prinz Louis Ferdinand von Preußen. Für mich war das ein sensationelles Ereignis , und ich bestaunte den Prinzen und seine vielen Kinder.
Mein Bruder und ich haben auch beim Krippenspiel in der Kirche mitgemacht und zuhause haben wir einen wunderschönen Tannenbaum vorgefunden. Meine Mutter hat kleine Äpfel und Kartoffeln in Gold- und Silberpapier eingewickelt, bunte Schleifchen angebracht und an den Baum gehängt. Mein Vater hatte ein richtiges Kasperletheater für uns gebaut mit selbstgefertigten Puppen. Dann wurde musiziert mit Flöten und Akkordion. Es war sehr bescheiden, aber wir waren glücklich.

Im April 1947 wurde ich eingeschult in die Schule an der Horner Heerstraße. Ich machte mich jeden Morgen mit anderen Kindern auf den ca. 2 Kilometer langen Schulweg von der Vorstraße, durch die Tietjenstraße, den Herzogenkamp entlang zur Horner Heerstraße. Das machte uns aber gar nichts aus, denn wir konnten uns unterwegs Vokebeln abhören oder Gedichte auswendig lernen.
Alles in allem habe ich mich sehr gut eingelebt, und Bremen ist schließlich meine zweite Heimat geworden. Ich wünsche mir jedoch, dass unsere Kinder und Enkelkinder keinen Krieg erleben müssen und beschützt und sorglos aufwachsen können.

 
 
 
 

Mit freundlicher Unterstützung durch Amnesty International,
in Kooperation mit der Stadtbibliothek Bremen

 
 
 
 
 
 
 
 
***

 
 
 
 
 
 
 

Die folgenden Texte entstanden im Rahmen meiner Schreibwerkstatt mit geflüchteten Frauen. Die Autorinnen freuten sich über die Möglichkeit, ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf zu lassen, um die Menschen sichtbar zu machen, die sich hinter dem Etikett „Flüchtling“ verbergen. Sie erzählten vom Alltag. Und von ihrer Heimat.
In den Texten der Frauen duftet es nach Jasmin und Jori, nach Kataief, Maamoul und frischem Brot. Während Zugvögel fliegen, singt der Wind seine Lieder. Bis der Krieg wieder weiterwütet.

 
 
 
 

Latifa

Heimat

Wenn ich das Wort „Heimat“ höre, denke ich an meine Mutter, an meine Schwester, meine Freunde und an mein Haus. In meiner Heimat scheint immer die Sonne, in meiner Erinnerung war dort alles schön.
Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind in unserem Haus und im Garten spielte. In unserem Garten wuchsen viele Bäume und Blumen. Meine Freunde wohnten in der selben Straße wie ich und besuchten mich immer. Wir feierten viele Feste, zum Beispiel das Zuckerfest. Die arabischen Frauen backen dann „Ma’amoul“. Die kurdischen Frauen backen „Kledscha“ und Kekse. Die ganze Familie hilft beim Backen für das Zuckerfest. Dann duften alle Dörfer und Städte nach Süßigkeiten.

 
 
 
 
 
 

Lana

In der neuen Heimat

Nach der Flucht lebte ich die ersten anderthalb Jahre alleine in Bremen. Weil es für eine Frau alleine im Krieg zu gefährlich ist, blieb mein Mann mit unseren Kindern zurück und wartete, bis sie nachkommen durften.
Die erste Zeit war sehr schwer für mich. Ich hatte Angst um meine Familie und ich musste mich um die Bürokratie kümmern, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen. Ich konnte nicht einmal die Adressen lesen. Für jede Frage musste ich ins Büro des Übergangswohnheim gehen, um mir Hilfe zu holen. Die Mitarbeiter konnten natürlich nicht jedem gleichzeitig helfen, weil so viele Flüchtlinge auf einmal nach Deutschland gekommen waren.
Dann begannen meine Deutschkurse. Inzwischen bin ich bei C 1 angelangt. Ich habe auch schon ein Praktikum in einem Kindergarten absolviert. Es macht mir sehr viel Freude, mit Kindern zu arbeiten. Ich möchte gerne eine Ausbildung zur Erzieherin machen. In Syrien war ich Grundschullehrerin.

 
 
 
 
 
 

الجديد،
بعد الهروب عشت سنه ونصف وحيده في بريمن.
لأنه من الخطر أن تبقى سيدة وحيده في الحرب،تأخر زوجي وابناءي ونتظرو حتى أن يسمح لهم بالاحاق.
في بداية الوقت كانت الظروف صعبه بالنسبة لي .
كان لدي خوف على عائلتي أجبرت أن اهتم بابرقراطية بالرغم انتي لا أفهم اي كلمه في اللغه الألمانية .

لم استطع في بعض الأحيان أن أقرأ العناوين.
لأجل السؤال أجبرت كل يوم بالذهاب إلى مكتب الترجمه في سكن اللجوء .
العاملون هناك لم يستطيعوا دائما مساعدتي لان عدد كبير من اللاجئين وصل إلى هنا في نفس الوقت .
بعد ذلك بدأت في كورس اللغه الألمانية والآن ادرس c1 .
ولقد في روضة للأطفال.العمل مع الأطفال يجلب لي السعادة.
انه ليسعدوني أن أتمكن من دراسه في هذا المجال.
في سوريا كنت معلمه ابتدائي.

 
 
 
 
 
 

Djamila

Die Flucht

Das Wasser des Flusses ist kalt. Der Schlamm, in dem wir uns zwischen Sträuchern am Uferrand verstecken, dringt durch die Kleidung bis auf unsere Haut. Ich halte meinen Kindern den Mund zu, damit niemand ihr Weinen hört. Ihren Hunger, ihren Durst. Wenn die Grenzsoldaten uns finden, ist alles vorbei. Dann schicken sie uns von der Türkei zurück nach Idlib. Dort gibt es kein Wasser, keinen Strom und kein richtiges Essen.
Drei Mal haben sie uns schon zurückgeschickt.
Plötzlich fallen Schüsse. Sie schießen auf mich und meine Familie.
Dann wir es wieder still in der Dunkelheit. Nach insgesamt vier Stunden verlassen wir unser Versteck und flüchten mit dem, was wir am Leib tragen, weiter.
Meine Kinder haben die Flucht noch immer nicht vergessen. Sie erzählen jedem, den sie treffen, davon. Sie möchten nicht mehr in ihre Heimat zurück, weil sie denken, dass es nur diesen einen Weg dorthin zurück gibt.

 
 
 
 
 
 

الهروب
مياه النهر باردة جدا, محاصرون بالوحل الذي كنا نقف فوقه نتوارى بين الشجيرات على ضفة النهر.
اقتحم البرد ملابسنا وتغلغل في أجسادنا لينخر عضامنا.. أكمم أفواه اطفالي لكي لا يسمع أحد بكائهم و صراخهم من الجوع والعطش والبرد. يملأ الخوف قلوبنا من أن يمسك بنا حرس الحدود ويذهب تعبنا أدراج الرياح لأنهم سيعيدوننا مجددا إلى ادلب حيث لاوجود لمقومات الحياة البسيطة من ماء وطعام وكهرباء وأمان بتنا نحلم به. لقد أعادونا بالفعل من قبل ثلاث مرات متتالية.
فجأة بدأ الرصاص ينهال فوق رؤوسنا, لقد رآنا الجنود وبدؤوا بإطلاق الرصاص باتجاهنا أنا و أطفالي, أسرعنا للإختباء في الظلام ثم بعد ما يقارب الأربع ساعات تركنا مخبئنا وهربنا بما استطعنا حمله بين أيدينا.
أطفالي لم يستطيعوا حتى هذا اليوم نسيان تلك رحلة هروبنا.. ويروونها لكل شخص يلتقون به.. يقولون بأنهم غير راغبين بالعودة أبدا إلى الوطن لأنه يظنون بأن هذا هو الطريق الوحيد للوطن.

 
 
 
 
 
 

Latifa

Ich

Versteckt unter dem Jilbab
das kleine Mädchen,
das tosende Wellen und Krieg
von ihrer Mutter und ihrer geliebten Heimat
vertrieben.

Jede Nacht bringen dich die Träume
zu dem großen Haus
wo du geboren wurdest
und die schönsten Tage deiner Kindheit
verbrachtest.

Der klare Himmel,
Zugvögel, Zitronenbäume
und Orangen
erzählen von den Tagen
deiner unschuldigen Kindheit.

Du pflanztest
mit kleinen Händen
Jasmin und Jori.

In der Nacht umarmtest du
die Sterne und den Mond
und erzähltest Galaxien
von deinen großen Träumen.

All diese Schönheit
war dein kleines Land.
Jeden Sommer
beobachtetest du die Zugvögel
und fragtest dich,
wohin sie gehen.

Plötzlich brach ein Sturm aus,
der Krieg zerstörte
dein kleines Land,
die Orangenbäume
und dein großes Haus.

Und du wandertest
mit den Vögeln
zwischen Himmel und Meer,
auf der Suche
nach Sicherheit.

Und ließt deine Träume zurück
und deine Erinnerungen
an den unschuldigen Traum.

 
 
 
 
 
 

Lana

Warten

Meine Familie lebt in alle Winde verstreut: Ein Bruder im Saarland, einer in Dänemark, einer in Schweden, meine Schwester in der Türkei. Mein Sohn studiert in Deutschland Medizin. Meine Tochter in Syrien Pharmazie. Weil sie beim Familiennachzug schon volljährig war, durfte sie nicht nach Deutschland kommen. Ich habe immer Angst um sie, denn in allen Kriegen ist es für Frauen besonders gefährlich.
Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen. Im Konflikt zwischen Israel und dem Iran fielen Bomben auf Syrien.

 
 
 
 
 
 

عندما أتت الحرب الى وطني جلبت معها رياحها لتحملنا وتبعرثنا كأوراق الشجر بعيدا عن وطننا وعن أحبائنا وأسرنا. شردت الحرب عائلتي في مختلف البلاد فهاهم أخوتي الثلاثة موزعون ما بين ألمانيا والنرويج والسويد. وانا في المانيا مع ابني الذي يدرس الصيدلة و لا تزال ابنتي تعيش في سوريا تدرس في كلية الطب.. حيث لم يسمح لها بالقدوم معنا إلى ألمانيا لانها قد تجاوزت العمر القانوني وفق قانون لم الشمل. أشعر بالقلق والخوف الدائم عليها ففي أوقات الحرب يكون الخطر بالنسبة للنساء أكبر فهي تخشى من دائما من رجال العصابات الذين استباحوا سوريا.
ليلة البارحة لم أستطع النوم بسبب القصف الذي استهدف سوريا نتيجة الصراع بين اسرائيل و ايران.

 
 
 
 
 
 

Aisha

Das neue Leben

Jeden Freitag arbeitete ich im Rahmen einer Integrationsmaßnahme in einer Werkstatt. Dort wurden Autos repariert und Stoffe für Möbel genäht.
Am Anfang habe ich geweint, weil ich nur deutsche Kollegen hatte, mit denen ich mich nicht verständigen konnte. Später kamen auch syrische Kollegen dazu. Die Maschinen und Werkzeuge (z.B. die Hämmer) in der Werkstatt waren sehr laut. Es roch nach Staub, Öl, Holz, Lack und Klebstoff.
In Syrien und im Libanon habe ich zehn Jahre als Arabischlehrerin Schüler der 7. , 8. und 9. Klassen unterrichtet. Mein Ziel ist es, in der Volkshochschule als Arabisch-Lehrerin zu arbeiten oder eine Ausbildung zur Köchin zu machen.
Nächste Woche startet mein neuer Deutschkurs.

 
 
 
 
 
 

Birivan

Unsere Feste

Nach Ramadan kommt das Zuckerfest. Es dauert drei Tage. Die Kinder bekommen dann neue Kleidung, die Frauen kochen und backen Süßigkeiten. Eine Süßigkeit heißt „Kleger“, außerdem gibt es noch „Bitifor“ und „Kataief“.
Die Menschen besuchen einander: Familie, Nachbarn und Freunde. Am ersten Tag gehen die Kinder mit Taschen von Tür zu Tür, gratulieren zum Zuckerfest und bekommen Bonbons.
Zwei Monate und zehn Tage nach dem Zuckerfest beginnt das Opferfest. Am zweiten und dritten Tag schlachten reiche Familien eine Kuh – noch wohlhabendere Familien schlachten einen Hammel – und verteilen das Fleisch an arme Familien. Auch beim Opferfest bekommen die Kinder neue Kleidung und sammeln Bonbons bei den Nachbarn. Alle Menschen besuchen einander.
Am vierten Tag darf nicht geschlachtet werden.
An beiden Festen gehen die Männer und Frauen in die Moschee, aber getrennt.

 
 
 
 
 
 

بعد رمضان يأتي عيد الفطر ومدته ٣ أيام. الأطفال يحصلون على ملابس جديده والسيدات يصنعن الطعام والحلويات مثل معمول و الباتيفور و القطايف.
الناس يزورنا بعضهم وفي اليوم الأول يحمل الأطفال الحقيبة ويطرقون الابواب للتهنئة ويأخذون السكاكر.
بعد شهرين و١٠ أيام يأتي عيد الأضحى. في اليوم ٢ و٣ يقوم الأهالي بالتضحية ويوزعونها على الفقراء. وفي اليوم الرابع لا يسمح بالتضحية .
وفي هذا العيد يحصل الأطفال على الملابس و الحلوى وناس يرون بعضهم .

 
 
 
 
 
 

Marwa

Die Frauen in meiner Geburtsstadt Aleppo:
 
Der größte Wunsch aller Frauen ist die Heirat und Familiengründung.
Fast 90% der Frauen haben die Mittlere Reife.
Danach erlernen sie einen Beruf (Friseuse, Schneiderin oder Verkäuferin).
Die übrigen Frauen lernen weiter bis zum Abitur, Hochschul- oder Universitätsabschluss und unterstützen ihre Männer und Familien finanziell im Haushalt und Beruf.
Der Lieblingsberuf der Frauen in Aleppo ist eine Tätigkeit im Bildungsweisen (als Lehrerin oder Erzieherin).

 
 
 
 
 
 

النساء بمنطقتي التي ولدت فيها حلب
كل الفتيات ترغب بالزواج وتأسيس عائلة
90٪ منهمن حاصلين على مرحلة التعليم المتوسطى بعدها يتعلمن الاعمال المهنية كتصفية الشعر أو الخياطة
اماالباقي يكملون تعليمهم لدراسات العليا أو للجامعة ليساعدوا أزواجهم وعائلتهم من الناحية المادية وبالبيت
العمل المفضل لأغلب النساء بمدينة حلب هو التدريس

 
 
 
 
 
 

Latifa

Mein Dorf

Geboren in einer kleinen Stadt
namens Kafr Zeita,
benannt nach ihren Olivenbäumen,
in deren Hainen die meisten Menschen arbeiteten.

Es gab große Räume in den Hügeln
und in den Tälern weite Flächen
mit Olivenbäumen und Pistazien,
die miteinander flirteten.
Sie versprachen gute und wunderschöne
Jahreszeiten.

Die Erde füllte sich
mit riesigen Weizenfeldern,
die unter der strahlenden Sonne
wie Gold glänzten.
Der Boden meines Dorfes
– die Farbe des Blutes –
gab das köstlichste Obst und Gemüse.

Eine sanfte Brise tanzte
auf den Melodien der Tulpen,
kultiviert
von Frauenhänden.

In meiner Stadt
schmeckte der Sommer anders,
nach Freiheit und Liebe,
einfach und rein.

Ich sah,
wie sich ein Fluch
auf mein Dorf legte,
auf die Olivenbäumen, Pistazien
und Weizenfelder.

Dieser Fluch verbrannte
jahrhundertealte Olivenbäume,
verwandelte Goldfelder zu Kugeln
und brennenden Flammen
die die Bewohner meines Dorfes entzündeten
und ihr Volk und ihren Reichtum
aus dem Kelch der Qual vertrieben.

Der Todesduft,
den die Lilie verströmte
der Geruch von Zerstörung und Ruin
und dem gebrochenem Versprechen des Weizens,
der Oliven und des großzügigen Lebens …

Versprechen wurden zu Trümmern
als ein Sturm über dieses Dorf fegte
und seine Geschichten
in alle Himmelsrichtungen verstreute.

 
 
 
 
 
 

Von allen

Hier und heute

Bremen ist eine schöne Stadt. Hier gibt es die Weser, Seen und den Bürgerpark. Die Stadt ist groß, aber ruhig. In Bremen leben viele Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen.
Im Stadtzentrum steht ein großer Dom, umgeben von anderen wunderschönen Gebäuden.
Obwohl alles perfekt aussieht, gibt es hier auch Probleme: Meine Kinder warten schon sehr lange auf einen Platz im Kindergarten. Sie müssen Deutsch lernen, damit sie später in der Schule keine Probleme bekommen.
In Bremen fahren viele Straßenbahnen, das ist sehr praktisch. Man kommt schnell überall hin. Vor unserem Übergangswohnheim hält die Linie 3.
In Bremen habe ich noch nie Rassismus oder Diskriminierung erlebt. In der Straßenbahn kommen wir mit anderen Leuten in Kontakt. Die Deutschen hier sind sehr nett, sie lächeln und sprechen mit meinen Kindern. In Bremen fühlen wir uns sicher.

 
 
 
 
 
 

Latifa

Eines Tages

Ich hoffte, dass meine Familie und ich Deutschland als Touristen besuchen würden.
Dass wir Fotos für unsere Freunde machen würden von der malerischen Natur.
Doch ich kam aus dem zermalmenden Krieg in meinem Land, auf der Suche nach Chancen für das Leben.
Ich danke deinem Land, das mich und meine Kinder empfangen hat, uns Wärme und Sicherheit gibt. Und ich hoffe, dass wir es eines Tages nicht bereuen, dass ihr uns aufgenommen habt, hoffe, dass wir euch und eurer Land eines schönen Tages unterstützen können.

 
 
 
 
 
 

Aisha

Warum wir hier sind

Mein Sohn studierte im letzten Semester Mathematik. Eines Tages hatte er eine wichtige Prüfung. Um neun Uhr, als die Studenten ihren Test schrieben, flog ein Flugzeug über das Universitätsgebäude und warf eine Bombe ab. Die Studenten rannten in den Keller zu den Toiletten. Mein Sohn versteckte sich dort 12 Stunden.
In dieser Zeit erfuhren wir im Fernsehen von dem Bombenangriff, bei dem 80 Studenten getötet wurden. Wir wussten nicht, ob mein Sohn noch am Leben ist.
In der Nacht kam er nach Hause, er war die ganze weite Strecke von der Universität zu Fuß gelaufen, weil nach dem Bombenangriff keine Busse fuhren.
An nächsten Morgen beschloss ich, dass wir flüchten.

 
 
 
 
 
 

Leyla

Damals

Ich lebte in Nordsyrien auf dem Land. Jeden Morgen stand ich um sechs Uhr auf und ging zu unseren 15 Schafen und 30 Hühnern. Das Gras, das sie fraßen, war frisch und sattgrün, denn im Winter regnete es und ab Frühling schien die Sonne.
Ich saß auf der Wiese und hütete die Tiere. Um zehn Uhr ging ich wieder nach Hause. Bis 15 Uhr war es draußen viel zu heiß.
Nach dem Ausruhen buk ich Steinofenbrot. Der Ofen stand draußen vor dem Haus. Mit dem Holz des Baumwollstrauchs machte ich Feuer. Für den Brotteig vermischte ich Hefe, Wasser und Weizenmehl. Danach legte ich den Teig auf ein Kissen und schlug damit fest gegen die Innenwand des Ofens, damit der Teig dort kleben blieb.
Sechs Brote konnten auf diese Weise gebacken werden. Der Ofen war so heiß, dass die Brote nach einer Minute fertig waren.
Anschließend bereitete ich das Frühstück für meine Familie zu: Es gab selbstgemachten Schafskäse und Joghurt, Oliven aus unserem Garten und schwarzen Tee.
Die Kinder kamen meistens um 12 Uhr aus der Schule, die sich in einem anderen Dorf befand. Sie gingen nur 20 Minuten zu Fuß nach Hause.
In unserem Dorf war es früher sehr friedlich. Man traf seine Nachbarn in den Gärten oder plauderte auf der Straße. Dann kam der Krieg und wir mussten alle flüchten.

 
 
 
 
 
 

Latifa

Sag mir

Lieber Wind,
sprich über Syrien,
sprich über mein Land.

Sing eine Geschichte über mein Haus
und erzähl eine über die Bäume.

Erzähl mir vom Olivenbaum
vor dem Haus meiner Kindheit,
sag mir, ob er noch steht.

Sprich über die Mandelbäume,
die Erde und den Himmel.
Sag mir, ob sie aus dem Land der Hölle
verschwunden sind.
Erzähl mir von der Sonne,
erzähl von magischen Sommernächten.

Was kann ich
über meine Kindheit
über die Erde, über den Himmel
sprechen?
Ich sehne mich
nach dem Brot meiner Mutter,
nach ihrem Kaffee.
Ich vermisse die Schwalbe,
vermisse den Gesang des Muezzins
in meinen Ohren.

Beim Erzählen erinnere ich mich
an die Heimat.
Sag mir, mein Land,
dass wir uns eines Tages
wieder begegnen werden.

 
 
 
 
 
 

Mit freundlicher Unterstützung durch den
Senator für Kultur Bremen

 

 
 
 
 

 
 
 
***
 
 
 
 

 
 
 
 
 

Die folgenden Texte entstanden 2017 während meiner Schreibwerkstatt mit Geflüchteten. Die Autoren möchten gerne anonym bleiben.

 
 
 
 

Das Ende des Krieges in Syrien

An einem Tag wie immer kam ich nach Hause. Ich war müde und wollte mich erholen. Ich duschte und aß etwas. Ich hatte keine Lust, auf mein Handy zu gucken und die Nachrichten zu lesen.
Ich setzte mich ans Fenster und schaute hinaus. Ich dachte an mein vergangenes Leben, hoffte, dass sich alles zum Besseren wendet.
Wie gewöhnlich wartete das Bett auf mich. Als ich mich hinlegte, bekam ich plötzlich ein wunderbares Gefühl und schlief ein.
Am nächsten Tag stand ich früh auf und ging raus. Sofort merkte ich, dass etwas anders war: Ein Lachen auf den Lippen der Menschen!
Dann wunderte ich mich, als ich den Satz hörte „Gott sei Dank: Alles ist wieder in Ordnung.“
Ich fragte die Menschen, was das zu bedeuten hat. Ihre Antwort kam unerwartet: „Der Krieg ist wirklich vorbei. Syrien wird wieder wie früher sein.“
Ich hatte immer davon geträumt, eines Tages wieder zurückzugehen und meine Familie zu treffen. Und dass die Menschen wir früher in Sicherheit leben.
Ich hörte, wie ein Pilot sagt: „Willkommen auf syrischem Boden!“
Doch dann merkte ich, dass all das nur ein Traum war und wir bis heute darauf warten.

 
 
 
 

 
 
 
 
Wetter

Einmal traf ich in Syrien eine deutsche Frau. Sie sagte mir, dass es in Deutschland sehr kalt ist, und es stellt sich heraus, dass sie die Wahrheit sagte. Ich persönlich mag Regen und kühles Wetter sehr gerne.

 
 
 
 

 
 
 
 

Neustart

Das Alter von 20 ist wohl eines der schwierigsten Lebensphasen: Man beginnt, sich seine Zukunft aufzubauen und sich darüber Gedanken zum machen. In diesen Jahren hat man viel Stress und erlebt gleichzeitig Angst und Enthusiasmus, bis man seinen ersten Schritt in die richtige Richtung macht.
Ich sollte diese Erfahrung zweimal erleben. Das erste Mal aber war einfacher, trotzdem hatte ich damals keine Vorstellung davon. Ich hatte aber viele Unterstützer: meine Familie und meine Freunde.
Jetzt muss ich das alles noch einmal erleben und ein neues Leben starten, aber alleine und mit einer ganz neuen Art von Leben und in der neuen Sprache.
Vor ungefähr sieben Monaten begann ich meinen ersten Schritt: Deutsch lernen. Jeden Tag besuche ich vier Stunden eine Sprachschule. Um ehrlich zu sein, bin ich oft frustriert und hoffnungslos, aber weil ich den Willen zum Erfolg habe, kapituliere ich nicht. Ich gebe mein Bestes, damit sich meine Ziele und Träume erfüllen.
Seit ungefähr eineinhalb Jahren lebe ich in Deutschland. Die ersten anderthalb Monate habe ich in einem kleinen Dorf in Nordrheinwestfalen verbracht. In Mittmann. Dort wohnte ich in einer Turnhalle. Die Situation war aber nicht sehr schlimm, denn ich traf dort einige nette Leute. Ich besuchte die Bibliothek jeden Tag und versuchte, alleine Deutsch zu lernen. Ich mochte das Dorf und wäre dort gern geblieben, aber leider konnte ich nicht. Ich wurde nach Bremen geschickt.
Die ersten sieben oder acht Monate hier waren ganz schwierig. Ich habe in drei unterschiedlichen Zelten gewohnt. Doch ich war geduldig. Jetzt wohne ich in einem Container in einem Übergangsheim. Die Situation wurde viel einfacher. Ich bin hoffnungsvoll, dass die Zukunft gut sein wird.

 
 
 
 

 
 
 
 

Wohnen in Deutschland

Viele Leute haben den gleichen Traum: Sie suchen einen Platz, in dem sie für sich sein können. Deutschland hat ein Problem damit. Es gibt nicht genug Wohnungen für die vielen Menschen, die hier leben. Es ist bekannt, dass jedes Jahr viele Leute nach Deutschland kommen, um hier zu studieren oder zu arbeiten und es ist schwer für sie, eine Wohnung zu finden.
An einige Orten ist es fast unmöglich, eine Wohnung zu finden. Zum Beispiel in den großen Städten. Seitdem ich nach Deutschland gekommen bin, bemerke ich dieses Problem. Das hatte ich mir mir anders vorgestellt, weil es doch heißt, dass Deutschland ein Land der Einwanderer und Studenten ist.

 
 
 
 

 
 
 
 

Das Kopftuch

Eines Tages war ich mit ein paar Freunden auf einem Markt. Während des Einkaufs sah ich einen syrischen Flüchtling. Er trug ein traditionelles arabisches Kopftuch: ein weißes Kopftuch mit rotem Muster. Die Bauern auf dem Land tragen es, um sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen und als Schmuck.
Ich freute mich plötzlich sehr, so, als ob ich meine Familie und mein Dorf wiedersah.
Ich fragte ihn neugierig, wo er das Kopftuch gekauft hatte, ob er es von einem Markt in Deutschland hatte? Aber leider brachte er es aus Syrien mit.
Plötzlich werden simple Sachen wichtig und bekommen besondere Bedeutungen in unserem Leben in der Fremde. Sogar die Sachen, die wir hassen. Sie werden zu einem Teil von uns oder von allem, was wir verloren haben.
Ich fragte alle syrischen Leute, die ich kennenlernte, wo ich das Kopftuch in Deutschland finden könnte. Einige erzählten mir, dass ich es vielleicht im Internet oder in Berlin finden könnte. Ich surfte im Internet, aber ich fand nichts und in Berlin hatte ich keine Freunde, die mir ein Kopftuch schicken könnten. Einige Zeit später besuchte ich meinen engen Freund in Hamburg. Vor unserem Gebet in einer Moschee hatte ich in der Nähe ein Geschäft gesehen. Dort gab es einige traditionelle Sachen. Wir gingen hinein und kauften eine Gebetskette. Ich fragte den Geschäftbesitzer, ob er weiß, wo ich arabische traditionelle Kleidung finden könnte. Er erzählte mir, dass es in der Nähe eine Straße gibt, die „Afghanische Straße“ heißt, und vielleicht gibt es in dieser Straße solch eine Kleidung. Wir gingen zur genannten Straße ganz in der Nähe. Tatsächlich gab es dort viele traditionelle Kleidungen und verschiedene Sachen, die wir aus unserer Heimat kannten, in den Geschäften. Die meisten aus östlichen Ländern. Wir fanden das Kopftuch in einem Schaufenster. Aber leider waren die Geschäfte am Samstagabend um diese Uhrzeit geschlossen. Und am Sonntag musste ich von Hamburg nach Bremen zurückfahren.
Ich war traurig, weil ich das Kopftuch nicht kaufen konnte. Ich bat meinen Freund, es zu kaufen und mit der Post zu schicken. Ich wartete auf das Tuch, als ob ich auf jemanden aus meiner Familie wartete. Und tatsächlich schickte mir mein Freund das Tuch. Als es bei mir ankam, freute ich mich so sehr, als ob ich meine Familie treffe. Ich schlang das Tuch sofort um meinen Kopf und machte ein Foto. Ich schickte das Foto meiner Familie in Syrien. Sie waren sehr überrascht, als sie es sahen.
Sie fragten mich:” Woher hast du das Kopftuch? Gibt es als diese Sachen in Deutschland?”
Ich sagte:“ Es gibt jetzt alles in Deutschland. Es kam mit den Flüchtlingen“.
Ja, es gibt jetzt alles hier, in unserer Fremde. Aber die Heimat ist noch dort. Sie ist einsam wie ich hier.
Als ich erste Mal das Kopftuch trug, erinnerte ich mich an meinen Vater, wie er das Kopftuch getragen hatte. Er war traurig, Tränen flossen über sein Gesicht. Er war alt geworden, und seine Söhne verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Ich erinnerte mich an meine Mutter. Sie weinte und fragte mich immer, wann meine Geschwister und ich zurückkommen würden.
Ich erinnerte mich an meine Geschwister. Sie trugen das Kopftuch, als wir Kinder waren und auf dem Feld arbeiteten. Einige Geschwister versuchten fernzusehen und von der Arbeit wegzulaufen. Andere versuchten, die Dorfbewohner zum Lachen zu bringen.
Das Kopftuch war für mich mehr als ein Stück Stoff. Es war eine Heimat in der Fremde und ein Fotoalbum aus Erinnerungen. Die Besitzer der Erinnerungen verschwanden und wussten nicht, ob sie sich jemals wiedertreffen würden.

 
 
 

 
 
 

Die Deutschen sind praktisch

Als Kind träumte ich davon, nach Deutschland zu gehen. Ich weiß, dass Sie wissen möchten, warum. Ich erzähle das gerne: Bevor ich nach Deutschland kam, hörte ich immer von den Leuten, dass die Deutschen sehr praktisch sind und sie gerne Überstunden machen, dass die Mädchen sehr schön sind.
Mein Onkel, der mir so viel über Deutschland erzählte, hat vor zehn Jahren in Deutschland studiert, und er gab mir einen Tipp: Mit einem deutschen Zertifikat in der Tasche, kann man auf der ganzen Welt gute Arbeit finden.
Ich hatte keine Informationen über das Wetter in Deutschland, und als ich ankam, war ich überrascht, wie schlecht es ist.

 
 
 

 
 
 

Heimat

Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl. Ich bin in irgendeinem Land geboren und aufgewachsen. Es ist seit einer langen Zeit meine Heimat. Dort habe ich meine ersten Schritte gemacht und begann, die Welt kennenzulernen. Meine ersten Erinnerungen, das erste Lachen und das erste Weinen sind dort geboren.
Ich habe mich immer gefragt:
Sind diese Erinnerungen das, was die Heimat ausmacht oder ist die Heimat auf einen geografischen Ort begrenzt, der zufällig entstand?
Wäre es nicht möglich, dass ich an einem anderen geografischen Ort geborgen worden wäre?
Heimat ist der Ort, in dem Sie geboren und aufgewachsen sind. Naja, das stimmt von einem Blickwinkel, aber von einem anderen ist die Definition von Heimat, der Ort, wo man stark und einflussreich ist, wo man respektiert wird und frei ist.
Das, was ich auch in meiner neuen Heimat brauche.
Im Gegenzug ist meine Rolle, die neue Heimat zu respektieren und meine Pflichten ihr gegenüber zu erfüllen.
Jetzt sehe ich es so, dass ich zwei Heimaten habe: Syrien und Deutschland.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

In meinem Kopf gibt es einen neuen Krieg
 
 

Es war einmal eine wunderbare schöne Heimat: Syrien. Obwohl der Krieg alles zerstört hat, finde ich sie bis jetzt am schönsten auf dieser Welt.
Wir sind ja nach Deutschland gekommen, um vor dem Tod zu flüchten und zu leben. Die Kriegshändler haben uns gezwungen, unsere Heimat zu verlassen. Deswegen sind wir hier. Dort in Syrien sind wir geboren und aufgewachsen, dort gibt es alles: meine Eltern, mein Haus, meine Geschwister, meine Freunde. Dort gibt es mein Wesen. Für mich bedeutet das: Dort gibt es das Leben.

Hier kann ich leider nicht normal leben. In meinem Kopf wohnen Erinnerungen, die schönen Erinnerungen: das Lächeln meiner Eltern und die Träume, die zu verwirklichen ich mir erträumte. Die unheimlichen Erinnerungen wie der Lärm des Krieges.
In meinem Kopf gibt es einen neuen Krieg, zusätzlich zu dem Krieg in meinem Land. In meinem Kopf gibt es einen großen Konflikt zwischen dem Geschrei, dem Weinen, dem Lächeln, dem Optimismus, der Hoffnung … einen Konflikt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. (Ich versuche immer, sie zu vergessen, damit ich im anderen Land leben kann).
Als Kind träumte ich davon, nach Deutschland zu gehen, aber ich wusste nicht, dass man weit von seiner Heimat entfernt nicht leben kann.
Wir wissen nicht, ob wir unser Land noch einmal sehen werden.
Oft denke ich, dass ich dorthin zurückgehe, aber im letzten Moment rücke ich davon ab, weil der Tod dort auf mich wartet.
Deutschland ist mein zweites Zuhause.
Entschuldigung, ich kann nicht „Deutschland ist meine zweite Heimat“ sagen, weil die Heimat nur eine ist.
Ich mag viele Sachen in Deutschland, wie die Sicherheit und die Menschen, die sehr freundlich und nett sind.
Wenn ich ein syrisches Kind sehe, das mit seinem Vater alleine nach Deutschland kam und dessen Mutter und Schwester in Syrien blieben, weil der Vater sie nicht mitbringen konnte und ein paar neue Gesetze ihnen die Familienzusammenführung verbieten, dann fühle ich mich sehr traurig.
Diese Menschen finden, dass es besser wäre, mit ihrer Familie in ihrer Heimat zu sterben, anstatt mit dieser Situation zu leben. Es gibt viele, die in ihr Land zurückgekehrt sind.

Wisst Ihr jetzt, warum wir traurig sind?
Nur aus diesen Gründen, nicht mehr. Trotzdem lächeln wir und machen Spaß. Weil wir die Hoffnung haben, dass das Recht und die Gerechtigkeit gewinnen werden.

 
 
 
 
 
 

 
 
 

 
 
 

Damaskus

 
 

Meine Stadt ist sehr alt und sie hat schöne Restaurants und schmale Straßen. Wenn ich morgens aufstehe, höre ich die Vögel laut singen und sehe die Leute zur Arbeit gehen.
Der Duft von Gewürzen liegt in der Luft, wenn ich frühstücke, umgeben von grünen Bäumen. Damaskus duftet köstlich. Nach Rosen und Jasmin.
Nachmittags machen wir einen Spaziergang in die Altstadt oder wir sitzen auf einem Berg und beobachten die Vögel in der Nacht.
Jeden Tag haben wir etwas anderes vor.
Will ich über meine Heimat reden, brauche ich ein Jahr.

 
 
 

 
 
 
 

Die Fremden
 
 

Viele Menschen verlassen ihre Heimat. Sie nehmen kleine Koffer mit, die nur wenige Kleidungsstücke, einige Sachen, was sie in ihrem Lebensalltag brauchen, und Hoffnung auf ein besseres Leben enthalten. Während sie noch mit dem Kofferpacken beschäftigt sind, denken sie besorgt an die Schwierigkeiten und die Probleme, auf die sie vielleicht auf dem Weg stoßen. Das Gefühl der Fremdheit dauert für sie in diesem Moment nur kurze Zeit. Diese Zeit wird vergehen und sie werden wieder zurückkommen. Nur die Familie fühlt den Trennungschmerz, bevor die Trennung kommt. Das merkt man an den Handlungen der Familie, an ihren Tränen. Wenn die Auswander und Vertriebenen wenige Meter vor den Grenzen sind, fühlen sie wie Kinder, die dem Schoß ihrer Mutter entrissen werden.
Mit dem ersten Schritt überschreiten sie die Grenzen, plötzlich fühlen sie, dass jemand auf sie geschossen hat. Er hat nicht ihre Körper, sondern ihre Seelen getötet und sie werden Waisen und alleine sein. Das Gefühl, ein Waise und nackt zu sein, wird sie in ihrem Leben lange begleiten und sie werden es in den Blicken, mit denen die Menschen sie betrachten, ihn ihren Augen, sehen.
Sogar, wenn sie Familien gründen, Arbeit finden oder Häuser kaufen, bleiben sie die Fremden.
Der Krebs tötet die Patienten qualvoll und leise. Das Gefühl des Fremdheit und das Heimweh sind die Krebserkrankung der Fremden. Sie sterben und leiden still. Tagsüber verstecken sie das unter Lächeln und Stolz, nachts trauern sie alleine. Wenn man seine Mutterheimat verlässt, verurteilt man sich selbst zum Tode, ohne es zu wissen und wird ein Mensch ohne Heimat.
Ohne Heimat zu sein, bedeutet, dass du in der Fremdheit lebst. Du fühlst noch im neuen Land, das du ein Fremder bist. Im Haus deiner Mutter hat man sich an deine Abwesenheit gewöhnt, lebt ohne dich weiter. Du wirst eine Tages als Eindringling zurückkommen. Du wirst ein Fremder in beiden Heimaten sein.
Einige Menschen versuchen, dich in der Fremde zu trösten. Sie sagen, dass sie verstehen, was du durchmachst. Das basiert natürlich auf ihrem Prinzip der Humanität. Die Menschen in deiner Heimat glauben, dass du glücklich bist. Das basiert in Wahrheit auf ihrem Leid.

 
 
 

 
 
 

Das neue Leben
 
 
 

Ich bin seit vor einem Jahr nach Deutschland gekommen. Ich habe hier ein neues Leben angefangen. Ich fühle mich sehr schwach und habe immer Angst. Manchmal fühle ich mich einsam.
Ich denke immer an mein altes Leben. Ich kann nicht vergessen.
Ich versuche, neue Menschen kennenzulernen und ich suche eine neue Wohnung mit guten Nachbarn. Ich finde die Menschen in Deutschland sehr nett. Doch einige von ihnen haben Angst vor uns.
Ich lerne auch eine neue Sprache. Ich wünsche mir auch, eine gute Arbeit zu finden. In Syrien war ich Tontechniker.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

Heimat

 
 

Ich komme aus einem Land, das früher die Wiege der Zivilisation war. Und in seiner Hauptstadt bin ich aufgewachsen. Der ältesten Hauptstadt der Welt, seit 6000 Jahren bewohnt, von 33 Zivilisationen und drei Weltreligionen geformt: Damaskus.
In Damaskus verbrachte ich die glücklichsten Tage meines Lebens. In ihren Schulen und an ihrer Universtität lernte und studierte ich. Dort habe ich meinen besten Freund, Ali, kennengelernt. Wir begegneten uns in der Realschule, und seit damals waren wir beste Freunde. Zusammen haben wir gute und schlechte Tage verbracht. Ali war immer für mich da.
Ich hätte nie gedacht, dass wir eines Tages getrennt sein würden. Doch der Krieg begann und zwang uns zu Dingen, die wir nicht machen wollten: Ich musste meine Lieblingsstadt, meine Erinnerungen, meine Familie und Ali verlassen und suche nun eine neue Heimat. Weit weg von dem Blut und den sinnlosen Kämpfen. Ich bin nach Deutschland gezogen, und hier will ich dieses neue Leben anfangen.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 

Alle Deutschen sind fleißig
 
 
 

Bevor ich nach Deutschland kam, kannte ich natürlich einige Klischees über die Deutschen:
1. Die Deutschen sind sehr fleißig.
2. Die Deutschen sind pünktlich.
3. Die Deutschen engagieren sich für ihre Ämter und Aufgaben.
4. Sie sind sehr gut in vielen Sportarten.
5. Jeder in der Welt kennt deutsche Autos und Maschinen.
Die Deutschen sind die erfolgsreichsten Autoingenieure.
6. Ich bewundere Nietzsche und Kafka. Patrick Süskind und natürlich Goethe.
7. man dachte, dass die Deutschen nicht feiern und dass sie keinen Sinn für Humor haben.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 

Die deutsche Maschine
 
 
 

Als ich in Syrien war, habe ich immer von Deutschland gehört. Und immer wenn man über Deutschland redet, fällt ein Wort: die deutsche Maschine. Seitdem ich nach Deutschland gekommen bin, verstehe ich die Bedeutung dieses Wortes.
Die Leute sollen wie eine Maschine sein, damit sie hier leben können. Der Mensch hier kennt nur die Arbeit. Und auch die deutsche Mannschaft ist wie eine Maschine.
Das ist gut. Aber ich bin der Meinung, dass das Leben nicht nur Arbeit ist.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

Was ist Heimat?
 
 
 

Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl. Ich bin in irgendeinem Land geboren und aufgewachsen. Es gilt seit langer Zeit als meine Heimat. Dort habe ich meine ersten Schritte geschafft, und ich begann, die Welt kennenzulernen.
Meine ersten Erinnerungen, das erste Lachen und das erste Weinen sind dort geboren. Ich habe mich immer gefragt, ob diese Erinnerungen meine Heimat ausmachen oder ob Heimat auf eine geografische Stelle begrenzt ist? Die zufällig gebildet wird? Ist es nicht möglich, dass ich an einer anderen geografischen Stelle hätte geboren werden können?
Viele denken, dass die Heimat der Ort ist, in dem sie geboren und aufgewachsen sind. Naja, das könnte von einem Gesichtspunkt her wahr sein, aber von einem anderen Gesichtspunkt betrachtet, ist die Definition von Heimat, der Ort, wo man stark, einflussreich, frei ist und respektiert wird.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

Die Bananenschale
 
 
 

Auf dem Rückweg nach Hause gingen mein Onkel Youssef (47) und sein Sohn (20) durch eine ruhige Straße mit vielen aneinandergereihten Hochhäusern, auf der gegenüberliegenden Straßenseite war eine große Waldwiese.
Vor einem Haus stand ein Lastwagen, und ein paar Männer trugen Möbel ins Haus.
Als sie sich dem Lastwagen näherten, sah mein Onkel eine Bananenschale am Boden liegen und hob sie auf, damit keiner der Möbelpacker darauf ausrutschen und sich verletzen konnte.
20 Meter weiter warf er die Bananenschale in die Waldwiese, weil er keinen Mülleimer fand.
Plötzlich hörten die beiden ein lautes, drohendes Gebrüll: „Bei uns wirft man nix auf Straße“, riefen die Umzugshelfer aus dem Balkan in gebrochenem Deutsch.
Wenig eingeschüchtert, weil beides groß und kräftige Männer sind, holten sie die Bananenschale aus dem Gebüsch heraus, liefen zurück zu den mittlerweile kompletten Umzugsduo und warfen die Schale den wütenden Männern zwischen die Füße. „Entsorgt euren Müll gefälligst selbst“, brüllte mein Onkel jetzt zurück.
„Die Bananenschale ist von mir“, sagte der kleinere der Gruppe nun ganz kleinlaut und dass es ihm leid täte.
Rasch war das Missverständnis aufgeklärt, nach einem kurzen und entspannten Geplauder trennten sie sich friedlich.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

Es war einmal
 
 
 

Vor anderthalb Jahren habe ich meine Heimat verlassen. Der Krieg hat sie und mich auseinandergerissen – und ich wurde ein Flüchtling.
Eine schwierigere Entscheidung musste ich vorher noch nie in meinem Leben treffen. Als ich aufgewachsen bin, hatte ich nie gedacht oder erwartet, dass ich eines Tags mein geliebtes Damaskus verlassen würde. Damals hatte ich nur schöne Träume und viele Ziele.
Ich erinnere mich an die Tage an der Uni, als ich mich mit meinen Freunden verabredete und unsere Treffen voller Lachen und jugendlicher Träume und Zukunftspläne waren. Ich selbst träumte immer davon, mein Studium abzuschließen. Danach fängt mein Berufsleben an und geht weiter, bis ich ein erfolgreicher Finanzmanager bin. Dann gründe ich meine eigene Firma. Und vielleicht würde ich eines Tages ein Buch schreiben. Wohingegen Lesen mein Hobby ist: Philosophie, Romane und Geschichte haben mich immer interessiert.
Die Wochenenden waren der Familie gewidmet. Jeden Samstag machten wir ein Picknick oder besuchten unsere Verwandten.
Das Leben verlief sehr gut. Genauso wie ich es mir wünschte.
Aber das Schicksal hat sich geändert. Es beschloss, uns zu bestrafen. Bis jetzt verstehe ich nicht, warum, obwohl ich mich immer wieder gefragt habe.
Viele Antworten habe ich gefunden oder erfunden, aber keine von ihnen hat mich davon überzeugt, dass es irgendeine Sünde auf dieser Welt gibt, die diesen ganzen Schmerz und diese Tragik verdient hätte. Der Krieg kam und hat Depression und Traurigkeit mitgebracht. Er stahl unsere Träume und zerstörte unsere Leistungen.
Es war einmal … Bevor ich gezwungen wurde, ein Flüchtling zu werden, war ich ein Mensch mit Leben, Träumen, Arbeit, Familie …. Genauso wie jeder andere Mensch auf dieser Welt.
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

Deutsch sprechen
 
 
 

Einmal begegnete mir eine junge Frau mit einem Hund. Ich versuchte, mit ihr auf Deutsch ins Gespräch zu kommen. Ich suchte aufgeregt nach Worten und sagte: „Du bist ein schöner Hund.“
Die Frau schaute mich an und fragte: „Was?“
Ich wiederholte: „Du bist ein schöner Hund.“
Da gingen Frau und Hund schnell weiter.
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

„Flüchtling“
 
 
 

Ich möchte gerne über mein Leben sprechen.
Ich bin in Syrien geboren. Als ich ein Kind war, war mein Problem: Wann kann ich spielen? Ich habe immer meine Hausaufgaben schnell gemacht, damit ich meine Freunde treffen kann. Obwohl wir laut gesprochen haben, haben sich meine Nachbarn nicht geärgert. Die Leute waren glücklich.
Als ich erwachsen geworden bin, hat der Krieg in meinem Land angefangen. Im Krieg bin ich zur Universität gegangen und konnte mein Studium beenden. Danach konnte ich nicht mehr in meiner Heimat bleiben. Deswegen habe ich beschlossen, nach Deutschland zu gehen.
Als ich nach Deutschland kam, habe ich mir gesagt, dass ich an meine Zukunft denken sollte. Aber es gab immer ein Hindernis: das Wort „Flüchtling“. Es ist das schwerste Wort für mich.
Einige Leute halten uns für schlechte Menschen, einige glauben, dass wir ignorant sind. Aber wir sind nicht gleich. Es gibt schlechte und gute Flüchtlinge und die besseren sind in der Mehrzahl.
Bis jetzt versuche ich, mich und mein Land so gut es ist, darzustellen. Ich verbessere mein Leben, um mein Ziel zu erreichen.
Am Ende sage ich, dass meine Heimat in meinem Herzen bleibt.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

Jeder träumt von einer besseren Heimat
 
 
 

Niemand ist ohne Heimat geboren. Jeder hat das Recht, in seiner Heimat zu bestimmen, wie er sein Leben lebt.
Mensch ist Mensch. Es soll keinen Unterschied innerhalb der Gesellschaft geben. Jeder ist ohne Kleidung geboren. Wir sind alle gleich. Wir waren Kinder und haben Fußball gespielt, sind in die Schule gegangen. Als Kinder haben wir uns geliebt und haben niemanden gehasst. Als wir Kinder waren, haben wir gelernt, dass die Heimat am wichtigsten in unsererem Leben ist.
Und als wir Erwachsene geworden sind, haben wir alles vergessen.
Wir werden uns töten und unsere Heimat zerstören. Unsere Kultur haben wir verloren. Jetzt gibt es auf der Welt viele Flüchtlinge. Viele Menschen ohne Heimat. Viele schlafen, ohne etwas zu essen. Viele haben kein Dach über dem Kopf. Wir werden uns töten, statt uns zu helfen.
Und das alles, weil einige Leute daran interessiert sind, Krieg zu führen.
Jeder träumt von einer besseren Heimat. Heimat erhält unsere Rechte. Es gibt keine schlechte Heimat, aber einige Menschen in ihr sind schlecht.
Jeder möchte eine Familie gründen, seine Würde behalten.
Wir sind alle gleich, und wir haben den gleichen Gott. Und wir sollten versuchen, zufrieden zu werden.

 
 
 
 
 
 

Mit freundlicher Unterstützung durch den
Bremer Senator für Kultur

 
 
 
 
 
 

Urheberrecht:
Alle Texte, Audios, Videos und grafischen Elemente (außer Logos von Partnern) sowie die Gesamtgestaltung unterliegen dem Urheberrecht und dürfen ohne schriftliche Genehmigung des Urhebers weder verwendet noch weiter verbreitet werden.