Heimat:Sprache

ein Projekt von Betty Kolodzy

 
 
 
 

Vorankündigung:

Ab Ende Januar erscheinen hier die Texte der Student*innen meines Lehrauftrags „Kreatives Schreiben“ an der Bremer Uni. Und später folgen die Geschichten der Teilnehmerinnen aus meiner Schreibwerkstatt, die ich in Kooperation mit dem frauenzimmer dank der Unterstützung diverser Spender*innen realisieren kann.
 
 
 
 
 

Ein scheinbar aus der Zeit gefallenes Wort, das wieder in aller Munde ist: Heimat. Anhand von fiktiven und autobiografischen Texten untersuchen wir Heimat und nähern uns der Bedeutung, die der Begriff für jeden einzelnen von uns hat. Dabei gehen wir auch der Frage nach, ob Heimat an eine geografische Lage gebunden ist oder durch Vertraute(s), durch Gewohnheiten, Rituale auch andernorts entstehen kann; ob sie sich über Landschaften oder Menschen definiert. Wie verändert sich Heimat – im Kopf und vor Ort – während unserer Abwesenheit? Wie verändert sich unser Blick auf die Heimat im Laufe des Lebens?

 
 
 

 
 

Stephanie Pundt
 
 
Zuhause
 
 
Die Dunkelheit verschluckte die Farben der Weite, schien alles in eine Welt aus Schwarz und Grau zu verwandeln. Nur das sanfte Licht, welches der Vorbote der aufgehenden Sonne war, ließ die leichte Andeutung von Grün und Blau erkennen. Die weißen Schwaden, die sich über die große Grasfläche erstreckten, vom Wind immer weiter herangetragen zu werden schienen, hatten etwas friedliches an sich. Es wirkte nicht bedrohlich oder gar düster. Nicht gruselig oder angsterregend. Es wirkte heimisch, beruhigend. Als wäre Severina nicht im tiefen Wald, umgeben von großen, gigantischen Bäumen, kleinen Büschen und Sträuchern, Gräsern, Blumen und verschiedenen Moosen. Als würde sie nicht auf eine Waldlichtung starren.

Nein, sie war einfach nur zu Hause. Zumindest in ihren Gedanken. Weit weit weg von hier, viele Tagesreisen von hier entfernt. Doch die Erinnerungen daran, wie die weiß-grauen Schlieren über den Sümpfen hingen, wie das Sonnenlicht in feinen Strahlen bis zum Boden vordrang… Sie sah dieses Bild klar vor sich. Sah ihre Heimat. Und fühlte die, mit diesem Bild kommende, Einsamkeit bis in die tiefsten Winkel ihres Seins.

Sie vermisste ihre Familie, ihre Freunde, das Haus, in dem sie aufgewachsen war. Sie vermisste es, sich einfach irgendwo hin zu setzen, nichts zu tun, einfach nur der Welt beim leben zuzuschauen. Ihre Bindung zu ihrem Heimatort war schon immer groß gewesen, sie hatte ihn ja auch vor dieser Reise nie auch nur groß verlassen. Sie gehörte dort hin. Dort hatte sie ihre Wurzeln. Das hatte sie gewusst, schon immer. Doch ein kleiner Teil von ihr mochte es, hier zu sein. Neue Leute kennen zu lernen. Mehr von der Welt zu sehen, die sie so sehr liebte.

Der Ruf eines Vogels riss Severina aus ihren grüblerischen Gedankengängen. Sie hatte nicht bemerkt wie das Licht immer heller wurde, der Nebel begann zu verblassen. Ein neuer Tag brach heran, während sie dort stand, an ihre Heimat dachte, sich erinnerte und sie vermisste. Sie wusste, sie müsste bald zurück gehen, bald wieder in ihrer vorübergehenden Unterkunft sein. Man würde sie suchen. Und irgendetwas in ihr sträubte sich dagegen, diesen Ort mit jemand anderem zu teilen. Es war, als würde dieser Ort ihr gehören. Ihre persönliche Erinnerung an ihr zu Hause. Und genau aus diesem Grund, beschloss sie die Lichtung niemals jemand anderen zu zeigen. Sie würde dorthin gehen, wenn sie den Schmerz des Vermissens nicht mehr aushielt. Wenn sie sich so fühlen wollte, als wäre sie noch daheim. Und sie würde alleine kommen. Um in ihrer Erinnerung alleine zu sein.
 
 
 
 
 
 
 
 
Fabian Pieper
 
 
Heimat
 
 
 
Seine Geschwindigkeit drosselnd fährt der Zug im kleinen Bahnhof ein. „Bohmte, hier ist Bohmte!“ ertönt die vertraute männliche Stimme aus den Lautsprechern am Bahnsteig, als entlang des Zuges vereinzelt Türen aufgleiten und Menschen aus den Waggons springen. Er selber steigt in den hintersten Waggon ein und geht die Treppe hinauf ins obere Abteil.
Um diese Uhrzeit fahren nur noch wenige Menschen Zug, sodass er die Qual der Wahl bei der Suche nach einem geeigneten Sitzplatz hat. Ruhe ist ihm wichtig, und Beinfreiheit. Also schwingt er sich direkt in die erste freie Vierer-Sitzgruppe zu seiner Rechten. Kaum hat er seine Taschen unter dem Sitz sicher verstaut, setzt sich der Zug wieder in Bewegung. Weg von seiner Heimat, seinem Elternhaus. Er öffnet den Reißverschluss an der kleineren der beiden Taschen und holt sein altersschwaches, aber verlässliches Notebook heraus. Eine Stunde würde er nun haben, in der er den Stress des Alltags hinter sich lassen kann. Eine Stunde Ruhe, lediglich durchschnitten von einer Ansage, die den nächsten Halt ankündigt. Routine für ihn.
Vor einigen Jahren war das noch anders. Da stieg ihn ihm mit jeder Ansage die Aufregung. Doch das ist lange her. Diese Aufregung, die er seinerzeit auf der Fahrt ins Ungewisse verspürt hatte, war bereits vor Langem jener abgebrühten Routine gewichen.
„Nächster Halt: Bremen. Hauptbahnhof!“ – das war für ihn das Signal. Er klappt sein Notebook zu und verstaut es wieder sicher in seiner Tasche. Gleich würde er aus dem Zug steigen, mit dem Bus zu seiner Wohnung fahren, dort einige Tage verbringen und sich dann wieder auf dem Weg nach Hause machen, wieder in den Zug steigen. Er würde seine zweite Heimat hinter sich lassen und sich, ähnlich routiniert, auf dem Weg nach Hause machen, seine wirkliche Heimat. Dort, wo seine Familie auf ihn wartet. Auf diese Fahrt freut er sich schon.
 
 
 
 
 
 
Alina Zimmermann
 
 
Der Mann mit dem Buch
 
 
Ich laufe zur Bushaltestelle – wie fast jeden Tag. Mein täglicher Weg führt an einem kleinen türkischen Laden vorbei – die Verkäuferin lächelt mich immer herzlich an und vor dem Laden riecht es nach frischen Blumen, die dort unter anderem verkauft werden. Außerdem ist hier jede mögliche Obst- und Gemüsesorte zu finden. Knallrote Äpfel, dunkelgrüne Zucchinis.

Eigentlich muss ich meinen Bus bekommen, aber ich betrete den Laden. Es riecht nach Gewürzen – Curry, Kurkuma, Chilli. Und nach frisch gebackenem Fladenbrot. Ein kleines Paradies. Es ist ruhig. Beruhigend. Die Atmosphäre lädt zum Stöbern ein.

Ich sehe eine offene Tür und ein Hinterzimmer. Dort sitzt ein Mann und liest ein Buch. Irgendein türkisches Buch. An den Farben des Buchumschlages erkenne ich, dass es sich um ein anderes Buch als beim letzten Mal handelt. Letztes Mal war es grün. Heute braun.

Und ich frage mich ob dieser Mann den ganzen Tag auf seinem Stuhl sitzt und liest. Wie viele Bücher er dann wohl schon gelesen hat? Und ob er nicht langsam genug hat von der Geruchsmischung aus Gewürzen und Fladenbrot und Blumen. Aber – ich glaube nicht. Er sieht nämlich ziemlich zufrieden und in sich ruhend aus. Immer, wenn ich hier bin. Und ich denke: manchmal muss man gar nichts besonderes tun, um glücklich zu sein. Manchmal muss man nur, umgeben von Gewürzen und Fladenbrot, auf einem Stuhl sitzen und lesen. Denn das große Glück lässt sich oft in den kleinsten Dingen finden.

Ich verlasse den Laden und fühle mich, als würde ich eine andere Welt betreten. Eine Welt mit lauten Autos, die die Luft verschmutzen und gestressten Menschen, die durch ihren Alltag hetzen. Aber dieses Mal ist irgendetwas anders. Ich nehme den Stress um mich herum anders wahr, lasse mich davon nicht anstecken. Ich denke an den Mann mit dem Buch und freue mich schon, gleich eine Gemüsepfanne zu kochen, die neuen Gewürze auszuprobieren und zu lesen. Den Bus hab ich eh längst verpasst.

 
 
 
 
 
Yvonne Janetzke

 
 

Käferferne
 
 
Sieben sanfte Siebenschläfer
trafen jüngst auf einen Käfer,
der seine Heimat grad‘ verließ
und auf die große Ferne stieß.

Sie war so weit und herrlich leer
zum ersten Mal sah er das Meer
und überquerte Sand.
Dann fuhr er lang auf einem Schiff
ins weit entfernte Land.

Dort war die Sonne hell und heiß,
sein Panzer schillernd bunt
und in den ersten Wochen
ging es einfach nur noch rund:

Er sog begierig alles auf,
schloss Freundschaften,
und das zu Hauf,
er tanzte auf den Tischen.
Und las im roten Morgengrauen
den Nachtgesang von Fischen.

Doch irgendwann da kehrte sich
das Alles einfach um.
Aus Heimweh saß er nur noch da
und trank und trank vom Rum.

Er sehnte sich nach seiner Frau,
er hatte sie verlassen.
Aus Angst die wirklich große Welt
durch sie nur zu verpassen.

Die Herrlichkeit, die Ferne
all das war auf einmal schwarz
Das Heimweh klebte zäh an ihm
wie bittersüßer Harz.

Nach grünem Gras und all den Pflichten,
dem Alltag, deftigen Gerichten,
Zuhause auf dem Tisch.
„Dann los, spring auf,
wir schwimm‘ zurück!“,
rief da ein netter Fisch.

Der Käfer stieg nun eilends auf
und hielt sich wirklich fest –
denn das ist offensichtlich klar:
Dass Fisch sich nicht gut reiten lässt.

 
 
 
 

Wencke Kumke

Über das Verlieren in Fragen
 
 
 
Verlust. Wie soll ich über ihn schreiben, wenn ich doch noch nie etwas verloren habe?
Was bedeutet es, etwas zu verlieren? Was bedeutet der Verlust eines Familienmitgliedes, des Zuhauses oder der Heimat? Geht dabei auch jedes Mal ein Stück von einem selbst verloren? Wie reagieren Seele und Körper auf einen schweren Verlust? Kann ein Mensch daran zerbrechen oder auch, wie es so schön heißt, „daran wachsen“?
Was ist es, das bleibt? Sind es die Erinnerungen, die den Verlust erträglich machen? Oder sind es gerade diese Erinnerungen, die einen Verlust noch schmerzhafter erscheinen lassen? Hindert das Klammern an die Vergangenheit daran, loszulassen und die neue Situation anzunehmen?
Ist es möglich, nach einem Verlust positiv in die Zukunft zu schauen? Die Lust am Leben nicht zu verlieren? Neue Perspektiven zu schaffen? Wie schwer muss es sein, sich umzuorientieren, sein Leben in neue Bahnen zu lenken, offen für Neues zu sein?
Wie muss es erst sein, seine Heimat zu verlieren? Entwurzelt zu werden? Den Ort zu verlieren, der einen prägt und formt. Wie fühlt es sich an, vertrieben zu werden und nicht mehr in die Heimat zurückkehren zu können? Entsteht so das Gefühl von Heimatlosigkeit und geht dabei auch gleichzeitig ein Teil der eigenen Identität verloren? Oder sind es auch hier die Erinnerungen, die vor dem vollständigen Verlust der Heimat schützen können?
Kann Heimat an einen neuen Ort gebunden sein? Kann das Gefühl von Zugehörigkeit mit der Zeit auch an einem völlig fremden Platz entstehen? Welche Rolle spielen dabei die Menschen, die einen umgeben? Können auch zunächst Fremde Teil dieser neuen Heimat werden? Ist es je möglich, über das Gefühl des Verlustes der Heimat hinwegzukommen? Bleibt dieses Gefühl für immer? Wird es im Laufe der Zeit weniger und löst es sich irgendwann sogar ganz auf? Können Wurzeln neu austreiben und sich wieder fest verankern?
Welch unangenehmes Gefühl, über all diese Fragen nachzudenken. Jeder, der keine Antworten auf sie hat, kann sich sehr glücklich schätzen, denn viel zu viele Menschen auf dieser Welt stehen tagtäglich vor der schier unmöglichen Herausforderung, für sich selbst Antworten finden zu müssen.

 
 
 
 
 

Nadine Lawniczak
 
 
Heimat
 
 
Erinnerungen,
Kinder die draußen im Sommer spielen,
Man kann den Bach vom Berg plätschern hören,
Frisch gemähtes Gras und muhende Kühe.

Kinder die in verschiedenen Muttersprachen sprechen,
Dennoch wird Fußball gespielt,
Trotz verschiedener Wurzeln.

 
 
 
 
 
Alina Zimmermann
 
 
Gedanken über den Begriff Heimat
 
 
Was genau bedeutet Heimat? Ist es die Stadt, in der ich geboren wurde? Ist es das Land, dessen Sprache ich spreche? Oder das Elternhaus, in dem ich aufgewachsen bin? Ist unsere Heimat tief in uns verwurzelt? Identifiziere ich mich mit meiner Heimat? Und – könnte ich mich nicht überall heimisch fühlen? Ist Heimat etwas greifbares? Ist es ein Gefühl? Bedeutet Heimat das gleiche wie „zu Hause“? Nein. Ich glaube nicht. Zu Hause fühle ich mich bei meiner Familie. Bei Menschen, mit denen ich mich wohlfühle. In ganz unterschiedlichen Städten. Aber Heimat – ist irgendwie doch nur dieser eine Ort für mich. Der Ort, an den ich immer wieder zurückkehre. Mit dem ich viele Erinnerungen verbinde. In meiner Heimat werde ich immer mein jüngeres Ich, meine Kindheit sehen. Und ich denke, das macht Heimat für mich aus. Und auch, wenn mir nicht anzusehen ist, welche Stadt meine Heimat ist und es keinen Dialekt gibt, der den Ort verrät, an dem ich geboren wurde und aufgewachsen bin, ist meine Heimat tief in mir verankert.
 
 
 
 
 
Wencke Kumke

 
 
Ein-Bahn-Straße
 
 
Ich hole mein altes, rostiges Fahrrad aus dem Schuppen. Die Sonne scheint, der Wind fegt über die Felder. Kühe stellen sich ihm trotzig in den Weg. Manchmal auch Schafe. Selten ein paar Rehe. Die einbahnige Straße, die ins Dorf, in die Zivilisation, führt, ist praktisch nicht befahren und umrahmt von grünen Bäumen, Blättern und Büschen. Selten verirrt sich ein Auto hier ‚raus, ab und zu rauscht mal ein Trecker um die Ecke.

In der ersten Kurve fließt ein kleiner Bach unter der Straße hindurch. Der strenge Sommer in diesem Jahr hat ihn allerdings vollständig ausgetrocknet. Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind zusammen mit meiner Oma zum Wasser gelaufen bin und dort leuchtend gelbe Löwenzahnblüten auf der einen Seite gegen die Fließrichtung ins Wasser geworfen habe. Dann überquerten wir schnell die Straße und auf hofften und warteten auf der anderen Seite darauf, die Löwenzahnblüte wiederzusehen. Viele dieser Blüten haben es auch tatsächlich geschafft und konnten sich ihren Weg durch die Unterführung bahnen, was bei uns beiden jedes Mal zu riesiger Begeisterung geführt hat.

Am Straßenrand entdecke ich Brombeersträucher. Ich halte kurz an und pflücke mir ein paar dunkle, süße Brombeeren ab. Die Kerne bleiben mir in den Zähnen hängen. Während ich versuche, mit der Zunge meine Zähne von den lästigen kleinen Dingern zu befreien, bleibt mein Blick an den unendlich vielen Brennnesseln am grünen Straßenrand hängen. Mein ganzer Körper beginnt zu kribbeln als ich mich daran zurückerinnere, wie ich als Kind in einen Haufen dieser Biester gefallen bin. Ich schüttele mich innerlich und schiebe die Erinnerung daran wieder ganz weit von mir weg.

Mir kommt ein Fußgänger entgegen. Ich kenne ihn nicht aber als wir aneinander vorbeiziehen, grüßen wir uns ganz selbstverständlich mit einem kurzen „Moin“. Das macht man hier eben so.
Endlich taucht das gelbe Ortsschild vor mir auf. Auf der rechten Seite thront das neu gebaute, riesige Pflegeheim und darum herum stehen unzählig viele seniorengerechte Häuser. Dicht an dicht, jeder kann in den Garten des anderen schauen.

Ich halte kurz beim Kaufmann und stelle meine Fahrrad ab, ohne es anzuschließen. Da wird schon nichts passieren. Ich erledige meinen kleinen Einkauf und verstaue alles in dem Korb auf meinem Gepäckträger. Dann setze ich mich zurück auf mein Fahrrad und drehe noch eine Runde durch’s Dorf, bevor es wieder auf den Rückweg geht. Wie es sich gehört, nutze ich die Ampel, um die Hauptstraße zu überqueren. Ich fahre an der Apotheke, dem Bäcker und der Sparkasse vorbei und halte dann vor der Kirche. Ich steige von meinem Rad und schiebe es den Sandweg zum Friedhof hinauf. Hinten links in der gemütlichsten Ecke des Friedhofs ist mein Opa begraben, den ich lange nicht mehr besucht habe. Ich bleibe still einen Moment vor seinem Grab stehen, auf dem rosa Blümchen, die vermutlich meine Oma gepflanzt hat, fröhlich im Wind tanzen.
Ich verabschiede mich innerlich von ihm und schiebe mein Rad zurück auf den Gehweg. Links sehe ich meine alte Grundschule und den riesigen Sportplatz.Ich frage mich, ob Frau Schlüter, meine damalige Klassenlehrerin, noch an der Schule unterrichtet. Manchmal vermisse ich diese unbeschwerte Zeit von der ersten bis zur vierten Klasse und würde sie gerne noch einmal erleben.

Von weitem sehe ich den Tennisplatz, auf dem ich vor ganz vielen Jahren meine ersten Bälle über das Netz geschlagen habe.
Ich halte mich links und fahre an der wie immer gut besuchten Arztpraxis und dem Feuerwehrgerätehaus vorbei. Das Dorf hat wirklich alles, was man zum Leben so braucht, denke ich als ich wieder auf die einbahnige Straße biege, die mich aus dem Dorftrubel zurück in die mir vertraute und geliebte Einsamkeit führt.

 
 
 
 
Yvonne Janetzke
 
 
Gelb
 
 
Keine Identifikation mit diesem Viertel, vielleicht mit der Stadt. Lauschen. Die richtige Distanz wahren, das ist wichtig, nicht zu viel wissen, die Mysterien im Dunkeln lassen, keine Tour durch die katakombischen Gedärme, die Fantasie wird nicht erreichbar sein, immer dieselben Gesichter, das macht mich fertig, unendlich fertig, so fertig wie die Liebe zum Tatort am Sonntagabend: Denken wir doch noch winziger, stopfen die Gedanken in die Pflastersteine unter den Füßen, unter die Steine, bis der Kopf auf die Tischplatte knallt, an der wir plaudern, auf dem Markt, wie jeden Samstag oder Dienstag oder Donnerstag, das ist alles so nett. So nett. So lebhaft. So bunt. So gesellig. Hinter zugezogenen Vorhängen verkläre ich meine Stadt, meine Straßen, bevölkere sie mit wankenden, sanftmütigen Dinosauriern, grüner als grün, gewaltiger als gewaltig. Der Asphalt bebt, die Häuser wanken, der Himmel färbt sich gelb, dann schwarz, während sich schwere Köpfe träge gen Erde neigen, hier ein Schlückchen Wasser, dort ein Büschel Gras, ein Maul voll Blätter, zart und jung, der Frühling keimt und sprießt und der Himmel färbt sich gelb, dann schwarz. Ich bin vertraut mit der Hassliebe, das beruht auf Gegenseitigkeit. Tage an, Nächte in denen die Stadt sich an mich schmiegt, mich füttert, weich macht. Tage an, Nächte in denen die Stadt sich unter meinen Füßen wölbt, mich ausspuckt, mich auszehrt, hart macht. Das geht so hin und her. Sie ist voll, sie ist leer. Irgendwas ist immer mehr.

 
 
 
 
 
 
Nadine Lawniczak
 
 
Einfach Augen zu und durch
 
 
Neue Anfänge sind immer schwer, aber in ein komplett anderes Land zu ziehen und eine neue Sprache zu lernen, ist noch viel schwieriger. Ich werde nach Deutschland ziehen, ein reiches Land mit vielen Perspektiven und Arbeit. Dafür muss ich meine Heimat zurücklassen, Polen. Ich bin hier aufgewachsen, hier ist meine Familie, Verwandtschaft und meine Freunde. Hier ist der Ort an dem ich im Winter Schneeengel gemacht habe, Schlitten gefahren und im Sommer Pilze und Blaubeeren sammeln gesammelt habe. Den Ort an dem ich meinen ersten Freund hatte und meine erste Zigarette geraucht habe. Hier habe ich meine komplette Kindheit und Jugend verbracht! Jeden Sonntag bin ich hier in die Kirche gegangen, mit den Menschen, die ich seit ich denken kann, kenne. Dieses Dorf kenne ich in und auswendig, ich weiß wo jeder hier wohnt, was seine Geschichte ist und was er an einem Sonntag am liebsten macht.

Wie soll ich das hier alles verlassen und in einen neuen und komplett unbekannten Ort umziehen? Ich habe keine andere Wahl! Wenn ich hier bleibe wird nichts aus mir, dieses Dorf hat keine Perspektive für mich, wenn ich nicht jetzt hier raus komme, werde ich es nie schaffen. Polen hat zu wenig und zu schlecht bezahlte Arbeit, wenn ich nicht auf ewig zwei Jobs gleichzeitig machen möchte, muss ich diesen großen Schritt machen.

Ich werde in eine total neue Welt eintauchen müssen. Ich kenne in Deutschland die Sprache nicht, weiß nicht wie die Menschen drauf sind oder geschweige denn wie überhaupt dort das Leben ist. Die Menschen in meinem Dorf berichten immer wieder von diesem wohlhabenden Land, wo Frauen auch viel verdienen, wo es sehr viel Arbeit gibt und im Supermarkt immer alles vorhanden ist.

Ich darf nicht an zurück denken, selbstverständlich werde ich Polen vermissen, aber in Deutschland kann ich mir ein neues Leben aufbauen, ein besseres Leben! Einfach Augen zu und durch. Es wird sich alles von selbst einpendeln, habe nur Vertrauen.

 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
Stephanie Pundt
 
 
Eine besondere Verbindung
 
 

Das Tier, nicht gerade realitätsgetreu,, liegt auf dem roten Kissen im Bett, das im Zimmer eines Mädchens steht. Die beiden kennen sich schon ewig. Es war fast von Beginn ab an dabei. Hatte das Mädchen aufwachsen sehen, wie sie größer, eigenständiger, älter wurde. Hatte sich in Zeiten der Freude mit ihr gefreut, hatte gelitten, wenn sie geweint hatte. Es war immer da. War da, als die erste Übernachtung außer Haus ein einziger Albtraum geworden war. Hatte an der Treppe gelauscht, wenn die Mutter ein Erwachsenengespräch abends in der Küche mit einer Tante, den Großeltern oder sogar dem Vater führte. Hatte mit gekuschelt an regnerischen, kalten, sonnigen, freundlichen Abenden. Hatte so oft in den Armen des Mädchens gelegen. Hatte sie getröstet, wenn sie bei niemand anderem Trost fand. Hatte zugehört, wenn niemand sonst ein Ohr für sie hatte. Hatte so viele Tränen aufgefangen.

Das Tier, ein Zebra um genau zu sein, war mit ihr lange aufgeblieben, wenn sie vor lauter Aufregung nicht hatte schlafen können. Hatte sich mit ihr gefreut, wenn der erste Schnee fiel, falls er denn kam. Hatte so oft neben ihr im Gras in der Sonne gelegen.

Das Mädchen liebt das Zebra. Hat es schon immer. Nicht umsonst gab es ein Willkommensschild, noch aus Kindergartenzeiten, auf dem beide Namen stehen, der von dem Mädchen und von dem Zebra. Nicht umsonst hatte sie als kleines Kind vor der Waschmaschine ausgeharrt, wenn das Tier gewaschen wurde. Sie hatte es nie aus den Augen gelassen. Nie vergessen.

Und so wartet das Stofftier noch immer jeden Tag im Zimmer des Mädchens auf ihre Rückkehr, so wie es das schon vor vierzehn Jahren getan hatte.

 
 
 
 
Nadine Lawniczak
 
 
Sinnestäuschung
 
 
Schweiß. Die Männer rennen wild diesem einen Ball hinterher. Von oben bis unten durch geschwitzt. In den Pausen wird sich großzügig mit Wasser übergossen.

Irgendwann blende ich alles komplett aus. Die Trikots und ihre Träger sind nur noch schwarz Orange Flecken für mich. Sie tanzen umher wie in einer geübten Choreographie und ich beginne mir eine Geschichte auszudenken. Alle meine Sinne sind auf diese Flecken gerichtet, wie Flammen eines Moor Irrlichts, die versuchen, mich in ihren Bann zu ziehen. Hin und wieder verschwindet ein Irrlichts und ein neues kommt hinzu.

Diese Choreographie ging weiter und weiter bis auf einmal alle stoppten. Erst dann merkte ich, dass das Spiel zu Ende war. Die Illusion der Irrlichter verschwand sofort und ich sah wieder Gesichter und Menschen.

 
 
 
 
 
Yvonne Janetzke
 
 

Die Abwesenheit von Etwas
 
 

Wir gehen eine Straße entlang, biegen um die Ecke und machen Halt. Das Pflaster schlägt Wellen, das Licht zertreibt in Fetzen, das Pflaster beruhigt sich. Wir kennen die Straßen, kennen die Häuser, falsch, wir kannten die Straßen, kannten die Häuser, kannten Teile der Menschen. Etwas irritiert: Etwas fehlt. Schnell erkennen wir, was, alles ist zweidimensional, die Häuser, die Laternen, die Vögel, die flatternd am blauen Himmel haften, wie festgepinnt, kommen nicht vom Fleck und dunkle Tropfen perlen über Blau und Weiß. Die Erinnerungen sind Abziehbilder, überkleben die Realität, unsere Realität, was uns fehlt, fehlt den Anderen nicht, was den Anderen fehlt, haben wir nie vermisst. Falsch. Im Grunde sind wir alle gleich, unter der Haut, die uns weich und weiß umhüllt und die Knochen umfließt, so verletzlich, die Widerstandskraft allzu gering, doch wir halten mehr aus, als jemals geahnt. Unsere Wünsche unterscheiden sich kaum, alles in allem, unterscheidet uns also vielmehr, was uns fehlt? Erstickt uns viel mehr, was uns fehlt? Doch wir atmen, wir gehen weiter, wir atmen weiter und sind so viel mehr als der Verlust, in dem wir nicht ertrunken sind. Der Gedanke beschwingt, der Gedanke macht Mut und wir lenken unsere Schritte in die Kneipe, die unsere Jugend konserviert. Und wir trinken, trinken uns durch die Nacht unter dunklen Balken, die die Decke nicht berühren, was den meisten entgeht. Alles Fake. Öldrucke und Kerzenflammen imitierende Lampen an den Wänden, der Boden hebt und senkt sich rhythmisch knarzend in antik-maritimer Atmosphäre, der Kitsch bildet einen Puffer und die grob und schrill lackierten hölzernen Masken zwinkern uns zu. Mit einer schnellen Bewegung erhaschen wir die Fliege auf dem Tisch und zerreiben sie zwischen den Fingerkuppen.

 
 
 
 
 
Stephanie Pundt
 
 
Geborgenheit
 
 
 
Ehrlich gesagt, weiß ich nicht wirklich wie ich das hier beginnen soll. Wie ich Heimat definieren soll. Ich saß lange daran, habe lange nachgedacht und bin schlussendlich doch nicht zu einem Ergebnis gekommen. Fakt ist, ich kann nicht genau sagen, was meine Heimat zu meiner Heimat macht. Ob es die Menschen sind, meine Freunde, meine Familie oder ob es die verschiedenen Orte sind, die mich in meiner Heimat heimisch fühlen lassen. Wenn ich sagen sollte, was Heimat sein kann, könnte ich vermutlich mehr dazu schreiben. Mehr ins Detail gehen. Doch mein eigenes Verständnis von Heimat kann ich nicht wirklich greifen.

Es ist einfach ein Gefühl, das ich habe, wenn ich dort bin. Wenn ich den kleinen Weg entlang fahre, umgeben von Bäumen, in der Nachbarschaft, in der ich meine ersten Jahre verbracht habe. Wenn ich in dem Wendehammer bin, indem meine damalige beste Freundin mit mir Fahrrad fahren geübt hat. Wenn ich die Straße hoch zu unserem jetzigen Haus fahre und im Dunkeln bereits das Licht vor der Tür weit scheinen sehe, in dem Wissen, dass meine Mutter es für mich angemacht hat, so wie sie es immer macht, wenn ich erst später am Abend heim komme. Es ist die Geborgenheit, die ich empfinde, wenn ich unterwegs durch unser kleines Städtchen bin und zu fast jeder Ecke und Straße eine kleine Geschichte erzählen kann. Es sind die Erinnerungen daran, welchen Weg ich immer zur Schule gefahren bin, wo ich meinen ersten Fahrradsturz hatte, wo ich meine ersten Bücher gekauft habe, auch wenn dieser Laden bereits nicht mehr existiert. Es sind die Menschen, die ich jeden Tag sehe, die mich zumindest vom Namen oder vom Sehen her kennen, weil sie meine Mutter und ihre Familie eben kennen, weil sie auch aus dieser Stadt stammen.

Meine Heimat ist da, wo ich aufgewachsen bin, aber nur weil ich so viele Erinnerungen daran habe, gute wie schlechte. Es ist meine Heimat, weil ich weiß, dass ich immer dorthin zurückkehren kann, dass mich die Leute immer irgendwie erkennen werden. Ich werde dort nie eine Fremde sein. Nie vollkommen alleine sein. Denn diese Stadt wäre nicht meine Heimat, wenn meine Familie nicht dort wäre. Wenn meine Mutter nicht dort wäre. Wenn meine engsten Freunde, selbst jetzt wo sie auch zum Großteil studieren, nicht immer wieder dorthin zurückkehren würden.

Meine Heimat ist also ein Ort, aber auch die vielen Menschen, die dort leben oder dort mal gelebt haben. Heimat ist für mich an beides gebunden und miteinander verbunden durch meine Erinnerungen, die ich von meiner Vergangenheit habe. Vermutlich wird meine Heimat also noch eine sehr, sehr lange Zeit lang Lohne sein. Der Ort, an dem ich alles gelernt und erlebt habe, was mich heute ausmacht.

 
 
 
 
Gemeinschaftstext
 
 
Herbst
 
 
Aus dem Fenster des Busses beobachtete ich, wie Krähen von Baum zu Baum flogen. Die Krähen waren für mich in den schon kahlen Bäumen gut zu sehen, der Herbst hinterließ deutlich seine Spuren. Ich fragte mich, in welche Höhen Krähen steigen können.
Die Vorstellung, selbst einmal so hoch fliegen zu können und auf die herbstliche Landschaft herabzublicken, ist ein Traum. Allein schon der Gedanke, hoch durch den Himmel zu fliegen, lässt meine Füße kribbeln.
„Nächster Halt: Universität, Naturwissenschafen Eins!“, reißt mich die Ansage der Bushaltestelle aus meinen Gedanken.
Aber ich bin mir sicher: Falls ich mir eine Superkraft aussuchen könnte, dann wäre es das Fliegen.
Ich wäre frei und an nichts mehr gebunden. Frei und ohne Verantwortung. So wäre das Leben. Mein Leben.

 
 
 
 
 
Fabian Pieper
 
 
 
Heimat 4 – Nachspielzeit
 
 
Voller Vorfreude werfe ich einen Blick aus dem Küchenfenster und halte Ausschau nach dem so vertrauten roten VW-Kombi. Es ist kurz vor sechs Uhr an einem Montagabend. Eigentlich keine gute Zeit für ein Fußballspiel, aber die Kommerzschraube dreht sich auch in der 3. Liga immer weiter. Ich bemerke die aus der Dunkelheit auftauchenden Scheinwerferlichter, welche die Ankunft von Florian ankündigen. Florian und ich kennen uns bereits seit Kindertagen, sind früher immer zusammen ins Zeltlager gefahren und nun auch schon seit einigen Jahren bei jedem Heim- und vielen Auswärtsspielen unseres VfL Osnabrück gemeinsam unterwegs. Trikot und Schal habe ich bereits in der Hand und so werfe ich noch ein letztes „Bis später!“ zurück ins Haus, um meinen Eltern meine Abfahrt mitzuteilen.

Am Stadion Bremer Brücke angekommen schlagen uns die Menschenmassen entgegen. 11.000 Zuschauer werden erwartet, für ein Montagsspiel in der 3. Liga ist das sensationell. Kein Wunder, schließlich ist der VfL Spitzenreiter und hat gegen den KFC Uerdingen ein echtes Topspiel. Vor dem Stadion treffen wir unsere anderen Freunde: Nils, Patrick und Kö. Wir sind ein eingeschworener Haufen, haben seit Jahren unseren Stammplatz in der Fankurve und sind guter Dinge, was das heutige Spiel angeht. Zunächst muss Florian jedoch noch ein paar kleine Spitzen über sich ergehen lassen: Drei Tage zuvor hatte er seinen 25. Geburtstag gefeiert und den alkoholseligen Abend nicht überstanden. Aber man wird ja auch nur einmal 25.
Das Spiel ist ein echtes Topspiel. Beide Mannschaften schenken sich nichts. Zwar gerät unsere Mannschaft in der zweiten Hälfte mit 0:1 in Rückstand, doch der VfL trifft zum 1:1 und kurz darauf fliegt auch noch ein Uerdinger Spieler vom Platz. Gelb-Rot wegen groben Foulspiels, eine klare Sache. Die letzten 20 Minuten wirbelt die Mannschaft auf dem Platz und die Fans geben von allen vier Seiten des Stadions ihr Bestes. Auch wir versuchen unseren Teil zum Erfolg des Teams beizutragen. Wir singen, schreien, hüpfen und klatschen zu den Liedern, in die wir alle in der Vergangenheit schon so oft eingestimmt haben. Dennoch läuft uns die Zeit davon. Die Nachspielzeit ist längt angebrochen, da kommt noch mal ein langer Ball in den Uerdinger Strafraum. Ein Kopfball und dann… „HAND!!!“, schreien die 11.000 auf den Rängen wie aus einem Mund und brechen in kollektiven Jubel aus, als der Schiedsrichter nicht zögert und auf den Punkt zeigt – Elfmeter!

Meine Freunde und ich befinden uns einem unangenehmen Zustand zwischen Hoffnung und Bangen, als sich Osnabrücks Marcos Alvarez den Ball zurechtlegt. Als der Schiedsrichter das Spielgerät freigibt und Alvarez anläuft, verstummt das ganze Stadion für einen kurzen Moment. Alvarez schießt, der Torwart flieg in die andere Ecke, der Ball schlägt links unten ein. Die Bremer Brücke explodiert, das Spiel ist gewonnen! Auf der Tribüne liegen meine Freunde und ich uns in Armen. Wir jubeln und feiern ausgelassen. Späte Siege sind die schönsten Siege, so ist das im Fußball.

Auf dem Rückweg vom Stadion sezieren Florian und ich jede entscheidende Szene bis ins Detail. „Klarer Elfmeter“, sind wir uns beide einig, auch dass der Sieg am Ende verdient war. Meistens sind wir uns uneinig, dann treffen unveränderliche Standpunkte aufeinander, aber heute gab es am Spiel wenig zu rütteln. Bei mir zu Hause angekommen verabschieden wir uns per Handschlag, bis zum nächsten Mal. Ich schlage die Tür von Florians Auto zu und sehe ihm nach, wie seine Rücklichter sich entfernen und am Ende der Straße in eine Kurve einbiegen und gänzlich verschwinden.

Es war das Letzte, was ich von Florian je sehen sollte. Keine 24 Stunden später stellte Florian sich vor einen Zug. Er setzte seinem Leben ein plötzliches Ende.

Neun Tage später, auf der Beerdigung, steht unsere komplette Gruppe vor dem großen Erdloch, in das sein nahezu leerer Sarg kurz zuvor eingelassen wurde. Jeder von uns nimmt unter Tränen eine kleine Schaufelspitze voll Erde und wirft sie hinab in das Grab. Schon halb von Erde bedeckt, aber noch immer unter dem Dreck erkennbar, verschwindet auch ein lila-weißer Schal. Er ist ein letzter Gruß an unseren Freund.

 
 
 
 
 
 

Alina Zimmermann
 
 
Unerwarteter Besuch
 
 
Der zweite Advent. Die Kekse sind im Ofen – heute werden es Zimtsterne, meine Lieblingskekse in der Weihnachtszeit. Mit einer Tasse Tee in der Hand verlasse ich die Küche, um es mir auf dem Sofa gemütlich machen zu können, während die Sterne im Ofen vor sich hin backen. Ich streife mir meine Hausschuhe von den Füßen, zünde zwei Kerzen von meinem selbst gebastelten Adventskranz an und mache es mir mit Tee und Buch auf dem Sofa gemütlich. Wirklich schön, diese Adventssonntage, an denen die Wohnung nach frisch gebackenen Keksen, Duftkerzen und Lebkuchen riecht. Heute muss ich die Wohnung nicht mehr verlassen. Stattdessen kann ich ganz in Ruhe von meinem Sofa aus das Schneetreiben vor meinem Fenster beobachten und auf meine Freunde warten, die später mit Wein und Pizza zum Tatort gucken vorbeikommen. In der Weihnachtszeit geht es für mich gar nicht um Geschenke. Viel schöner und wichtiger sind solche Tage wie heute. An denen ich Zeit für mich finde, zur Ruhe komme und einen schönen Abend mit meinen Liebsten verbringe. Es geht um Besinnlichkeit und Dankbarkeit.

Plötzlich klingelt es an der Tür – es ist gerade erst nachmittags. Meine Freunde werden es nicht sein, wir sind schließlich erst in vier Stunden verabredet. Kurz überlege ich, das Klingeln einfach zu ignorieren. Aber beim Anblick des Schnees und Sturms vor dem Fenster verwerfe ich meinen Gedanken schnell wieder. Was, wenn die Person, die gerade geklingelt hat, Hilfe benötigt? Also ziehe ich meine Hausschuhe an und gehe zur Haustür. Die Hausschuhe sind eigentlich echt nicht für den Winter geeignet. Mir ist grundsätzlich kalt und eigentlich sind es eher Latschen, die vorne auch noch offen sind. Aber sie waren ein Geschenk meiner Oma und sie sind echt bequem.

An der Tür angekommen drücke ich auf den Summer, höre, wie sich die Tür unten öffnet und eine Person die Treppe hochkommt. Noch ist meine Wohnungstür geschlossen. Ich möchte lieber erst einmal durch den Spion gucken.
Ich sehe, wie eine Frau vor meiner Tür auftaucht. Sie ist relativ klein, hat dunkle, lange Haare, braune Augen und sieht ziemlich durchgefroren aus.
Ich öffne die Tür. „Kann ich Ihnen helfen?“
„Es tut mir wirklich Leid Sie an einem Sonntagnachmittag stören zu müssen. Sie sind die einzige Person, die mir die Tür geöffnet hat. Ich komme nicht von hier und mein Handyakku ist alle. Ich muss unbedingt einen Freund erreichen, den ich heute Abend treffen wollte und natürlich steht unser Treffpunkt in meinem Handy. Ich habe tatsächlich weit und breit kein Café gefunden, in dem ich mein Handy aufladen konnte und danach googlen war ja auch nicht möglich … heutzutage sind wir echt aufgeschmissen ohne diese Dinger!“
Ganz kurz denke ich, dass das vielleicht alles nur ein Vorwand ist, um mich auszurauben oder sowas. Aber dann schäme ich mich für den Gedanken. Wir sind alle viel zu misstrauisch geworden, denke ich, und bitte die Frau, hereinzukommen.

Als sie ihr Handy anschließt, stellt sie sich vor. „Ich bin übrigens Maria und wohne in Frankfurt. Ein Freund von mir wohnt hier in Hannover und eigentlich war ausgemacht, dass ich heute Abend direkt vom Bahnhof aus zu unserem Treffpunkt fahre. Irgendwie bekam ich dann aber heute Morgen die Benachrichtigung, dass mein Zug ausfällt und ich die Möglichkeit habe, einen früheren zu nehmen. Ich musste mich ziemlich beeilen und dachte, dass ich im Zug mein Handy aufladen und meinem Freund Bescheid sagen könnte. Bei meinem Glück gingen die Steckdosen dann aber nicht, also saß ich ohne Handyakku im Zug und kam vor zwei Stunden in Hannover an, ohne zu wissen wo ich hin soll. Ich bin dann erst mal losgelaufen. Später fiel mir dann ein, dass ich im Bahnhof bestimmt irgendwo mein Handy hätte aufladen können, aber da war ich schon hier in Ihrer Straße. Ich bin wirklich froh, dass Sie aufgemacht haben! Länger hätte ich es in dieser eisigen Kälte echt nicht ausgehalten… – ah, mein Handy ist an. Ich telefoniere schnell und dann sind Sie mich auch wieder los.“

Während Maria telefoniert, fallen mir die Kekse im Ofen ein. Ich dachte der komische Geruch kommt von draußen, aber nein … ich laufe in die Küche und natürlich sind die Kekse verbrannt. Ich hab sie total vergessen.
„Oh nein, ich habe Sie total abgelenkt!“ sagt Maria, als sie in die Küche kommt und mich vor den schwarzen Keksen sieht. „Das tut mir so Leid. Ich werd Sie jetzt wieder in Ruhe lassen und draußen an der Bushaltestelle gegenüber warten. Mein Freund wird mich dort später abholen, gerade kann er leider noch nicht. Aber das ist nicht schlimm. Danke, dass Sie mich überhaupt reingelassen haben.“
Ich zögere nicht lange und frage Maria, ob sie nicht einfach hier warten möchte. Ich hab mich zwar auf den Nachmittag allein gefreut, aber Gesellschaft ist schließlich auch schön und außerdem scheint sie echt nett zu sein. Und ich bringe es echt nicht übers Herz, sie wieder in die Kälte zu schicken.
Sie freut sich über mein Angebot und wir machen es uns mit Tee auf dem Sofa gemütlich.

Eineinhalb Stunden und gute Gespräche später steht ihr Freund unten vor der Tür. Wirklich schade, Maria und ich sind absolut auf einer Wellenlänge. Wir haben unsere Nummern ausgetauscht und sie verspricht mir, nicht nur ihren Freund bei ihrem nächsten Hannoverbesuch zu besuchen, sondern auch mich.
Als sie nach unten geht und ich die Tür hinter mir schließe, denke ich, wie froh ich bin, mein Misstrauen vorhin beiseite geschoben und an das Gute geglaubt zu haben. Vielleicht macht genau so etwas die Weihnachtszeit aus.

 
 
 

Natürlich haben wir noch weitere tolle Texte im Gepäck. Die werden die Autor*innen in einer ziemlich coolen Location vorlesen, inmitten von echten Heimatmöbeln: Am 3. April von 17 – 18 Uhr bei
WEDDERBRUUK Am Schwarzen Meer 10
 
Vielen Dank an Sandra Hörner, Tilman Schwake und Frederik Niemann für Eure Gastfreundschaft!
 
 
 
 

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Eine Weihnachtsgeschichte aus dem „Roten Dorf“. Sie entstand im Rahmen meiner Schreibwerkstatt für geflüchtete Kinder:

 
 
 
 
Die Bremer Schokomusikanten
 
 
Von Ramina, Layan und Limar
 
 
 

Es schneit. Draußen ist es schon dunkel, nur die Sterne stehen am Himmel und die Lichterketten strahlen über die Obernstraße bis auf den Weihnachtsmarkt mit seinen bunten Hütten und Buden, beinahe bis auf den großen Tannenbaum vor der Bremer Bürgerschaft.
Die Bremer Stadtmusikanten stehen dort hinten, an der Rückseite des Rathauses. Morgen werden wieder Touristen die Beine des Esels umfassen und sich etwas wünschen.
Nun fallen immer dickere Schneeflocken auf den Boden, so dass die Kinder nach draußen gehen und Schneemänner bauen. Die Schulkinder schreiben Briefe an den Weihnachtsmann und legen sie aufs Fensterbrett. Oder sie stecken sie mit einem Briefumschlag in eine geschmückte Tüte. Ihre Wohnungen sind mit dem Weihnachtsschmuck dekoriert, den sie in der Schule gebastelt haben.

Tom, Ramina, Layan und Lana laufen durch die schöne Innenstadt. Sie haben kein Geld, sich an einer der Buden etwas zu essen zu kaufen. Sie haben gelernt, ihren Hunger zu verstecken.
Auf einmal ruft Lana: „Guckt mal! Da fliegen Haferflocken vom Himmel!“
Die anderen Kinder staunen. Tatsächlich: Hunderte, nein, Tausende von Haferflocken landen im dicken Schnee.
Schnell holen die Geschwister ihre Beutel heraus und sammeln die Flocken ein. Dann laufen sie damit zu den Bremer Stadtmusikanten, zu Esel, Hund, Katze und Hahn. Sie wollen die Haferflocken mit ihnen teilen.
Ein Mann kommt vorbei und lacht sie aus: „Die Tiere sind doch nicht echt. Das ist doch bloß eine Skulptur aus Metall.“
Da werden die Kinder ganz traurig, weil der Mann sie ausgelacht hat und weil die Bremer Stadtmusikanten nicht echt sind. Beschämt blicken sie dem Mann hinterher, der nun Richtung Domsheide verschwindet.
Plötzlich hören Tom, Ramina, Layan und Lana Geräusche: „Miau!“ „Kikeriki!“, „Wau wau!“ „I-ah!“
Da drehen sie sich die Kinder um. Sie hören Musik:
„Jingle Bells, I-ah!, Jingle Bells, wauwau … Jingle all the way … kikeriki!!!“
Und auf einmal fliegt der Hahn auf den Boden, landet im tiefen Schnee. Die Katze springt auf Toms Rücken. Seltsamerweise ist sie ganz leicht. Der Hund hüpft bellend um die Kinder herum. Der Esel tanzt eine Runde Flamenco.
Sie haben bestimmt Hunger, denken die Geschwister und schütten die Haferflocken für die Tiere auf einer trockenen Stelle an der Mauer des Rathauses aus.
Die Stadtmusikanten fressen alles auf. Layan, Lana, Ramina und Tom freuen sich darüber und hören nicht, wie ihre eigenen Mägen knurren.
Als die letzte Haferflocke verzehrt ist, geschieht etwas Seltsames: Der Esel, der Hund, die Katze und der Hahn schrumpfen und verwandeln sich in Schokolade.
„Ein Schokoladenhahn!“, staunt Ramina.
„Eine Schokoladenkatze!“, ruft Layan.
„Ein Schokoladenesel“, freut sich Tom.
„Ein Schokoladenhund“, sagt Lana andächtig. Sie hatte sich schon immer einen Hund gewünscht.
„Ich dachte, es gibt nur Schokoladennikoläuse“, wundert sich Layan.
„Oder Osterhasen“, denkt Ramina.
Wann haben sie das letzte Mal Schokolade gegessen? Den Kindern läuft das Wasser im Mund zusammen.
Was wäre, wenn …
Die Finger der Kinder sind schneller. Sie greifen sich einen Bremer Schokoladenmusikanten, der Stück für Stück im Mund verschwindet.
„Lecker!“, rufen die Geschwister, nachdem der letzte Stadtmusikant aufgegessen ist.
Dann erschrecken sie sich und bekommen große Angst.
„Das hätten wir nicht tun dürfen,“ weint Lana.
„Was nun?“, fragt Ramina verzweifelt.
Die Kinder beschließen, schnell nach Hause zu laufen. Sie hoffen, dass sie für ihre Tat nicht bestraft werden.

Am nächsten Morgen fallen noch dickere Schneeflocken vom Himmel. Ganz Bremen sieht jetzt wie eine verzauberte Winderlandschaft aus. Layan, Lana, Tom und Ramina finden in ihren Schuhen einen Zettel vom Nikolaus und Knetmasse in verschiedenen Farben.
Auf dem Zettel steht:

Keine Angst!
Es war nett von Euch, dass Ihr die Bremer Stadtmusikanten gefüttert habt.

Ramina, Lana, Layan und Tom sehen sich an und lächeln erleichtert. Aus der Knete formen sie Figuren: einen Hund, eine Katze, einen Hahn und einen Esel.
Die wollen die Kinder zurückbringen. Genau an die Stelle, an der die Stadtmusikantenstatue hinter dem Rathaus stand.
Mit ihren Stiefeln stapfen sie durch den Schnee an den Straßenbahnschienen entlang, vorbei am Schnoor mit seinen alten Häusern und engen Gassen.
Kein Mensch ist zu sehen. Die Buden und Hütten des Weihnachtsmarktes sind noch geschlossen. Ramina, Layan, Lana und Tom gehen unter den Arkaden am Rathaus vorbei. Als sie um die Ecke biegen, stutzen sie: Auf dem Sockel stehen die Bremer Stadtmusikanten. Ganz unten der Esel, darüber der Hund, auf dem Hund die Katze – und ganz oben thront der Hahn!
„Fröhliche Weihnachten!“, ruft der Mann, der sie ausgelacht hat und fliegt mit seinem Rentierschlitten davon.

 
 
 
 

Herzlichen Dank an die Bremer KindergeldStiftung!

 
 
 
 
 
 

In meiner neuen Schreibwerkstatt wollte ich Menschen verschiedener Generationen und Kulturen zusammenbringen, die zu unterschiedlichen Zeiten nach Bremen geflüchtet sind – nach Ende des Zweiten Weltkriegs, in der 80er Jahren, erst kürzlich – und sie ihre Erlebnisse und Erinnerungen erzählen lassen. Die Autorinnen und Autoren stammen aus dem Iran, der DDR, aus Ost- und Westpreußen und aus Syrien.

 
 
 
 

Regine

Grenzerfahrungen

In der Dämmerung überquerten wir die Elbe. Noch einmal sahen wir unser Heimatstädtchen Bad Schandau mit der großen Kirche und das Felsenband der Schrammsteine und dachten: „Das und alles, was uns lieb und wert war, sehen wir nie wieder!“

Da war im September 1958. Mein Vater brachte meine Schwester, zwölf Jahre alt, und mich, sechszehn Jahre alt, zum Übernachten zu seiner Schwester in die nahe gelegene Kreisstadt. Der Blick zurück über die Elbe war der erste große Schmerz meines Lebens. Er ist mir heute noch gegenwärtig. Dass wir Bad Schandau in einer Nacht- und Nebelaktion verließen, lag daran, dass es plötzlich Gerüchte über unseren Weggang gab. Bisher liefen alle Vorbereitungen im Geheimen ab. Ein Patient meines Vaters kam nachts zu uns und warnte uns. Meine Schwester hatte zudem in der Schule, als sie wegen einer schlechten Klassenarbeit gerügt wurde, verkündet: „Macht nix, wir hauen sowieso bald ab.“
Mein Vater wollte mit meiner Mutter und unserer anderthalbjährigen Schwester bei meiner Tante mit uns zusammentreffen. Gemeinsam wollten wir dann nach Berlin fahren. In der Nacht schliefen wir mit meiner Tante im Doppelbett. Ich hatte sie immer ein bisschen streng in Erinnerung. Doch in der Nacht vor unserem Weggang weinte sie.

Die Pläne, die DDR zu verlassen, gab es schon länger. Da war das Flehen der Großeltern in Westfalen – meine Mutter stammte aus Bielefeld – mit dem Wunsch, uns bei sich zu haben, bevor sich die Grenzen total schließen würden, was ja auch geschah.
Die Chancen für ein Studium waren für uns im Arbeiter- und Bauernstaat nicht groß, zumal ich nicht in der FDJ (der Jugendorganisation der DDR, die der Hitlerjugend nicht unähnlich) war. Ich war in der „Jungen Gemeinde“, einer evangelischen Jugendgemeinschaft und war der Kirche von Kindheit an (Kindergottesdienst, Krippenspiele) sehr nahe.
Da gab es natürlich Repressalien. Die Arztpraxis meines Vaters sollte verstaatlicht werden. Doch der Hauptgrund meiner Eltern, die DDR zu verlassen, war wohl die Angst, bald keine Möglichkeit mehr dazu zu haben. Sogar die Ferienreise zu den Großeltern war stets mit großen Schwierigkeiten verbunden. Da immer nur ein Elternteil einen Reisepass bekam, um den man sehr kämpfen musste, musste sich der andere Elternteil auf abenteuerlichen Waldwegen jenseits der offiziellen Grenzübertritte gen Westen kämpfen und wusste oft nicht, auf welchem Hoheitsgebiet er sich befand. Er war dann froh, wieder in unser Auto einzusteigen, das er vor der Grenze verlassen hatte.

Unser Weggang war lange geplant, musste aber streng geheim gehalten werden. Fluchtversuche wurden mit hohen Haftstrafen geahndet. Die Kinder der Inhaftierten kamen in staatliche Kinderheime. Das einzige Schlupfloch war Berlin. Hier konnte man mit U- und S-Bahn ungehindert von Ost- nach Westberlin fahren. Diese Möglichkeit nutzten meine Eltern, um Bewegliches, wie Bücher, Porzellan, etc. zu den Großeltern zu bringen, die sie in Westberlin trafen. Berlin war eine Insel, die wir nur verlassen konnten, in dem wir das DDR-Gebiet überflogen. Was hatten Menschen nicht alles versucht, um in den Westen zu gelangen! Fluchtversuche im Ballon, über die Ostsee, im umgebauten Kofferraum, im gegrabenen Tunnel…
Am eigentlichen Fluchttag verteilten wir uns, angekommen in Berlin, auf verschiedene Bahnstationen und trafen an der ersten westlichen Bahnstation wieder zusammen. Es war geschafft!

Die ersten Worte meines Vaters: „Jetzt bin ich arbeitslos.“ Er schüttelte den Kopf, als er entdeckte, dass meine Mutter in Windeln getarnt einen Silberleuchter im Kinder-wagen versteckt hatte. Es war ein warmer Septembertag. Meine Schwester und ich trugen fellgefütterte Winterstiefel, die mussten dann nicht mehr neu gekauft werden. Unauffällig war das bestimmt nicht.
Wir sollten von Berlin nach Hannover fliegen. Dort warteten die Großeltern. Der erste Flug! Vor lauter Kummer und Aufregung habe ich ihn gar nicht so recht wahrgenommen… Wir konnten sogar unser zurückgelassenes Auto aus der Luft sehen. Eine Stewardess bot Schokolade an, aber ich traute mich nicht, welche zu nehmen. Ich glaubte, wir müssten sie bezahlen und wir hatten doch kein Westgeld!

In Hannover gelandet schlossen uns die Großeltern überglücklich in die Arme, und ich denke noch heute an ihre liebevolle und selbstlose Aufnahme. Durch die Ferienbesuche waren uns Bielefeld, Umfeld und Menschen vertraut. Ich weiß aber, dass die Kollegen meines Vaters von seinem „Auftauchen“ nicht sonderlich beglückt waren und die Eröffnung seiner Arztpraxis nur mit Schwierigkeiten möglich war.
Der Empfang in der neuen Schule war überaus freundlich, doch ich hatte besonders in den Sprachen Defizite, die bis zum Abitur kaum noch aufzuholen waren. Dass ich an einer Schule in Bethel bei Bielefeld Russisch weiterführen konnte und Latein nachholte, machte mir den Schulabschluss möglich. Zunächst war ich an einem städtischen Gymnasium und in vielen Stunden Gasthörerin. An meinem ersten Schultag zog ich das Beste an, was ich besaß: Einen blauen Pullover und einen grauen Faltenrock. Damit sah ich hier plötzlich hoffnungslos altmodisch aus. Mein Selbstwertgefühl begann zu sinken. Als eine Kunsterzieherin zu einer Kameradin, die klagte, die teuren Materialien für den Kunstunterricht nicht bezahlen können, sagte: „Dann gehörst Du nicht auf diese Schule,“ dachte ich, so etwas hätte es in der DDR nicht gegeben.
Eine Klassenkameradin, die aus Leipzig nach Bethel kam, ließ meinen sächsischen Akzent wieder voll erblühen. Unsere Eltern hatten uns immer wohlweislich ermahnt, hochdeutsch zu sprechen. Bei einer Lesung eines antiken Dramas durfte ich die Hauptrolle lesen. Mit genügend Pathos und Einsatz meinte ich, meine Rolle gut gemeistert zu haben. Doch mein Deutschlehrer sagte: „Ich wusste gar nicht, dass Antigone aus Sachsen kommt.“

1949. Elf Jahre vor unserem Weggang waren Freunde meiner Eltern ebenfalls unter abenteuerlichen Umständen über den Harz von Bad Schandau nach Bremerhaven geflohen. Im „Westen“ traf man sich wieder. Da gab es einen Sohn, der uns noch in Schandau besucht hatte. Eine stetige Weiterentwicklung der Beziehung führte zur Heirat. Er arbeitete in Bremen, und so kam ich nach Studienjahren in Göttingen 1966 in die Hansestadt. Als Kind hatte ich die Stadtmusikaten schon einmal angefasst und ich kannte ein plattdeutsches Lied: „Dat du min levsten büst…“ Ich hatte es in Schandau gelernt! Vor unserer Heirat hatte ich meinen Mann öfter besucht, kannte Freimarkt und Schnoor. Auch hatte ich in dem wunderbaren Dom ein Konzert mit dem Dresdner Trompeter Ludwig Güttler gehört. Ich kannte auch die Wümmeniederung, der ich noch sehr nahe kommen sollte.

Mein Anfang in Bremen forderte mir viel ab: Examen, erstes Kind, Ehebeginn, Leben in ungewohnter Umgebung, keine bekannten Menschen, Konfrontation mit sozialen Brennpunkten, doch für meine Entwicklung erwies sich das als wichtig. Unvergessen Silvester 1966: Unser erster Sohn war auf die Welt gekommen und nachts läuteten die Domglocken. Mit Studium und Eintritt in den Schuldienst lernte ich viele neue Menschen kennen und schätzen. Es gab natürlich auch Menschen, die glaubten, in der DDR – man sprach von Dunkeldeutschland – wären fast alle Russen…
Mit dem Kinderwagen erkundeten wir oft das Bremer Umland. Durch großen Zufall konnten wir ein Grundstück in einer noch ländlichen Gemeinde Bremens an der Wümme erwerben. Hier gab es auch eine kleine, überschaubare Dorfschule, die zu meiner Wirkungsstätte wurde. Hier wurde auch platt gesprochen, eine Herausforde-rung für einen Menschen aus Sachsen. Aber ich war nicht die einzige Sächsin vor Ort. Einmal ging mein Mann mit mir durch die blühenden Wümmewiesen und sagte: „Sieh mal, weites Land!“ Mir fehlten Wald, Höhen und Felsen. Doch die Liebe zum „weiten Land“ wuchs langsam. An der Wümme wuchs auch unser zweiter Sohn auf. Heimisch wurden wir auch durch Bootsfahrten mit unseren Kindern auf der Wümme. Unser ältester Sohn hatte in liebevoller Kleinarbeit einen Kanadier restauriert.

Inzwischen waren wir mehrfach in Schandau gewesen. Als Devisenbringer waren wir sogar gern gesehen. Bald nach unserem Weggang war ja die Mauer errichtet worden. Den als stur empfundenen Norddeutschen lernte ich als aufrechten, bodenständigen Menschen immer mehr schätzen, und plattdeutsch konnte ich gut verstehen. Ich hatte liebe Kollegen, doch ein älterer Kollege sagte während einer Hofaufsicht zu mir: „Ich habe nichts gegen dich, aber dass du aus Sachsen kommst, macht mir Schwierigkeiten.“ Ich habe viele entgegenkommende Menschen erlebt, weiß aber, dass viele Kriegsflüchtlinge nicht nur auf Freundlichkeit gestoßen sind. In unserem Stadtteil wurden für sie Siedlungshäuser mit Kleintierstall und Nutzgarten errichtet.
Meine Bemühungen um die plattdeutsche Sprache ließen inzwischen eigene Sprachversuche zu. Meine Schüler aus dem Blockland sprachen häufig noch Platt. Einem Schüler der etwas schwer zugänglich war, versuchte ich mich über sein Hobby Angeln zu nähern und bat ihn, mal eine Brasse mitzubringen. Mit einer zusätzlichen Schreibübung beauftragt sagte er zu seinen Freunden: „De kriggt keen Brassen!“
Inzwischen waren viele Menschen, die wir kennen, im Elbsandsteingebirge, unsere Söhne mit ihren Familien, Freunde, Kollegen und die, denen wir von unserer Heimat erzählt haben. Vor einigen Wochen waren mein Mann, unsere Söhne und ich in Bad Schandau. Mit Zielrichtung Bremen fuhren wir wieder über die Elbe und sahen zurück auf unsere kleine Stadt, diesmal ohne Abschiedsschmerz, mit etwas Wehmut, und in mir die Gewissheit, dass ich wieder kommen kann.

 
 

 
 

 
 

Djafar

Asyl

Der Pedro liegt im Krankenhaus in Langenhagen in der Nervenklinik. Vor zwei Wochen rief der Sonntagsdienst die Polizei, ein Ambulanzwagen vom Deutschen Roten Kreuz kam und nahm Pedro mit.
Wir sind jetzt einer weniger in unserem Lager. Aber nicht, weil jemand als asylberechtigt anerkannt wurde, sondern weil er durch die Ereignisse in seinem Leben die Nerven verlor. Pedro war der Überblick über seine persönliche Situation verlorengegangen. Er konnte nicht mehr warten, bis die Behörden über seinen Asylantrag entscheiden würden.

Das Schicksal von Pedro ist auch unser Schicksal. Die Entfremdung von der Umwelt kommt nicht nur von unserem Lager, in dem wir wohnen, sondern die Entfremdung und diese Selbstmordversuche sind eine Tendenz, verursacht durch die deutschen Asylgesetze, die durch das Verhalten der Behörden noch verstärkt wird.
Der Pedro ist nicht das erste Opfer in unserem Lager. Der erste war ein Afghane, der auch einen Selbstmodversuch beging. Er hatte versucht, sich in der Küche mit einem Messer die Kehle durchzuschneiden. Es fällt den Bewohnern des Lagers schwer, diese Küche weiter zu benutzen. Immer haben sie den Anblick des Landsmannes und das viele Blut vor Augen.

All dieses ereignet sich, weil die Asylbewerber gezwungen sind, dort zu leben und zu wohnen, wo die Regierung sie hinschickt. Sie dürfen den Wohnort oder Landkreis nicht verlassen, obwohl etliche die Möglichkeit hätten, bei Freunden oder Verwandten und Bekannten zu leben. Nicht einmal eine Reiseerlaubnis zu Besuchszwecken erhalten wir. Nur wenn enge Verwandte schwer krank sind oder sterben. Selbst wenn wir für einige Tage zu Freunden in das uns erlaubte Gebiet gehen, müssen wir damit rechnen, dass die Heimleitung dies bei den Behörden meldet, da sie die Anweisung hat, alle Personen, die mehr als 2 Tage nicht im Lager erschienen sind, der Bezirksregierung zu melden. Es kann uns dann als Bestrafung das Taschengeld (70,00 DM monatlich) gekürzt werden.

Das einzige, was wir tun können, ist essen, fernsehen und schlafen. Tag für Tag, Monat für Monat, Jahr für Jahr, wartend auf einen Anhörungstermin und die Entscheidung des Bundesamtes.
Zusammenleben mit Personen, die kaum gemeinsame Interessen haben, unterschiedlicher Nationalität und Lebensgewohnheiten. Z.B. leben in einem Lager Iraner, die vor der Khomeni-Regierung geflohen sind und Afghanen, die Bilder von Khomeni in ihrem Zimmer aufhängen.
Wir müssen uns immer ruhig verhalten, dürfen niemals laut werden. Wir fühlen uns wie Gegenstände, die man nach Belieben hin- und herschiebt. Da es uns verboten ist zu arbeiten, bekommen wir durch viele Kleinigkeiten täglich zu spüren, dass wir von der Gunst der deutschen Bürger abhängig sind, dass sie uns ernähren, kleiden. Kaum jemand kann nachfühlen, wie groß der Wunsch ist, für unser Leben selbst zu sorgen. Nicht einmal einkaufen können wir gehen, weil wir die Lebensmittel zugeteilt bekommen.
Was ich hier vortrage ist keine Geschichte, sondern Realität. Es ist das Leben von Menschen, die durch die Politik in ihrem Heimatland ihr Land verlassen mussten und nach Deutschland eingereist sind, um ihr Leben zu retten. Jetzt wird niemand erstaunt sein, wenn Pedro im Krankenhaus liegt.

Wir bekommen im Lager alle Depressionen. Wir sehen täglich die Unmöglichkeit, unser Leben selbst zu gestalten. Wir müssen immer in dem Bewusstsein leben, dass uns möglichst niemand bemerkt, dass wir nicht Gefahr laufen, aggressiv zu werden, immer alle Probleme in uns behüten, damit es keine Schwierigkeiten mit den uns unbekannten Gesetzten gibt, sonst kann unser Anerkennungsverfahren beschleunigt werden. Auch Pedro hat sich so verhalten. Er war vorher ein normaler Mensch wie alle anderen Staatsbürger, aber die Lebensumstände haben ihn das Leben nicht mehr ertragen lassen.
 
 
 
 
 
 
 
Klaus

Vom Horner Holzhaus in die Vahr

Ich bin 1937 in Danzig geboren. 1945 wurden wir, als der 2. Weltkrieg, den Hitler-Deutschland begonnen hatte, zu Ende war, aus unserer Heimat in Westpreußen vertrieben. Wir waren noch 6 Personen: Großmutter, eine Tante, ein Onkel, meine Mutter, meine 5-jährige Schwester und ich als 8-jähriger. Uns blieb nichts anderes übrig, als uns über deutsch-polnische Nachbarn Bahnfahrkarten zu besorgen, um mit dem Zug erst einmal nach Berlin zu kommen. Für die etwa 550 km lange Strecke brauchten wir wegen der chaotischen Verhältnisse ( Schikanen, Diebstahl der Essensvorräte, Vergewaltigungen der Frauen durch polnische und russische Soldaten, mehrere Zwangsstopps des Zuges, Übernachtung in Bahnhöfen), mehr als eine Woche.
Endlich in Berlin angekommen, wurden wir vom Deutschen Roten Kreuz betreut. Damit war zunächst das Schlimmste überstanden. Von Berlin aus fuhren wir weiter nach Gera/Thüringen, in die Geburtsstadt meines Vaters, um zu versuchen, bei Verwandten unterzukommen. Sie haben uns in ihrem Haus an der Weißen Elster aufgenommen und wir haben zehn Monate dort im russischen Zonenbereich verbracht.

Der Aufenthalt in Gera war relativ lebenswert und wir Kinder haben die Verhältnisse und Schwierigkeiten, auch hinsichtlich der politischen Lage, der Versorgung und der Lebensmittelrationen, nicht so gemerkt. Ich musste jedoch dort in die Schule gehen, in die 3. Klasse und u.a. Russisch lernen.
Durch Zufall erfuhren wir, dass mein Vater den Krieg lebend überstanden hat, in amerikanische Kriegsgefangenschaft geraten war, aber in Bremen entlassen wurde. Schon bald waren wir im Mai 1946 unterwegs mit dem Zug von Gera über Berlin nach Bremen, wo es ein Wiedersehen gab.

Nach dem Krieg gab es aufgrund der vielen zugewanderten Flüchtlinge und Vertriebenen Zwangseinweisungen in die Häuser der einheimischen Bewohner in Bremen. Mein Vater hatte im Kellergeschoss eines Wohnhauses in Bremen-Horn zwei kleine Räume bekommen. Dort konnten wir Neuankömmlinge auch bleiben. Es war alles sehr beengt und einfach, aber wir waren zusammen und brauchten in keinem der elf Flüchtlingslager leben, die es in Bremen gab. Bremen hatte nach dem Krieg 129.000 Menschen aufgenommen.
Wir mussten uns in den kleinen Räumen sehr bescheiden. Es gab über einem Steinbecken nur einen Wasserhahn und dann noch einen Küchenherd als Wärmespender und Kochstelle, der mit Holz oder Kohle beheizt werden musste.
Draußen vor dem Haus konnten wir Kinder jedoch mit vielen anderen Kindern auf der Strasse spielen. Es gab fast keine Autos. Einmal spielten wir Fußball mit alten Gummibällen, einmal Hockey mit umgedrehten Krückstöcken, dann einmal Tennis mit Holzschlägern, die ein Vater, der Tischler war, mehrfach für uns Kinder aus Sperrholzplatten herausgesägt hatte. Im Winter 1946/1947 mit viel Schnee, bauten wir sogar große Iglus. Ach ja, auf alten Fahrrädern haben wir uns das Fahrradfahren beigebracht.

Nun mussten wir auch zur Schule. Neben der Schultasche mussten wir täglich einen Henkeltopf und einen Löffel für die Schulspeisung mitnehmen. Es gab immer Suppe, auch manchmal dicke Schokoladensuppe. Manchmal fanden wir auf unseren Schulbänken in der Klasse Erdnüsse, Kaugummi und Schokoladentafeln vor. Diese Dinge wurden öfter von der amerikanischen Besatzungsmacht organisiert.Es ist noch zu bemerken, dass Bremen und Bremerhaven eine amerikanische Enklave in der britischen Besatzungszone waren.

Nach fünfeinhalb Jahren konnten wir am 24.01.1952 die Souterrainwohnung verlassen und ganz in der Nähe ein aus Barackenteilen errichtetes Holzhaus mit einem großen Garten beziehen. Der Garten war riesig mit 70 Obstbäumen aller Art, Beeren- und Erdbeerfeldern, Gemüsebeeten, Blumenrabatten, Rasen und Wiesen. Wir konnten Hühner, Gänse und Kaninchen halten. Es gab viel Arbeit, aber im Sommer war es paradiesisch und wir konnten alles ernten, was der Garten hergab. Im Winter allerdings war es im einfachen Holzhaus ohne jegliche Isolierung problematisch. Deshalb konnten wir auf Dauer, trotz des schönen Gartens nicht bleiben.

Im November 1957 bekamen wir vom Wohnungsamt in der Neuen Vahr eine Neubauwohnung mit 65 qm zugeteilt. Sie hatte 3 Zimmer, Zentralheizung, Duschbad, Warmwasserbereiter, Einbauküche und eine Loggia mit Blick ins Grüne. Damit hatten wir 12 Jahre nach Kriegsende die Nachkriegszeit überwunden.
Meine Mutter war zu diesem Zeitpunkt 48 Jahre alt, meine Schwester 17 Jahre alt und ich hatte schon das Alter von 20 Jahren erreicht. Mein Vater ist an Krebs im November 1956, noch in dem Holzhaus, leider verstorben.
 
 

 
 
 
 

Mahmoud

Verlust

Eine Bremer Freundin erzählte mir von einem Zeitungsartikel, den sie vor kurzem gelesen hatte. Darin ging um eine Zoohandlung. Der Besitzer dieser Zoohandlung beobachtete, dass immer wieder arabisch aussehende Menschen vor seinem Schaufenster standen. Und weil der Zoohändler in seiner Jugend syrische Freunde hatte und auch schon einmal in Syrien war, wusste er genau, welches Tier seine neuen Kunden suchten.

Ich komme aus Damaskus. Vor acht Jahren hatte mir mein Vater zwei Kanarienvögel geschenkt. Sie waren zitronengelb und sahen wunderschön aus. Ich hängte ihren Käfig auf den Balkon. Wenn es kalt wurde, holte ich sie in die Wohnung.
Nach vier Monaten bauten sie ein Nest. Vier Tage später legte das Weibchen ein Ei. Nach 24 Tagen schlüpfte ein Junges. In dieser Zeit freute ich mich sehr. Das Junge war wie mein eigenes Kind. Am Anfang wachte ich jeden Morgen von ihren Liedern auf und ging zur Arbeit. Nach der Arbeit brachte ich aus unserem Laden Kopfsalat oder ein Bund Rauke oder Rettich mit, um sie jeden Tag mit etwas Frischem zu füttern.

Ein Jahr später fing der Krieg an. Ich hatte Angst um meine Vögel und brachte sie zum Schutz in den Keller und holte sie später wieder ab, um sie nach Hause zurückzubringen.
Nach ein paar Monaten war ich bei meiner Arbeit und mir fiel ein, dass ich die Wohnung verlassen hatte, ohne die Vögel mitzunehmen. Ich dachte, falls sie mehr als zwei Tage ohne Futter bleiben, werden sie vielleicht sterben. Deshalb und trotz aller Schwierigkeiten, entschied ich mich, sie zu holen. Der Weg war lang, weil die Hauptstraße gesperrt war. Unterwegs sah ich keinen Asphalt mehr, dafür brennende Häuser …
Die Wohnung über uns brannte, weil eine Bombe eingeschlagen war. Die Bombe hatte auch viele Löcher in unsere Wohnung gerissen. Zu dem Zeitpunkt spürte ich, dass ich etwas verloren hatte. Trotzdem lief ich in die Wohnung und rettete die Vögel. Ich wollte sie ins Haus meines Opas bringen.
Auf dem Rückweg hielt mich ein militärischer Kontrollposten an. Der Soldat sagte: „Schöne Vögel. Ich will einen haben.“
Es war mir unmöglich, ihm einen der Vögel zu geben. Ich gab ihm Geld, damit ich weiterfahren konnte.

Die Vögel blieben fast ein Jahr in unserem Laden. Vor meiner Flucht brachte ich sie einem Freund, in der Hoffnung, dass er sich um sie kümmern kann.
Meine Kanarienvögel haben mir viele Dinge beigebracht: die Glückseligkeit und positive Energie und viel mehr. In meiner Erinnerung werden sie wieder lebendig und singen ihre schönen Lieder weiter.

 
 
 
 
 
 
 

Karin

Erinnerungen an Flucht und Ankunft in Bremen

Wir waren eine große Familie mit sechs Kindern Unsere Flucht führte von Königsberg nach Dresden. Ohne unseren Vater, der leider in Königsberg/Preußen gefallen war.
Auf dieser Flucht verstarb der jüngste Bruder (zwei Jahre) an den Folgen einer Unterernährung. Hier wurden unsere Schwestern bei der Zusammenstellung neuer Transporte von uns getrennt. Sie waren 19 und 17 Jahre alt . Mit den Kohlenzügen konnten sie ihr Ziel „Bremen“ erreichen. Es gab eine Abmachung in der Familie: beim Verlieren trifft man sich in Bremen, weil sie eine Adresse von einer Freundin hatten.
Die weitere Flucht meiner Mutter( 41 Jahre) mit drei Kindern (10, 6, 3 Jahre) führte sie weiter nach Geisa in Thüringen. Hier wohnten wir vier bis Anfang Juli 1952. Danach, flüchteten wir drei: Mutter, jüngster Bruder und ich über Nacht und haben den Ort Geisa verlassen. Unser Ziel war Bremen. Mein älterer Bruder Hans-Jürgen (17Jahre) blieb zurück. Sein Wunsch war, die Lehre zu beenden.

In Gießen haben wir das erste Notaufnahmelager erreicht. Nach ca. drei Wochen ging es endlich mit der Eisenbahn weiter. Endlich erreichten wir unser lang ersehntes Ziel „Bremen“.
Der weitere Weg führte uns in das zweite Flüchtlingslager „ Gustav-Detjen-Allee“ im Hapag-Lloyd-Gebäude.
Hier fand eine starke Anteilnahme der Geflüchteten von ca. 500 Personen im Flüchtlingslager statt. Die große Halle waren mit langen Holztischen und Holzbänke versehen. Der Treffpunkt, um die Mahlzeiten einzunehmen und auch als Kommunikationsort der Flüchtlinge.

Nicht weit von diesem Flüchtlingslager war für die Kinder und Jugendlichen das Freizeitheim auf der Bürgerweide der Aufenthaltsort geworden. Mein Bruder und ich fühlten uns hier sehr wohl. Es gab einen Tischtennis-Lese-Aufenthaltsraum für die Geselligkeit um sich kennen zu lernen. Zur Erinnerung an Bremen: Gegenüber vom Freizeitheim stand die große Sporthalle aus Holz.
Ein weiterer Spielplatz vom Flüchtlingslager war am gegenüberstehenden Elefanten im Park. Heute, heißt der Park zu Ehren „ Nelson Mandela“.
In dieser Aufenthaltszeit im Flüchtlingslager und auch später wurden wir von der Kleider-Kammer am Wall in der Höhe vom Theaterberg eingekleidet.

Nach ca. 6 Wochen im Aufnahmelager erhielten wir eine zwei Zimmer Wohnung ca. 52 qm in der Brandt Str./in Findorff. Wohn- und Schlafzimmer, Küche, Toilette und Bad mit Waschbecken. Die Wanne und Dusche waren nicht eingebaut. Weil sie fehlten, suchten wir einmal in der Woche das Zentralbad/ am Richtweg auf. Um die wöchentliche Familien- Reinigung vorzunehmen.
Der Spielplatz von der neuen Wohnung aus, befand sich auf den Trümmern vom zerbombten Grundstücke an der Winter/Admiralstr. Heute Schulgrundstück und Schule! Als einziges Haus/und Praxis von Dr. Zimmermann hat es den 2. Weltkrieg überstanden. Naiv und unwissend habe ich die lila Trümmerblumen gepflückt. Heute weiß ich, dass sie giftig sein sollen.

Sehr schön war es zu sehen, wenn der Milchmann durch die Straße fuhr mit seinem Pferdegespann, Holzkarren und die Milchkannen darauf. Mit seiner großen Glocke machte er sich bei den Anwohnern aufmerksam, um die Milch zu verkaufen. Es war ein Treffpunkt zwischen Jung und Alt. Denn wir kamen alle mit unseren Milchkannen. Später wurde das Fuhrunternehmen eingestellt. Denn es wurde in dieser Straße ein Milchgeschäft eröffnet. Dort wurde dann die Flaschenmilch-Abfüllung mit Verschluss verkauft.

Jeden Samstag oder auch Freitag kann es gewesen sein, hatte ich die Aufgabe mich in die Reihe für den Schlachthof gegenüber dem Stadtwerk anzustellen. Denn hier konnte man Freibank-Fleisch kaufen. Es war bedeutend preiswerter als beim Schlachter. Unsere Mutter, musste mit der kleinen monatlichen Unterstützung wirtschaften. Erst drei Esser, später vier.
Das Anstellen war für mich das Schrecklichste: Die lange Reihe und die Vielzahl an Menschen begann vom Schlachthof bis zur Goessel Str. Dann, das enge Stehen für mich als Zehnjährige in der dichten Menschenmenge. Schritt für Schritt ging es weiter. Dies Gedränge und das Schieben von den vielen Menschen verlief über eineinhalb bis zwei Stunden. Bald fand unsere Mutter eine Anstellung in einer Arzt-Praxis als Sekretärin. Dadurch änderte sich meine Aufgabe für den Samstag. Mein Einkauf für das Wochenende befand sich auf dem Findorffer- Markt.

Unser Leben verlief relativ geordnet. Nur mein Bruder Hans-Jürgen fehlte.
Doch schon ein Jahr später, im Sommer 1953 um Mitternacht klingelte es bei uns an der Haustür.
Wir wohnten in der 3. Etage. Mutter, mein Bruder und ich schliefen schon. Ich hörte das Klingeln und ging in das Wohnzimmer, um das Fenster zu öffnen. Mein jüngster Bruder schlief im Wohnzimmer und hat nichts gehört. Ich traute meinen Augen nicht: mein ältester Bruder Hans-Jürgen stand mit seiner Gitarre unten auf der Straße. Vom Laternenlicht angestrahlt stand ein junger, schlanker gut aussehender Mann im Anzug mit seiner Gitarre. Kein Gepäck dabei. Aber seine geliebte Gitarre als Begleitung. Vor Freude und Überwältigung standen wir Drei alle am Fenster, um das Unfassbare gemeinsam erleben zu können. Wir Vier, haben eine freudige, lange, erzählende Nacht gehabt. Meine Mutter mit ihren fünf Kindern als Familie hat sich komplett in Bremen wieder gefunden. Welch eine wunderbare Gottes Fügung.

 
 
 
 

Mohamad

Bremer Träume

Mein Name ist Mohamad. Ich bin 31 Jahre alt. Ich komme aus Syrien.
Im Jahr 2015 flüchtete ich nach Deutschland. Meine erste Station war ein kleiner Ort in der Nähe von Düsseldorf namens Mettmann. Ich habe dort 45 schöne Tage verbracht. Obwohl ich in einer Sporthalle wohnte, fühlte ich mich wohl. Der Saal war nicht überfüllt und die Mitarbeiter waren sehr nett und verständnisvoll. Ich habe auch Freundschaften geschlossen, die bis heute immer noch andauern.
Da ich Veränderungen nicht so gerne mag, dafür aber ruhige kleine Orte, wollte ich in Mettmann bleiben. Doch Wünsche bleiben meist unerfüllt, deshalb sollte ich an einen anderen Ort umziehen. Glücklicherweise war dieser Ort Bremen.

Meine erste Zeit hier war sehr schwer. In 10 Monaten wohnte ich in Walle in drei verschiedenen Zelten mit bis zu 300 Menschen.Ich konnte Bremen nicht richtig kennenlernen und wollte die Stadt immer verlassen und woanders hinziehen. So einfach aber war es nicht. Wie es heißt: „Alles, was geschieht, hat seinen Grund“. Heute bin dankbar, dass ich hier geblieben bin.
Nachdem ich mich vergewissert hatte, dass ich nicht wegziehen kann, entschied ich mich, hier mein neues Leben aufzubauen. Etwas Konkretes konnte ich nicht planen, weil mir Deutschland ganz neu war und ich nicht wusste, wie das Leben hier funktioniert.
Ich wusste nur eine Sache: der Weg wird sehr schwer und ich muss sehr stark sein. Und mit Fleiß und Willen kann man alles überstehen.

Ich wollte die deutsche Sprache so schnell wie möglich lernen. Damals habe ich Betty zufällig kennengelernt. Sie hat uns viel geholfen und uns Deutsch beigebracht. Das war der Anfang. Alles was ich bis heute geleistet habe, hätte ich ohne Ihre Hilfe nicht geschafft, auch wenn sie das anders sieht.
Bevor ich mit dem offiziellen Deutschkurs angefangen habe, meldete ich mich bei der Caritas als ehrenamtlicher Mitarbeiter. Um die Sprache zu lernen und mit den Einheimischen Kontakt zu knüpfen – und das war der beste Schritt, den ich je getan habe. Die Arbeit im Altersheim als Helfer des Hausmeisters war eine großartige Erfahrung. Ich lernte viele nette Menschen kennen und besonders Peter, meinen Chef und Kollegen. Er ist einer der besten Menschen, die ich in meinem ganzen Leben getroffen habe. Er und seine Familie halfen mir auch viel und sie sind für mich wie Familie.

Als ich mit dem Aufbau meines neuen Lebens begann, war einer meiner Träume, wieder in meinem Beruf als Buchhalter zu arbeiten. Glücklicherweise hat sich mein Wunsch erfüllt. Heute arbeite ich in einer Firma als Buchhalter, in einem Team mit deutschen Kolleginnen und Kollegen in der Bremer Innenstadt.
Der Schnoor übrigens ist mein Lieblingsstadtteil. Er ist meine Zuflucht, wenn ich Heimweh habe. Weil er mich an die Altstadt von Damaskus erinnert.

 
 
 
 
 
 
 

Jutta

Reise von der alten in meine neue Heimat

Ich war 5 Jahre alt, als wir am 25. Juli 1945 endgültig aus Danzig vertrieben wurden. Meine ersten Lebensjahre verliefen ruhig und sorglos. Vom Krieg habe ich erst in den letzten Monaten etwas mitbekommen.
Wir hätten Danzig im Januar 1945 noch regulär mit dem Schiff „Die Gustloff“ verlassen können, aber weil m eine Mutter große Angst vor der Seereise hatte – und sie immer noch glaubte, der Krieg ginge zu Ende und wir könnten bleiben – haben wir die Reise nicht angetreten. Und das war unser Glück, denn die Gustloff wurde von russischen Untersee-Booten torpediert und sank – und viele 100 Menschen kamen in den eisigen Fluten ums Leben.

Der Krieg begann für mich sozusagen erst, als in das Dachgeschoss unseres Hauses eine Granate einschlug und fortwährend die Alarm-Sirenen heulten.
Ich kann mich leider – oder vielleicht auch Gott sei Dank – nur noch bruchstückhaft an gewisse Erlebnisse erinnern; z. B. weiß ich noch genau, wie wir mit vor Aufregung klappernden Zähnen in den Keller rannten, wo schon die Nachbarn versammelt waren und voller Angst ausharrten bis zum Ende des Angriffs – in der Hoffnung, dass das Haus nicht einstürzt. (Es könnte sein, dass dadurch meine Platzangst in engen Räumen ausgelöst wurde, die sich heute noch auswirkt.)

Als die Luftangriffe immer stärker wurden, suchten wir Schutz bei unserer Großmutter, die in einer Laubenkolonie am Rande der Stadt ein Häuschen hatte. Dort waren wir 6 Familienmitglieder – Oma, Tante, Onkel, mein achtjähriger Bruder, meine Mutter und ich. Mein Onkel war aus Krankheitsgründen nicht eingezogen worden. Er musste sich jeden Morgen bei einer Dienststelle zur Arbeit melden, kam aber abends immer zurück, was uns sehr getröstet hat.
Zusammen mit anderen Nachbarn hat er im Garten ein großes Erdloch – wie eine Höhle – gegraben, wo wir bei den vielen schweren Luftangriffen Schutz gesucht haben. Ich sehe auch noch den kleinen weißen Sarg, in dem wir ein Neugeborenes begraben haben, das vor Hunger gestorben ist. Einmal krochen wir aus unserer Höhle und sahen, wie die ganze Stadt in Flammen stand. Der Himmel war feuerrot und hunderte Leuchtkugeln schossen in die Luft.

Nach der Kapitulation gingen wir noch einmal zurück in unsere Wohnung. Es waren dort noch andere Verwandte bei uns. Ich erinnere mich, dass die Mütter tagsüber auf Hamstertour gingen und uns Kindern die Essensvorräte über den Tag genau eingeteilt hatten. Als eine Tante kurze Zeit später noch einmal zurückkam, waren sämtliche Vorräte aufgefuttert.
Am 25. Juli 1945 wurden wir dann aber endgültig aus unserer Wohnung vertrieben, und es blieb uns nichts anderes übrig, als unsere Habseligkeiten zu packen und uns auf den Weg zum Bahnhof zu machen. – Für meine kranke Großmutter hatte mein Onkel notdürftig einen einachsigen Karren gebaut, der aber nach 500 Metern zusammenbrach. Als fünfjähriges Kind habe ich damals aber gar nicht begriffen, dass wir unsere Heimat für immer verlassen mussten.

Einige Erinnerungen habe ich auch noch an die Zeit in Thüringen. Wir erhielten dann aber nach einigen Monaten Kontakt zu meinem Vater und machten uns sofort auf den Weg nach Bremen, wo wir uns alle Vier glücklich in die Arme schließen konnten. Wir wohnten zunächst sehr beengt, und unsere Eltern hatten bestimmt viele Sorgen, aber sie gaben uns Kindern immer ein Gefühl von Sicherheit und Geborgenheit.
Etwas Traumatisches habe ich aber doch zurückbehalten, und zwar verfolgten mich abends im Bett lange Zeit noch die Leuchtkugeln, die ich in Danzig am Himmel gesehen hatte. Sie kamen als winzig kleine Punkte auf mich zu – immer näher und wurden größer und größer und zerplatzten in grellen Farben vor meinen Augen, und dann kam sofort die nächste Leuchtkugel. – Außerdem konnte ich jahrelang nur einschlafen, wenn ich meinen Kopf hin und her wiegte oder ihn seitwärts aus dem Bett hängen ließ.

Zu den Nachbarkindern hatten wir aber bald guten Kontakt. Wir spielten viel im Freien und tobten z. B. auch in den Ruinen eines Bunkers herum. Manchmal lud ein Vater 6 oder 7 Kinder am Sonntag in seinen Mercedes – es war weit und breit das einzige Auto – und brachte uns zum RALI Kino in Oberneuland, wo wir Filme sahen wie „Schwarzwaldmädel“ oder „Grün ist die Heide, damit wir mal von der Straße weg waren und außerdem den Heimweg zu Fuß antreten mussten. Wir hatten also viel Bewegung! Bei uns zu Hause wurde viel musiziert; mein Bruder und ich lernten beide Flöte spielen und bald auch Klavier.
Eines Tages las mein Vater eine Anzeige, wonach von Radio Bremen Kinder zum Singen im Chor gesucht wurden. Ich weiß noch, wie ich ganz alleine in ein Studio geführt wurde- vor mir eine Riesenglasscheibe und dahinter die Chorleiterin und der Toningenieur. Ich trällerte mein Liedchen in ein Mikrofon und wurde angenommen. Das Gebäude von Radio Bremen war damals auf dem Gelände, wo sich jetzt das Kaufhaus LESTRA befindet. Die Zeit war sehr spannend!

In der Adventszeit sind wir auch damals schon „Nikolaus gelaufen“ und in den Jahren 1946 und 1947 waren wir mit unseren Eltern zu einer Weihnachtsfeier vom Bund der Danziger in der MUNTE eingeladen, wo wir kleine Geschenke und Süßigkeiten bekamen. Der Höhepunkt war aber jedes Mal das Erscheinen der Familie Prinz Louis Ferdinand von Preußen. Für mich war das ein sensationelles Ereignis , und ich bestaunte den Prinzen und seine vielen Kinder.
Mein Bruder und ich haben auch beim Krippenspiel in der Kirche mitgemacht und zuhause haben wir einen wunderschönen Tannenbaum vorgefunden. Meine Mutter hat kleine Äpfel und Kartoffeln in Gold- und Silberpapier eingewickelt, bunte Schleifchen angebracht und an den Baum gehängt. Mein Vater hatte ein richtiges Kasperletheater für uns gebaut mit selbstgefertigten Puppen. Dann wurde musiziert mit Flöten und Akkordion. Es war sehr bescheiden, aber wir waren glücklich.

Im April 1947 wurde ich eingeschult in die Schule an der Horner Heerstraße. Ich machte mich jeden Morgen mit anderen Kindern auf den ca. 2 Kilometer langen Schulweg von der Vorstraße, durch die Tietjenstraße, den Herzogenkamp entlang zur Horner Heerstraße. Das machte uns aber gar nichts aus, denn wir konnten uns unterwegs Vokebeln abhören oder Gedichte auswendig lernen.
Alles in allem habe ich mich sehr gut eingelebt, und Bremen ist schließlich meine zweite Heimat geworden. Ich wünsche mir jedoch, dass unsere Kinder und Enkelkinder keinen Krieg erleben müssen und beschützt und sorglos aufwachsen können.

 
 
 
 

Mit freundlicher Unterstützung durch Amnesty International,
in Kooperation mit der Stadtbibliothek Bremen

 
 
 
 
 
 
 
 

 
 
 

Die folgenden Texte entstanden im Rahmen meiner Schreibwerkstatt mit geflüchteten Frauen. Die Autorinnen freuten sich über die Möglichkeit, ihren Gedanken und Gefühlen freien Lauf zu lassen, um die Menschen sichtbar zu machen, die sich hinter dem Etikett „Flüchtling“ verbergen. Sie erzählten vom Alltag. Und von ihrer Heimat.
In den Texten der Frauen duftet es nach Jasmin und Jori, nach Kataief, Maamoul und frischem Brot. Während Zugvögel fliegen, singt der Wind seine Lieder. Bis der Krieg wieder weiterwütet.

 
 
 
 

Latifa

Heimat

Wenn ich das Wort „Heimat“ höre, denke ich an meine Mutter, an meine Schwester, meine Freunde und an mein Haus. In meiner Heimat scheint immer die Sonne, in meiner Erinnerung war dort alles schön.
Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind in unserem Haus und im Garten spielte. In unserem Garten wuchsen viele Bäume und Blumen. Meine Freunde wohnten in der selben Straße wie ich und besuchten mich immer. Wir feierten viele Feste, zum Beispiel das Zuckerfest. Die arabischen Frauen backen dann „Ma’amoul“. Die kurdischen Frauen backen „Kledscha“ und Kekse. Die ganze Familie hilft beim Backen für das Zuckerfest. Dann duften alle Dörfer und Städte nach Süßigkeiten.

 
 
 
 
 
 

Lana

In der neuen Heimat

Nach der Flucht lebte ich die ersten anderthalb Jahre alleine in Bremen. Weil es für eine Frau alleine im Krieg zu gefährlich ist, blieb mein Mann mit unseren Kindern zurück und wartete, bis sie nachkommen durften.
Die erste Zeit war sehr schwer für mich. Ich hatte Angst um meine Familie und ich musste mich um die Bürokratie kümmern, ohne ein Wort Deutsch zu verstehen. Ich konnte nicht einmal die Adressen lesen. Für jede Frage musste ich ins Büro des Übergangswohnheim gehen, um mir Hilfe zu holen. Die Mitarbeiter konnten natürlich nicht jedem gleichzeitig helfen, weil so viele Flüchtlinge auf einmal nach Deutschland gekommen waren.
Dann begannen meine Deutschkurse. Inzwischen bin ich bei C 1 angelangt. Ich habe auch schon ein Praktikum in einem Kindergarten absolviert. Es macht mir sehr viel Freude, mit Kindern zu arbeiten. Ich möchte gerne eine Ausbildung zur Erzieherin machen. In Syrien war ich Grundschullehrerin.

 
 
 
 
 
 

الجديد،
بعد الهروب عشت سنه ونصف وحيده في بريمن.
لأنه من الخطر أن تبقى سيدة وحيده في الحرب،تأخر زوجي وابناءي ونتظرو حتى أن يسمح لهم بالاحاق.
في بداية الوقت كانت الظروف صعبه بالنسبة لي .
كان لدي خوف على عائلتي أجبرت أن اهتم بابرقراطية بالرغم انتي لا أفهم اي كلمه في اللغه الألمانية .

لم استطع في بعض الأحيان أن أقرأ العناوين.
لأجل السؤال أجبرت كل يوم بالذهاب إلى مكتب الترجمه في سكن اللجوء .
العاملون هناك لم يستطيعوا دائما مساعدتي لان عدد كبير من اللاجئين وصل إلى هنا في نفس الوقت .
بعد ذلك بدأت في كورس اللغه الألمانية والآن ادرس c1 .
ولقد في روضة للأطفال.العمل مع الأطفال يجلب لي السعادة.
انه ليسعدوني أن أتمكن من دراسه في هذا المجال.
في سوريا كنت معلمه ابتدائي.

 
 
 
 
 
 

Djamila

Die Flucht

Das Wasser des Flusses ist kalt. Der Schlamm, in dem wir uns zwischen Sträuchern am Uferrand verstecken, dringt durch die Kleidung bis auf unsere Haut. Ich halte meinen Kindern den Mund zu, damit niemand ihr Weinen hört. Ihren Hunger, ihren Durst. Wenn die Grenzsoldaten uns finden, ist alles vorbei. Dann schicken sie uns von der Türkei zurück nach Idlib. Dort gibt es kein Wasser, keinen Strom und kein richtiges Essen.
Drei Mal haben sie uns schon zurückgeschickt.
Plötzlich fallen Schüsse. Sie schießen auf mich und meine Familie.
Dann wir es wieder still in der Dunkelheit. Nach insgesamt vier Stunden verlassen wir unser Versteck und flüchten mit dem, was wir am Leib tragen, weiter.
Meine Kinder haben die Flucht noch immer nicht vergessen. Sie erzählen jedem, den sie treffen, davon. Sie möchten nicht mehr in ihre Heimat zurück, weil sie denken, dass es nur diesen einen Weg dorthin zurück gibt.

 
 
 
 
 
 

الهروب
مياه النهر باردة جدا, محاصرون بالوحل الذي كنا نقف فوقه نتوارى بين الشجيرات على ضفة النهر.
اقتحم البرد ملابسنا وتغلغل في أجسادنا لينخر عضامنا.. أكمم أفواه اطفالي لكي لا يسمع أحد بكائهم و صراخهم من الجوع والعطش والبرد. يملأ الخوف قلوبنا من أن يمسك بنا حرس الحدود ويذهب تعبنا أدراج الرياح لأنهم سيعيدوننا مجددا إلى ادلب حيث لاوجود لمقومات الحياة البسيطة من ماء وطعام وكهرباء وأمان بتنا نحلم به. لقد أعادونا بالفعل من قبل ثلاث مرات متتالية.
فجأة بدأ الرصاص ينهال فوق رؤوسنا, لقد رآنا الجنود وبدؤوا بإطلاق الرصاص باتجاهنا أنا و أطفالي, أسرعنا للإختباء في الظلام ثم بعد ما يقارب الأربع ساعات تركنا مخبئنا وهربنا بما استطعنا حمله بين أيدينا.
أطفالي لم يستطيعوا حتى هذا اليوم نسيان تلك رحلة هروبنا.. ويروونها لكل شخص يلتقون به.. يقولون بأنهم غير راغبين بالعودة أبدا إلى الوطن لأنه يظنون بأن هذا هو الطريق الوحيد للوطن.

 
 
 
 
 
 

Latifa

Ich

Versteckt unter dem Jilbab
das kleine Mädchen,
das tosende Wellen und Krieg
von ihrer Mutter und ihrer geliebten Heimat
vertrieben.

Jede Nacht bringen dich die Träume
zu dem großen Haus
wo du geboren wurdest
und die schönsten Tage deiner Kindheit
verbrachtest.

Der klare Himmel,
Zugvögel, Zitronenbäume
und Orangen
erzählen von den Tagen
deiner unschuldigen Kindheit.

Du pflanztest
mit kleinen Händen
Jasmin und Jori.

In der Nacht umarmtest du
die Sterne und den Mond
und erzähltest Galaxien
von deinen großen Träumen.

All diese Schönheit
war dein kleines Land.
Jeden Sommer
beobachtetest du die Zugvögel
und fragtest dich,
wohin sie gehen.

Plötzlich brach ein Sturm aus,
der Krieg zerstörte
dein kleines Land,
die Orangenbäume
und dein großes Haus.

Und du wandertest
mit den Vögeln
zwischen Himmel und Meer,
auf der Suche
nach Sicherheit.

Und ließt deine Träume zurück
und deine Erinnerungen
an den unschuldigen Traum.

 
 
 
 
 
 

Lana

Warten

Meine Familie lebt in alle Winde verstreut: Ein Bruder im Saarland, einer in Dänemark, einer in Schweden, meine Schwester in der Türkei. Mein Sohn studiert in Deutschland Medizin. Meine Tochter in Syrien Pharmazie. Weil sie beim Familiennachzug schon volljährig war, durfte sie nicht nach Deutschland kommen. Ich habe immer Angst um sie, denn in allen Kriegen ist es für Frauen besonders gefährlich.
Letzte Nacht konnte ich nicht schlafen. Im Konflikt zwischen Israel und dem Iran fielen Bomben auf Syrien.

 
 
 
 
 
 

عندما أتت الحرب الى وطني جلبت معها رياحها لتحملنا وتبعرثنا كأوراق الشجر بعيدا عن وطننا وعن أحبائنا وأسرنا. شردت الحرب عائلتي في مختلف البلاد فهاهم أخوتي الثلاثة موزعون ما بين ألمانيا والنرويج والسويد. وانا في المانيا مع ابني الذي يدرس الصيدلة و لا تزال ابنتي تعيش في سوريا تدرس في كلية الطب.. حيث لم يسمح لها بالقدوم معنا إلى ألمانيا لانها قد تجاوزت العمر القانوني وفق قانون لم الشمل. أشعر بالقلق والخوف الدائم عليها ففي أوقات الحرب يكون الخطر بالنسبة للنساء أكبر فهي تخشى من دائما من رجال العصابات الذين استباحوا سوريا.
ليلة البارحة لم أستطع النوم بسبب القصف الذي استهدف سوريا نتيجة الصراع بين اسرائيل و ايران.

 
 
 
 
 
 

Aisha

Das neue Leben

Jeden Freitag arbeitete ich im Rahmen einer Integrationsmaßnahme in einer Werkstatt. Dort wurden Autos repariert und Stoffe für Möbel genäht.
Am Anfang habe ich geweint, weil ich nur deutsche Kollegen hatte, mit denen ich mich nicht verständigen konnte. Später kamen auch syrische Kollegen dazu. Die Maschinen und Werkzeuge (z.B. die Hämmer) in der Werkstatt waren sehr laut. Es roch nach Staub, Öl, Holz, Lack und Klebstoff.
In Syrien und im Libanon habe ich zehn Jahre als Arabischlehrerin Schüler der 7. , 8. und 9. Klassen unterrichtet. Mein Ziel ist es, in der Volkshochschule als Arabisch-Lehrerin zu arbeiten oder eine Ausbildung zur Köchin zu machen.
Nächste Woche startet mein neuer Deutschkurs.

 
 
 
 
 
 

Birivan

Unsere Feste

Nach Ramadan kommt das Zuckerfest. Es dauert drei Tage. Die Kinder bekommen dann neue Kleidung, die Frauen kochen und backen Süßigkeiten. Eine Süßigkeit heißt „Kleger“, außerdem gibt es noch „Bitifor“ und „Kataief“.
Die Menschen besuchen einander: Familie, Nachbarn und Freunde. Am ersten Tag gehen die Kinder mit Taschen von Tür zu Tür, gratulieren zum Zuckerfest und bekommen Bonbons.
Zwei Monate und zehn Tage nach dem Zuckerfest beginnt das Opferfest. Am zweiten und dritten Tag schlachten reiche Familien eine Kuh – noch wohlhabendere Familien schlachten einen Hammel – und verteilen das Fleisch an arme Familien. Auch beim Opferfest bekommen die Kinder neue Kleidung und sammeln Bonbons bei den Nachbarn. Alle Menschen besuchen einander.
Am vierten Tag darf nicht geschlachtet werden.
An beiden Festen gehen die Männer und Frauen in die Moschee, aber getrennt.

 
 
 
 
 
 

بعد رمضان يأتي عيد الفطر ومدته ٣ أيام. الأطفال يحصلون على ملابس جديده والسيدات يصنعن الطعام والحلويات مثل معمول و الباتيفور و القطايف.
الناس يزورنا بعضهم وفي اليوم الأول يحمل الأطفال الحقيبة ويطرقون الابواب للتهنئة ويأخذون السكاكر.
بعد شهرين و١٠ أيام يأتي عيد الأضحى. في اليوم ٢ و٣ يقوم الأهالي بالتضحية ويوزعونها على الفقراء. وفي اليوم الرابع لا يسمح بالتضحية .
وفي هذا العيد يحصل الأطفال على الملابس و الحلوى وناس يرون بعضهم .

 
 
 
 
 
 

Marwa

Die Frauen in meiner Geburtsstadt Aleppo:
 
Der größte Wunsch aller Frauen ist die Heirat und Familiengründung.
Fast 90% der Frauen haben die Mittlere Reife.
Danach erlernen sie einen Beruf (Friseuse, Schneiderin oder Verkäuferin).
Die übrigen Frauen lernen weiter bis zum Abitur, Hochschul- oder Universitätsabschluss und unterstützen ihre Männer und Familien finanziell im Haushalt und Beruf.
Der Lieblingsberuf der Frauen in Aleppo ist eine Tätigkeit im Bildungsweisen (als Lehrerin oder Erzieherin).

 
 
 
 
 
 

النساء بمنطقتي التي ولدت فيها حلب
كل الفتيات ترغب بالزواج وتأسيس عائلة
90٪ منهمن حاصلين على مرحلة التعليم المتوسطى بعدها يتعلمن الاعمال المهنية كتصفية الشعر أو الخياطة
اماالباقي يكملون تعليمهم لدراسات العليا أو للجامعة ليساعدوا أزواجهم وعائلتهم من الناحية المادية وبالبيت
العمل المفضل لأغلب النساء بمدينة حلب هو التدريس

 
 
 
 
 
 

Latifa

Mein Dorf

Geboren in einer kleinen Stadt
namens Kafr Zeita,
benannt nach ihren Olivenbäumen,
in deren Hainen die meisten Menschen arbeiteten.

Es gab große Räume in den Hügeln
und in den Tälern weite Flächen
mit Olivenbäumen und Pistazien,
die miteinander flirteten.
Sie versprachen gute und wunderschöne
Jahreszeiten.

Die Erde füllte sich
mit riesigen Weizenfeldern,
die unter der strahlenden Sonne
wie Gold glänzten.
Der Boden meines Dorfes
– die Farbe des Blutes –
gab das köstlichste Obst und Gemüse.

Eine sanfte Brise tanzte
auf den Melodien der Tulpen,
kultiviert
von Frauenhänden.

In meiner Stadt
schmeckte der Sommer anders,
nach Freiheit und Liebe,
einfach und rein.

Ich sah,
wie sich ein Fluch
auf mein Dorf legte,
auf die Olivenbäumen, Pistazien
und Weizenfelder.

Dieser Fluch verbrannte
jahrhundertealte Olivenbäume,
verwandelte Goldfelder zu Kugeln
und brennenden Flammen
die die Bewohner meines Dorfes entzündeten
und ihr Volk und ihren Reichtum
aus dem Kelch der Qual vertrieben.

Der Todesduft,
den die Lilie verströmte
der Geruch von Zerstörung und Ruin
und dem gebrochenem Versprechen des Weizens,
der Oliven und des großzügigen Lebens …

Versprechen wurden zu Trümmern
als ein Sturm über dieses Dorf fegte
und seine Geschichten
in alle Himmelsrichtungen verstreute.

 
 
 
 
 
 

Von allen

Hier und heute

Bremen ist eine schöne Stadt. Hier gibt es die Weser, Seen und den Bürgerpark. Die Stadt ist groß, aber ruhig. In Bremen leben viele Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen.
Im Stadtzentrum steht ein großer Dom, umgeben von anderen wunderschönen Gebäuden.
Obwohl alles perfekt aussieht, gibt es hier auch Probleme: Meine Kinder warten schon sehr lange auf einen Platz im Kindergarten. Sie müssen Deutsch lernen, damit sie später in der Schule keine Probleme bekommen.
In Bremen fahren viele Straßenbahnen, das ist sehr praktisch. Man kommt schnell überall hin. Vor unserem Übergangswohnheim hält die Linie 3.
In Bremen habe ich noch nie Rassismus oder Diskriminierung erlebt. In der Straßenbahn kommen wir mit anderen Leuten in Kontakt. Die Deutschen hier sind sehr nett, sie lächeln und sprechen mit meinen Kindern. In Bremen fühlen wir uns sicher.

 
 
 
 
 
 

Latifa

Eines Tages

Ich hoffte, dass meine Familie und ich Deutschland als Touristen besuchen würden.
Dass wir Fotos für unsere Freunde machen würden von der malerischen Natur.
Doch ich kam aus dem zermalmenden Krieg in meinem Land, auf der Suche nach Chancen für das Leben.
Ich danke deinem Land, das mich und meine Kinder empfangen hat, uns Wärme und Sicherheit gibt. Und ich hoffe, dass wir es eines Tages nicht bereuen, dass ihr uns aufgenommen habt, hoffe, dass wir euch und eurer Land eines schönen Tages unterstützen können.

 
 
 
 
 
 

Aisha

Warum wir hier sind

Mein Sohn studierte im letzten Semester Mathematik. Eines Tages hatte er eine wichtige Prüfung. Um neun Uhr, als die Studenten ihren Test schrieben, flog ein Flugzeug über das Universitätsgebäude und warf eine Bombe ab. Die Studenten rannten in den Keller zu den Toiletten. Mein Sohn versteckte sich dort 12 Stunden.
In dieser Zeit erfuhren wir im Fernsehen von dem Bombenangriff, bei dem 80 Studenten getötet wurden. Wir wussten nicht, ob mein Sohn noch am Leben ist.
In der Nacht kam er nach Hause, er war die ganze weite Strecke von der Universität zu Fuß gelaufen, weil nach dem Bombenangriff keine Busse fuhren.
An nächsten Morgen beschloss ich, dass wir flüchten.

 
 
 
 
 
 

Leyla

Damals

Ich lebte in Nordsyrien auf dem Land. Jeden Morgen stand ich um sechs Uhr auf und ging zu unseren 15 Schafen und 30 Hühnern. Das Gras, das sie fraßen, war frisch und sattgrün, denn im Winter regnete es und ab Frühling schien die Sonne.
Ich saß auf der Wiese und hütete die Tiere. Um zehn Uhr ging ich wieder nach Hause. Bis 15 Uhr war es draußen viel zu heiß.
Nach dem Ausruhen buk ich Steinofenbrot. Der Ofen stand draußen vor dem Haus. Mit dem Holz des Baumwollstrauchs machte ich Feuer. Für den Brotteig vermischte ich Hefe, Wasser und Weizenmehl. Danach legte ich den Teig auf ein Kissen und schlug damit fest gegen die Innenwand des Ofens, damit der Teig dort kleben blieb.
Sechs Brote konnten auf diese Weise gebacken werden. Der Ofen war so heiß, dass die Brote nach einer Minute fertig waren.
Anschließend bereitete ich das Frühstück für meine Familie zu: Es gab selbstgemachten Schafskäse und Joghurt, Oliven aus unserem Garten und schwarzen Tee.
Die Kinder kamen meistens um 12 Uhr aus der Schule, die sich in einem anderen Dorf befand. Sie gingen nur 20 Minuten zu Fuß nach Hause.
In unserem Dorf war es früher sehr friedlich. Man traf seine Nachbarn in den Gärten oder plauderte auf der Straße. Dann kam der Krieg und wir mussten alle flüchten.

 
 
 
 
 
 

Latifa

Sag mir

Lieber Wind,
sprich über Syrien,
sprich über mein Land.

Sing eine Geschichte über mein Haus
und erzähl eine über die Bäume.

Erzähl mir vom Olivenbaum
vor dem Haus meiner Kindheit,
sag mir, ob er noch steht.

Sprich über die Mandelbäume,
die Erde und den Himmel.
Sag mir, ob sie aus dem Land der Hölle
verschwunden sind.
Erzähl mir von der Sonne,
erzähl von magischen Sommernächten.

Was kann ich
über meine Kindheit
über die Erde, über den Himmel
sprechen?
Ich sehne mich
nach dem Brot meiner Mutter,
nach ihrem Kaffee.
Ich vermisse die Schwalbe,
vermisse den Gesang des Muezzins
in meinen Ohren.

Beim Erzählen erinnere ich mich
an die Heimat.
Sag mir, mein Land,
dass wir uns eines Tages
wieder begegnen werden.

 
 
 
 
 
 

Mit freundlicher Unterstützung durch den
Senator für Kultur Bremen

 

 
 
 
 

 
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 

Die folgenden Texte entstanden 2017 während meiner Schreibwerkstatt mit Geflüchteten. Die Autoren möchten gerne anonym bleiben.

 
 
 
 

Das Ende des Krieges in Syrien

An einem Tag wie immer kam ich nach Hause. Ich war müde und wollte mich erholen. Ich duschte und aß etwas. Ich hatte keine Lust, auf mein Handy zu gucken und die Nachrichten zu lesen.
Ich setzte mich ans Fenster und schaute hinaus. Ich dachte an mein vergangenes Leben, hoffte, dass sich alles zum Besseren wendet.
Wie gewöhnlich wartete das Bett auf mich. Als ich mich hinlegte, bekam ich plötzlich ein wunderbares Gefühl und schlief ein.
Am nächsten Tag stand ich früh auf und ging raus. Sofort merkte ich, dass etwas anders war: Ein Lachen auf den Lippen der Menschen!
Dann wunderte ich mich, als ich den Satz hörte „Gott sei Dank: Alles ist wieder in Ordnung.“
Ich fragte die Menschen, was das zu bedeuten hat. Ihre Antwort kam unerwartet: „Der Krieg ist wirklich vorbei. Syrien wird wieder wie früher sein.“
Ich hatte immer davon geträumt, eines Tages wieder zurückzugehen und meine Familie zu treffen. Und dass die Menschen wir früher in Sicherheit leben.
Ich hörte, wie ein Pilot sagt: „Willkommen auf syrischem Boden!“
Doch dann merkte ich, dass all das nur ein Traum war und wir bis heute darauf warten.

 
 
 
 

 
 
 
 
Wetter

Einmal traf ich in Syrien eine deutsche Frau. Sie sagte mir, dass es in Deutschland sehr kalt ist, und es stellt sich heraus, dass sie die Wahrheit sagte. Ich persönlich mag Regen und kühles Wetter sehr gerne.

 
 
 
 

 
 
 
 

Neustart

Das Alter von 20 ist wohl eines der schwierigsten Lebensphasen: Man beginnt, sich seine Zukunft aufzubauen und sich darüber Gedanken zum machen. In diesen Jahren hat man viel Stress und erlebt gleichzeitig Angst und Enthusiasmus, bis man seinen ersten Schritt in die richtige Richtung macht.
Ich sollte diese Erfahrung zweimal erleben. Das erste Mal aber war einfacher, trotzdem hatte ich damals keine Vorstellung davon. Ich hatte aber viele Unterstützer: meine Familie und meine Freunde.
Jetzt muss ich das alles noch einmal erleben und ein neues Leben starten, aber alleine und mit einer ganz neuen Art von Leben und in der neuen Sprache.
Vor ungefähr sieben Monaten begann ich meinen ersten Schritt: Deutsch lernen. Jeden Tag besuche ich vier Stunden eine Sprachschule. Um ehrlich zu sein, bin ich oft frustriert und hoffnungslos, aber weil ich den Willen zum Erfolg habe, kapituliere ich nicht. Ich gebe mein Bestes, damit sich meine Ziele und Träume erfüllen.
Seit ungefähr eineinhalb Jahren lebe ich in Deutschland. Die ersten anderthalb Monate habe ich in einem kleinen Dorf in Nordrheinwestfalen verbracht. In Mittmann. Dort wohnte ich in einer Turnhalle. Die Situation war aber nicht sehr schlimm, denn ich traf dort einige nette Leute. Ich besuchte die Bibliothek jeden Tag und versuchte, alleine Deutsch zu lernen. Ich mochte das Dorf und wäre dort gern geblieben, aber leider konnte ich nicht. Ich wurde nach Bremen geschickt.
Die ersten sieben oder acht Monate hier waren ganz schwierig. Ich habe in drei unterschiedlichen Zelten gewohnt. Doch ich war geduldig. Jetzt wohne ich in einem Container in einem Übergangsheim. Die Situation wurde viel einfacher. Ich bin hoffnungsvoll, dass die Zukunft gut sein wird.

 
 
 
 

 
 
 
 

Wohnen in Deutschland

Viele Leute haben den gleichen Traum: Sie suchen einen Platz, in dem sie für sich sein können. Deutschland hat ein Problem damit. Es gibt nicht genug Wohnungen für die vielen Menschen, die hier leben. Es ist bekannt, dass jedes Jahr viele Leute nach Deutschland kommen, um hier zu studieren oder zu arbeiten und es ist schwer für sie, eine Wohnung zu finden.
An einige Orten ist es fast unmöglich, eine Wohnung zu finden. Zum Beispiel in den großen Städten. Seitdem ich nach Deutschland gekommen bin, bemerke ich dieses Problem. Das hatte ich mir mir anders vorgestellt, weil es doch heißt, dass Deutschland ein Land der Einwanderer und Studenten ist.

 
 
 
 

 
 
 
 

Das Kopftuch

Eines Tages war ich mit ein paar Freunden auf einem Markt. Während des Einkaufs sah ich einen syrischen Flüchtling. Er trug ein traditionelles arabisches Kopftuch: ein weißes Kopftuch mit rotem Muster. Die Bauern auf dem Land tragen es, um sich vor den Sonnenstrahlen zu schützen und als Schmuck.
Ich freute mich plötzlich sehr, so, als ob ich meine Familie und mein Dorf wiedersah.
Ich fragte ihn neugierig, wo er das Kopftuch gekauft hatte, ob er es von einem Markt in Deutschland hatte? Aber leider brachte er es aus Syrien mit.
Plötzlich werden simple Sachen wichtig und bekommen besondere Bedeutungen in unserem Leben in der Fremde. Sogar die Sachen, die wir hassen. Sie werden zu einem Teil von uns oder von allem, was wir verloren haben.
Ich fragte alle syrischen Leute, die ich kennenlernte, wo ich das Kopftuch in Deutschland finden könnte. Einige erzählten mir, dass ich es vielleicht im Internet oder in Berlin finden könnte. Ich surfte im Internet, aber ich fand nichts und in Berlin hatte ich keine Freunde, die mir ein Kopftuch schicken könnten. Einige Zeit später besuchte ich meinen engen Freund in Hamburg. Vor unserem Gebet in einer Moschee hatte ich in der Nähe ein Geschäft gesehen. Dort gab es einige traditionelle Sachen. Wir gingen hinein und kauften eine Gebetskette. Ich fragte den Geschäftbesitzer, ob er weiß, wo ich arabische traditionelle Kleidung finden könnte. Er erzählte mir, dass es in der Nähe eine Straße gibt, die „Afghanische Straße“ heißt, und vielleicht gibt es in dieser Straße solch eine Kleidung. Wir gingen zur genannten Straße ganz in der Nähe. Tatsächlich gab es dort viele traditionelle Kleidungen und verschiedene Sachen, die wir aus unserer Heimat kannten, in den Geschäften. Die meisten aus östlichen Ländern. Wir fanden das Kopftuch in einem Schaufenster. Aber leider waren die Geschäfte am Samstagabend um diese Uhrzeit geschlossen. Und am Sonntag musste ich von Hamburg nach Bremen zurückfahren.
Ich war traurig, weil ich das Kopftuch nicht kaufen konnte. Ich bat meinen Freund, es zu kaufen und mit der Post zu schicken. Ich wartete auf das Tuch, als ob ich auf jemanden aus meiner Familie wartete. Und tatsächlich schickte mir mein Freund das Tuch. Als es bei mir ankam, freute ich mich so sehr, als ob ich meine Familie treffe. Ich schlang das Tuch sofort um meinen Kopf und machte ein Foto. Ich schickte das Foto meiner Familie in Syrien. Sie waren sehr überrascht, als sie es sahen.
Sie fragten mich:” Woher hast du das Kopftuch? Gibt es als diese Sachen in Deutschland?”
Ich sagte:“ Es gibt jetzt alles in Deutschland. Es kam mit den Flüchtlingen“.
Ja, es gibt jetzt alles hier, in unserer Fremde. Aber die Heimat ist noch dort. Sie ist einsam wie ich hier.
Als ich erste Mal das Kopftuch trug, erinnerte ich mich an meinen Vater, wie er das Kopftuch getragen hatte. Er war traurig, Tränen flossen über sein Gesicht. Er war alt geworden, und seine Söhne verstreuten sich in alle Himmelsrichtungen. Ich erinnerte mich an meine Mutter. Sie weinte und fragte mich immer, wann meine Geschwister und ich zurückkommen würden.
Ich erinnerte mich an meine Geschwister. Sie trugen das Kopftuch, als wir Kinder waren und auf dem Feld arbeiteten. Einige Geschwister versuchten fernzusehen und von der Arbeit wegzulaufen. Andere versuchten, die Dorfbewohner zum Lachen zu bringen.
Das Kopftuch war für mich mehr als ein Stück Stoff. Es war eine Heimat in der Fremde und ein Fotoalbum aus Erinnerungen. Die Besitzer der Erinnerungen verschwanden und wussten nicht, ob sie sich jemals wiedertreffen würden.

 
 
 

 
 
 

Die Deutschen sind praktisch

Als Kind träumte ich davon, nach Deutschland zu gehen. Ich weiß, dass Sie wissen möchten, warum. Ich erzähle das gerne: Bevor ich nach Deutschland kam, hörte ich immer von den Leuten, dass die Deutschen sehr praktisch sind und sie gerne Überstunden machen, dass die Mädchen sehr schön sind.
Mein Onkel, der mir so viel über Deutschland erzählte, hat vor zehn Jahren in Deutschland studiert, und er gab mir einen Tipp: Mit einem deutschen Zertifikat in der Tasche, kann man auf der ganzen Welt gute Arbeit finden.
Ich hatte keine Informationen über das Wetter in Deutschland, und als ich ankam, war ich überrascht, wie schlecht es ist.

 
 
 

 
 
 

Heimat

Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl. Ich bin in irgendeinem Land geboren und aufgewachsen. Es ist seit einer langen Zeit meine Heimat. Dort habe ich meine ersten Schritte gemacht und begann, die Welt kennenzulernen. Meine ersten Erinnerungen, das erste Lachen und das erste Weinen sind dort geboren.
Ich habe mich immer gefragt:
Sind diese Erinnerungen das, was die Heimat ausmacht oder ist die Heimat auf einen geografischen Ort begrenzt, der zufällig entstand?
Wäre es nicht möglich, dass ich an einem anderen geografischen Ort geborgen worden wäre?
Heimat ist der Ort, in dem Sie geboren und aufgewachsen sind. Naja, das stimmt von einem Blickwinkel, aber von einem anderen ist die Definition von Heimat, der Ort, wo man stark und einflussreich ist, wo man respektiert wird und frei ist.
Das, was ich auch in meiner neuen Heimat brauche.
Im Gegenzug ist meine Rolle, die neue Heimat zu respektieren und meine Pflichten ihr gegenüber zu erfüllen.
Jetzt sehe ich es so, dass ich zwei Heimaten habe: Syrien und Deutschland.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

In meinem Kopf gibt es einen neuen Krieg
 
 

Es war einmal eine wunderbare schöne Heimat: Syrien. Obwohl der Krieg alles zerstört hat, finde ich sie bis jetzt am schönsten auf dieser Welt.
Wir sind ja nach Deutschland gekommen, um vor dem Tod zu flüchten und zu leben. Die Kriegshändler haben uns gezwungen, unsere Heimat zu verlassen. Deswegen sind wir hier. Dort in Syrien sind wir geboren und aufgewachsen, dort gibt es alles: meine Eltern, mein Haus, meine Geschwister, meine Freunde. Dort gibt es mein Wesen. Für mich bedeutet das: Dort gibt es das Leben.

Hier kann ich leider nicht normal leben. In meinem Kopf wohnen Erinnerungen, die schönen Erinnerungen: das Lächeln meiner Eltern und die Träume, die zu verwirklichen ich mir erträumte. Die unheimlichen Erinnerungen wie der Lärm des Krieges.
In meinem Kopf gibt es einen neuen Krieg, zusätzlich zu dem Krieg in meinem Land. In meinem Kopf gibt es einen großen Konflikt zwischen dem Geschrei, dem Weinen, dem Lächeln, dem Optimismus, der Hoffnung … einen Konflikt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. (Ich versuche immer, sie zu vergessen, damit ich im anderen Land leben kann).
Als Kind träumte ich davon, nach Deutschland zu gehen, aber ich wusste nicht, dass man weit von seiner Heimat entfernt nicht leben kann.
Wir wissen nicht, ob wir unser Land noch einmal sehen werden.
Oft denke ich, dass ich dorthin zurückgehe, aber im letzten Moment rücke ich davon ab, weil der Tod dort auf mich wartet.
Deutschland ist mein zweites Zuhause.
Entschuldigung, ich kann nicht „Deutschland ist meine zweite Heimat“ sagen, weil die Heimat nur eine ist.
Ich mag viele Sachen in Deutschland, wie die Sicherheit und die Menschen, die sehr freundlich und nett sind.
Wenn ich ein syrisches Kind sehe, das mit seinem Vater alleine nach Deutschland kam und dessen Mutter und Schwester in Syrien blieben, weil der Vater sie nicht mitbringen konnte und ein paar neue Gesetze ihnen die Familienzusammenführung verbieten, dann fühle ich mich sehr traurig.
Diese Menschen finden, dass es besser wäre, mit ihrer Familie in ihrer Heimat zu sterben, anstatt mit dieser Situation zu leben. Es gibt viele, die in ihr Land zurückgekehrt sind.

Wisst Ihr jetzt, warum wir traurig sind?
Nur aus diesen Gründen, nicht mehr. Trotzdem lächeln wir und machen Spaß. Weil wir die Hoffnung haben, dass das Recht und die Gerechtigkeit gewinnen werden.

 
 
 
 
 
 

 
 
 

 
 
 

Damaskus

 
 

Meine Stadt ist sehr alt und sie hat schöne Restaurants und schmale Straßen. Wenn ich morgens aufstehe, höre ich die Vögel laut singen und sehe die Leute zur Arbeit gehen.
Der Duft von Gewürzen liegt in der Luft, wenn ich frühstücke, umgeben von grünen Bäumen. Damaskus duftet köstlich. Nach Rosen und Jasmin.
Nachmittags machen wir einen Spaziergang in die Altstadt oder wir sitzen auf einem Berg und beobachten die Vögel in der Nacht.
Jeden Tag haben wir etwas anderes vor.
Will ich über meine Heimat reden, brauche ich ein Jahr.

 
 
 

 
 
 
 

Die Fremden
 
 

Viele Menschen verlassen ihre Heimat. Sie nehmen kleine Koffer mit, die nur wenige Kleidungsstücke, einige Sachen, was sie in ihrem Lebensalltag brauchen, und Hoffnung auf ein besseres Leben enthalten. Während sie noch mit dem Kofferpacken beschäftigt sind, denken sie besorgt an die Schwierigkeiten und die Probleme, auf die sie vielleicht auf dem Weg stoßen. Das Gefühl der Fremdheit dauert für sie in diesem Moment nur kurze Zeit. Diese Zeit wird vergehen und sie werden wieder zurückkommen. Nur die Familie fühlt den Trennungschmerz, bevor die Trennung kommt. Das merkt man an den Handlungen der Familie, an ihren Tränen. Wenn die Auswander und Vertriebenen wenige Meter vor den Grenzen sind, fühlen sie wie Kinder, die dem Schoß ihrer Mutter entrissen werden.
Mit dem ersten Schritt überschreiten sie die Grenzen, plötzlich fühlen sie, dass jemand auf sie geschossen hat. Er hat nicht ihre Körper, sondern ihre Seelen getötet und sie werden Waisen und alleine sein. Das Gefühl, ein Waise und nackt zu sein, wird sie in ihrem Leben lange begleiten und sie werden es in den Blicken, mit denen die Menschen sie betrachten, ihn ihren Augen, sehen.
Sogar, wenn sie Familien gründen, Arbeit finden oder Häuser kaufen, bleiben sie die Fremden.
Der Krebs tötet die Patienten qualvoll und leise. Das Gefühl des Fremdheit und das Heimweh sind die Krebserkrankung der Fremden. Sie sterben und leiden still. Tagsüber verstecken sie das unter Lächeln und Stolz, nachts trauern sie alleine. Wenn man seine Mutterheimat verlässt, verurteilt man sich selbst zum Tode, ohne es zu wissen und wird ein Mensch ohne Heimat.
Ohne Heimat zu sein, bedeutet, dass du in der Fremdheit lebst. Du fühlst noch im neuen Land, das du ein Fremder bist. Im Haus deiner Mutter hat man sich an deine Abwesenheit gewöhnt, lebt ohne dich weiter. Du wirst eine Tages als Eindringling zurückkommen. Du wirst ein Fremder in beiden Heimaten sein.
Einige Menschen versuchen, dich in der Fremde zu trösten. Sie sagen, dass sie verstehen, was du durchmachst. Das basiert natürlich auf ihrem Prinzip der Humanität. Die Menschen in deiner Heimat glauben, dass du glücklich bist. Das basiert in Wahrheit auf ihrem Leid.

 
 
 

 
 
 

Das neue Leben
 
 
 

Ich bin seit vor einem Jahr nach Deutschland gekommen. Ich habe hier ein neues Leben angefangen. Ich fühle mich sehr schwach und habe immer Angst. Manchmal fühle ich mich einsam.
Ich denke immer an mein altes Leben. Ich kann nicht vergessen.
Ich versuche, neue Menschen kennenzulernen und ich suche eine neue Wohnung mit guten Nachbarn. Ich finde die Menschen in Deutschland sehr nett. Doch einige von ihnen haben Angst vor uns.
Ich lerne auch eine neue Sprache. Ich wünsche mir auch, eine gute Arbeit zu finden. In Syrien war ich Tontechniker.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

Heimat

 
 

Ich komme aus einem Land, das früher die Wiege der Zivilisation war. Und in seiner Hauptstadt bin ich aufgewachsen. Der ältesten Hauptstadt der Welt, seit 6000 Jahren bewohnt, von 33 Zivilisationen und drei Weltreligionen geformt: Damaskus.
In Damaskus verbrachte ich die glücklichsten Tage meines Lebens. In ihren Schulen und an ihrer Universtität lernte und studierte ich. Dort habe ich meinen besten Freund, Ali, kennengelernt. Wir begegneten uns in der Realschule, und seit damals waren wir beste Freunde. Zusammen haben wir gute und schlechte Tage verbracht. Ali war immer für mich da.
Ich hätte nie gedacht, dass wir eines Tages getrennt sein würden. Doch der Krieg begann und zwang uns zu Dingen, die wir nicht machen wollten: Ich musste meine Lieblingsstadt, meine Erinnerungen, meine Familie und Ali verlassen und suche nun eine neue Heimat. Weit weg von dem Blut und den sinnlosen Kämpfen. Ich bin nach Deutschland gezogen, und hier will ich dieses neue Leben anfangen.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 

Alle Deutschen sind fleißig
 
 
 

Bevor ich nach Deutschland kam, kannte ich natürlich einige Klischees über die Deutschen:
1. Die Deutschen sind sehr fleißig.
2. Die Deutschen sind pünktlich.
3. Die Deutschen engagieren sich für ihre Ämter und Aufgaben.
4. Sie sind sehr gut in vielen Sportarten.
5. Jeder in der Welt kennt deutsche Autos und Maschinen.
Die Deutschen sind die erfolgsreichsten Autoingenieure.
6. Ich bewundere Nietzsche und Kafka. Patrick Süskind und natürlich Goethe.
7. man dachte, dass die Deutschen nicht feiern und dass sie keinen Sinn für Humor haben.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 

Die deutsche Maschine
 
 
 

Als ich in Syrien war, habe ich immer von Deutschland gehört. Und immer wenn man über Deutschland redet, fällt ein Wort: die deutsche Maschine. Seitdem ich nach Deutschland gekommen bin, verstehe ich die Bedeutung dieses Wortes.
Die Leute sollen wie eine Maschine sein, damit sie hier leben können. Der Mensch hier kennt nur die Arbeit. Und auch die deutsche Mannschaft ist wie eine Maschine.
Das ist gut. Aber ich bin der Meinung, dass das Leben nicht nur Arbeit ist.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

Was ist Heimat?
 
 
 

Heimat ist kein Ort, Heimat ist ein Gefühl. Ich bin in irgendeinem Land geboren und aufgewachsen. Es gilt seit langer Zeit als meine Heimat. Dort habe ich meine ersten Schritte geschafft, und ich begann, die Welt kennenzulernen.
Meine ersten Erinnerungen, das erste Lachen und das erste Weinen sind dort geboren. Ich habe mich immer gefragt, ob diese Erinnerungen meine Heimat ausmachen oder ob Heimat auf eine geografische Stelle begrenzt ist? Die zufällig gebildet wird? Ist es nicht möglich, dass ich an einer anderen geografischen Stelle hätte geboren werden können?
Viele denken, dass die Heimat der Ort ist, in dem sie geboren und aufgewachsen sind. Naja, das könnte von einem Gesichtspunkt her wahr sein, aber von einem anderen Gesichtspunkt betrachtet, ist die Definition von Heimat, der Ort, wo man stark, einflussreich, frei ist und respektiert wird.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

Die Bananenschale
 
 
 

Auf dem Rückweg nach Hause gingen mein Onkel Youssef (47) und sein Sohn (20) durch eine ruhige Straße mit vielen aneinandergereihten Hochhäusern, auf der gegenüberliegenden Straßenseite war eine große Waldwiese.
Vor einem Haus stand ein Lastwagen, und ein paar Männer trugen Möbel ins Haus.
Als sie sich dem Lastwagen näherten, sah mein Onkel eine Bananenschale am Boden liegen und hob sie auf, damit keiner der Möbelpacker darauf ausrutschen und sich verletzen konnte.
20 Meter weiter warf er die Bananenschale in die Waldwiese, weil er keinen Mülleimer fand.
Plötzlich hörten die beiden ein lautes, drohendes Gebrüll: „Bei uns wirft man nix auf Straße“, riefen die Umzugshelfer aus dem Balkan in gebrochenem Deutsch.
Wenig eingeschüchtert, weil beides groß und kräftige Männer sind, holten sie die Bananenschale aus dem Gebüsch heraus, liefen zurück zu den mittlerweile kompletten Umzugsduo und warfen die Schale den wütenden Männern zwischen die Füße. „Entsorgt euren Müll gefälligst selbst“, brüllte mein Onkel jetzt zurück.
„Die Bananenschale ist von mir“, sagte der kleinere der Gruppe nun ganz kleinlaut und dass es ihm leid täte.
Rasch war das Missverständnis aufgeklärt, nach einem kurzen und entspannten Geplauder trennten sie sich friedlich.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

Es war einmal
 
 
 

Vor anderthalb Jahren habe ich meine Heimat verlassen. Der Krieg hat sie und mich auseinandergerissen – und ich wurde ein Flüchtling.
Eine schwierigere Entscheidung musste ich vorher noch nie in meinem Leben treffen. Als ich aufgewachsen bin, hatte ich nie gedacht oder erwartet, dass ich eines Tags mein geliebtes Damaskus verlassen würde. Damals hatte ich nur schöne Träume und viele Ziele.
Ich erinnere mich an die Tage an der Uni, als ich mich mit meinen Freunden verabredete und unsere Treffen voller Lachen und jugendlicher Träume und Zukunftspläne waren. Ich selbst träumte immer davon, mein Studium abzuschließen. Danach fängt mein Berufsleben an und geht weiter, bis ich ein erfolgreicher Finanzmanager bin. Dann gründe ich meine eigene Firma. Und vielleicht würde ich eines Tages ein Buch schreiben. Wohingegen Lesen mein Hobby ist: Philosophie, Romane und Geschichte haben mich immer interessiert.
Die Wochenenden waren der Familie gewidmet. Jeden Samstag machten wir ein Picknick oder besuchten unsere Verwandten.
Das Leben verlief sehr gut. Genauso wie ich es mir wünschte.
Aber das Schicksal hat sich geändert. Es beschloss, uns zu bestrafen. Bis jetzt verstehe ich nicht, warum, obwohl ich mich immer wieder gefragt habe.
Viele Antworten habe ich gefunden oder erfunden, aber keine von ihnen hat mich davon überzeugt, dass es irgendeine Sünde auf dieser Welt gibt, die diesen ganzen Schmerz und diese Tragik verdient hätte. Der Krieg kam und hat Depression und Traurigkeit mitgebracht. Er stahl unsere Träume und zerstörte unsere Leistungen.
Es war einmal … Bevor ich gezwungen wurde, ein Flüchtling zu werden, war ich ein Mensch mit Leben, Träumen, Arbeit, Familie …. Genauso wie jeder andere Mensch auf dieser Welt.
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

Deutsch sprechen
 
 
 

Einmal begegnete mir eine junge Frau mit einem Hund. Ich versuchte, mit ihr auf Deutsch ins Gespräch zu kommen. Ich suchte aufgeregt nach Worten und sagte: „Du bist ein schöner Hund.“
Die Frau schaute mich an und fragte: „Was?“
Ich wiederholte: „Du bist ein schöner Hund.“
Da gingen Frau und Hund schnell weiter.
 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

„Flüchtling“
 
 
 

Ich möchte gerne über mein Leben sprechen.
Ich bin in Syrien geboren. Als ich ein Kind war, war mein Problem: Wann kann ich spielen? Ich habe immer meine Hausaufgaben schnell gemacht, damit ich meine Freunde treffen kann. Obwohl wir laut gesprochen haben, haben sich meine Nachbarn nicht geärgert. Die Leute waren glücklich.
Als ich erwachsen geworden bin, hat der Krieg in meinem Land angefangen. Im Krieg bin ich zur Universität gegangen und konnte mein Studium beenden. Danach konnte ich nicht mehr in meiner Heimat bleiben. Deswegen habe ich beschlossen, nach Deutschland zu gehen.
Als ich nach Deutschland kam, habe ich mir gesagt, dass ich an meine Zukunft denken sollte. Aber es gab immer ein Hindernis: das Wort „Flüchtling“. Es ist das schwerste Wort für mich.
Einige Leute halten uns für schlechte Menschen, einige glauben, dass wir ignorant sind. Aber wir sind nicht gleich. Es gibt schlechte und gute Flüchtlinge und die besseren sind in der Mehrzahl.
Bis jetzt versuche ich, mich und mein Land so gut es ist, darzustellen. Ich verbessere mein Leben, um mein Ziel zu erreichen.
Am Ende sage ich, dass meine Heimat in meinem Herzen bleibt.

 
 
 
 
 
 

 
 
 
 
 
 

Jeder träumt von einer besseren Heimat
 
 
 

Niemand ist ohne Heimat geboren. Jeder hat das Recht, in seiner Heimat zu bestimmen, wie er sein Leben lebt.
Mensch ist Mensch. Es soll keinen Unterschied innerhalb der Gesellschaft geben. Jeder ist ohne Kleidung geboren. Wir sind alle gleich. Wir waren Kinder und haben Fußball gespielt, sind in die Schule gegangen. Als Kinder haben wir uns geliebt und haben niemanden gehasst. Als wir Kinder waren, haben wir gelernt, dass die Heimat am wichtigsten in unsererem Leben ist.
Und als wir Erwachsene geworden sind, haben wir alles vergessen.
Wir werden uns töten und unsere Heimat zerstören. Unsere Kultur haben wir verloren. Jetzt gibt es auf der Welt viele Flüchtlinge. Viele Menschen ohne Heimat. Viele schlafen, ohne etwas zu essen. Viele haben kein Dach über dem Kopf. Wir werden uns töten, statt uns zu helfen.
Und das alles, weil einige Leute daran interessiert sind, Krieg zu führen.
Jeder träumt von einer besseren Heimat. Heimat erhält unsere Rechte. Es gibt keine schlechte Heimat, aber einige Menschen in ihr sind schlecht.
Jeder möchte eine Familie gründen, seine Würde behalten.
Wir sind alle gleich, und wir haben den gleichen Gott. Und wir sollten versuchen, zufrieden zu werden.

 
 
 
 
 
 

Mit freundlicher Unterstützung durch den
Bremer Senator für Kultur

 
 
 
 
 
 

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